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BLOG vom 15.04.2005


Pfarrherrliche Röschenzer Übung: Ungehorsamstraining

Autor: Heinz Scholz

Der katholische Pfarrer Franz Sabo aus Röschenz (Baselland) erlaubte sich in den Augen der katholischen Kirche etwas Ungeheuerliches: Er wetterte mehrfach von der Kanzel gegen seinen Bischof. Auch in kritischen Leserbriefen kamen die Kirche und der Bischof nicht gut weg. Kurt Koch, Bischof von Basel und Solothurn, hatte jetzt die Nase voll und entzog dem streitbaren Pfarrer die Missio Canonica (den kirchlichen Auftrag). Der Pfarrer bekam jedoch eine Gnadenfrist bis September 2005. Wenn er sich loyal verhält, darf er gnädigerweise im Amt bleiben.

In einer Brandrede vom Sonntag, 10. April 2005, betonte der streitbare Seelsorger, dass die Kirchenoberen die Gläubigen nicht ernst nehmen würden. Als Folge davon treten jedes Jahr 10 000 Schweizer aus der katholischen Kirche aus. „Einer, der sich besonders hervortut, die frohe Botschaft Jesu in eine Drohbotschaft umzukehren, sitzt auf dem Bischofsstuhl in Solothurn“, behauptete Sabo in provokatorischem Stil.

Nachdem der Generalvikar Roland-Bernhard Trauffer die Kündigung überbracht hatte, braute sich über dem Himmel von Röschenz ein gewaltiges Unwetter zusammen. Der Kirchengemeinderat schritt zur Tat und berief auf Dienstagabend, 12. April 2005, eine Versammlung ein. 415 oder rund die Hälfte der Röschenzer Katholiken liessen sich das nicht zweimal sagen. Sie stürmten den Sitzungssaal und lauschten den Ausführungen des Kirchgemeindepräsidenten Holger Wahl. Er würdigte Sabo als einen hervorragenden Prediger, der Jung und Alt begeistert, und mit diesem unbequemen Pfarrer scheint der Bischof von Basel nicht zurechtzukommen. Während der 75 Minuten dauernden Versammlung wurde abgestimmt. Alle lehnten eine Absetzung ihres Geistlichen ab. Die Gemeinde ist sogar bereit, das Gehalt des Pfarrers zu zahlen, falls er entlassen wird.

Nach diesen Vorfällen schlachtete die Presse diesen Zwist in treffenden Schlagzeilen aus. Nicht nur Schweizer Zeitungen waren am Ball, sondern auch die „Badische Zeitung“, die am 14. April 2005 über das „Rebellendorf“ mit folgender Schlagzeile berichtete: „Schweizer Dorf wagt den christlichen Ungehorsam.“

Wie die katholische Presseagentur kipa berichtet, hat die Römische Landeskirche des Kantons Basel-Landschaft ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, um offene Fragen zu prüfen. Dazu der Luzerner Kirchenrechtler Urs Brosi: „Das Gutachten soll abklären, welche Aufsichtsrechte und Pflichten die Kantonalkirche gegenüber den einzelnen Kirchengemeinden im Kanton Basel-Landschaft hat. Im konkreten Fall heisst das: Kann die Landeskirche die Kirchgemeinde Röschenz zwingen, sich von Franz Sabo zu trennen?“

In meinem Archiv entdeckte ich einen Ausschnitt der Zeitung „Der Sonntag“ vom 9. 1. 2000. Unter der Schlagzeile „Esst nicht bei den Heiden!“ wird darin vom ehemals katholischen Wirt des Basler Restaurants „Rheinfelderhof“ berichtet, der es gewagt hatte, aus der Kirche auszutreten (auch seine ehemals evangelische Frau trat aus der Kirche aus; dies blieb jedoch ohne Folgen). Die katholische Kirche reagierte verschnupft und sandte ein Rundschreiben an die Pfarreien, an Kirchenräte, befreundete Institutionen und an Privatpersonen. Es erging die Aufforderung, das gastronomische Angebot der Familie zukünftig zu meiden.

Irrtümlicherweise erhielt auch das Wirteehepaar dieses skandalträchtige Schreiben ebenfalls zugestellt, und so kam alles heraus. Ein Info-Beauftragter der römisch-katholischen Kirche sagte zu einem Reporter der „Basellandschaftlichen Zeitung“, es würden Listen über treue Katholiken geführt und diese würden dann bei Bauaufträgen vorrangig berücksichtigt. Die diskriminierten Heiden haben also das Nachsehen.

In meiner katholischen Vergangenheit – in jungen Jahren musste ich immer den Gottesdienst aufsuchen und sollte später sogar Missionar werden, zum Glück wurde nichts daraus (vielleicht würde ich heute unter greisen Kollegen im Vatikan sitzen oder schon nicht mehr leben) – beobachtete ich immer wieder, wie in selbstherrlicher Weise Entscheidungen von der katholischen Kirche getroffen wurden. So wurden kritische Pfarrer (und auch Kirchenlehrer) mit Exkommunikation bedroht oder gnadenlos versetzt. Neubesetzungen von Pfarreien wurden vom Bischof diktatorisch bestimmt. Die Gemeinde hatte kein Mitspracherecht.

Ich kann einem Franz Sabo nur meine Achtung zollen, einem Pfarrer, der unerschrocken seine Meinung äussert, und auf Missstände der Kirche hinweist. Die Kirchenbesucher sind begeistert und strömen in die Kirche und zollen ihm sogar bei Predigten Beifall. Dies sollte den „Schreibtischtätern“ in der Kirchenverwaltung, die oft von der Basis keine Ahnung haben (dies ist auch in der Politik so), zu denken geben. Für mich ist einleuchtend, dass so viele Leute aus der Kirche austreten.

Zum Abschluss noch eine andere Geschichte. Hier sind die Darsteller Pfarrer, die beim Volk unbeliebt sind und bei den Kirchenfürsten besonderes Wohlwollen geniessen . Beim Pfarrer Sabo war dies ja genau umgekehrt.

Die folgende Episode, die mir eine frühere Arbeitskollegin erzählte, trug sich in einer Gemeinde im Kreis Waldshut D zu: Als in der besagten Gemeinde ein neuer Pfarrer seinen Dienst antrat, war noch alles in Butter. Aber schon einige Wochen später erkannten die Bürger, dass der Seelenhirte doch nicht der Richtige für ihre Gemeinde war. Der Mann Gottes erkannte dies und liess sich versetzen.

Auch der 2. Pfarrer hatte seine liebe Not mit den wählerischen Christen. Obschon er eine moderne Einstellung an den Tag legte und viele revolutionäre Ideen hatte, wollten ihn die älteren Bürger nicht. In Abwesenheit des Pfarrers gingen einige Leute ins Pfarrhaus und packten für ihn die Koffer. Da wusste der Bedauernswerte, dass er unerwünscht war. Er verreiste auf Nimmerwiedersehen. Die Gemeinderäte schrieben einen verzweifelten Brief an den Bischof und baten um einen neuen Pfarrer. Dieser antwortete: „Dies ist der letzte Pfarrer!“ Im wahrsten Sinne des Wortes war dieser der Letzte, denn er machte mit der Gemeinde, was er wollte. So lehnte er beispielsweise die so genannte „Heilige Kommunion“ ab. Die Eltern mussten in den Nachbargemeinden nach einem Pfarrer Ausschau halten, der ihren Kleinen die Kommunion austeilen konnte. Seine Begründung zu dieser Verweigerung war folgende: Die Eltern samt Nachwuchs haben keine christliche Einstellung mehr zu diesem Ereignis, es herrsche nur noch Materialismus vor. Zu diesen ganzen Querelen meinte eine Bewohnerin: „Die Gemeinde hat jetzt ihren Pfarrer, den sie verdient!“

Bald darauf hat der Pfarrer im wahrsten Sinne des Worts das Handtuch geworfen. Er verliess die Gemeinde. Nun warten die Gläubigen sehnsüchtig auf einen Pfarrer, der nach ihrer Pfeife tanzt.

Vielleicht sucht jetzt der Bischof von Basel einen Pfarrer, der sich auch ihm unterwirft. Dann könnte wenigstens er wieder ruhig schlafen. Aber gibt es solch einen Pfarrer in dieser doch bereits ein wenig aufgeklärten Zeit überhaupt noch?

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