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BLOG vom 26.07.2005


Weihrauch und Drachenblut: Räuchern beim Hausbezug

Autor: Walter Hess

Man spricht in der Deutschschweiz oft von einer Hausräuche, Hausräuchete, Hausräuki oder Hausräuchi, wenn ein neu erbautes Haus gefeiert und bezogen wird. Das hat offenbar etwas mit Rauch zu tun, wohl mit Weihrauch oder anderem Räucherwerk, das unter anderem zur Segnung eingesetzt wird.

Wer ein bestehendes Haus, das während Jahren von anderen Menschen bewohnt war, bezieht, wird ebenfalls Räucherwerk einsetzen, wenn er einen gewissen Sinn für Traditionen hat. Das Räuchern wirkt als Schutzzeremonie, dient dementsprechend zum Steigern der Aktivitäten und zum Desinfizieren, auch von Krankenzimmern. So begann die Aromatherapie. Weihrauch war vor Tausenden von Jahren im Nahen Osten schon ein natürliches Desinfektionsmittel, wurde im alten Ägypten bei der Mumifizierung eingesetzt, und dieses Harz dient sogar als Schutz gegen Rheumatismen und andere Entzündungskrankheiten.

Der kultische Gebrauch in der jüdischen Religionspraxis und in der katholischen Kirche setzte erst später ein. Der heutige Kirchenweihrauch besteht meist aus einer Mischung verschiedener Harze. Im Handel werden etwa 10 bis 15 Kirchenweihrauchmischungen angeboten, die man wahrscheinlich treffender als Kirchenrauchmischungen bezeichnen würde. Eine herkömmliche Kirchenweihrauchmischung besteht aus 1 Teil Styrax, 4 Teilen Benzoe und 10 Teilen Weihrauchharz.

*

Zu einer Zeremonie des Ausräucherns war ich soeben bei einem Ehepaar eingeladen, das ein bestehendes, schönes, geräumiges Haus gekauft hatte und soeben am Einziehen war. Als Geschenk zur Feier des Hausbezugs hatte die liebenswürdige Schwester der frischgebackenen Hausdame eine Räucherwerk-Expertin eingeladen und als weiteres Geschenk eine kunstvoll gefertigte, erdige, zur Hälfte mit Quarzsand gefüllte Keramikschale mitgebracht, passend zu Glut und Räucherwerk.

Die charmante Räucherfrau aus dem Oberwynental kam mit ihrer hilfsbereiten Tochter und je einem Fläschchen mit kleinen Weihrauchkristallen (Gummiharz des Weihrauchstrauchs Boswellia serrata) und Drachenblutpulver von glänzender sattroter Farbe, das aus den Früchten des Drachenbaums (Dracaena draco) gewonnen wird, in aufgeräumter Stimmung an. Die Mischung aus Drachenblut und Weihrauch wird auch als Liebesweihrauch bezeichnet.

Die Expertin erklärte zuerst einmal, was denn der Sinn ihres Tuns sei. Zugleich brachte sie durch ausdauerndes, sanftes Blasen eine Kohletablette zur Weissglut – die Glut müsse wirklich vorhanden sein, sagte sie, damit sie der Abkühlung durch die Räucherwerkzugabe widerstehen und munter weiterglühen könne.

Im Hause ortete sie gute Schwingungen. Doch in jedem Gebäude gebe es unerwünschte Erscheinungen, sagte die adrette, feinfühlige Mittdreissigerin, wenn beispielsweise Handwerker geflucht hätten, wenn gestritten worden sei – was auch immer. Dann müssten solche Disharmonien wieder in Harmonien umgewandelt werden. Und böse – im Sinne von unerwünschte – Geister, was immer das auch sein möge, solle man nicht einfach vertreiben, sondern sie in einer ruhigen Art ihrem Platz zuweisen. Sie gehe nun von Raum zu Raum, warte, bis sich der Rauch in alle Ecken verteilt habe – und mit Wedeln oder einer grossen Vogelfeder könne man da etwas nachhelfen. Und dann müssen Türen während mindestens 2 Stunden weiterhin geschlossen bleiben, damit sich der Rauch richtig festsetzen und in Ritzen sowie Poren eindringen kann.

In Absprache mit dem Besitzerehepaar begann die Räucherexpertin in der unteren Etage, in der Garage, mit ihrer Arbeit. Als die Waschküche an der Reihe war, öffnete ich die Tür vor der Waschtrommel und des Tumblers, damit auch die späteren Wäschen von diesem Vorgang profitieren konnten. Irgendwelche erwünschte oder weniger erwünschte Wesen, die sich darin versteckt hatten, konnte ich dabei nicht ausmachen. Bloss eine vom Rauch leicht beschwingte Spinne der Gattung Tegenaria kletterte an einer Wand der Waschküche; ich brachte sie ins Freie, weil ich unter den ziemlich sterilen Bedingungen einen Nahrungsmangel vermutete.

Der Rauch verschonte wohlweislich keinen Raum, eine mehrstündige Zeremonie, bis das ganze Haus von Weihrauch (Apothekerausdruck: Olibanum) und Drachenblut duftete – ich konnte gar nicht genug von diesen orientalischen Düften bekommen, denen ich unter anderem auch bei verschiedenen Reisen in orientalische Länder wie in den Oman immer wieder begegnet bin. Drachenblut und Weihrauch in Kombination unterstützen sich gegenseitig, und es entsteht eine beflügelnde herbe, würzig-mystische Duftmischung, die sogar Stress beseitigen soll. Ich selber weiss zwar nicht, was unter Stress eigentlich zu verstehen ist; schon früher, als der Begriff noch nicht erfunden war, habe ich stressfrei recht gut und zufrieden gelebt. Und daran wollte ich in den reifen Jahren nichts mehr ändern.

In Salalah (Südoman) habe ich in einem trockenen, wüstenähnlichen Gebiet viele knorrige Weihrauchbäume und das kostbare Harz ausfliessen sehen; solche Weihrauchbäume gibt es in vielen arabischen Ländern und auch in Somalia. In den Räucherwerkläden Arabiens türmen sich Duftstoffe aller Art und Qualitäten. Sie vermitteln einem das Gefühl, man befinde sich in einem Vorratslager des Gartens Eden. Und solch ein paradiesischer Garten (beziehungsweise ein Nest) ist auch ein ausgeräuchertes Haus.

Im erwähnten Falle waren dessen Innenräume vom Ehemann gerade frisch gestrichen worden. Mit wasserlöslicher Biofarbe, chemiefrei. Nach den Kletterpartien und Streichkonzerten und unter den beruhigenden Wirkungen des Rauchs hing er ziemlich müde herum. Er wird sich wieder erholen.

Nach menschlichem Ermessen kann da nichts mehr schief gehen.

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