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BLOG vom 28.10.2016


Der Müll und seine Entsorgung

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


Unter Müll (schweizerisch auch: Kehricht, österreichisch auch: Mist) versteht man Reste, die bei der Zubereitung oder Herstellung von etwas entstehen (Überrest) im festen Zustand, was Flüssigkeiten und Gase in Behältern einschliesst. Chemische Rückstände werden auch als Abfallstoffe bezeichnet.

Ursprünglich mullte der Müller, und was durch zerstossen und zerreiben unbrauchbar im Sieb zurückblieb, als Spelzen, Unkrautsamen, Holzstückchen, Erdkrumen, usw. wurde als Müll bezeichnet. Heutzutage ist Müll alles, was wertlos und unbrauchbar ist: Abfall, Ausschuss, Kehricht, Schrott, Unrat, österr. auch Mist genannt. Noch nicht so lange gebräuchlich ist es auch üblich, Blödsinn, Unsinn, Unfug als Müll zu bezeichnen, also geistige Inhalte, gedacht, ausgesprochen oder virtuell.

Müll ist ein viel beachtetes Gebiet, angefangen von den Kosten für die Müllbeseitigung oder Müllabfuhr bis zur Umweltverschmutzung allgemein und im speziellen, z.B. dem Plastikmüll, der in den Meeren oder als Reste der Weltraumnutzung zu finden ist. Biomüll und recycelbarer Müll, die Mülltrennung, der Verpackungsmüll, die Müllverbrennungsanlage, der Mülltourismus und natürlich die Müllvermeidung sind nur einige der beliebten, immer wieder aufgegriffenen Themen.

Es ist bekannt, dass der Umgang mit Müll auch etwas über den Wohlstand aussagt und über die (industrielle) Entwicklung eines Landes.

In dem Roman von Eric-Emmanuel Schmitt, "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran", klärt Monsieur Ibrahim seinen Schützling Momo darüber auf, was man beim Müll erkennen kann:

"'Oh, Momo, hier sind wir bei den Reichen: Schau mal, die haben Mülltonnen.'
'Mülltonnen? Na und?'
'Wenn du wissen willst, ob du in einer reichen Gegend bist oder in einer armen, dann schau dir die Mülltonnen an. Siehst du weder Müll noch Tonnen, dann ist sie sehr reich. Siehst du die Tonnen und keinen Müll, dann ist sie reich. Siehst du den Müll neben den Tonnen, dann ist sie weder reich noch arm, sondern von Touristen überlaufen. Siehst du den Müll ohne Tonnen, dann ist sie arm. Und leben Menschen im Müll, dann ist sie sehr, sehr arm. Hier ist es reich.'
'Sicher, wir sind ja auch in der Schweiz.'"

Das klingt etwas nach einem Klischee!

Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus. Neben dem Haus gibt es eine durch eine abzuschliessende Tür gesicherte Ecke, in der die braune Biomülltonne, 2 blaue Papiermülltonnen, 2 gelbe Tonnen für wiederverwertbare Stoffe und 2 graue Tonnen für den Restmüll zu finden ist. Der Müll wird jeweils von verschiedenen Müllmännern abgeholt, für die einen müssen die Container abends auf den Bürgersteig gestellt werden, beim Restmüll haben die Müllmänner einen Schlüssel und holen sie selbst heraus. Da diese sehr früh kommen, werde ich manchmal durch den rückwärts fahrenden, und deshalb mit Warngeräuschen gesicherten, Müllwagen geweckt.

2 Wochen lang hörte ich nichts. Die Müllcontainer waren voll und die Hausbewohner stellten ihre Mülltüten neben die Container. Die Müllmänner hatten einfach den Schlüssel vergessen und waren ohne Leerung weitergefahren. Nur nach strengem Verweis durch die Hausverwaltung erfolgte eine ausserplanmässige Leerung.

Unsere Wohnstrasse wird nicht von Touristen besucht! Es gibt also auch noch andere Gründe, Monsieur Ibrahim!

In dem Buch von Dan Ariely, "Ist doch logisch! - Antworten auf halbernste Alltagsfragen" wird noch ein weiterer Grund für nicht in Mülltonnen platzierte Mülltüten aufgegriffen:

"Das Problem ist, dass manche unserer Mitbewohner die schmutzigen Behälter nicht mit der Hand berühren wollen (ich kann das Ekelgefühl gut nachempfinden), ihre Müllbeutel einfach auf den Boden stellen (diesen Egoismus verstehe ich nicht) und irgendwer sie später aufheben muss." Proteste der Nachbarn verklängen, ohne dass sich etwas ändere.
 
Der Autor rät zu einer Mieterversammlung, in dem Verständnis für 'richtiges nachbarschaftliches Verhalten' geweckt werden soll, wobei jeder die vorgelegten Richtlinien zu unterschreiben habe. Die beste Zeit dafür wäre Neujahr und damit als 'guten Vorsatz' zu verstehen.

Über den Ratschlag kann man unterschiedlicher Ansicht sein. Vielleicht funktioniert er ja, aber ich könnte mir noch andere Massnahmen vorstellen, etwa die Bereitstellung von Handschuhen direkt bei den Mülltonnen.

Ich war oftmals in Indien und habe auch dort eine Zeitlang in einer kleinen Wohnung gelebt. Es gibt keine geregelte Müllabfuhr, so wie wir sie kennen. Auch  Strassenreinigungsfahrzeuge, etwa mit einer Kehrmaschine, gibt es nicht oder sie sind sehr selten zu sehen. Leere Wasserflaschen und andere Reste werden oftmals einfach auf der Strasse entsorgt. Meinen Restmüll habe ich ein- bis zweimal wöchentlich draussen in eine Häuserecke geworfen, in der noch mehr lag. Manchmal war dort eine Kuh, die sich fressbare Reste aus den aufgerissenen Mülltüten herausholte. Etwa einmal die Woche sah ich Menschen, die die Wertsachen, z.B. Plastikflaschen, aussortierten und manchmal sah ich kleinere Lastwagen, die den Müll abtransportierten, jedenfalls grössere Teile davon. Es wird auch viel Müll in offenen Kanälen und Flüssen entsorgt, die entsprechend stinken.

So ist verständlich, dass es in Indien insgesamt, vor allem dort, wo sich Menschenmassen befinden oder aufhalten, aber auch ausserhalb, nicht sehr angenehm riecht. Ich habe noch keine anderen Länder mit vergleichbarem Lebensstandard besucht, kann mir aber vorstellen, dass es dort ähnlich ist. Müll ohne Tonnen bedeutet bestimmt eine gewisse Armut, aber auch eine gewisse Mentalität der Menschen, denen das egal ist. Übrigens: die Wohnungen, die ich in Indien betreten haben, wurden alle peinlich sauber gehalten, auch die Menschen achten sehr auf körperliche Sauberkeit! Diesen Gegensatz habe ich nie verstanden.

Jeder Mensch konsumiert und produziert dabei auch Müll. Die industrielle Entwicklung hat die Masse des Mülls, der anfällt bis zur bedrohlichen Umweltverschmutzung vergrössert. Deshalb wird uns das Thema ein Leben lang begleiten!

Ich bin der Ansicht, mit diesem Text habe ich keinen geistigen Müll produziert, was meinen Sie?

Quellen:
Schmitt, Eric-Emmanuel, Monieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Ammann Verlag Zürich, 2003
Ariely, Dan, Ist doch logisch, Droemer-Knaur Verlag, 2015

 


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