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BLOG vom 28.06.2005


Wachau-Urlaub (II): „Sisi“, Helden und die Japaner in Wien

Autor: Heinz Scholz

„Wenn Sie zum ersten Mal nach Wien reisen, sollten Sie eine Busfahrt unternehmen und sich die Sehenswürdigkeiten von einem Führer erklären lassen.“ Diesen Rat von Heinz Hipfinger von der Hotel-Pension Wachau in Melk, bei dem wir logierten, befolgten wir. Ursprünglich wollten wir mit dem Zug in die Metropole reisen und auf eigene Faust Wien erkunden. Im Nachhinein bereuten wir keineswegs die Busfahrt, erfuhren wir doch von der charmanten und witzigen Wienerin Rita Theresia Weiss viele interessante Fakten, die nicht in den obligatorischen Reiseprospekten zu finden sind. Darüber werde ich berichten. 

Überall Japaner in Schönbrunn

Bevor unsere Wienerin in den Bus einstieg, besuchten wir Schönbrunn. Wir verzichteten aus Zeitmangel auf einen Rundgang durch die 45 Repräsentations- und Wohnräume (von insgesamt 1441 Räumen!), die im Rahmen von Führungen durchschritten werden, sondern nahmen den herrlichen weitläufigen Spätbarockpark im französischen Stil näher in Augenschein. Besonders beeindruckend waren die schnurgeraden Wände aus gestutzten und geschnittenen Bäumen und Taxushecken, die herrlichen Gartenanlagen und das Palmenhaus, welches eine imponierende Glas-Eisen-Konstruktion von 111 Metern Länge darstellt. 

In Schönbrunn wimmelte es nur so von Touristen, die ameisenartig in alle Bereiche der Schlossanlage einfielen. Dies kommt daher, weil jeder Wien-Besucher die grösste Touristenattraktion Österreichs sehen möchte. Unter den 2,2 Millionen Besuchern, die jährlich nach Schönbrunn strömen, sind sehr viele Japaner. Wir sahen etliche ältere Japaner, die kaum laufen konnten, aber tapfer den auf Eile drängenden Führern folgten. Jeder Japaner hatte mindestens einen Fotoapparat umgehängt. Alles wurde fotografiert oder gefilmt. Gruppenaufnahmen wurden in einer Schnelligkeit gemacht, dass es einem schwindlig wurde. Eine Frau hatte sogar 3 Fotoapparate dabei, um verschiedene Fotos von einer Gruppe zu schiessen. 

Nachdem ich ein herrliches Rosenspalier fotografiert hatte und kurz darauf dem Neptunbrunnen zugestrebt war, sah ich in der Ferne eine vermeintliche Schulklasse auf mich zukommen. Alle Achtung, die wollen Geschichte hautnah erleben, dachte ich. Falsch gedacht! Denn die Schulklasse entpuppte sich als eine Gruppe kleinwüchsiger Japanerinnen. Bemerkenswert: Wir sahen keinen einzigen übergewichtigen Japaner. 

Wer einen gewissen Druck auf die Blase verspürt, kann ein öffentliches Klo im Park (unsauber und geruchsintensiv) aufsuchen oder für einen Obolus (35 Cent) die sauberen Örtchen frequentieren. Im Vorraum der Toilette sass ein Klomann, der die Gelder in Empfang nahm. Eine vor mir stehende Frau steckte dem Klomann Geld zu. Bevor ich zahlen konnte, sagte der Mann: „Sie können heute umsonst pinkeln, die Frau hat schon für Sie bezahlt.“ So etwas ist mir noch nie passiert. Danach unterhielt ich mich kurz mit dem Wiener. Er war überrascht, dass ein Tourist die Zeit fand, sich mit ihm zu unterhalten (er wusste ja nicht, dass ein leibhaftiger Blogger vor ihm stand). Aber schliesslich ist ein Klomann auch ein Mensch. Ich erfuhr dadurch einige Dinge über Touristen, besonders über die Japaner. Sie sind die Ersten, die am Morgen um 8 Uhr schon vor dem Eingang stehen. Die müssen ja, wie er betonte, innerhalb einer Woche ganz Europa bereisen. 

Auch Amerikaner werden durch Europas Städte gehetzt. So kann es durchaus vorkommen, dass manche den Überblick verlieren. So fragte doch einmal ein Amerikaner, wo in Wien der Kurfürstendamm sei. 

Kruzitürken, Fremdgeher und Helden

Kaum war unsere Führerin in den Bus eingestiegen, stellte sie sich vor. „Ich heisse Rita Weiss – Weiss wie Schwarz und Rita wie Rita Hayworth.“ Dann sprudelte es aus ihr heraus. Wir erfuhren, dass Wien 1,62 Millionen Einwohner hat, dass es in Österreich eine Mindestrente und 7 Pflegestufen gibt (ihre Mutter bekommt über 600 Euro Mindestrente und ist in der Pflegestufe 4) und dass es jetzt nach Jahrzehnten in der Stadt wieder einen Geburtenüberschuss von über 600 Kindern gibt. Ihr Kommentar dazu war: „Ist das nicht schön?“ 

Dann warf sie uns einige Fakten über Maria Theresia (1717–1780), die ehemalige Königin von Ungarn und Böhmen, um die Ohren. „Sie hatte 16 Kinder und ihr Gatte einige mehr.“ Die beim Volk sehr beliebte Königin führte eine massvolle Reformpolitik durch, schaffte die Folter ab und milderte die bäuerliche Leibeigenschaft und die Frondienste. Sie war auch Wegbereiterin des österreichischen Volksschulwesens. 

Die eigenwillige Gemahlin von Kaiser Franz, die Kaiserin Elisabeth, auch Sisi genannt, wurde von den Wienern nicht gemocht. „Sisi liebte nicht Wien, nicht Schönbrunn, nicht die Hofburg, nicht ihren Ehemann und nicht ihre Schwiegermutter“, so unsere Rita. 

Übrigens kann man im Sisi-Museum in Wien Utensilien der Kaiserin, den Trakt des Kaisers und den Trakt der Kaiserin ansehen. Verspottet wurde besonders das Turnzimmer mit Sprossenwand und Ringen der Kaiserin. Ungewohnt ist auch das in der Mitte des Schlafgemaches stehende Eisenbett. Die sportliche Kaiserin wurde 1837 in München als Tochter des Herzogs Maximilian Joseph in Bayern geboren und am 10.9.1898 in Genf von dem italienischen Anarchisten L. Luccheni erstochen. Ein schreckliches Ende einer Kaiserin. 

Als ich diese Fakten las, fiel mir eine Geschichte ein, die ich vor Jahren im Buch „Ergötzliche Geschichten aus Alt-Baden“ von Heinrich Berl gelesen hatte und in meine Anekdotensammlung aufnahm. Hier die Geschichte: 

Die Kaiserin Elisabeth litt unter einem Schlankheitswahn. Sie wog nur 90 Pfund. Sie tat alles, um ihre schlanke Linie zu bewahren. Eine „Wespentaille“ war damals ein Schönheitsideal. Die Kaiserin achtete peinlich genau darauf, was sie ass. Während ihres Aufenthaltes in Baden-Baden machte sie 6½-stündige Eilmärsche. Sie hatte keine Zeit, sich an der schönen Landschaft zu ergötzen. Sie hetzte von Ziel zu Ziel. Ihr Leben war eine „einzige Orgie der Bewegung“. Als sie 1883 wiederum in der Kurstadt weilte, ritt und wanderte sie stundenlang, machte Gymnastik und focht. Damit noch nicht genug. Sie liess jeden Morgen 4 Pfund Fleisch auspressen. Den Saft trank sie zum Frühstück. Am Abend liess sie sich mit Binden einwickeln. Die Binden wurden um die Brust, den Unterkörper bis zum Knie gewickelt. Sie wollte unbedingt die Ausdehnung ihres Körpers vermeiden. Einmal in der Woche wurde ihr Haar mit 20 Eidottern gewaschen. Die Rastlose hatte kaum Zeit für Audienzen. Wenn sie einmal eine solche gewährte, machte sie einen unkonzentrierten Eindruck und antwortete auf Fragen mit Ja oder Nein. 

Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch der Barockschlossanlage Belvedere. Für uns war es das schönste Schloss von Wien. Es ist unvergleichlich in Architektur und Kunstreichtum. 

Als wir das barocke Eingangstor zum Park durchschritten und vor einem riesigen Wasserbecken, in dem sich das Schloss zauberhaft spiegelte, stehen blieben, führte uns Rita sanft in die Vergangenheit: „Stellen Sie sich einmal vor, eine Kutsche fährt vor (dann hörten wir Pferdegetrappel, das gekonnt aus ihrem Mündchen heraussprudelte), die Kutsche hält, die Diener öffnen die Tür und helfen den feinen Damen mit ihren Reifröcken heraus und begleiten sie in ihre Gemächer. Ein herrliches Bild!“ Dann war es schlagartig mit der Romantik vorbei, als sie über die Hygiene einige Worte verlor. Die Damen hatten in ihren Reifröcken blutgetränkte Bällchen versteckt. Diese waren dazu da, um Flöhe anzulocken. Flöhe waren immer die stillen und lästigen Begleiter dieser Personen. Von Hygiene hielten die damaligen Menschen wenig. Sie legten nur ihre äussere Kleidung beim Schlafengehen ab und wuschen sich nicht. Als einige Damen doch einmal den Versuch machten, ihre Haut mit Wasser zu reinigen, wurden sie krank. Von da an galt Wasser als ungesund. „Müssen die damals gestunken haben“, meinte ein Zuhörer. Daraufhin Rita: „Dafür trugen sie eine Menge Puder auf und parfümierten sich.“ 

Das Schloss war Wohnsitz des „heimlichen Kaisers“ Prinz Eugen von Savoyen (1663–1736). Er war Feldherr zur Zeit der Türkenkriege. 1697 gewann er den entscheidenden Sieg gegen die Türken bei Zenta. Insgesamt gewann er 31 Schlachten. Er war nicht besonders schön und starb als Lediger im Bett. „Ist das nicht tragisch ... “ sagte Rita und fuhr fort: „... wenn ein Held im Bett stirbt und nicht in der Schlacht!“ Dann fügte sie bei, sie möchte nicht im Bett sterben; am liebsten wäre es ihr, wenn sie beim „Heurigen“ ihr Leben aushauchen könnte. 

In Wien gibt es übrigens viele Heurigenlokale. In diesen Lokalen wird der Heurige, also der neue Wein, ausgeschenkt (die Heurigenzeit dauert vom 11. November bis zum 11. November des folgenden Jahres. Es gibt also immer „neuen“ Wein). Die bekanntesten Heurigenlokale befinden sich in Grinzing. 

Wien hatte viele Jahre mit den Kurutzen (ungarische Aufständische, die im 17./18. Jahrhundert gegen die habsburgische Herrschaft revoltierten) und den Türken zu tun. „Die Wiener hatten darunter besonders zu leiden. Sie verwendeten deshalb besonders häufig Kruzitürken als Schimpfwort. Wenn Sie dieses Wort als Fluch gebrauchen und katholisch sind, dann begehen sie keine Sünde“, bemerkte Rita schmunzelnd. 

Im Aussenbereich der Hofburg, ein gewaltiger Komplex von 18 Trakten und 19 Höfen, sahen wir ein kleines Gemüsegärtchen, das im Rahmen des 60-jährigen Kriegsendes wieder angelegt wurde. Es erinnert an die Not des Krieges. Den Not leidenden Bürgern der Stadt wurde damals erlaubt, in der Hofburg Gemüse und Kartoffeln anzupflanzen. 

„Dort oben seht ihr den Balkon“, rief Rita aus und deutete auf ein prächtiges Gebäude der Hofburg, „dort verkündete Adolf Hitler den jubelnden Österreichern seine Parolen.“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Nach Kriegsende wollte keiner gejubelt haben ...!“ 

Von der Hofburg aus ging es im Eilmarsch Richtung Stephansdom. Hier beendete Rita ihre Führung. Bevor sie sich verabschiedete, warnte sie uns noch eindringlich vor Taschendieben, die in Kaffeehäusern und auf dem Platz vor dem Stephansdom ihr Unwesen treiben. „Hängt niemals eure Handtaschen über einen Stuhl und haltet eure Geldbörsen fest“, waren ihre letzten Worte, bevor sie im Menschengewühl verschwand. 

Vom bedeutendsten gotischen Bauwerk Österreichs, dem Stephansdom, war ich etwas enttäuscht. Wurde mir doch ein prächtiges Gebäude, das auf Fotos nur so blitzte, vorgegaukelt. Der grösste Teil der Aussenfassade war durch Russ und Abgase geschwärzt, ein Teil des Turms war wegen Renovationsarbeiten eingehüllt. Als sehr schön empfand ich das Satteldach mit den bunt glasierten Ziegeln. 

Nach einer Kaffeepause im Haus Gerstner (ehemalige Hofzuckerbäckerei, Spezialität: Othello-Torte) machten wir uns auf den Weg, stille Gassen und Orte im Zentrum zu erkunden. An einer Hauswand in einer schmalen Gasse entdeckten wir eine alte Steintafel mit folgender Inschrift: „Fussgeher. Achtung auf das Fuhrwerk! Schrittfahren! 

Schwerfuhrwerkskutscher haben die Pferde am Zügel zu führen oder eine erwachsene Begleitperson zur Warnung der Fussgänger vorauszuschicken.“ 

Unser Busfahrer brachte uns dann noch in den Prater. Hier spielten sich früher die „bittersüssesten und bitterbösesten Geschichten der Wiener Jahrhundertwende-Literatur“ ab, wie Lillian Schacherl betont. Der Prater wurde auch weltweit durch Filme bekannt. Es gibt auch ein grosses Gelände mit Wiesen und Wäldern, das als „Grüner Prater“ bezeichnet wird. Hier lustwandelten einst verliebte Paare und Duellanten gaben sich hier ein Stelldichein. 

Der „Volksprater“ ist vergleichbar mit den grossen Rummelplätzen dieser Welt. Hier reiht sich ein elektronisch gesteuertes Gerät nach dem anderen. Vereinzelt sieht man aber auch nostalgische Karusselle und andere Belustigungsgeräte aus vergangener Zeit. Der Prater ist jedoch nicht für jeden ein Höhepunkt einer solchen Besichtigungsfahrt. 

„Aber das Riesenrad reisst´s raus. Das mächtige und doch so filigran wirkende Ding stammt von 1897, hat einen Durchmesser von 61 m, ein Gesamtgewicht von 430 t, dreht sich 75 cm in der Sekunde und kommt bis auf 65 m Höhe“, so Lillian Schacherl in ihrem Wienführer. 

Die letzte Station unserer Reise durch Wien war das Hundertwasserhaus. Das knallbunte Haus wirkt wie ein Fantasiegebilde aus der Märchenwelt. „Ein Haus im Harlekinskleid“, wie Manfred Sack betont. Das Haus beinhaltet 50 Wohnungen. Es wurde 1983–1985 für 5,7 Millionen Euro unter der engagierten Bauleitung des Malers Friedensreich Hundertwasser (1928–2000) errichtet. Der Bau wurde als Pilotprojekt eines „menschenwürdigen Wohnens der Zukunft“ aufgefasst. Auch das „KunstHaus Wien“ ist eine Hundertwasserarchitektur. 

Wie kann man Wien charakterisieren? Da wir Wien nur in einigen Bereichen zu sehen bekamen, überlasse ich die Beurteilung Lillian Schacherl. Sie schrieb in ihrem „ADAC Reiseführer Wien“ Folgendes: 

„Wien ist gewiss nicht die Einzige unter den Metropolen Europas, denen die Geschichte zu Glanz und Gloria verhalf. Doch fraglos ist sie die Einzige, deren Glanz und Gloria permanent zwischen Pros und Contras zermartert wurde, wird und werden wird: von den Fremden zwischen kniefälligen und herablassenden Klischees, von seinen Einwohnern, zumal den literarisch-mundfertigen, zwischen bös funkelnder Beweihräucherung und gerührter Verachtung.“

 

Fortsetzung folgt: „Mohr im Hemd“, „Besoffener Wachauer“

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