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BLOG vom 27.07.2005


Reaktionen auf Blogs (14): Money, Bibel und Colt in den USA

Präsentation der Leserpost: Walter Hess

In den Blogs kommt immer wieder eine ausgesprochen amerikakritische Haltung zum Ausdruck. Dazu hat mir Dr. phil. Rainer Meyer-Kümmerle, CH-4127 Birsfelden BL, eine bemerkenswerte Stellungnahme zukommen lassen, die ich mit dem Einverständnis des Autors vollumfänglich wiedergeben möchte:

Woher kommt unsere (europäische) Abneigung gegen fast alles, was von „drüben“ kommt? Ist es Dünkel, oder französisch, oder eine fast nicht formulierbare mentale Differenz? Ich meine, es sei das Dritte, obwohl das Zweite mir auch plausibel vorkommt, wenn ich sehe, wie Amerikaner im Nobelrestaurant löffelweise Zucker in ihren Wein tun. Jedenfalls fällt es „uns“ Europäern schwer, diese Divergenz schlüssig in Begriffe zu fassen. Ein Amerikaner würde sagen, das sei UNSER Problem und hat damit vielleicht Recht. So bleiben eine Menge Fragen und wenig Antworten:

Wer zum Beispiel ist die Kamarilla, die diesem äusserst heterogenen Haufen (USA) von weissen Eroberern, osteuropäischen Einwanderern, indianischer Urbevölkerung, Negern und Latinos die Kommandos gibt? Darf man sagen, dass in dieser Aufzählung ausgerechnet die Juden fehlen, obwohl sie einen ganz beträchtlichen Prozentsatz ausmachen, ganz zu schweigen von ihrer Wirksamkeit. Man darf nicht, und deshalb sage ichs auch nicht. Punkt.

Zurück: Warum zum Teufel lieben wir die Amis nicht, wo wir doch sollten? Und warum wollen wir wenig bis nichts von ihnen haben? Einen Hamburger schon gar nicht. Und warum wollen wir möglichst wenig von ihren Filmen, ihrer Musik (Ausnahme für mich: Folk-Songs), ihrer Weltsicht (so es sie denn gibt) sehen und hören? Und warum klingelt es unangenehm in unseren Ohren, wenn zum siebenmalsiebzigsten Mal von Demokratie die Rede ist?

Vermutlich liegt es daran, dass die WIRKSAMEN Ideen – und Divergenzen – nicht in Worte zu fassen sind (dies ist übrigens ein „basso ostinato“ der Platonischen Philosophie). Ich kanns vermutlich auch nicht, aber ich probiers, selbst auf die Gefahr hin, dass ich Eulen nach Athen trage:

Amerikaner lernte ich zum ersten Mal kennen, als sie im Jeep oder oben auf dem Panzer, jeweils eine Knarre unterm Arm, vorbeifuhren und an uns Buben Kaugummis verteilten (das, was wir ja am allernötigsten hatten). Manchmal war auch ein Nestlé-Kaffibüchsli dabei. Insgesamt waren sie freundlich (im Gegensatz zu den Russen, die ich jedoch nicht selbst erlebt habe). Den Wachsoldaten klaute ich die fortgeschnippten Zigarettenstummel.

SCHNITT.

1960: Eine deutsche, neu aufgestellte Artillerieeinheit („Honest John“), ich mittendrin. Wettbewerb zwischen der amerikanischen und der deutschen Einheit beim Aufbau und der Endmontage des (auch atomar vorgesehenen) Sprengkopfs:

Ich weiss es noch wie heute: Wir hievten mittels Kran den Sprengkopf (natürlich eine Doublette) auf den Werfer, ein Lastwagen mit Lafette, zogen die Schrauben zur Antriebseinheit (ein Festkörpertreibsatz) fest, verkabelten das Ganze und meldeten nach höchstens einer halben Stunde: „Fertig.“

Anders die Amis: Bei jeder – jeder (!) – Tätigkeit stand einer nebendran und hakte eine „Checklist“ ab. Die Schrauben anzuziehen, nein, sooo einfach ging das nicht. Sie mussten mit einem Drehmomentschlüssel bis zu 80 Pounds angezogen werden, und – der Checklist-Heini musste jede einzeln abhaken. Zeitbedarf: zirka 2 Stunden.

Extrakt: Schon damals hätte ich merken und wissen können, dass diese spezifisch amerikanische Denkweise auf den allerdümmsten Bodensatz der Beteiligten ausgerichtet war. „Programmieren“ oder „Konditionieren“ sind die zugehörigen Begriffe. Bei friderizianischen Soldaten war das wohl ebenso, aber wir empfinden das heute anders, weil noch ein Minimum an eigenem Denken (der Marschallstab) im Tornister war.

Wir hingegen verfuhren nach der alten Handwerkerregel: Ganz fest anziehen und danach eine halbe Umdrehung lockern. Unser Werk hat auch gehalten.

Später habe ich dann als Analyst und Programmierer zu meiner Schande genau dasselbe für ganz normale Schweizer Betriebe gemacht. Die Idee dahinter: Alle produktiven Vorgänge von intellektuellen Anforderungen zu „reinigen“. Die Anbiederung der klassischen EDV ist nicht nur, Sklavenarbeit (Routine) von noch minderwertigeren artifiziellen Helfern verrichten zu lassen, sondern insgeheim, die gewachsenen Strukturen auszuhebeln. Die sich abzeichnende Armuts/Reichtums-Schere ist ein deutliches Anzeichen.

SCHNITT.

Vermutlich waren Sie, ebenso wie ich, öfters in den USA (der Südwesten hat es mir angetan). Ich werde jedoch nicht mehr hinfahren, solange die Gefahr besteht, dass am Flughafen eine streng blickende Negermammy meine Socken und Schuhe inspizieren will. Von „erkennungsdienstlicher Behandlung“ ganz zu schweigen.

Wenn von europäischer oder Schweizer Seite Gegenrecht gehalten würde, wäre das etwas anderes und sehr erfreulich.

Die grundsätzliche Frage ist also: Ist die besondere amerikanische Nähe von Bibel, Money und Colt zwangsläufig und/oder historisch erklärbar? (Ich verweise hierzu noch auf Autoren wie Gore Vidal, Karl Heinz Deschner und Noam Chomsky).

Das Vertrackte ist, dass dort drüben zunächst alles ganz „normal“ aussieht, bis man Differenzen zu unserer Lebensart zwar fühlt, aber nicht hinreichend formulieren kann. An diesem Punkt beginnt die Arbeit, und sie sollte sich nicht von Voreingenommenheiten irritieren lassen.

Nützliche Feststellungen:

1.) Das puritanische Erbe der britischen Pilgerväter. Nebst einem lächerlich einfältigen Buchstabenglauben (King George’s Bible und sonst nichts) – den diese Christen paradoxerweise mit ihren korangläubigen Antagonisten teilen (Mosaische Brüder gehören auch in eine der beiden Kategorien, ich weiss nur nicht, in welche. Aber es war schon immer so) – ein ungeheurer und unreflektierter Anspruch auf das RECHT, Land und Ozeane und womöglich das Drumherum in Besitz zu nehmen. Dies ist britisches Erbe. Stichwort: Bible and Cattoon, while ruling the waves. Während dies bei Engländern noch als Heuchelei abgetan werden konnte („Perfides Albion“), ist es bei Amerikanern Programm. Es ist auf seine Weise aber auch grossartig. Man kommt nicht auf den Mond, wenn man ihn bloss besingt. Und man trifft keinen Kometen, wenn man nicht newtonische und keplersche Mechanik bis ins kleinste ausrechnen kann. (Wenn man dahinter einen Cowboy mit Colt sehen will – bitte, nur zu! Sie täten aber dem wissenschaftlichen Impetus dort drüben Abbruch.)

2.)  Dieses Denken legitimiert jedoch jeglichen Kreuzzug: Abschlachten der eingeborenen Völker und Ausrottung ihrer Kultur. Die Kavallerie hats schon gerichtet. Indianer eigneten sich nicht als Funktionierer oder Sklaven oder waren schlichtweg dezimiert (deshalb brauchte man Afrikaner). Übrigens: Die Spanier haben sich keinen Deut besser benommen. Das weist auf eine gewisse Seelenverwandtschaft hin – oder auf die unterliegende Gemeinsamkeit, das Christliche schlechthin, und dessen Absolutheitsanspruch. 20 (!) Millionen innerhalb von 2 Generationen tot und der Rest seelisch vernichtet – das ist eine Bilanz, hinter der – Verzeihung – Auschwitz verschwindet.

3.)  Der Dollar als kleinster gemeinsamer Nenner alles Existierenden: Alles durch ihn ausdrückbar, alles in ihn umrechenbar. Selbst biblische Erweckungsveranstaltungen verwandeln sich, wie seinerzeit Wasser in Wein, nunmehr in Dollars. Umgekehrt: Was nicht in Dollars quantifiziert werden kann, HAT KEINEN WERT. Respekt nicht, Interesse nicht, Liebe nicht, Qualität nicht, mit-leben und mit-leiden nicht. Entsprechend verwandelt sich jeder Schund, für den ein Bedarf geweckt werden kann, in ein epochales und profitables Ereignis.

4.)  Es ist nicht unbedingt das tägliche Leben der US-Amerikaner, das korrumpiert wäre. Es ist ihre Seele. Und daraus folgt vieles Ungute. Diese Seelendeformation ist entscheidend. Während bei unsereinem (in der Regel) eine innere moralische Richtschnur wirkt, die keiner oder nur geringer obrigkeitlicher Nachhilfe bedarf, ist die amerikanische Befindlichkeit mindestens zweigeteilt, um nicht zu sagen: schizophren. Einerseits eine fanatisch pietistische, legalistische Denkart, andererseits ein allzeit lockerer Finger am Abzug. Ein Preacherman hatte und hat kein Magendrücken, morgens von der allumfassenden Liebe Christi zu schwärmen, und nachmittags einen Viehdieb zu hängen.

5.)  Das innerseelische Pendant dieser Schizophrenie ist ein unglaubliches Sicherheitsbedürfnis einerseits und eine hysterische Aufgeregtheit andererseits, sollte diese Sicherheit einmal bedroht sein. Ich kann es mir deshalb nicht verkneifen: Da stürzen die Twin-Towers zusammen – zweifellos ein genau kalkulierter, barbarischer Akt mit klarer Zielrichtung auf globalisiertes, frei flottierendes Kapital, aber: AUF US-TERRITORIUM!! Das ist die eigentliche Sünde der „Terroristen“. Nur sagts niemand. Wenn ich mich aber als Augenzeuge erinnere, wie die deutschen Städte vor 60 Jahren ausgesehen haben … Oder auch – Seitenblick − wie es auf dänischen Grabsteinen steht: „Kun en Tysker“ (Nur ein Deutscher). Historiker aller Herkunft und Couleur haben – Verzeihung – Schiss, diese Art Parallelen zu ziehen, besonders natürlich deutsche. Es könnte ja an die Karriere gehen. Man darf sie aber nicht vergessen. Jedenfalls haben sie in Berlin KEIN Denkmal.

6.)  Wenn eine unterschwellige Angst den Finger am Abzug befehligt, ist es zum Psychiater nicht weit. Warum wohl haben Amis so viele davon? Dies ist der klarste Ausdruck einer verschobenen Gewichtung in der amerikanischen Seele. Man könnte sie damit alleine lassen und mit dem verflossenen Sachsenkönig sagen: „Macht euren Scheiss alleene!“ Aber leider ist da ihr besonderes Missionsbedürfnis, welches anstatt beschworener „Lösungen“ gerade aber ihre Probleme exportiert. Es ist billig, aber dennoch richtig, auf den Irak (Juli 2005) zu verweisen.

7.)Die Rechtsprechung: Wo sich eine Urteilsfindung nicht aus dem heiligen Wort oder vorangegangenen Sprüchen ermitteln lässt, ist sie sofort einem leichtfertigen Relativismus anheim gegeben, den die Anwälte (grad soviel wie Psychiater) zu nutzen wissen. Der tiefere Grund: Leider auch hierzulande hat sich im Nachgang zur griechischen Suche nach Wahrheit dieser Relativismus eingenistet. Zwar ist es schon richtig: Wahrheit ist verteufelt schwer zu finden. Daraus zu schliessen, dass sie überhaupt nicht zu finden sei, bewirkt aber keine Freiheit, auch keine Denkfreiheit, sondern die Diskreditierung aller Anstrengungen, sie eventuell doch festzunageln. Dasselbe geschieht mit dem Recht nach amerikanischem Muster.

Die Liste kann verlängert werden.

Was läuft da drüben schief?

8.)  Es läuft schief, dass der legitimen menschlichen Suche nach Erfüllung – unter weisem Einbezug auch eigener Leiden – durch die allgemeine und durchgängige Sucht nach Vergnügen und Äusserlichkeit alleiniger Ausdruck gegeben wird.

9.)  Es läuft schief, dass die Heilung von den daraus entstehenden Psychopathien Leuten überantwortet wird, deren Ausbildung und Abzweckung einzig und allein der Vermehrung ihres Kontos gilt – von einer Seelen-„Wissenschaft“, wie sie Freud, Adler und besonders C. G. Jung vorgeschwebt hatte, keine Spur.

10.)  Es läuft schief, dass Zyniker der oberen Klasse sich genau diese allgemeine Denkschwäche in beispielloser Brutalität zunutze machen und der Vertiefung und Vermehrung dieser Schwäche (unter Mithilfe Hollywoods, der Presse und der Jurisdiktion) bewusst nachhelfen.

11.) Es läuft schief, dass die Ressourcen unseres Planeten von ebendiesen Ratten unwiederbringlich aufgefressen werden.

12.) Es läuft schief, dass uns (auch den Europäern, sofern wir noch normal sind) eine besondere amerikanische Form der Heilserwartung als Bekenntnis zur „Demokratie“ abgezwungen wird. Die Schweiz konnte es seit Tells Tagen besser, machte keine Ideologie daraus, sieht sich aber heute dieser allgemeinen Denkschwäche ausgeliefert, es sei denn, Herr Christoph Blocher sagte etwas dazu, was auch ausserhalb gehört würde.

13.) Und es läuft schief, dass die besondere Art abendländischen Befreiungsdenkens – der Aufklärung −, die sowohl zum Beginn der Naturwissenschaft führte als auch zur philosophischen Befreiung von römischen Diktat wie auch zur Bibelkritik, ebenso zur moralischen Abkoppelung von Rom und zu den französischen und deutschen Verfassungen – im Amerika des 21.Jahrhunderts gestorben ist.

14.) Und es läuft ganz verkehrt, dass dort drüben eine unausgesprochene moralische Verfassung bestimmt, dass auch ein Hurendienst nichts anderes als eine Dienstleistung sei. Damit ist dann bis ins 30. Jahrhundert jegliche ethische Richtlinie vernichtet. Ich bin übrigens kein Prüderist. Die Gleichung kann man mit den entsprechenden Folgen auch umdrehen. Damit ist dann der (moralischen) Relativistik Genüge getan.

Der Fairness halber muss aber auch gesagt werden, dass gerade amerikanische Stimmen eben diese Analyse stützen.

Und da haben wir die Schizophrenie in anderer Form: Wenn man alles aufzählt, was amerikanischer Pragmatismus und Idealismus zusammen – technisch oder organisatorisch −  besser machen als wir Europäer, kommt ein fast genauso dicker Ordner heraus wie der oben angedeutete. Und jetzt sind wir es, die mit diesem Kultur-Clash nur mühsam umgehen können. Unser Stolz ist nämlich verletzt. Auch das muss man deutlich sagen.

Das Dumme dabei ist: Die Schweiz oder auch Deutschland haben in dem Konzert jener „westlichen“ Mächte bisher nur eine verschwindende Rolle gespielt, dürfen aber jetzt als Vertreter dieser Mächte schön brav den Kopf hinhalten. Clever gemacht! Von wem?

Deshalb:

15.)  Wir sollten anerkennen, dass aus einer (wahrscheinlich begründeten) Antipathie dennoch keine vernünftige Politik hervorgehen kann.

16.)  Wir sollten unterscheiden zwischen dem bigotten und trotzdem richtungslosen Bodensatz der US-amerikanischen Bevölkerung einerseits und der KAMARILLA andererseits, die dort drüben das Szepter führt.

17.)  Wir müssen UNSEREN Überzeugungen wieder mehr Gewicht verleihen, nicht durch Klagen, sondern durch Tun und der zugehörigen Philosophie. Das wäre dann der Beitrag unserer KULTUR.

18.)  Und schliesslich müssen wir begreifen, dass mit China und Indien schmerzhaft und langwierig – aber doch – Mächte heranwachsen, die alle transatlantischen Animositäten vergessen machen werden; deren Gedankengut uns womöglich noch drängender in die Ecke treiben wird als das amerikanische. Das Potential haben sie.

Der Angriff muselmanischer Killer wird gegenüber diesen längerfristigen politischen Konstellationen nur eine Episode bleiben.

Schlussfolgerung

Wir müssen uns auf die Hinterbeine stellen. Um das zu tun, müssen wir wissen, was wir verteidigen. Um wiederum dieses zu wissen, müssen wir denjenigen entgegentreten, die uns unsere Geschichte stehlen wollen. Um aber heute diese Diebe zu benennen, müssen wir die Freiheiten in Anspruch nehmen, die seit dem Rütli gegeben oder genannt sind, insbesondere die Freiheit der Rede, die aber unter Mitwirkung Schweizer Gerichte in besonderen Fällen unter Strafe stehen.

Ich meine, dass hier in diesem noch freien mitteleuropäischen Land und Volk die einzig verbliebenen Stolpersteine für die allgemeine, globalisierte Verblödung am Leben geblieben sind.

Jetzt wissen Sie auch, warum ich Schweizer geworden und samt meinen Kindern immer noch bin.

Gezeichnet: Rainer Meyer, 20. Juli 2005

*

Soweit der bemerkenswerte, tiefschürfende Brief zu unserem Verhältnis zu Amerika, der vielleicht und hoffentlich Auslöser einer kontroversen Diskussion ist. Wir freuen uns über jede Stellungnahme. Die nächsten „Reaktionen auf Blogs“ erscheinen bestimmt, ebenso wie selbst- und amerikakritische Kommentare ...

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