Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     17. Januar 2018, 21:12 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 31.05.2017


Überlegungen zur Frage: Was bewegt Selbstmordattentäter zu ihrer Tat?

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


Die Frage nach den Gründen, die Selbstmordattentäter zu ihrer schrecklichen Tat bewegt, ist nicht einfach zu beantworten. Donald Trump, der amerikanische Präsident, kommentierte den Anschlag in Manchester, der Attentäter sei ein "bösartiger Verlierer", in seiner Sprache ein "loser", also ein unfähiger Trottel. Damit scheint er nicht ganz unrecht zu haben, denn die Täter haben es nie geschafft, aus ihrer Bedeutungslosigkeit heraus zu kommen, eine Identität zu schaffen. Dies lasten sie der Gesellschaft an, hegen Hass vor allem gegen autonome Menschen in der westlichen Kultur. Mit ihrer Tat sind sie jemand, werden namentlich bekannt. Sie wissen, dass sie mit ihrer Tat Macht ausüben können.

Der Psychoanalytiker Carlo Strenger meint, "dass die tiefste Motivation für unmenschliches Handeln die Furcht vor der Freiheit ist". Eine ganze Reihe der Täter sind in der westlichen Welt aufgewachsen, haben teilweise studiert, kommen aus der leistungsorientierten Mittelschicht. Die Attentäter bewegten sich in einer freiheitlichen Ordnung, die dadurch geprägt ist, dass tagtäglich unwichtige und wichtige Entscheidungen zu treffen sind. Nach Carlo Strenger kommen diese Menschen mit dieser Herausforderung nicht zurecht. Das kapitalistische Leistungssystem verlangt von jedem eine Menge ab, um eine Position erreichen zu können, muss man sich dem Druck beugen, sich gegen andere behaupten und kann scheitern, gezwungenermassen immer neue Anstrengungen unternehmen.

Auch die vermeintliche Erkenntnis, dass es deshalb im eigenen Land (nicht nur in Syrien!) keine Entfaltungsmöglichkeiten für die jungen Erwachsenen gibt und der Grund in der Wirtschaftspolitik des Westens oder in der Globalisierung gesucht wird, ist ebensowenig ein Grund, Terroranschläge auszuüben, wie die krankhafte Überzeugung, neben dem Islam darf es keine andere Lebensorientierung geben.

Eine Ideologie wie der Islamismus nimmt die Entscheidungen ab, sagt den oft jungen Menschen, wie sie leben müssen und was sie tun sollen. Der Soziologe Hans-Peter Müller nennt den "Islamischen Staat" (IS) "das grösste Sinnaufladungsprogramm der jüngeren Geschichte."

Ideologien geben vor, Lösungen für alle Probleme zu finden, vor allem darin, bestimmten Bevölkerungsgruppen oder auch der "halben" Welt die "Schuld" an der gegenwärtigen Situation zu geben. Politische "Heilslehren" rechtfertigten und tun es noch heute, Millionen Menschen zu ermorden, im 20. Jahrhundert waren es Mao, Stalin, Pol Pot, Hitler. Wahrscheinlich gibt und gab es noch mehr in Afrika, Latein-Amerika und anderswo. Es gab sie immer, es sind "politische Religionen" (Eric Voegelin).

Das Christentum, viele Jahrhunderte weltliche und religiöse Macht, war auch nicht frei davon und hat einen Anteil an dem Umgang mit und dem gesellschaftlichen Ansehen der Juden, denn Pogrome gegen sie gab es in der Geschichte häufig. Man lese nur das 10-bändige Werk von Karlheinz Deschner, "Die Kriminalgeschichte des Christentums".

Auch Menschen im heutigen Deutschland sind infiziert, Rechtsextremisten, die Flüchtlingsbehausungen anzünden und von der Bevölkerung, die dabei zusieht, bejubelt werden; Gruppierungen wie die NSU ("der Inbegriff für das Dunkeldeutschland" (Der Tagesspiegel vom 04.11.2016).

Populisten, die einfache Lösungen versprechen, alle sie haben sich einer Ideologie verschrieben, einem Glauben, durch die Übernahme des Hassgebäudes, dass sie errichten, dem Einreden von Gefahren, die mit und durch Migranten auftreten können, heraus ragen zu können aus dem "gemeinen" Volk, das die Ursachen der Misere, die oft die eigene ist, angeblich nicht erkennt.

Das rechtfertigt in ihren Augen nicht selten auch unmenschliches Verhalten, das bis zu Mord und Totschlag gehen kann. Noch vor einigen Jahrzehnten waren es Linksextremisten, wie die sogenannte Bader-Meinhof-Bande. Täter von Amokläufen sind auch nicht anders, "das System" ist "schuldig", und dieses wird unterstützt durch Lehrer, und Schüler, die sich dem Wettbewerb "unterordnen."

Unsere freiheitliche Ordnung macht vielen Menschen Angst. Sie fühlen sich als Verlierer des Systems. Und wenn daraus Hass entsteht, ist es oft nur ein Schritt zur Ablehnung von Menschenrechten, oder der Hinwendung zu extremistischen Gruppierungen.

Bei diesen, seien es religiöse Sekten, sei es ein Gebilde, das sich "Islamischer Staat" nennt, seien es Fundamentalisten aller Art, gilt als Grundbedingung für ihre Mitglieder absoluter Gehorsam.

"Der Antistaat IS will den Staat parodieren. Die neurotische Überspannung spricht sich selbst aus. Die ganze Bewegung lebt vom Überschätzt-werden-Wollen. Als Lieferant von Überschätzung war der Westen bisher ergiebig." (Peter Sloterdijk)

Dazu beanspruchen sie, die absolute Wahrheit gefunden zu haben. Die Mitglieder haben sich vor dem freiheitlichen Leben ausserhalb möglichst fernzuhalten, müssen sich Gesetzen unterwerfen. Dafür wird ihnen eine Heimat versprochen, in der sie sich wohlfühlen können oder als Märtyrer für diesen Glauben nach dem Tode grosszügig belohnt zu werden.

Das Ideal der Freiheit, so die Kernaussage von Carlos Strenger, muss von der "offenen Gesellschaft" (Karl Popper) verteidigt werden. Und das gilt sogar auch dann, wenn die Tatsache akzeptiert werden muss, dass dieses nicht von Fehlern frei ist, die sich etwa in der Verteilung von Besitztümern, in Machtexzessen, in wirtschaftlichen und politischen offensichtlichen Fehlentscheidungen zeigen, also bei Fragen der Gerechtigkeit, des Leistungsdrucks, der Korruption, u.a.

Deshalb muss die nachwachsende Generation darauf vorbereitet werden, für den Beibehalt der "offenen Gesellschaft" zu kämpfen. Wie fragil demokratische Errungenschaften sind, sieht man zum Beispiel in der Türkei, sieht man in der Behandlung von Kriegsflüchtlingen in anderen europäischen und nordafrikanischen Ländern, sieht man in der Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur im Namen einer so genannten wirtschaftlichen Liberalität.

Von Anfang an müssen die Heranwachsenden an die Früchte der Aufklärung und der politischen Willensbildung herangeführt werden, muss aufgezeigt werden, wie diese bewahrt werden können. Es müssen Anlaufstellen geschaffen werden, in denen Verzweifelten und Scheiternden Wege aufgezeigt werden, wie sie doch noch ein menschenwürdiges Leben führen können, und sie über "Heilslehren" und die wahren Beweggründe ideologischer Verführer aufgeklärt werden, und dass vermeintliches "Märtyertum" verachtenswert ist.

Terroranschläge sind als feige Morde zu kennzeichnen, bei den Ausführenden und die hinter ihnen stehenden Verführer könnte das Gefühl der Macht und des Triumphes etwa dadurch geschmälert werden, in dem ihre Namen der Öffentlichkeit nicht genannt werden, dass sie identitätslose rückständige Personen ohne Persönlichkeit sind. Dadurch wird die vermeintliche Identität, die sich die Täter durch ihre Tat verschaffen wollten, eingeschränkt.

Auch der Philosoph Peter Sloterdijk plädiert für ein solches Vorgehen:
"Frage: Also sollte über Terror nicht berichtet werden?
Ich rate, die Bedrohungen auf einer pragmatischen, also kriminologischen Ebene zu verhandeln. Geisterkämpfe in der Luft zwischen 'Zivilisationen' fruchten nicht. unsere Gesellschaft bietet durch ihre vollendete Mediatisierung die idealen Reizleitungen für den terroristischen Stress an."

Als Beispiel nennt Sloterdijk ein "Stillhalteabkommen" zwischen Presse und Polizei bei Suiziden in der U-Bahn in Wien. In der Folge sollen sie um 80% zurückgegangen sein.

"Worin liegt der Aufklärungswert, wenn alle Medien die Meldung vom Terroranschlag - (P.S. bezieht sich auf die Blaue Moschee in Istanbul, aber man könnte es auf alle anderen übertragen. R.G.B.) - wenige Minuten nach dem Ereignis unisono als Hauptnachricht publizieren? In Wahrheit vollzieht sich genau dadurch die systemische Koppelung zwischen Anschlag und dem Medienapparat.- Ein Attentat am geeigneten Ort reicht aus, ein Nadelstich bewusster Gewalt genügt, das Übrige besorgen die Medien der angegriffenen Gesellschaft selbst, indem sie, von der Gewalt geblendet, den punktuellen Exoterror zum flächendeckenden Endoterror vergrössern."

Im Focus müssen die Opfer und deren Angehörigen stehen. Ihnen gilt unser aller Mitgefühl.

Die Strafvollzugsbehörden müssen die Täter verfolgen und wegsperren und ihnen immer wieder das Leid vor Augen führen, das sie durch ihre unmenschliche Tat verursacht haben. Es muss ihnen die Augen dafür geöffnet werden, dass sie Verführern aufgesessen sind, dass die vermeintliche "Sinnaufladung", die eine solche Tat angeblich rechtfertigt, keine ist, sondern ein absoluter Irrweg, dass das Morden und Verletzen unschuldiger Menschen niemals ein Mittel sein kann, eine Ideologie zu rechtfertigen und zum Sieg zu verhelfen, dass todbringende Verachtung niemals akzeptiert werden wird und nur zu Leid bei den unschuldigen Opfern führt. Das gilt auch für Gefährder und Anhänger solcher menschenverachtenden Ideologien.

"Zur Abwehr zukünftiger terroristischer Gefahren bedarf es zunächst einmal einer ständig verbesserten Aufklärung. Der Terrorismus ist ein dynamischse, in ständiger Entwicklung begriffenes Phänomen, und genauso müssen auch die staatlichen Mittel und Reaktionsmöglichkeiten ständig weiterentwickelt werden. Auf keinem Gebiet ist das so wichtig wie auf dem der unmittelbaren menschlichen Aufklärung." (Bruce Hoffmann)

Quellen:
http://www.neulandrebellen.de/2017/05/die-analytischen-qualitaeten-des-mister-trump/
http://www.tagesspiegel.de/kultur/tatorte-der-nsu-morde-topografie-des-todes/14791672.html

Strenger, Carlo, Abenteuer Freiheit - Ein Wegweiser für unsichere Zeiten, edition suhrkamp, Berlin 2017

Müller, Hans Peter, Europas Jugend und der Dschihad. Faszination, die ihren Preis haben muss, in Züricher Zeitung (20. 11. 2014), in : Strenger, Carlo, a.a.O.

Sloterdijk, Peter, interviewt von Kissler, Alexander und Schwaenicke, Christoph: In der Zeitschrift "Cicero" vom 28.01.2016

Hoffmann, Bruce, Terrorismus - Der unerklärte Krieg - Neue Gefahren politischer Gewalt, S. Fischer Taschenbuch Verlag, 2002, 3. Auflage

siehe auch die hier erschienenen Blogs:
14.03.2017 Gedanken über Populismus (Richard Gerd Bernardy)
29.07.2016 Analyse der Attentate vom Juli 2016 (Pirmin Meier)
24.11.2015 Der „IS“: Staat oder Terror-Organisation? (Richard Gerd Bernardy)

 


*
*    *

Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier