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BLOG vom 24.07.2005


Warum nicht einmal die Terrorismus-Ursachen ergründen?

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)

Man kann tatsächlich bald einmal nicht mehr zusehen, was sich in der Terrorszene abspielt. Nach den welterschütternden Anschlägen tritt der Terrorismus nun breiter gestreut auf: eine Vielzahl von kleineren Anschlägen, neuerdings etwa in London und in Scharm el Scheich (Ägypten). Und der Westen überreagiert immer wieder nach dem unsinnigen 09-11-Schema, macht aus Anschlägen eine Bedrohung der ganzen „zivilisierten Welt“, macht sozusagen einen Weltkrieg daraus, wahrscheinlich sehr zur Freude der Terroristen. Sie erreichen ihre grossen Ziele mit Leichtigkeit.

Ein in einem Flughafen vergessener Rucksack führt zur Lahmlegung des Flugbetriebs. Mit ein paar Sprengstoffattentaten werden ganze Grossstädte und Länder ausser Betrieb gesetzt. Die Zivilisierten reagieren mit einem Ausbau der Überwachung, was für ihre „freie Welt“ bedrohlich ist; denn da können Unschuldige verdächtigt, verhaftet und erschossen werden, wie das als bezeichnendes Beispiel gerade in London geschehen ist. Scotland Yard entschuldigte sich – das zeigt zwar Grösse und Einsicht, macht den Erschossen aber nicht wieder lebendig.

Die Terroranschläge sind eine neue weltpolitische Sprache, ein allgemein verständlicher Jargon: Es geht offensichtlich um Aktionen gegen die „neuen Kreuzzügler“: die USA und Israel und deren Erfüllungsgehilfen wie Grossbritannien, Spanien (das nun eine neue Politik eingeschlagen hat) usw. – insgesamt um die westliche Gesellschaft. So verwerflich solche Anschläge auch sind, weil sie Unschuldige treffen, so sind sie (im Gegensatz zu Bombardierungen von Städten aus dem sicheren Hinterhalt, was die Amerikaner und ihre Verbündeten so gut können) doch nicht feige. Die Selbstmordattentate zeigen eindringlich, wie tief in der arabischen Welt dieser Hass gegen den Westen ist – es sind Verzweiflungstaten von tief beleidigten und in ihrer Seele geschädigten Menschen, die ich hier nicht rechtfertigen will, die aber auf mich aber doch einen tiefen Eindruck machen. Ich bin der Ansicht, dass die Selbstopferung selbst für einen Moslem einer grossen Überwindung bedarf.

Ich erlaube mir einige Gedanken über mögliche Terrorursachen zu machen, ob man die nun im Klartext aussprechen darf oder nicht, ist mir egal. Es ist meine Überzeugung, dass man sie einmal benennen muss, damit diese heillos verfahrene westliche egoistische Politik vielleicht um ein paar Einsichten bereichert wird. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass sie nicht Allgemeingut sind; aber kaum jemand wagt es, sie auszusprechen. Wohlan denn:

Die Politik Israels den Arabern gegenüber war in den vergangenen Jahrzehnten schändlich. Den Palästinensern wurde heiliges Land gestohlen, und mit einer riesigen militärischen Übermacht wurden die Bestohlenen niedergehalten. Mit Bulldozern, Maschinengewehren und Bomben aus Flugzeugen wurden sie gezüchtigt – man baute ihnen eine Mauer aufs eigene Land. Von einem Volk Israel, das so viel Schweres erleiden musste, hätte ich ein anderes Verhalten erwartet. Kaum jemand wagte ein Wort der Kritik an diesem Gebaren zu äussern. Im Westen durfte die Atombewaffnung Israels nicht einmal erwähnt werden. Das alles war Terrorismuszucht in Reinkultur mit Unterstützung der USA. Es war eine verwerfliche, unethische Politik. Ich bin kein Judenhasser, weiss, dass es in Israel, das ich mehrmals besucht habe, sehr, sehr viele rechtdenkende, anständige Menschen gibt, die unter der offiziellen Politik leiden, aber nichts dagegen ausrichten können.

Wie sollten sich die Araber wehren, die keine hochgerüsteten Armeen haben? Die Antwort ist längst gegeben.

Die Verbandelung Israels mit den USA wirkte sich weltpolitisch verhängnisvoll aus. Die USA zettelten auf der Grundlage von billig inszenierten Kriegslügen Erdölkriege in der arabischen Welt an: Irak, Afghanistan, dann wieder Irak. Das Ziel Iran ist in Vorbereitung. Als Zehntausende von Menschen, Kindern, Frauen, Männer, Junge und Alte, die nichts dafür konnten, im Bombenhagel, der in den Medien wie eine harmlose Feuerwerkerei dargestellt wurde, auf scheussliche Art umkamen, läuteten bei uns keine Kirchenglocken, und es wurde keine Schweigeminuten für jene unschuldigen Opfer inszeniert, auch nicht als die Folterungen in Bagdad und auf Guantánamo ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht wurden. Die Kriegsopfer auf arabischer Seite wurden nicht einmal gezählt, im Gegensatz zu den genau registrierten gefallenen US-Soldaten, deren Zahl um Grössenordnungen kleiner ist. Hat dieser Westen denn überhaupt keine Gerechtigkeitsgefühle? Und mit Blick auf die Geschichte: Hatte er sie je?

Die Geschichte, auch die neuere, ist bekannt, und es drängt sich die Frage gebieterisch auf, weshalb sich denn der US-hörige Westen konsequent hütet, auf die Ursachen einzugehen, obschon es nun auch in eben diesem Westen (und vielerorts wo westliche Touristen sind) unschuldige Opfer gibt und Abhilfe dringend Not täte. Der Westen geht nicht in sich, sondern reagiert nach dem längst zur Katastrophe ausgeweiteten primitiven Bush-Muster mit mehr Härte, mit mehr Unnachgiebigkeit, mit mehr Brutalität, mehr Überwachung, mehr Überwachungsstaat. Die Terroristen sind überall – also können die Regimes „im Interesse des Volks“ unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung alles tun und veranlassen, was ihnen zur Machterhaltung und zur Machtvergrösserung gerade einfällt. Ihnen kanns nur Recht sein. Nach dem einfältigen Gut-Böse-Schema wird in kindischer Art brutal vorgegangen und die Erde in einen terroristischen Pflanzgarten umgewandelt.

Im westlichen Denken scheint das Wort Ursache ein Fremdwort zu sein – das ist auch bei der Krankheitsbehandlung so. Man sucht nicht nach Heilung, sondern vermarktet Krankheiten gewinnträchtig – im Blog „Kranksein als Bürgerpflicht“ 5. Juli 2005) ist dies ausführlich dargestellt. Man versucht nicht, die Anliegen der arabischen Welt und deren Kultur zu verstehen, sondern ballert blindwütig darauflos, und zu den Kollateralschäden dieser Gewalttätigkeiten gehört nun halt einmal die Zucht von Terroristen.

Der Westen, und mag er noch so erdölhungrig sein, mag er noch so begierig sein, sich auf Kosten von anderen zu bereichern, müsste endlich zur Einsicht gelangen, dass er seine Kreuzzüge (Bush-Jargon) beenden und die grossartige arabische Kultur, die andere Spielregeln kennt, als gleichwertig anerkennen muss. Er hat sich an Erfordernisse von Ethik und der Menschlichkeit zu halten, sich für seine jüngste Geschichte zu entschuldigen und seine Zerstörungen wieder gut zu machen. Das würde endlich das nötige andere, friedliche politische Klima schaffen.

Ich weiss nicht, ob man das sagen darf. Die Meinungsfreiheit sollte sich jedenfalls nicht in der Verbreitung der proamerikanischen Einheitsmeinung erschöpfen.

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