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     10. Dezember 2018, 11:48 Uhr
 


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Ohren und Nase wachsen ständig

Meine Ohren finde ich absolut akzeptabel, auch wenn sie in meinem Alter (über 70) schon recht gross geworden sind. Schlimmer ist die Nase, die bei mir schon in jungen Jahren irgendwie zu robust war, halt ein echt bäuerlicher Gesichtserker. Den möchte ich lieber nicht noch dicker herumtragen müssen; aber sie wird immer ein wenig grösser, wie mir scheint. Eine Gesichtschirurgie käme natürlich auch im schlimmsten Fall nicht in Frage.
P.P., CH-3422 Kirchberg

Antwort: Die Ohren und die Nase des Menschen wachsen zeitlebens weiter, was zwar so nicht ganz genau stimmt: Denn es ist kein eigentliches Wachstum, sondern da lagert sich bloss Nasen- beziehungsweise Ohrenknorpel ab, der natürlich etwas Platz braucht, wie das bei jder Lagerhaltung der Fall ist. Von Durchschnittsgrössenangaben (wie 5,1 cm Nasenlänge bei einer europäischen Frau von 30 Jahren, 2,2 cm vorstehend, bzw. 5,8 cm/2,6 beim Mann[1]) halte ich nicht viel, da ja immer die Körper- und Kopfgrösse in Rechnung gestellt werden muss und jeder Mensch ein Individuum ist. Bemerkenswert ist immerhin die Feststellung, dass die Nase zwischen dem 30. und 100. Altersjahr um etwa 8 mm wächst, knapp 1 mm innerhalb von 10 Jahren also, wobei dieser Vorgang bei Männern ausgeprägter als bei Frauen ist. Das sind hier wie dort Dimensionen, die niemanden zu beunruhigen brauchen.

Bei Tieren sind lange Nasen nicht gewöhnlich; man denke nur an die geschlechtsreifen männlichen Nasenaffen (Nasalis larvatus) aus der modebewussten Familie der Schlankaffen, die in den Mangroven- und Flussuferwäldern von Borneo leben – bei ihren Partnerinnen ist die Nase zierlich. Die gurkenförmige Nase dient den Männchen dazu, ihre Drohrufe und Schreie über weite Distanzen zu verbreiten; es ist also eine Art Trompete, ein Resonanzkörper, stört aber beim Essen. Während der Zufuhr von Nahrungsmitteln muss die Nase beiseite geschoben werden. Es gibt übrigens auch Stumpfnasenaffen (Rhinopithecus) mit Stupsnasen, die recht menschlich wirken; diese Nase ist bei beiden Geschlechtern anzutreffen.

Eine besonders grosse Nase wurde zum Markenzeichen des ehemaligen Schweizer Radrennfahrers Ferdy "National" Kübler, der seinen grossen Vorbau noch heute mit Stolz trägt und sich nie daran gestört hat. Die römische bzw. indianische (geschwungene) Adlernase verschafft Küblers Gesicht sozusagen eine aerodynamische Form, wohl ein Grund dafür, dass Kübler als Velorennfahrer alle Preise gewonnen hatte, die es damals zu gewinnen gab. Auch der Komödiant Mike Krüger steht zu seiner auffallend grossen Nase, trägt sie mit Stolz zur Show! Und kürzlich sah ich einen uralten Film mit Heinrich Gretler in der Rolle des gekidnappten Papstes mit seinem gütigen Gesicht und einer knorrig verwachsenen Allerweltsnase.

Wahrscheinlich haben wir vor lauter Jugendkult verlernt, die Schönheit alter, markanter Gesichter mit ihrer einzigartigen Ausstrahlung zu erkennen. Und das Märchen "Der Zwerg Nase" von Wilhelm Hauff hat wegen der eindringlichen Schilderung entstellender Nasen vielleicht tiefe Spuren hinterlassen. Leseprobe: "Da kam ein altes Weib über den Markt her; sie sah etwas zerrissen und zerlumpt aus, hatte ein kleines, spitziges Gesicht, vom Alter ganz eingefurcht, rote Augen und eine spitzige, gebogene Nase, die gegen das Kinn hinabstrebte; sie ging an einem langen Stock, und doch konnte man nicht sagen, wie sie ging; denn sie hinkte und rutschte und wankte; es war, als habe sie Räder in den Beinen und könne alle Augenblicke umstülpen und mit der spitzigen Nase aufs Pflaster fallen." Und so weiter bis eben zur riesigen Zwergennase, die dann zurückgezaubert werden konnte.

Ich habe zu solchen Märchen ein zwiespältiges Verhältnis; sie prägen die Kinder oft unnötig, indem sie anhaltend wirksame Feindbilder aufbauen wie das Beispiel vom "bösen Wolf" zeigt, das nachwirkt: Wölfe werden mit Vorliebe abgeschossen – von Menschen, die das Kindesalter weit hinter sich haben.

Wir müssen eine neue, entkrampfte Beziehung zu individuellen Eigenarten und äusseren Erscheinungsformen finden und gegebenenfalls zu grossen Ohren und einer "Supernase" stehen. Niemandem kommt es in den Sinn, einen Afrikanischen Elefanten seiner grossen Ohren wegen (bis 1,5 m Länge), die als Ventilator und auch der optischen Kommunikation dienen, als hässlicher denn einen Indischen Elefanten zu empfinden, der verhältnismässig kleine Ohren hat. Grosse Ohren, deren sich auch die Fledermäuse, Hasen, Kaninchen, Wüstenfüchse usw. erfreuen, verbessern die Hörfähigkeit, und eine grosse Nase müsste eigentlich auch das bessere Riechorgan sein, ein gutes Training vorausgesetzt (die Informationen müssen im Gehirn ausgewertet werden). Denn in einer stattlichen Nase haben logischerweise mehr Sinneszellen (Riechneuronen im Riechepithel) Platz, und das eingeatmete Duftvolumen ist grösser. Bei Weindegustationen haben Leute mit grossen Nasen ein besonderes Ansehen, wenn sie dazu auch noch fachkundig sind. Die grosse Nase unterstreicht die önologische Kompetenz. Es gibt also weit und breit keinen Grund, seine grosse Nase nicht riechen zu können.

Die Steinfiguren auf der Osterinsel haben alle lange Adlernasen und sehr lange Ohrläppchen; im Film "Rapa Nui" ist dargestellt, wie die Stämme der Langohren über die Kurzohren regieren!

"An der Nase eines Mannes erkennt man seinen Johannes", behauptet der Volksmund. Wenn das stimmt, hat die Nase auch eine Beziehung zum Naturell des Menschen. Da ist sicher etwas dran. Pflegen und akzeptieren Sie also Ihren Gesichtserker, der Ihren Gesichtsausdruck mitgestaltet und prächtig mitmodelliert.

Die Nasenform ist fürwahr eines der prägenden Gesichtselemente. Dass es so viele Nasenformen gibt, macht die Visagen erst interessant: lange, kurze, gebogene, Stupsnasen, Sattelnasen, Hakennasen, Höckernasen, verschiedene Formen der Nasenspitze usw. Nasenkorrekturen (Rhinoplastik) bringen in der Regel wohlgeformte Standardnasen hervor. Ginge der Modetrend zu grösseren Nasen, würden sich viele Menschen die Nase vergrössern lassen, und wären alte Gesichter "in", würden sich Junge Falten stylen lassen – genau wie das die weiblichen Angehörigen der Ureinwohner in Sarawak (Borneo) tun: die Dayak, Iban und Kayan usw. Die Ohrläppchen werden durchbohrt und mit Messinggewichten oder einem Ring in die Länge gezogen, möglichst bis auf die Schultern hinab, und mit grossen Löchern versehen.

Wenn es das Modediktat einmal verlangen sollte, werden sich viele moderne Menschen Hörner aufpflanzen lassen. Es ist alles eine Frage des Geschmacks – auch die Beurteilung des Aussehens der Sinnesorgane fürs Hören und Riechen.

Walter Hess

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[1] Die Zahlen stammen aus Forschungen der Universität Zürich, wo 2500 Nasen vermessen worden sind.

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