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BLOG vom 13.10.2017


Interview: Bald ausgebrummt? Bienenbestand gefährdet

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 


Karl Pfefferle
 

Karl Pfefferle, Hauptverantwortlicher des Bienenkundemuseums in Münstertal (www.bienenkundemuseum.de) und Imker, stellte ich einige Fragen zum Bienensterben, zu den bienenschädlichen Pestiziden und was jeder von uns zur Bienengesundheit beitragen kann. Der Schutz der faszinierenden Bienen ist unerlässlich. Sie leisten unermüdlich Bestäubungsarbeit, liefern uns Honig, Pollen, Propolis und Gelée Royale und schaffen Milliardenwerte für die Volkswirtschaft.
 
Obwohl es starke Beweise für die negativen Auswirkungen auf Bienen und andere Organismen gibt, tun sich Politiker schwer, Neonicotinoide und andere Pestizide zu verbieten.

Wissenschaftler haben über 320 Studien ausgewertet (darunter 100, die seit 2012 publiziert wurden) und im Wissenschaftsnetzwerk EASAC veröffentlicht. „Es gibt mehr und mehr Beweise, dass der weitverbreitete Einsatz von Neonicotinoiden einer ganzen Reihe von Organismen erheblich schadet, die eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen“, wie in einer Mitteilung von EASAC zu lesen ist.

In vielen Berichten der letzten Monate wurde publik, dass es immer weniger Insekten gibt. Laut einer Literaturstudie der Freien Universität Berlin seien etwa 50 % der Bienenarten in Deutschland gefährdet. Aber nicht nur bei uns. Aus einer Analyse der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations – FAO) gab es 2013, bezogen auf das Jahr 1990, weniger als halb so viele Bienenvölker.

Obstbauern klagen über „Bestäubungsdefizite“, besonders auf dem Land. In den vegetationsreichen Städten finden die Bienen noch genügend Nahrung. Hier gibt es blühende Vorgärten, Kleingärten und viele Blumenkästen, die den Bienen eine reiche Auswahl an Blütenpflanzen bieten.

Das Interview
Karl Pfefferle stellte ich zum aktuellen Thema über Bienen die folgenden Fragen:

Welche Ursachen kommen für das Bienensterben in Frage?

Karl Pfefferle: Es sind dies die Varroamilbe und Pestizide. Daraus resultiert, dass die Bienen mit Viren befallen werden und an Schwäche verenden.

Dr. M. K. behauptete in einem Leserbrief an die „Badische Zeitung“ am 18.09.2017, dass die Landwirtschaft am Bienensterben nicht allein schuld ist. Er führt insbesondere die Zersiedelung des ländlichen Raumes und den Straßenverkehr an. Dann äusserte er, dass die Honigbiene als „hochgezüchtete Haustierrasse“ vom Niedergang nicht so betroffen ist. Was sagen Sie dazu?

 


Bienenkästen zur Kirschblütenzeit
 

Karl Pfefferle: Das stimmt so nicht. Die Biene ist der wichtigste Indikator in der Natur. Bei unsachgemäßer Anwendung von Giften liegen massenhaft tote Bienen vor den Bienenkästen. Alle anderen Insekten bis hin zu Kriechtieren und Vögel liegen verstreut in der Natur – die sieht man nicht.

Wenn sich nichts ändert und die Ursachen des Bienensterbens nicht bekämpft werden, haben wir dann in Zukunft Verhältnisse wie in China, wo Obstbäume von Hand bestäubt werden?

Karl Pfefferle: Ja, natürlich. Ich empfehle jedem, einmal das Buch von Maja Lunde, “Die Geschichte der Biene“ zu lesen. Dieser Roman sorgte zunächst in Norwegen und jetzt international für Furore. Was verbirgt sich hinter dem Geheimnis der Bienen – und was wären wir ohne sie?

Die Bestäubung mit der Hand ist sehr aufwändig. Haben die Obstbauer noch eine andere Möglichkeit?

Karl Pfefferle: Ja, es gibt eine Möglichkeit. Sie sahen ja zur Kirschblütenzeit im Eggenertal etliche Magazinbeuten mit Bienen zwischen den Bäumen. Mein Vater Karl Pfefferle sen. war Wegbereiter der heutigen modernen Magazinbetriebsweise. Viele Imker wandern mit ihren Bienenvölkern zur Kirschblütenzeit in das Eggenertal. Nach dem Abblühen werden die Bienen zur nächsten Trachtquelle verbracht, um vorneweg Waldhonig und später auch noch den begehrten Tannenhonig zu bekommen. Früher hatte man das bewährte Bienenhaus. Heute werden die Magazinvölker in freier Landschaft aufgestellt.

Wie viele Bienenvölker sind in Ihrem Besitz? Welche Verluste hatten Sie zu beklagen?

Karl Pfefferle: Wir bewirtschaften 50 Bienenvölker in der Familie und hatten 5 % Verlust.

Welche Massnahmen empfehlen Sie vorbeugend und bei einem Befall mit der Varroamilbe? Kommen auch  natürliche Substanzen wie Anabasin, Thymol oder das in Tabakpflanzen vorkommende Nikotin zur Anwendung?

Karl Pfefferle: Nach der Ernte empfehle ich eine Drohnenbrutentnahme  und Ameisensäure. Im Winter kommt in der brutfreien Zeit Oxalsäure zur Anwendung.

Was empfehlen Sie Landwirten und auch jeden von uns, um genügend Nahrung für Bienen zu schaffen?

Karl Pfefferle: Phacelia und Sonnenblumen anbauen und nicht nur jahrein jahraus Maisanbau. Diesen Sommer haben wir Gott sei Dank dies da und dort in der Vorbergzone und der Rheinebene beobachten können. Im privaten Bereich könnte man statt dem Einheitsgrün Rasen einen Teil des Gartens anlegen mit der einjährigen Sommerblumen-Mischung „Mössinger Bienengarten“. Die in dieser Mischung vorhanden Blumensamen blühen nach der Aussaat von Mai bis November. Blühende Wiesen mit Nektar und Pollen sind die Nahrungsgrundlagen für eine Vielzahl von Insekten.
 
Herzlichen Dank für das exklusiv gewährte Interview.

Internet
www.badische-imker.de
www.bienenkundemuseum.de
www.bienenkundemuseum.de/verein.html
www.zdf.de (Mediathek: „Ausgebrummt – Insektensterben in Deutschland“)

E-Mail (Karl Pfefferle jun.): kpfefferle@t-online.de

 


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