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BLOG vom 28.08.2017


Märchen und etwas für bare Münze nehmen

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


Ich sinne über das Sprichwort „etwas für bare Münze nehmen“ nach. Es bedeutet die Gleichstellung von Geld und Wort, also wenn wir etwas Ausgesagtes, etwas Niedergeschriebenes, etwas Dargestelltes für absolut unverrückbar wahr und buchstabengetreu empfinden. Dieses Phänomen ist gar nicht so selten, angefangen mit dem unabänderlichen Text, der als „heilige Schrift“ den Buchreligionen zugrunde liegt, wie die Bibel, der Koran, und anderen, bis zu dem ‘was wir schwarz auf weiss besitzen, können wir getrost nach Hause tragen’, weil Gedrucktes als glaubwürdig angesehen wird, was manche Zeitgenossen auf Bild und Ton in den Medien aller Art übertragen.

Der Dichter Gottfried Keller lässt seinen Protagonisten in dem Roman Der grüne Heinrich ebenfalls diese Redensart gebrauchen, wenn er schreibt:
Gleich einer jungen Katz im Grasgarten fuhr ich in der enzyklopädischen Einrichtung des längst obsolet gewordenen Buches herum, alles für bare Münze nehmend und hundert vorläufige und unverstandene Gesichtspunkte ergreifend, und als der Mittag herannahte, war mein Kopf von Gelehrsamkeit vollgepfropft; ich fühlte beinahe selbst den gravitätischen Stolz in meinen gekräuselten Lippen und aufgespannten Augen ...

Dabei ist es durchaus unwichtig, welches obsolete Buch er meint! Es sind aber meist nicht diese Art von Büchern, sondern solche Medien, die die Kultur der Völker ausmachen, die für den Konsumenten als unumstösslich richtig angesehen werden und die jeden Gedanken an Zweifel von vornherein verbieten.

Ich denke dabei an Sagen, Legenden, Märchen, die über viele Jahrhunderte hinweg von den Menschen an den Abenden mündlich weiter gegeben worden sind und die irgendwann, vielfach auch direkt nach der Erfindung von Gutenberg, niedergeschrieben und gedruckt wurden, um dadurch in eine feste Form gegossen zu werden.

Das Thema, was mich zur Zeit besonders interessiert, sind die Volksmärchen.
Bei den Gedanken an die bekannteren unter ihnen, fallen mir - und ich vermute, nicht nur mir - solche Sprüche ein, wie

Heute back’ ich, morgen brau' ich, übermorgen hole ich der Königin ihr Kind, ach wie gut dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss ...
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute ...
Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen ...,
Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.

und viele andere. Bisher war ich der vollen Überzeugung, dass diese Sprüche überliefert sind, dass sie in den Geschichten am Kamin oder Herdfeuer in den Stuben so zitiert worden sind.

Wie erstaunt war ich, in dem Anhang zum 2. Band einer Märchensammlung der Gebrüder Grimm etwas ganz anderes zu lesen. Die Gebrüder Grimm sind uns als fleissige Märchensammler bekannt, die durch die Dörfer gezogen sind, sich dort die Erzählungen angehört und anschliessend aufgeschrieben haben. Weniger bekannt ist, dass diese Tätigkeit eine von vielen der beiden Brüder war, sie waren „notorische Sammler“, Volkskundler, Sprachwissenschaftler, Grammatiker, Verfasser eines vielbändigen Deutschen Wörterbuchs, und gelten als Begründer der Germanistik.

Ich zitiere aus dem oben erwähnten 2. Band der Märchen:

Schon Hermann Friedrich Grimm, (der Sohn von Wilhelm Grimm und dessen Ehefrau Dorothea, geb. Wild, R.G.B.) ist der vielfach herrschenden Meinung entgegengetreten, als hätten die Brüder Grimm kurzerhand die unter dem Volk umgehenden Erzählungen wörtlich nachgeschrieben, (...)
Dem steht jedoch die Tatsache entgegen, dass die Märchen in der von den Brüdern Grimm übermittelten Gestalt keineswegs Eigentum des Volkes gewesen waren, sondern es erst wieder die durch von den Brüdern geleistete Arbeit werden konnten! (...)
Es ist hauptsächlich der Freundeskreis zu Kassel, der an dem Zustandekommen der Sammlung beteiligt ist.

Die Ausgestaltung der Märchen, so wird in dem Buch weiter beschrieben, sei vor allem Dorothea Wild, der Ehefrau und Apothekentochter, zu verdanken, aber auch den Freundinnen von ihr, Amalie und Jeanette Hassenpflug, und den Schriftstellern Achim von Armin, bzw. Johann Heinrich Jung-Stilling.

Die Vorrede zum zweiten Teil (der Märchensammlung) enthält die Bemerkung: ‘Ein guter Zufall war die Bekanntschaft mit einer Bäurin aus Zwehren, durch welche wir einen ansehnlichen Teil der hier mitgeteilten, darum echt hessischen Märchen erhalten haben.’ Es war Frau Viehmann, die ein besonderes Gedächtnis für die alten Überlieferungen gehabt haben soll, neben der ‘alten Marie’ die einzige Frau aus dem Volke, die als Quelle für die Märchen anzusprechen ist. (...) Im Grossen Ganzen aber darf gesagt werden, dass die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm vorwiegend auf jene drei oder vier Familien zurückgehen, mit welchen Wilhelm und Jakob Grimm um 1811/12 in Kassel zusammenlebten.

Das ist aber noch nicht alles. Erwähnenswert sind weitere Persönlichkeiten.

Da wäre das Hauptwerk des Johann Karl August Musäus, geb. 1735 zu Jena, gestorben 1787 in Weimar, mit dem Titel Volksmärchen der Deutschen. Auch er hat sich um die Ausgrabung und Wiederbelebung der uralten Märchenstoffe des Volkes verdient gemacht.

In diesem Zusammenhang muss auch Charles Perrault genannt werden, ein französischer Schriftsteller, geb. am 12.01.1628, gest. am 16.05.1703 in Paris. Er verfasste unter anderen 1697 die „Feenmärchen für die Jugend“. Auf ihn gehen Märchen wie Rotkäppchen, Der Blaubart, Der gestiefelte Kater, Aschenputtel oder der gläserne Schuh, Der kleine Däumling u.a. zurück. Ja, sogar das populäre Ballett Dornröschen von Tschaikowski basiert (nach Wikipedia) auf einer Adaption von La belle au bois dormant von Perrault., ebenso wie die Walt Disney Zeichentrickfilme Cinderella und Dornröschen.
Auf der Website gutenberg.spiegel.de kann man Das Rotkäppchen und Das Dornröschen von Perrault nachlesen.

Im Schülerduden ‘Die Literatur’ sind unter dem Stichwort Märchen noch viele weitere Hinweise auf Volksmärchen und auf Sammlungen zu finden, die von Gesta Romanorum aus dem 14. Jahrhundert bis zu den Erzählungen aus Tausend und eine Nacht reichen.

In diesem Nachschlagewerk vom Duden findet man auch Hinweise auf die volkskundliche Märchenforschung. Sie befasst sich u.a. mit den Wechselwirkungen zwischen mündlicher und literarischer Überlieferung, mit Erzählern und Erzählsituationen, Struktur-, Form- und Stilfragen sowie mit dem Realitätsbezug des Märchens.

Geschichten und Märchen haben die Menschen schon immer fasziniert. Das ist auch an dem Interesse an den Märchen zu sehen, die unter den Begriff Kunstmärchen eingeordnet werden. Ich denke dabei an Schriftsteller wie Ludwig Tieck oder Wilhelm Hauff und viele andere.

So wenig, wie wir Spielfilme, viele literarische Erzeugnisse usw. für bare Münze nehmen dürfen, so ist doch häufig, und das gilt besonders für die Volksmärchen, darin ein wahrer Kern enthalten, Inhalte, die wir alle in unserem Leben durch Erziehung und Studium mit uns mit tragen und die uns prägen.

Quellen:
Gottfried Keller, Der grüne Heinrich, Verone Verlag, S. 206, in: https://books.google.de/books?isbn=9925058805
Koenig, Robert, Deutsche Literaturgeschichte, Bielefeld und Leipzig, 1881, 9. Aufl., S. 414
Gebrüder Grimm, Märchen, Vollständige Ausgabe in 2 Bänden, Nachwort von Wilhelm Kunze, Verlag Die Arche Herford, 1948, S. 302f.
Bertelsmann, Neues Lexikon in 10 Bänden, Gütersloh 1996, Band 6, S. 482 und Band 7, S. 328.
Schülerduden, Die Literatur, Dudenverlag, Mannheim, Wien, Zürich, 1989, S. 269ff.

 


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