Textatelier
BLOG vom: 22.07.2005

Die Algen allein sind am blühenden Debakel schuld

Autor: Walter Hess

Sie betrinken sich, torkeln, fallen in einen Strassengraben und verletzen sich. Und sagen: Der Alkohol war schuld.

Die Menschen züchten Kampfhunde. Und die beissen dann zu, wo sie es nicht hätten tun dürfen. Die Kampfhunde sind schuld.

Sie tragen Schuhe mit flachen Sohlen und rutschen auf dem Eis aus: Das Eis war schuld.

Das Weltklima erwärmt sich: Die Sonne und das CO2 sind schuld.

Ein Kind schaut lieber fern und spielt mit dem Handy. Es lernt nicht, macht keine Schulaufgaben und erhält schlechte Noten: Der Lehrer ist schuld.

Sie tragen zu Ihrer Gesundheit keine Sorge, essen Fleisch und Zucker in jeder Menge, werden von Rheumatismus und Zuckerkrankheit befallen: Ein Gendefekt ist schuld. Schliesslich sind wir wandelnde Gendefekte, die durch Gentechnokraten neu eingerichtet werden müssen.

Solchen Nonsens verbreiten die Medien am Laufmeter. So vermeldete die DPA am 19. Juli 2005 unter dem Titel „Algenseuche vor der ligurischen Küste“ das Folgende:

In den vergangenen Tagen mussten sich in Genua mehr als 80 Badegäste mit Vergiftungssymptomen im Krankenhaus behandeln lassen.

Auslöser für die Beschwerden sei eine tropische Alge mit dem Namen „Ostreoptis ovata”, berichtete die italienische Zeitung „Il Messaggero” an diesem Dienstag. Die Mikroorganismen, die Licht und Wärme mögen, hätten sich in den vergangenen Tagen rasant vermehrt und das Wasser verseucht, hiess es.

Die betroffenen Badegäste litten vor allem unter Atembeschwerden, Fieber und Husten, konnten jedoch nach einer Behandlung im Krankenhaus wieder entlassen werden. Der Bürgermeister von Genua, Giuseppe Pericu, verhängte ein Badeverbot bis zum Donnerstag.

Soweit die Meldung, wie sie von der FAZ online wiedergegeben wurde. Die gleich lautende Meldung wurde von den allermeisten Medien ebenfalls gedankenlos übernommen. Man erkennt sogleich: Eine Algenart ist schuld. Sie ist die Auslöserin. Licht und Wärme tragen eine Mitschuld.

Mit anderen Worten: Die tropische Alge kam extra aus den Tropen angeschwommen, um bei Genua das Meer zu verschmutzen und um den Leuten die Badefreuden zu vermiesen. Auch an der schwedischen Ostseeküste blühen die Algen (die Blaualge Nodularia spumigena) herrlich. Diese Alge produziert angeblich ein Lebergift. Mögliche Anzeichen einer Vergiftung sind Übelkeit und Erbrechen.

Erbrochen habe ich mich im Jahr 1991, als ich aus publizistischen Gründen eine Reise an Italiens Küsten unternahm, um die Wasserqualität zu ergründen. Im Golf von Genua war kurz davor gerade der Öltanker „Haven“ mit 143 000 Tonnen Rohöl gesunken. Aber auch ohne diese Katastrophe war (und ist) der Wasserzustand an den Küsten von Oberitalien eine solche. Man hat dort nie Geld für unnütze Dinge wie Kläranlagen verschwendet.

Im Po-Delta hätte ich auf dem Geschwemmsel zu Fuss übers Wasser gehen können, ohne Zuflucht zu einem biblischen Wunder nehmen zu müssen, hätten mich nicht Gefühle des Ekels davon abgehalten. Und das war nur der harmlosere, sichtbare Aspekt der grenzenlosen Wasserverschmutzung durch die Verwechslung des Meers mit einem Abfallkübel beziehungsweise einer Jauchegrube und Entsorgungsanlage für Industrieabwässer.

Selbstverständlich können auch die Fische in dieser Brühe kaum noch überleben. Sie haben zudem das Pech, dass sie sich nicht durch Erbrechen von Giften befreien können, soviel ich weiss. Sonst wären ihre Tage mit Dauer-Kotzen ausgefüllt.

Wie wärs, wenn die Medien zur Erklärung der Algenblüte vielleicht einmal ein simples Kapitel Ökologie zum Besten geben würden? Etwa so: Die Gewässer werden, wenn man ihnen keine Sorge trägt, durch Stickstoffverbindungen (Nitrate und Ammonium-Stickstoff) und Phosphate überdüngt. Diese Düngemittel stammen aus der Intensivlandwirtschaft, die zwecks Ertragssteigerungen mit solchen oft hemmungslos umgeht, sodann auch aus den häuslichen Abwässern, insbesondere aus Exkrementen, die man ja auch zum Düngen verwenden könnte, wie das früher der Fall war, wären sie dank Zivilisation nicht mit Chemikalien verseucht. Dazu kommen noch natürliche Nährstoffe (z. B. durch den Laubfall).

Vor allem die menschlichen Aktivitäten führen zu einer Überdüngung (Fachwort: Eutrophierung). Die Algen gehören zu den Profiteuren dieser für sie ausserordentlich günstigen Situation. Wenn zu diesem gedeckten Tisch noch etwas Wärme hinzu kommt, vermehren sie sich rasant, das Gebot der Stunde nutzend. Ja, sie vermehren sich massenhaft, was man ihnen beileibe nicht verübeln kann. Wer sich im Biologieunterricht seinerzeit nicht wie ein Schnarcher in einem Schlaflabor benahm, weiss, dass sich eigentlich jede Art vermehrt, wenn die äusseren Bedingungen günstig sind (siehe Homo sapiens). Eutrophierungen sind günstig, vergleichbar mit der Überfülle in einem Supermarkt. Wenn aber zugleich Chemiegifte vorhanden sind, wird die Artenzahl eingeschränkt. Gifte sind zu den Regulationssubstanzen zu zählen; der weise Mensch hat dies erkannt und setzt sie immer häufiger ein.

Noch ein Wort zur Lage: Globalisierte Flexible verschleppen Arten, Bakterien und Viren rund um den Erdball, und nach US-Vorgaben darf der Naturschutz vernachlässigt werden. Er hat innerhalb des Neoliberalismus, der kurzfristige Gewinne um jeden ökologischen Preis anstrebt, keinen Platz, stört nur. Die legitime Giftproduktion blüht wie die Algen.

Somit sind die Algen eine hocherfreuliche Erscheinung. Ich hoffe, dass sie sich überall dort explosionsartig vermehren, wo das Wasser in Abwasser und wo Seen und Meere in Kloaken verwandelt worden sind.

Die Algen sind Profiteure menschlichen Unverständnisses, menschlicher Liederlichkeit und fehlender Einsicht. Auch bei den Medien scheint man die Zusammenhänge aus den Augen verloren zu haben. In den Medienausbildungszentren wird kein Biologieunterricht erteilt – das Marketing ist dort wichtiger. Das schlägt bereits auf alle Kanäle durch.

Der Bürgermeister von Genua hätte gescheiter das Gewässerverschmutzen als das Baden verboten oder unterbunden. Das Baden ist bei diesen Wasserqualitäten ohnehin kein Schleck mehr, so dass sich ein entsprechendes Verbot erübrigt.

Im Übrigen, ich wiederhole es: Die Algen sind schuld. Ich ersuche deshalb die chemische Industrie, ein wirksames Gift zu entwickeln, das auch alle Algen im Wasser killt. Ein Bombengeschäft. Man kann es dann der Einfachheit halber gleich dem Abwasser beimischen.

Dann wäre auch dieses Problem wieder gelöst. Auf die bewährte Weise.

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