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6. Ausgabe www.textatelier.com 15. 04. 2003


Bio- und Biber-Biberstein: Biobadi (links), von Biber gefällte Silberweide und Schloss Biberstein

Biberstein, seine Biber und Bleistifte

Biberstein hat Sensationen anzubieten. Wenn Sie dabei spontan auf das in dieser Aargauer Gemeinde domizilierte Textatelier tippen, liegen Sie im Prinzip nicht falsch. Doch sind an dieser Stelle die sensationellen Biber gemeint, die im Herbst 2002 in Biberstein Position bezogen haben und dem Gemeindenamen alle Ehre machen. Sie entfalten hier eine unwahrscheinliche Kreativität – auch die die schöpferische Kraft ist eine der Eigenarten des Juradörfchens mit seinen gut 1000 Einwohnern im Bezirk Aarau. So hat dieser Ort sein Betonschwimmbadbecken, in dem früher wehrlose Kinder und Erwachsene nach Luft ringend in gechlortem Wasser baden mussten, aufgebrochen und in eine Biobadi umgewandelt, in der Wasserpflanzen die Reinigungsarbeit übernehmen. Man hat also aufgehört, die Badelustigen zu vergiften, wie das anderswo in der Regel noch heute üblich ist, sobald diese höhere Erkenntnis vorhanden war.

In der unmittelbaren Nähe dieses wegweisenden öffentlichen Schwimmbades, das während des Winters von vielen Tieren geschätzt wird, haben sich also wieder Biber angesiedelt. Sie verkündeten ihre Ankunft mit einem Paukenschlag, indem sie vorerst einmal einen grossen Silberweidenbaum direkt unterhalb der Aarebrücke Biberstein-Rohr AG nach einer mehrwöchigen Nagearbeit Ende Januar 2003 fällten. Sie legten den Baum mit seinen dicken, ausladenden Ästen ins Aarewasser, als ob sie dieses stauen wollten. Denn der baukünstlerisch begabte Biber baut seit je Dämme zur Regulierung des Wassers um seine Biberburgen mit ihren unter Wasser liegenden Eingängen herum – und im speziellen Fall sozusagen auch ums Schloss Biberstein herum. Leider ist der Baum noch immer zu kurz, um das Aarewasser wesentlich zu beeinflussen; aber die entsprechende Absicht ist deutlich erkennbar. Die im Wasser liegenden Bäume bieten Fischen gute Lebensmöglichkeiten (Unterschlupf). Auch durch die Anlage unterirdischer Gänge beleben die Biber den Uferbereich der Auenwälder; sie schaffen vielfältige Lebensräume, werten ihren Einflussbereich also auf – und mag man beim Anblick herumliegender Bäume noch so sehr das Gefühl haben, das Gegenteil sei der Fall.

Nagen bis zum Knacken
Während Wochen hatten die nachtaktiven Tiere den wohl meterdicken Stamm durchgenagt, bis er, einem gespitzten Bleistift nicht unähnlich, seinen Halt eingebüsst hatte. So etwas hat Stil. Dieses Wort Stil geht schliesslich auf das lateinische Stilus zurück, mit dem ein spitzer Pfahl, ein Stil, ein Schreibgerät, ein Griffel, gemeint ist. Ein Stilist ist ein Mensch, der über gute sprachliche Ausdrucksmittel verfügt – und das entsprechende Schreibgerät, wohlverstanden. In der Antike benützten römische Geschäftsleute und Anwälte dünne, gerahmte Holztäfelchen, auf welche auf der Vorderseite innerhalb des Rahmens eine Wachsschicht aufgetragen war. Mit einem schlanken stift aus Holz oder Metall, vornehmlich Silber, ritzten sie ihre Notizen einprägsam und stilvoll ein.

Sobald die Biber bei der Umwandlung eines Baumstamms in einen Griffel im Holz ein leises Knacken hören, bringen sie sich jeweils in Sicherheit und warten, bis der Baum von selbst, vielleicht mit Hilfe von etwas Wind, umstürzt. Das ist laut dem Biologen Andres Beck aus Niederrohrdorf AG die übliche, von der Unfallversicherung genehmigte Vorgehensweise... Nebenan, gut 100 m aareabwärts, legten sie den grössten Teil eines jüngeren Silberweiden-Wäldchens auf diese Weise um, das auf angeschwemmtem lehmigem Sand im Aarekanal entstanden war. Die armdicken Bäumchen liegen wie gespitzte Bleistifte kreuz und quer auf dem Schwemmland.

Diese Bleistift-Formen haben wir als freundschaftlichen Gruss ans Textatelier interpretiert und den Bibern im Gegenzug versprochen, in einer Aufklärungskampagne dafür zu sorgen, dass ihre Baumfällarbeit nicht als Naturzerstörung missinterpretiert und durch Abschüsse quittiert wird – so wäscht eine Hand die andere. Die "Aargauer Zeitung" hat am 4. Februar 2003 unseren entsprechenden Aufruf sofort gebracht ("Fleissige Holzfäller mit enormer Produktivität"), und die "Bibersteiner Dorfziitig", die den Bericht aus dem Textatelier ebenfalls haben wollte, legte am 14. Februar 2003 mit einer erweiterten, biberfreundlichen Reportage noch eins drauf.

Ersatz für Förster
Bemerkenswerterweise hatte Biberstein wenige Monate vorher das Forstamt abgeschafft, weil in dieser naturbewussten Gemeinde die Ansicht vorherrscht, ein Naturwald sei einem Plantagenwald weit vorzuziehen, ökologisch attraktiver und zudem rentabler – denn ein Wald verursacht schliesslich erst dann Kosten, wenn er von einem Förster während seiner Arbeitszeit betreten wird. So beschränkt man sich jetzt auf unerlässliche Arbeiten wie den Unterhalt der Spazierwege, mit denen das Forstamt Aarau beauftragt ist. Unter solchen Voraussetzungen wird in Biberstein allgemein begrüsst, dass nun allfällig nötig werdende Auslichtungen zwecks Schaffung neuer Lebensräume nach dem Prinzip der Naturverjüngung durch die aus eigenem Antrieb zugewanderten Biberfamilien gratis besorgt werden; bisher waren solche offenbar nur am linken, nordseitigen Aareufer nötig.

Dass die Biber ausgerechnet Biberstein als Ausgangspunkt für eine weitere Ausbreitung gewählt haben, ist nach dem Gesagten verständlich, ja nahe liegend. Sie haben von dieser Zentrale aus weitere Aussenstationen eingerichtet: bis zur Aarauer Zurlindeninsel, in die Rohrer Giessen (von Grundwasser gespeiste Wasserläufe der Auen), zum versandenden Steinerkanal in Rupperswil AG und zur Wildegger Aarebrücke. Die Ankunft der Nagetiere zeigt, dass sie ein feines Sensorium für eine naturfreundliche Haltung einer Bevölkerung haben – denn wer die freie Wahl hat, lässt sich logischerweise dort nieder, wo er sich wohlfühlt, wo er verstanden und angenommen wird.

Vergangenheits-Bewältigung
Bei der Wahl des Wohn- und Arbeitsortes mögen allenthalben auch gewisse Prägungen aus der Vergangenheit mitspielen: Die vegetarisch lebenden Landschaftsarchitekten waren vor etwa 100 Jahren in der Schweiz und sogar in ganz Mitteleuropa infolge einer ständigen Bejagung vollständig ausgerottet worden. In Schweden wurde der Biber 1873 unter Schutz gestellt, als er bereits ausgerottet war.

Die katholische Kirche, deren Geschichte kaum von einem besonderen Naturverständnis geprägt war, hatte die Nagetiere (wegen des geschuppten Schwanzes) zu Fischen umfunktioniert, damit sie auch während der Fastenzeit verzehrt werden konnten; zudem wurde der Biber als Fischfresser und Nahrungskonkurrent des Menschen betrachtet. Das salbenartige Drüsensekret Bibergeil[1] war als Heil- und Potenzmittel ausserordentlich gefragt. Vor allem dieses vielseitig verwendbare Mittel war es, das dem Biber zum Verhängnis wurde; denn es wurde fast mit Gold aufgewogen. Man liest, das moschusartig riechende Sekret eines einzigen Bibers habe früher dem Jahresgehalt eines Knechts entsprochen. Aus alten Arzneibüchern verschwand dieses Mittel erst Anfang des 20. Jahrhunderts, nicht etwa aus Gründen des Biberschutzes, sondern weil es nicht mehr aufzutreiben war. Auch das hell- bis dunkelbraune Biberfell war begehrt.

Im Zuge weiterer Naturzerstörungen folgten die Gewässerbegradigungen und trostlosen Uferverbauungen. Die Vermutung lag nahe, dass durch diesen amtlich inszenierten Unfug die Lebensräume für Biber definitiv vernichtet worden seien. Man kann es den Naturschützern nicht hoch genug anrechnen, dass sie nach 1956 in der Schweiz dennoch versuchten, diese Tiere wieder anzusiedeln. Seit den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts hatte es in anderen Teilen Europas Versuche gegeben, den Biber wieder anzusiedeln, zuerst in Finnland, Schweden, Teilen Russlands, im Elsass, in Bayern und in Österreich. Vielerorts entwickeln sie sich stärker, als es der Anwohnerschaft lieb ist.

In der Schweiz wurden damals 141 Tiere importiert und in die Freiheit gelassen, wovon 56 im Wasserkanton Aargau. Hier wurden die Biber zwischen 1964 und 1978 an den folgenden Gewässern ausgesetzt: An Aare (bei Biberstein mit finanzieller Hilfe aus den Gemeindefinanzen), Reuss, Suhre und Aabach. Die an sich standorttreuen Tiere aber liessen sich ihren Lebensraum nicht vorschreiben und wanderten zum untersten Aarebereich, an den Rhein und an die Limmat aus. Und jetzt sind sie also endlich nach Biberstein und Umgebung zurückgekehrt – vielleicht haben sie die Ortstafel auf der Aarebrücke gelesen.

Wir sind dabei, ihre Werke zu beobachten und davon zu lernen. So ernähren sie sich vollkommen vegetarisch: Rindenmaterial und kleine Äste dienen ihnen als Nahrung. In den Auengebieten nagen sie junge Bäume so ab, dass diese wieder ausschlagen können und in den hellen Stellen wieder gute Voraussetzungen für neues Wachstum vorhanden sind. Damit schaffen sie mit Weitblick die Grundlagen für spätere delikate Nahrung.

Die jüngeren Bäume liegen kreuz und quer; vielleicht erkennen wir die Architektur darin erst später – es könnte mit Baubiologie zu tun haben. Die nachtaktiven, raspelnden Landschaftsgestalter bieten grandiose Naturschauspiele. In Biberstein und auch flussabwärts beim Kraftwerk Rupperswil-Auenstein ist hinreichend Naturverständnis vorhanden, um solche Naturwunder ungestört geschehen zu lassen.

Weiter unten an der Aare bei Stilli AG aber soll ein Volltrottel Nägel in die angenagten Bäume geschlagen haben, damit sich die dort ebenfalls wirkenden Biber die Zähne ausbeissen – ganz im herkömmlichen Stil des Umgangs mit Wildtieren (z.B. mit Wölfen und Bartgeiern). Der Biberforscher Alfred Schären-Bieri aus Turgi AG konnte die Nägel zum Glück noch rechtzeitig entfernen. Man sollte die Tierquäler fassen und ihnen bei lebendigem Leibe mit einer Beisszange alle Zähne ausreissen, ohne Betäubung (hoffentlich werde ich jetzt nicht wegen Aufrufs zur Gewalt verurteilt). Man kennt den menschlichen Umgang mit frei lebenden Wildtieren auch von anderen Beispielen: Wölfe und Luchse, die den vegetationsschädigenden Überbestand an Schafen ein bisschen schädigen, werden abgeschossen. Man nimmt nicht zur Kenntnis, dass die Natur eben aus Pflanzenfressern und Pflanzenfresser-Fressern besteht; der Mensch bildet hier keine Ausnahme: Es gibt Vegetarier und Fleischfresser.

Und hoffentlich kommt auch niemand auf den blöden Gedanken, im Rahmen des allgemein üblichen Wildlife-Managements die Biber zum Schutz der Uferbestockung durch die Jäger dezimieren zu lassen, wie das mit den Wildschweinen gerade geschieht, die zur Lockerung der maschinell verdichteten, erodierenden Maisfelder beitragen. Das Schwarzwild reagiert mit traumhaften Zuwachsraten – wovon die Wirtschaft nur träumen kann –, obschon auch auf sie, die Wildschweine, von allen Seiten geschossen wird.

Überall ist ein verbessertes Naturverständnis fällig. In der Umgebung des Textateliers gibt es guten Anschauungsunterricht, und das wirkt sich auch auf unsere Arbeit aus.

Walter Hess


Auenwald-Atmosphäre dank Biber-Einwirkung: Junge Silberweide in Ruhelage (links)
Raspel in Zündholzgrösse: Walter Hess bei der gefällten Silberweide an der Aare in Biberstein (rechts)


Wie Bleistifte zugespitzt: Weidenwäldchen im Umbau in der Nähe des Schlosses Biberstein

Fotos: Eva Hess (2. Februar 2003)

[1] Die Drüsensäcke des Bibers befinden sich paarweise zwischen After und Geschlechtsteilen. Sie wurden früher nach der Tötung des Tieres herausgeschnitten und im Rauch getrocknet. Die Beutel, die bis 100 g wiegen können, enthalten den nach Baldrian riechenden Stoff.



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