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Anekdoten über Ernährungspioniere

Autor: Heinz Scholz, Schopfheim D

Schweinefutter für den Menschen
Dr. Mikkel Hindhede (1862−1945) war Arzt, Ernährungswissenschaftler und ein Vertreter der rein pflanzlichen Kost. Er hat durch seine Ernährungslehre die Bevölkerung von Dänemark während der Blockade im Ersten Weltkrieg vor Hunger gerettet. Er plädierte für die Reduzierung tierischer Produkte und den vermehrten Verbrauch von Kartoffeln und Getreide. Die Deutschen hingegen fütterten Getreide an die Schweine. Dadurch gingen wertvolle Nahrungsmittel durch den Futtermittelbedarf verloren. Sein wohl bekanntester Ausspruch lautete:

„Deutschland ist sich klar darüber, dass es gegen 3 Grossmächte zu kämpfen hat, aber es ist sich wohl kaum ebenso klar, dass es auch noch mit einer 4. kämpft, die vielleicht gefährlicher ist als alle anderen, nämlich – gegen das deutsche Schwein!“

Zu spät wurden die Schweine geschlachtet. Dank Hindhede gingen die Dänen einen anderen Weg. „In Dänemark schlachteten wir vier Fünftel unserer Schweine, verkauften sie nach England und Deutschland zu hohen Preisen und behielten das Schweinefutter: Gerste und Kartoffeln für den Menschen“, so Hindhede. Der Kuhbestand wurde um 34 Prozent verringert, die Weizenkleie wurde den „Kühen weggenommen“ und in das Roggenbrot gebacken. Das Roggenbrot enthielt nicht nur Roggenkleie, sondern 12 bis 15 Prozent Weizenkleie.

Noch etwas Bemerkenswertes: Die Dänen hatten in dieser Zeit und auch später die niedrigste Sterblichkeit in Europa. (1, 2, 3)

Frage Deinen Arzt
Als kurz zu Beginn des 20. Jahrhunderts Mikkel Hindhede mit Ernährungsversuchen begann, wurde er immer wieder gefragt, was man denn essen solle. Daraufhin antwortete der dänische Ernährungsexperte: „Frage deinen Arzt, und achte genau darauf, wozu er rät; tue gerade das Gegenteil davon und du wirst wahrscheinlich das Richtige treffen!“ (1)

USA: Viel Fleisch, wenig Kartoffeln
Während eines USA-Aufenthaltes bemängelte Mikkel Hindhede, dass in Restaurants fünfmal so viel Fleisch wie Kartoffeln serviert wird. Dazu Hindhede: „Während meiner letzten Reise in den Vereinigten Staaten von Amerika habe ich viele Male bei der Bestellung von Essen gesagt: Geben Sie mir wenig Fleisch, aber viele Kartoffeln! Aber, obwohl es für den Gastwirt weit billiger gewesen wäre, war das nicht zu erreichen. Wollte man mehr Kartoffeln haben, so mussten sie extra bezahlt werden. Die Welt ist von Sinnen!“ (1)

Auch heute sind so manche Zeitgenossen „von Sinnen“. Sie bevorzugen Wirtschaften, wo riesige Portionen aufgetischt werden. In Erzählungen, das hat der Autor selbst erlebt, wird dann von dieser oder jener Kneipe geschwärmt, die berühmt ist wegen ihrer grossen Portionen. Im gleichen Atemzug beklagen sich die „Werber“, dass sie schon wieder einige Pfund zugelegt haben.

Hier die Entwicklung des Fleischkonsums in Deutschland: Bis 1850 lag dieser bei etwa 20 Kilogramm pro Jahr. Um 1900 stieg dieser auf etwa 45 kg an. Der Spitzenwert von über 100 kg pro Person und Jahr wurde im Jahr 1988 erreicht. Danach wurde ein spürbarer Rückgang um etwa 4 Prozent jährlich festgestellt (2, 3).

Der Schwabe und die Kartoffel
Dr. Michael Richard Buck , oberschwäbischer Dichter, Forscher, Gelehrter und Arzt, schrieb über die Kartoffel Folgendes: „Im Oberland, nur da und dort wird die Kartoffel in grossen Mengen, doch mehr zum Gebrauch als Viehfutter, denn als menschliche Nahrung angebaut, da der Oberschwabe mit seinem Fleischmagen vor der schwach nährenden Kartoffel wenig Respekt hat“ (6).

Über den Magen meint Buck: „Von einem guten Magen sagt man, dass er Rossnägel verdaue, ein schlechter täuscht vor, als liege nach dem Essen ein Kiesel im Magen.“ Der Arzt empfiehlt dann ein „Kriesenwasser“ oder Pfeffer, Ingwer, Kalmus, „Nägeleingewürze“, Piment und Wacholderbeeren (6).

Beliebtes weisses Mehl
Der dänische Ernährungsexperte Hindhede beobachtete auch, dass amerikanische Müller ein sehr feines und weisses Mehl herstellen, „das sie zu hohen Preisen an weniger kluge Hausfrauen verkaufen; und das verursacht Verstopfung. Dann tun sie die Kleie in feine Päckchen und verkaufen sie zum 20fachen Preis als Mittel gegen Verstopfung!“ Dann meinte Hindhede, man könne alles preiswerter haben, wenn die Menschen Schrotbrot essen würden (1).

Die Tendenz beobachten wir auch in unserer Zeit. Das Mehl kann nicht fein genug sein, um die meisten Hausfrauen und Hausmänner zu erfreuen.

Die Rache der Nahrungsmittelfälscher
McCann , Gesundheitskommissar in New York, brachte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg etliche Nahrungsmittelfälscher vor Gericht. Diese wurden dann zu hohen Strafen verurteilt. Die Rache dieser Fälscher folgte auf dem Fuss. Als McCann nach den Prozessen in die Redaktion des „Globe“ kam – er war dort lange Jahre Mitarbeiter – wurde ihm eröffnet, dass einige Lebensmittelfälscher das Magazin gekauft hätten und er als Mitarbeiter nicht mehr erwünscht sei. McCann meinte darauf lachend, er werde seinen Kampf eben in einem anderen Magazin fortführen. Dies tat er, aber auch hier bekam er die ganze Macht der Nahrungsmittelindustrie zu spüren. 14 Tage danach wurde das neue Magazin auch von diesen Betrügern aufgekauft. McCann schreibt resignierend: „Jetzt hat selbst das kleinste Magazin Angst, Artikel von mir anzunehmen“ (1).

Der Fresssucht verfallen
Mikkel Hindhede schreibt in seinem Buch „Gesundheit durch richtige und einfache Ernährung“ Folgendes: „Die Geschichte kann uns eine gute Lehrmeisterin für die Überlegenheit einfacher Ernährung sein. In der Blütezeit Griechenlands wurden die Soldaten mit Feigen, Nüssen, Käse und Maisbrot gespeist (spartanische Kost). Als die Griechen später reich und mächtig wurden, wollten sie ,das Leben geniessen’ und gingen über zur Fleischkost, aber ihre Soldaten wurden dabei schlapp und dumm, was Diogenes damit erklärte, dass sie nunmehr aus Ochsen- und Schweinefleisch bestünden. Griechenland fiel besiegt von den Römern, die von Gerstenbrot und Öl lebten. Später wurden die Römer reich und üppig; nunmehr wurden sie überwunden von den genügsamen nordischen Barbaren. Auch diese sind inzwischen längst der Fresssucht verfallen – wie es weitergeht, wird die Geschichte lehren“ (1).

Was berühmte Vegetarier sagten
Mikkel Hindhede führt einige berühmte Vegetarier auf, die Bemerkenswertes von sich gaben. Hier eine kleine Auswahl:

Bernard Shaw: „Ich bin Irländer, Vegetarier, Abstinent, Fanatiker, Humorist, Sozialdemokrat. Vegetarische Lebensweise hilft mir zur Bewahrung meines Gleichmutes und meiner guten Stimmung. Ich könnte mir sie nicht erhalten bei Beefsteak, Austern und Bier.“

Leo Tolstoi : „Da ich seit 25 Jahren vegetarisch lebe, fühle ich nicht die geringste Abnahme meiner Kraft.“

General Booth: „Schon lange Jahre habe ich kein Fleisch und keinen Fisch mehr gegessen. Ich halte mich bei voller Leistungsfähigkeit mit Brot, Butter, Grütze, Käse, Gemüse und ab und zu etwas Obst.“

Thomas Edison: „Ich bin nicht nur Vegetarier, sondern auch leidenschaftlicher Antialkoholiker. Ich nehme 2 Mahlzeiten täglich und schlafe 5 Stunden. Voller Magen und Trinken sind die schwersten Feinde der Arbeit.“

Stephen Smith , Oberchirurg im Bellevue-Krankenhaus von 1854−1911, Gründer der Amerikanischen Hygienegesellschaft (1871) und Vorsitzender der Wohltätigkeitsgesellschaft in New York erreichte ein biblisches Alter von 99,5 Jahren. Er schrieb: „Weder frische Luft noch Gymnastik können das Leben erheblich verlängern, wenn man sich verkehrt ernährt oder zu viel isst. In meiner Jugend litt ich am Magen und wurde dadurch auf einfache Nahrung hingeführt, die in Getreideprodukten, Gemüse und Obst besteht.“ Ironisch sagt er in diesem Sinne: „Zur Kunst alt zu werden gehört ein schwacher Magen, auf den man Rücksicht zu nehmen nicht vermeiden kann“ (1).

Drohungen der Zuckerindustrie
Werner Kollath (1892−1970) schrieb in seinem wichtigen Buch „Grundlagen, Methoden und Ziele der Hygiene“ (1937) auch ein Ernährungskapitel. In diesem Kapitel führte er auch die völlige Veränderung der Ernährungslage auf und plädierte für die naturgemässe Ernährung. Die Zucker- und Schokoladenindustrie wetterte gegen diese Art der Darstellung und verlangte unter Drohungen die Zurücknahme des ganzen Werks oder zumindest Schwärzungen der kritischen Seiten. Kollath lehnte jedoch ab. Später folgten Angriffe der Konservenindustrie, aber auch die pharmazeutische Industrie nahm eine feindselige Stellung ein. Zeitlebens war Kollath solchen Angriffen ausgesetzt. Die genannten Angreifer sprachen von nun an vom „Schädling Kollath“ (4,5).

Affen als Kirschenpflücker
Werner Kollath zitiert in seinem Buch „Zivilisationsbedingte Krankheiten und Todesursachen“ die Badische Zeitung vom 21./22. Januar 1956. Unter der Schlagzeile „Affen für England“ berichtet das Blatt Folgendes:

„Nach zweijährigen Experimenten in Singapore sollen für den nächsten Sommer 300 dressierte Affen zum Kirschenpflücken nach Südengland geschickt werden. Die Fachleute in Singapore behaupten, es habe sich gezeigt, dass Affen erstklassige landwirtschaftliche Arbeiter seien. Vor allem auf das Pflücken von Kirschen verstünden sie sich so gut, dass sie diese Arbeit schneller und sauberer als Menschen ausführen. Die britischen Gewerkschaften haben gegen den Affen-Import Einspruch erhoben.“

1955 schlug übrigens der englische Nobelpreisträger Sir George Thomson vor, Affen als Fabrikarbeiter am laufenden Band abzurichten und als Landarbeiter einzusetzen.

Kommentar: Die Idee mit Affen hat sich nicht durchgesetzt. In deutschen Landen braucht man keine Affen. Die Arbeit des mühevollen Kirschenpflückens wird heute von Einheimischen und Arbeitern aus Polen und Rumänien erledigt. Auch an Fabrikbändern sah und sieht man bis heute keine Affen. Wohl deshalb, weil es dann noch mehr Arbeitslose geben würde. Kollath kommentierte diesen „Wahnsinn“ wie folgt: „Tiefer geht es kaum mit den technischen Phantasien.“

Brief des Albert Schweitzers an Kollath
In einem Brief an Werner Kollath bedankt sich Albert Schweitzer (1875−1965) am 22. August 1955 für das übersandte Werk über die Hygiene. Über die naturgemässe Lebensweise schreibt der berühmte Arzt: „Für die so wichtigen Ideen, die Sie vertreten, bin ich seit Jahren gewonnen, seit meiner Freundschaft mit Gerson. Immer mehr habe ich eine naturgemässe Lebensweise angenommen. Dieser habe ich zu verdanken, dass ich als so alter Knabe noch etwas leisten kann, trotz des überaus schweren Lebens, das ich seit Jahren führe. Seit 20 Jahren habe ich nie einen Ferientag, auch nie einen Sonntag gehabt ...“

Werner Kollath besuchte Albert Schweitzer in Günsbach (Elsass). Darüber berichtet er: „Schliesslich fragte Schweitzer mich, ob er seine Patienten in Lambarene richtig ernähre. Man könne wegen des tropischen feucht-warmen Klimas kein Getreide einführen. Es gebe Reis; er habe 10 000 Ölpalmen, ferner einen grossen Obstgarten, für den er den Kompost selbst herstelle. Albert Schweitzer schilderte mir, wie sie im eigenen Betrieb das Öl aus den Palmfrüchten gewännen. Ich konnte ihn beruhigen, da ja in den Tropen ganz andere Verhältnisse herrschten, wie bei uns in dem gemässigten Klima. Die grossen Koch-Bananen, die ausreichend vorhanden waren, bildeten sicherlich eine gute Basis und seine eigene Lebensweise war die beste Gewähr für richtiges Handeln.“

„Albert Schweitzer ist der grösste Mensch unserer Zeit und niemand wird ihn vergessen, der ihm nahe gekommen ist. Es ist das schönste Geschenk, das mir das Leben gemacht hat, dass ich ihm begegnen durfte“, so Werner Kollath am 4.11.1957 (4).

Rufmörder unter uns
Werner Kollath wurde in einem Artikel der Zeitschrift „Euromed“ als „Facharzt für Ratten“ bezeichnet. Auch in weiteren Publikationen wurde er diffamiert. So berichtete ein Dr. Paul Kühne im Berliner „Tagesspiegel“, dass die Ernährung fälschlich angeklagt wurde. Dr. Herbert Warning nahm Kollath in Schutz und veröffentlichte einen Aufsatz mit dem Titel „Rufmörder unter uns“. Der Herausgeber strengte einen Prozess an, der sich über 5 Jahre hinzog. Der Verlag verlor den Prozess.

Dazu Kollath: „Bei den Prozessverhandlungen wurde das von langer Hand vorbereitete abgekartete Spiel durchsichtig, das bei diesem üblen Artikel Pate gestanden hatte. Es war ein Schachspiel, bei dem alle nur irgendwie brauchbaren Figuren eingesetzt worden waren, bei dem es aber leider nur Rösser und Bauern, aber keine Könige gab.“

Es erschienen auch törichte „Referate“ über seine Bücher. Er meinte, die Gegner würden ihn zu Tode hetzen und wohl Erfolg haben. „Denn dem vereinten Angriff der Wissenschaftler, der Industrie und des Neides bin ich nicht gewachsen ... Es ist, als ob die Welt verrückt geworden ist. Meine Versuche sind richtig, aber die Auslegung für den Menschen wird nicht angenommen, nicht bestätigt. Systematische Gemeinheit der Suppletiker. Langsam bereite ich mich auf einen ehrenvollen, allerdings verspäteten Nachruf vor. Schade, ich hätte noch viel Gutes tun können. Ich bin müde des Unsinns.“ Dies schreibt Kollath resignierend in sein Tagebuch am 23.10.1961 in Porza (4).

Einige Aphorismen und Sprüche
Einige Sprüche aus seinem Aphorismen-Buch „Medica-Mente“ (1949) von Werner Kollath:

„Ertrinkende werden nicht durch Kommissionen gerettet.“

„Nur die Not kann die meisten Menschen von schlechten Gewohnheiten erlösen.“

„Ungeheure technische Fortschritte hat der Mensch gemacht. Er hat das Gesicht der Erde verändert. Die schwerste Aufgabe liegt jetzt vor ihm: die vergewaltigte Natur wieder herzustellen.“

„Während meines Medizinstudiums ist uns im Kolleg nicht ein einziges Mal ein gesunder Mensch vorgestellt worden, sondern nur ,der Krankheitsfall’. Klar geworden ist mir das aber viel später.“

„Die wissenschaftliche Medizin verhält sich zur Naturheilkunde wie das BGB zu den Zehn Geboten.“

„Es gibt viele Dinge in der Natur, die in unserer Nahrung nicht mehr vorkommen, dafür gibt es vieles in unserer Nahrung, was es in der Natur nicht gibt“ (4).

Bircher-Benners Schlaflosigkeit
Maximilian Oskar Bircher-Benner (1867−1939) litt in jungen Jahren unter Schlaflosigkeit. Ein Arzt verschrieb ihm Brompulver. Als dieses nichts half, bekam er andere Medikamente und schliesslich eine Dosis Chloralhydrat. Diese zuletzt verordnete Substanz brachte dem Jüngling eine fürchterliche Nacht. Als er am nächsten Tag wieder den Arzt konsultierte, meinte dieser lapidar: „Sehen Sie da, ich habe Ihnen nun alle Medikamente gegen Schlaflosigkeit gegeben, die es gibt, nun weiss ich Ihnen nur noch einen Rat: Gehen Sie heute Abend in die Bayerische Bierhalle und trinken Sie acht Glas Bier, dann werden Sie schlafen.“

Auch dieses Mittel half nicht. Anlässlich eines Vortrags lernte er die Priessnitzschen Wasseranwendungen kennen. Er wandte eine nasskalte Einpackung an und konnte nach Monaten wieder eine Nacht durchschlafen. Dieses Ereignis war ein Schlüsselerlebnis. Er studierte die Hydrotherapie und wandte sie später auch bei seinen Patienten an (8).

„Was, Sie trinken nicht mehr?“
Anlässlich eines Abschiedsbanketts für den scheidenden Psychiater und Entomologen Professor August Forel (1848−1931) hielt vor einer versammelten Studentenschar ein Regierungsvertreter eine Lobrede auf die Trinkfestigkeit des Scheidenden. Dabei machte er lustige Bemerkungen auf die Wassertrinker. Schallendes Gelächter der Studenten war die Folge. Der Regierungsvertreter wusste wohl nicht, dass der Professor Abstinenzler war und schon einige Abhandlungen über die Alkoholwirkungen geschrieben hatte. Forel liess sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. In seiner Abschiedsrede erwähnte er den Alkohol mit keinem Wort, sondern ging auf die Freiheit der Forschung ein. Später forderte Forel den Studenten Bircher auf, auch Abstinenzler zu werden. Bircher versprach es und blieb zeitlebens abstinent.

Später erlebte der junge Bircher sein blaues Wunder. Von seinen Mitstudenten erntete er Unverständnis. In ihren Augen galt er als verrückt. Sogar in seinem Speiserestaurant fauchte ihn die Wirtin an und die Kellnerin strafte ihn mit Verachtung. Sie konnten nicht verstehen, dass der Bursche jetzt kein alkoholisches Getränk mehr bestellte (8).

Wurst und Fleisch bei Unterernährung
Früher galt Fleisch als Kraftnahrung. Eine Unterernährung wurde immer mit einem Mangel an Eiweiss in Verbindung gebracht. Der junge Arzt Bircher-Benner (er war inzwischen mit Elisabeth Benner verheiratet und nahm den Doppelnamen Bircher-Benner an) wurde im Zürcher Industriequartier oft mit mangelernährten Patienten konfrontiert. So steckte er einmal einer Arbeiterfrau ein Geldstück zu und empfahl ihr Fleisch und Wurst zu kaufen.

Bald darauf entdeckte er die Heilwirkung einer vegetarischen Rohkost. Auch studierte er die Ernährungsgewohnheiten der Bauern in Küttigen (Aargau). In diesem Juradorf unweit von Aarau kamen die Vorfahren der Birchers her. Die Bauern ernährten sich von Hafergrütze, Vollkornbrot, Kartoffeln, Rüben, frischem und gedörrtem Obst, Mangoldkraut, Bohnen, Kohl und Salat. Nur ab und zu gab es Butter, Eier und Milch. Nach den Ernährungsdogmen des Jahres 1895 hätten die so ernährten Menschen kraftlos und krank sein müssen. Aber das Gegenteil war der Fall. Das Landvolk hatte wohl einen krummen Rücken, war jedoch zäh und kräftig (8, 14).

Magenkranke Frau wurde gesund
Eine chronisch magenkranke Frau wurde von vielen Ärzten erfolglos behandelt. Sie magerte immer mehr ab. Die Ärzte meinten, der Magen sei hochgradig erweitert und muskellahm. Die Speisen blieben darin liegen. Oft folgten Erbrechungen. Bircher-Benner verordnete nach dem damaligen Wissen der Frau eine Diät, die gekochte und verfeinerte Speisen enthielt. Aber der Zustand der Patientin besserte sich nicht. Anlässlich eines Kurses des abstinenten Samaritervereins in Zürich schilderte er den Fall dem Präsidenten Beetz. Dieser war Vegetarier und ein ehemaliger deutscher Naturheilkundler. Beetz empfahl, einen Versuch mit ungekochtem Obst und Gemüse zu machen. Diese Kost galt damals in Medizinerkreisen als schädlich. Aber Bircher-Benner war für andere Ansichten immer offen und wagte einen Versuch. Das Ergebnis war überwältigend. Der Magen und der träge Darm der Patientin arbeiteten wieder. Die Patientin kam wieder zu Kräften und gesundete (8).

Er wurde geächtet
Bircher-Benner trug im Januar 1900 der Zürcher Ärztegesellschaft seine guten Erfahrungen mit der gesundheitsschaffenden Ernährung und der heilenden Lebensordnung vor. Er schlug den Ärzten vor, Kliniken, Labors und Praktiker einzuschalten, um seine Therapie zu überprüfen. Wie Ralph Bircher berichtet, erfolgte keine Ablehnung, sie war schlimmer. Es war eine „Exkommunikation aus der hohen Gemeinschaft der Wissenschaftler“. Der Präsident erhob sich und sagte kühl: „Herr Bircher hat die Grenzen der Wissenschaft verlassen.“ Er wurde also geächtet und konnte lange Zeit keine Publikationen in diversen Ärztezeitschriften bringen.

Bircher-Benner liess sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen, schliesslich sah er fast jeden Tag Heilerfolge bei seinen Patienten.

Thomas Mann in der Klinik
In seinem 1897 gegründeten Sanatorium „Lebendige Kraft“ kamen Könige, Minister, Künstler und Dichter. Thomas Mann und Hermann Hesse waren Kurgäste. Am 6. Juni 1909 schrieb Thomas Mann an einen befreundeten Dichter seine Kureindrücke:

„Ihren Brief empfing ich unter den kuriosesten Umständen in Zürich, in dem Sanatorium Dr. Bircher, wo man um 6 Uhr aufstehen und um 9 Uhr das Licht löschen muss. Das ist hart, zu Anfang stand ich beständig mit trotzigen Entschlüssen ringend vor meinem Koffer. Aber obgleich ich mehr für Voltaire als für Jean Jacques bin, bereue ich es doch gar nicht, durchgehalten zu haben. Meine störrische Verdauung besserte sich dann ins Erstaunliche, Niedagewesene. Übrigens wurde der Aufenthalt durch freundliche Gesellschaft und die schöne Lage des Instituts erleichtert. Gewisse Abendbeleuchtungen sind mir unvergesslich ...“

Bircher-Benner war auch ein gestrenger Chefarzt. So wies er einmal einen russischen Grossfürsten mit Gefolge aus seiner Klinik, da er die verlangte Lebensordnung nicht befolgen wollte (8).

Geldmacherei
Immer wieder wurde die Klinik von Bircher-Benner angegriffen. Oft kamen diese Diffamierungen aus der Ärzteschaft. So wurde Folgendes behauptet: „Von Bircher werden Sie nicht lebendig zurückkommen! – Sie sind zu schwer krank, für eine solche Rosskur! – Hüten Sie sich vor dieser Geldmacherei!“

Wie Ralph Bircher berichtet, kamen während der Kur immer wieder „liebe Freunde“ zu Besuch, die den Patienten attestierten, sie sähen schlecht aus, sprachen von Gefahren und säten Zweifel. Dann waren alle Mitarbeiter des Sanatoriums gefordert. Sie richteten die Patienten wieder auf. Die Schlechtmacher wurden bald eines Besseren belehrt. Die Patienten blühten auf und wurden wieder gesund (8).

Haben Sie etwas zu verzollen?
Der Ernährungswissenschaftler und Philosoph Are Waerland (1876−1955) wurde überall erkannt, wo er auftauchte. Schuld an dieser Popularität waren seine Schriften, die Heilberichte seiner Patienten und die gut besuchten Vorträge in vielen Ländern. Er lernte sogar im vorgerückten Alter Deutsch, um auch in deutschsprachigen Ländern Vorträge halten zu können.

Als er einmal von einer Vortragsreise aus Westdeutschland an den dänischen Zoll kam, hörte er die obligatorische Frage des Zöllners: „Haben Sie etwas zu verzollen?“ – „Nein“, antwortete Waerland, „ich rauche nicht und ich saufe nicht.“ Er gab diese Antwort deshalb, weil die Zöllner nach Alkohol und Zigaretten suchten. Da lachte der Zöllner (wo passiert das schon?) und meinte: „Ja, ich kenne Sie, Herr Waerland. Ich habe Sie einmal in Kopenhagen gehört, und seitdem bin ich Waerlandist. Ich litt nämlich an einem Magengeschwür, und niemand konnte mir helfen. Und jetzt ist alles in Ordnung. Und so ging es auch meiner Familie. Die Kinder waren früher nicht gesund, aber jetzt sind sie prächtig. Nun hat sich alles bei uns verändert“ (9).

Polizeichef im Hotelzimmer
Eine weitere Geschichte ereignete sich in Island. Waerland wurde 1947 von Waerlandisten eingeladen, um Vorträge zu halten. Isländische Freunde holten den Redner ab und führten ihn zu einem Hotel. Kaum war er auf dem Zimmer, stürzte der Hotelbesitzer herein und sagte: „Herr Waerland, der Polizeichef ist hier und möchte mit Ihnen sprechen!“

Waerland erbleichte und dachte, irgendetwas habe er angestellt. Vielleicht kam er mit irgendeiner landestypischen Verordnung in Konflikt. Der Polizeichef kam ins Zimmer, grüsste dienstlich, aber höflich und sagte, er sei schon seit Jahren Anhänger seiner Lebensweise und er habe unglaubliche Erfolge damit erzielt. Er sei jetzt nicht mehr müde und habe seine Leistungsfähigkeit verdoppelt. Dann meinte der Polizeichef, er möge doch zur Kripo mitkommen, denn dort befänden sich nur Waerlandisten. Dann wurde Waerland „abgeführt“ und mit dem Wagen des Chefs zur Kripo gefahren. Er wurde von allen sehr herzlich begrüsst. Der Polizeichef meinte dann noch, sein Wagen stehe ihm jederzeit zur Verfügung. Er brauche nur die Polizei anrufen und schon käme sein Chauffeur.

Waerland hielt dann in Island innerhalb eines Monats 30 Vorträge (9).

Kunstgebisse für Jugendliche
Vor Einführung der Lebensweise nach Waerland war in Schweden ein 100 %iger Zahnzerfall zu beobachten. Waerland schrieb: „Jetzt sind die Kinder von Müttern, die sich bereits längere Zeit vor der Geburt ihrer Kinder auf unsere Lebensweise eingestellt hatten, die einzigen, die ein vollständiges, kariesfreies Gebiss haben.“

Er erreichte dies durch eine kleiereiche Kost, die viel Mineralstoffe und Vitamine des Weizenkorns enthält. „Eine weitere Voraussetzung war das Ausmerzen des weissen Zuckers und der Süssigkeiten – eine Voraussetzung, die leider unsere 3000 Ärzte mit ihren Professoren und medizinischen Fakultäten und selbst das grosse Zahninstitut in Stockholm nicht herausfinden konnten“, so Waerland. Dann berichtet er, dass schon 2-jährige Kinder kranke Zähne und viele Jugendliche bereits Kunstgebisse haben.

Dafür hatten die Schweine nie Zahnprobleme, weil sie eben den „Abfall“ der Mehlproduktion, nämlich die Kleie, als Futter bekamen. Auch erhielten die Tiere rohe Kartoffeln, rohe Wurzelfrüchte, Vollkorngetreide und Gemüse. Zu einem Bauer gewandt meinte Waerland: „Hier in ihrer Küche kochen Sie alles tot. Die wertvollsten Stoffe gehen in das Wasser, das entweder abgegossen oder gerade eben den Schweinen gefüttert wird.“

Dann riet er dem Bauern, er solle doch seinen Kindern das alles geben, was die Schweine bekommen, dann würden sie ebenso schöne und gesunde Zähne haben wie die Tiere.

Eine weitere unglaubliche Geschichte führt Waerland in seinem Werk auf. Mädchen erhielten als Konfirmantengabe ein vollständiges Kunstgebiss. Ohne Gebiss hatten die schwedischen Evas nämlich keine Chance einen Adam zu bekommen. Leider wurde die Landbevölkerung in Schweden lange Zeit nicht über die Ursache des 100 %igen Zahnzerfalls aufgeklärt (9).

8o-Jährige konnte plötzlich wieder hören
Aufsehen erregte der Fall der Grossmutter von Frau Ingrid Öye (der Fall ist in der Schrift „Die Waerlandkost hat uns gerettet“ ausführlich beschrieben). Sie war schon über 8o Jahre alt, konnte kaum mehr hören und litt unter Asthma. Sie war so behindert, dass sie nicht mehr in das Schlafzimmer im ersten Stock gehen konnte.

Da die übrigen Familienmitglieder kürzlich damit begannen, die Waerlandkost einzuführen, meinte die alte Dame, sie würde auch diese Kost essen. Es mache ihr ja nichts aus, wenn sie früher sterben würde. Sie erhielt daraufhin auch diese Kost und es ging ihr von Tag zu Tag besser. Nun wollte sie nichts mehr vom Sterben wissen. Nach 3 Monaten konnte sie wieder Treppen steigen, nach 6 Monaten war das Asthma wie weggeblasen. Das Gehör besserte sich ebenfalls. Die Familienangehörigen, die sich ab und zu einen Spass mit der alten Dame erlaubten, waren ganz überrascht als die Grossmutter mit strafender Stimme sagte: „Kinder, Kinder, Achtung – jetzt beginne ich auch wieder zu hören.“

Waerland wurde immer wieder nach Vorträgen gefragt, von welchem Alter ab man die Kost nicht mehr umstellen kann. Waerland antwortete darauf immer wieder: „Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich kann nur sagen, wann Sie absolut keine Kostumstellung mehr machen können: wenn Sie tot sind“ (9).

Da geht man ja zugrunde
Ein junger Arzt und Waerlandist bemerkte in einem Gespräch mit Waerland, dass 90 Prozent seiner Patienten nichts von einer Umstellung ihrer Ernährungs- und Lebensweise wissen wollen. Dann erzählte er die Begegnung mit einer sturen Patientin. Er gab sich viel Mühe, die Vorzüge der Waerlandkost zu preisen. Am Schluss seines Vortrages sagte die „Kranke“ völlig unbeeindruckt: „Nun bitte, Herr Doktor, was für eine Medizin bekomme ich?“

Der Arzt antwortete, sie brauche keine Medizin, weil diese ihr nicht helfe. Dann entgegnete die Dame, wenn sie schon keine Medizin bekomme, dann brauche sie auch nichts zu bezahlen. Dann rauschte sie aus dem Sprechzimmer. Der perplexe Arzt erfuhr dann später, dass die Frau einen Kollegen aufgesucht und dort die gewünschte Medizin erhalten hat. Sie sprach von einem verrückten Doktor, der ihr alles was gutes Essen ausmacht, also Fleisch, Fisch, Eier, Salz und Kaffee, verboten habe. Sie fügte dann noch bei, da müsse sie ja zugrunde gehen.

Ergänzend sagte der Waerlandist noch Folgendes: „Dieser Kollege warnte mich und meinte, wenn ich versuchen würde, die Lebensweise meiner Patienten nach Waerland umzustellen, würden schliesslich keine Patienten mehr zu mir kommen, und ich selbst könnte verhungern!“ (9).

Einige Zitate von Are Waerland
„Wir haben es nicht mit Krankheiten zu tun, sondern mit Fehlern in der Lebensführung. Schaffe diese ab, und die Krankheiten werden von selbst verschwinden.“

„Man heilt niemals eine Krankheit, sondern man heilt einen kranken Körper.“

„Man heilt einen kranken Körper nur dadurch, dass man seinen ursprünglichen Lebensführungsrhythmus wiederherstellt.“

Rezept vom Frischzellendoktor
Ein Weinbauer aus der Pfalz litt schon seit vielen langen Jahren unter rheumatischen Beschwerden. Kein Arzt konnte helfen. Als die Schmerzen immer unerträglicher wurden, entschloss er sich, in die Schweiz zu Paul Niehans (1882−1971) zu reisen. Dieser hatte ja mit seiner Frischzellenkur bei vielen Patienten einen unglaublichen Erfolg. Als der Arzt die Geschichte des Rheumatikers erfuhr, meinte er, er brauche keine Frischzellenkur. Er solle täglich eine grössere Menge Kartoffelwasser von mit der Schale gekochten Kartoffeln trinken. Bei Erfolglosigkeit der Kur dürfe er in 3 Wochen wiederkommen. Der Weinbauer brauchte nicht mehr in die Schweiz zu reisen, denn sein Rheuma war ganz verschwunden (11).

Bettlägerige kam wieder auf die Beine
Alfred Vogel (1902−1996) schildert den Fall einer Rheumapatientin, die vom Chefarzt eines Kreisspitals für unheilbar krank erklärt wurde. Er meinte unumwunden, sie müsse sich mit ihrer Bettlägerigkeit abfinden, denn sie werde nie mehr gehen können. Da nahm die Frau ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie führte während eines Jahres eine strenge Naturreisdiät mit rohen Salaten durch. Sie blieb nicht bettlägerig, im Gegenteil, sie fing wieder an, sich an Bergtouren zu beteiligen und konnte ohne Beschwerden grössere Reisen durchführen. Noch nach 10 Jahren zeigte sich kein Rückfall. Allerdings hielt sie die Diät all die Jahre durch, zwar nicht mehr ganz so streng, die pflanzliche Vollwertkost behielt sie jedoch bei (11).

Vollkornbrot für Australien
Auf dem 2. Weltkongress der Naturheilkunde 1976 in Biel (Schweiz) und an der NATURA ´79 hatte ich das Vergnügen, den grossen Pflanzenfreund, Naturarzt, Bestsellerautor („Der kleine Doktor“ mit über 2 Millionen Auflage) und Firmengründer der Bioforce AG persönlich kennen zu lernen. Damals wurde ich beauftragt, über diese Kongresse für die „Naturheilpraxis“ zu berichten. Es war für mich eine grosse Überraschung als ich die Einladung von Alfred Vogel zum Mittagessen in ein Bieler Restaurant bekam. Wohl deshalb, weil ich schon vorher mit dem Fachmann in einem Briefwechsel stand und er schon diverse Publikationen aus meiner Feder kannte.

Am Mittagessen nahmen noch einige Fachleute und Mitarbeiter seiner Firma teil. Es entwickelte sich ein interessantes Gespräch über die Forschungsreisetätigkeit von Alfred Vogel durch Nord-, Zentral- und Südamerika, Australien, Neuseeland und Tasmanien und vom Studium der Naturvölker in Afrika. Auch berichtete er, dass er in Montreal das 1. Reformhaus gründete und von seinen Versuchen, Vollkornbrot in verschiedenen Ländern einzuführen. Alfred Vogel musste viel Überzeugungsarbeit leisten. Aber schliesslich setzte sich das gesunde Brot überall durch. Der Heilpflanzenpionier war übrigens der 1. Unternehmer, der in Australien Vollkornbrot auf den Markt brachte.

Kropf durch Schmutz
„Die scheusslichen Kröpfe haben mich ganz und gar üblen Humors gemacht“ , schrieb Johann Wolfgang von Goethe 1779 anlässlich eines Besuches in Sion im Unterwallis. Man konnte sich lange Zeit diese Missbildung nicht erklären. 1812 erklärte der Walliser Arzt H. Schiner, Kropf würde durch Schmutz und Gestank hervorgerufen. Schuld seien die vielen Misthaufen, die Sommerhitze und der Mangel an frischer Luft. Aber auch Unsauberkeit und Bewegungsmangel führte er als mögliche Ursachen an.

1850 erkannte der Pariser Botaniker M. Chatin, dass Kropf durch Jodmangel hervorgerufen wird. Diese Behauptung wurde nicht überall anerkannt. So forschten die beiden Chirurgen Heinrich und Eugen Bircher aus Aarau nach Kropferregern im Trinkwasser (10).

Karies und Zähneputzen
Der Basler Zahnarzt Alfred Roos beobachtete bei älteren Menschen, die zeitlebens hartes Roggenbrot, Milch und Käse gegessen hatten, die gesündesten Gebisse. 1930 untersuchte Roos alle Schulkinder im Goms (Wallis).. Zu jener Zeit hatten nur 25 Prozent der Kinder gesunde Zähne. Der Arzt war erschüttert. Bei einer Untersuchung, die er 25 Jahre später an anderen Kindern in derselben Gemeinde vornahm, stellte er nur noch bei 2,3 Prozent kariesfreie Zähne fest. Oder anders ausgedrückt: Nur 17 von 742 Kindern hatten gesunde Zähne. Was war passiert? Es wurde eine Poststrasse gebaut, es kam Verkehr, Industrie und Tourismus. Es breitete sich ein gewisser Wohlstand aus, die Menschen ernährten sich immer mehr mit einer verfeinerten Kost.

Roos fand auch heraus, dass die Einheimischen einen gesteigerten Verbrauch an Schmerzmitteln hatten. So verkaufte ein Händler 1950 über 750 Schachteln Kopfwehtabletten (für 226 Einwohner!), aber nur 84 Tuben Zahnpasta und ein Dutzend Zahnbürsten.

Als Roos ein 15-jähriges Mädchen fragte, ob es sich täglich die Zähne putze, antwortete diees: „Nein, nur am Sonntag vor der Messe“ (10).

Verzicht auf Fleisch, Alkohol und Sex
Sylvester Graham (1794−1851) war das 17. und jüngste Kind eines Pfarrers in Connecticut. Graham – nach ihm wurde das berühmte Grahambrot benannt – wurde später selbst Pfarrer. Er hatte auch eine Nebenbeschäftigung, die ihm immer mehr Freude bereitete. Er hielt Vorträge über das gesunde Leben. Öfters fielen Zuschauerinnen in Ohnmacht, nach seinen lautstarken Vorträgen kam es manchmal zu Schlägereien und zum Aufruhr.

In einem 1834 erschienenen Buch empfahl er den Verzicht auf Fleisch, Alkohol, Tabak, Tee, Zucker, Gewürze und Sex. Er verurteilte vorehelichen, ausserehelichen Sex und Onanie. Den Verheirateten empfahl er nur einmal im Monat Sex.

Schon damals empfahl Graham eine lakto-vegetabile Diät mit viel Vollkornbrot, Gemüse, Obst und Beeren. Er stiess zu jener Zeit natürlich bei der fleischessenden Bevölkerung – an manchen Tagen wurden 3 Fleischmahlzeiten konsumiert – auf Widerstand. Einer meinte, die asketischen Vegetarier würden nicht mehr potent genug sein, um ihre Frauen zufrieden zu stellen. Des Weiteren schreibt Albert Wirz: „Ein anderer beschreibt ein Abendessen nach Art von Graham als eine Versammlung ausgemergelter Mumien, die sich mit kannibalischen Gelüsten gegenseitig beäugen, sich dann aber mit dem Verzehr von ,Kartoffelleich’ zufrieden geben“ (10).

Kellogg und seine Cornflakes
John Harvey Kellogg (1852−1943) war ein streng adventistisch erzogener Arzt. Ein Lieblingsthema war die Sexualmoral. Er warnte vor den Gefahren des „einsamen Lasters“ und vor der Prostitution. In seinem Ratgeberbuch „Plain Facts for Old and Young“ befasst er sich ausgiebig mit der Unkeuschheit. Er führte 39 Symptome auf, die durch Masturbation entstünden. Auch dieser Moralapostel empfiehlt Verheirateten den einmaligen monatlichen Sex. Es ist unbekannt, wie sich der Autor selbst verhielt. Bekannt ist, dass das Ehepaar getrennte Schlafzimmer hatte, kinderlos blieb und 42 Pflegekinder betreute.

Kellogg bezeichnete schon damals seine Landsleute als Verdauungsgestörte. „Statt sich ans Beispiel ihrer nächsten Verwandten im Tierreich, die Orang Utans und die Schimpansen, zu halten, ernährten sie sich von einer Hundediät“, so Kellogg.

Er plädierte für eine vegetarische Kost. Seine Frau Ella war derselben Meinung. Sie riet in ihrem Kochbuch zu einer nährstoffreichen, leichtverdaulichen Kost und empfahl jedoch überwiegend gekochte Speisen, weil diese bekömmlicher seien. So sollten die Hausfrauen Getreidespeisen stundenlang weich kochen. Makkaroni sollten eine Stunde lang gesiedet werden. Da würden sich Bircher-Benner und andere Rohköstler wohl im Grabe umdrehen.

In seinem „kulinarischen Laboratorium“ entwickelte er 80 haltbare und „vorverdaute“ Neuschöpfungen. Diese reichten von Gesundheitskeks, Graham Crackers über sterilisierte Büchsenbohnen, Fertigsuppen und vegetabilem Fleisch bis zu Kaffee-, Tee- und Kakao-Ersatz. Absoluter Hit waren die Cornflakes, die einen unglaublichen Siegeszug in viele Länder der Welt antraten.

Kellogg war ein Wegbereiter der Nahrungsmittelindustrie. Fast-Food lässt grüssen (10).

Die Löcher im Schweizer Käse
Der als „Rebell in Weiss“ oder „Ernährungspapst“ bezeichnete Dr. Max-Otto Bruker (1909−2001) hatte einen schwäbischen Dickschädel. Er war jedoch ein Mensch, der sich für seine Patienten aufopferte, er war aufrichtig und humorvoll. Als er einmal im hohen Alter gefragt wurde, wie es ihm gehe, antwortete er: „Ich bin gesund, ich lebe nach Bruker.“

Eines Tages erhielt er aus der Schweiz eine Anfrage, ob der Käseverzehr für die Gesundheit abträglich sei. Darauf sagte Bruker: „Wenn Sie nur die Löcher essen, nicht“ (12).

Cola-Patient litt 20 Jahre unter Verstopfung
Der Cola-Konzessionär H.S., der das zuckerhaltige Getränk in Deutschland vertrieb, musste immer mit den Kunden Cola trinken, da damals die Brause noch nicht so bekannt war. Infolge des hohen Zuckerkonsums und Aufnahme einer verfeinerten Kost wurde sein Darm immer träger. 20 Jahre litt er unter Verstopfung. Diäten und Kuren waren erfolglos. Dann las er in einem Buch von Dr. Max-Otto Bruker, dass er Stuhlverstopfung innerhalb von 3 Tagen heilen könne. Er konnte das zunächst nicht glauben, was er da las. Sollte eine Ernährungsumstellung einen solchen Erfolg bewirken? Bald darauf ging er in die Klinik und begann mit der Kur. Er war überrascht, als er nur Äpfel und Vollkornbrot bekam. „Das Wunder geschah“, berichtete der Patient, „am 4. Tag hatte ich nach so langer Zeit wieder Stuhlgang.“ Hocherfreut ging er zu Bruker und meinte: „Sie haben mich belogen, nicht in 3 Tagen haben Sie mich geheilt, sondern in 4!“

Der Patient lebte auf und wollte von nun an von Coca-Cola nichts mehr wissen. Er liess sich in die Verwaltung des Konzerns versetzen. Er lobte von nun an die vitalstoffreiche Vollwertkost bei allen Verwandten und Bekannten in den höchsten Tönen.

Auch die Schwiegermutter profitierte von dieser Werbung. Sie konnte ihre Stuhlverstopfung, die sie 50 Jahre plagte, schon nach einer Woche beheben. „Danach bekam sie ein Lebensgefühl, das sie ein halbes Jahrhundert vermisst hatte“, erklärte unser ehemaliger Cola-Patient (12).

Die Weizenkeime des Felix Grandels
Erst im 20. Jahrhundert legten die Forscher ein besonderes Augenmerk auf die „Abfallprodukte“ der Mehlherstellung, die Keime und Kleiebestandteile. Als einer der ersten hob der berühmte Ernährungsexperte C. von Noorden in den Jahren 1917 bis 1919 die hohe biologische Wertigkeit von Getreideprodukten als natürliches Vitaminkonzentrat zur Anreicherung der Krankenkost hervor.

„Seit langem verwendet man Kleie mit Keimen als unentbehrliche Bestandteile des Tierfutters, man glaubte aber, dass der Mensch diese Bestandteile nicht brauche, weil das Tierfleisch ihm vollen und sogar besseren Ersatz gewähre“, schrieb einst Werner Kollath.

Der Chemiker und Diplomlandwirt Dr. phil.nat.Felix Grandel (1905−1977) bemerkte in seinem Buch „Zündstoff für den Organismus“ aus dem Jahre 1960: „Das wertvollste am Getreidekorn ist der in ihm ruhende Getreidekeim, das ,Pflanzenei’. Da die Natur in diesem Keim die Fortpflanzung sichert, hat sie alle Nähr- und Wirkstoffe in höchster Konzentration darin bereitgestellt.“

Dann beklagte er den grossen Konsum von „kastrierten“ Feinmehlprodukten, die nicht mehr den „biologisch hochwertigen Keim“ enthalten. Dafür erfreuen sich die Schweine, die die wertvollsten Teile des Getreides erhalten, bester Gesundheit.

Felix Grandel äusserte schon damals, dass diese Mangelkost und der Verzehr von grossen Mengen isolierten Zuckers unweigerlich zu Ernährungskrankheiten führe.

„Kein Zweifel, das volle Getreidekorn und die daraus hergestellten Vollkorngebäcke, vor allem der Frischkornbrei, sind die gesündesten und billigsten Getreidegrundnahrungsmittel, die auch dem Ganzheitsbegriff in unserer Ernährung gerecht werden“, schreibt er in seinem Buch.

Da es viele Menschen gibt, die eine solche Kost ablehnen, reifte in ihm der Entschluss, die wertvollsten Teile des Korns zu isolieren und für die Aufwertung der Zivilisationskost nutzbar zu machen.

Er bezeichnete diese als natürliche Schutzkostkonzentrate, „mit deren Hilfe wir bis ins hohe Alter leistungsfähig bleiben“. Dieser von ihm aufgezeigte Weg ist wohl bis heute die praktikabelste Lösung.

Als Felix Grandel eine der ältesten Mühlen in Bayern, die “Richters Pfladermühle” in Augsburg übernahm, begann er mit Versuchen, die Keime für die menschliche Ernährung nutzbar zu machen.

Zunächst ging er daran, die im Keim enthaltenen Bitterstoffe, Enzyme und andere Verbindungen, die den Verderb bedingen, zu entfernen. 1936 gelang ihm dies. Nach vielen Versuchen hatte er die ersten entbitterten und haltbaren Weizenkeime hergestellt. Das Besondere war, dass durch dieses biologische Verfahren kaum Verluste an lebenswichtigen Wirkstoffen auftraten. Schon innerhalb eines Jahres kamen die „Richters entbitterten Roggen- und Weizenkeime“ in die Reformhäuser, 1939 folgten Dr. Grandels „Keimdiät-Weizenkeime“.

Persönlicher Kontakt
Als ich Dr. Felix Grandel 1966 in Augsburg persönlich kennen lernte, erzählte er mir mit Begeisterung von seiner Pioniertat und von seinen vielen neuen Ideen. Er begeisterte mich mit seiner temperamentvollen Art und seinem Forscherdrang. Ihm habe ich viel zu verdanken. Seine Persönlichkeit prägte meine zukünftige schriftstellerische Arbeit über Vitamine, Mineralstoffe und natürliche Nahrungsergänzungsmittel. Auch überzeugte er mich, dass eine gesunde Ernährung viele Vorteile bringt. Anlässlich eines Besuchs in Augsburg konnte ich in der Diätküche ein Vollkornmüesli und ein Weizenkeimbrot geniessen. Dazu reichte er mir einen schmackhaften Granoton-Cocktail.

Zu seinen ersten Kunden seiner Keime, so erfuhr ich bei weiteren Treffen, zählte die Bircher-Benner-Klinik in Zürich. Berühmte Forscher, wie Prof. W. Stepp, Prof. W. Zabel und Prof. W. Halden erkannten die Möglichkeit der Anreicherung vitamin- und mineralstoffarmer Zivilisationskost mit Weizenkeimen. Sie waren voll des Lobes und bestärkten Dr. Grandel in seiner Forschung fortzufahren. In der Folgezeit entstanden weitere Weizenkeimprodukte. Grandel wurde Begründer der Getreidekeimtherapie und der Keimdiät.

Am 20. Oktober 1971 hatte ich die Gelegenheit den Vortrag „Umweltschutz und Ernährung, Diät – die Therapie der Zukunft“ im Saal des Kolpinghauses in Biberach a. d. Riss zu hören. Anwesend war noch Liesel Niedbala, staatl. gepr. Diätassistentin, die praktische Hinweise und Ergänzungen gab.

Kernpunkte seines Vortrages waren die richtige Ernährung, Wirkstoffe und ihre stoffwechselaktivierenden Aufgaben (er bezeichnete Vitamine, Enzyme und Spurenelemente als wichtige Zündstoffe für den Organismus), Inhaltsstoffe des Getreidekeims und goldene Weisheiten bei Störungen von Herz-Kreislauf, Bauchspeicheldrüse, Magen-Darm und Leber-Galle. Zum Schluss sprach er noch von der seelischen und geistigen Diät. Es nützt die beste Diät nichts, wenn das seelische und geistige Gleichgewicht nicht vorhanden ist. „Wenn einer nicht innerlich in Ordnung ist, dann flüchtet er sich in die Krankheit.“ Diese Worte von Dr. Grandel blieben mir bis heute tief in Erinnerung. (13)

Quellen
(1) Hindhede, Mikkel: „Gesundheit durch richtige und einfache Ernährung“ , gekürzte deutsche Ausgabe von Dr. L. Meyer, Johann Ambrosius Barth-Verlag, Leipzig 1935.
(2) Baumgartner, Judith: „Ernährungsreform – Antwort auf Industrialisierung und Ernährungswandel“, Peter Lang Verlag.
(3) Baumgartner, Judith: „Ernährungswandel und Ernährungsreform“, „Der Vegetarier“, Heft Nr. 6, 1992.
(4) Kollath, Elisabeth: „Wern er Kollath – Forscher, Arzt und Künstler“ , Haug Verlag, Heidelberg 1978.
(5) Kollath, Werner: „Die Ordnung unserer Nahrung“, Haug Verlag, Heidelberg 1981 (9. Auflage).
(6) Buck, Michael, Richard: „Medicinischer Volksglauben und Volksaberglauben aus Schwaben“, 1865.
(7) Kollath, Werner: „Zivilisationsbedingte Krankheiten und Todesursachen“, Haug Verlag, Ulm/Donau 1958.
(8) Bircher, Ralph: „Leben und Lebenswerk Bircher-Benner“ (Bahnbrecher der Ernährungslehre und Heilkunde), Bircher-Benner-Verlag, Bad Homburg v. d. H. 1959. – Artikel in der Zeitschrift „Der Vegetarier“, Heft 12, 1971.
(9) Waerland, Are: „Der Weg zu einer neuen Menschheit“ (Eine Gesamtschau des Gesundheitsproblems), Humata Verlag Harold S. Blume, 2. Auflage, Bern 1959.
(10) Wirz, Albert: „Die Moral auf dem Teller“, Chronos-Verlag, Zürich 1993.
(11) Scholz, Heinz: „A. Vogel – Aktiv gegen Rheuma“, A. Vogel Verlag, Teufen 2003.
(12) Pater, Siegfried: „Dr. med. Max Otto Bruker – Der Gesundheitsarzt“, von Siegfried Pater, RETAP Verlag, Bonn 2001.
(13) Scholz, Heinz: „Kleiner Keim – grosse Wirkung“, Bircher-Benner Verlag, Bad Homburg v. d. H., 2006.
(14) Scholz, Heinz: „Richtig gut einkaufen“ (Die moderne Lebensmittelkunde für den Alltag), Verlag Textatelier com., Biberstein 2005.

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