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BLOG vom 07.09.2005


Hubble-Bubble: Lasst ihnen und mir doch die Wasserpfeife!

Autor: Walter Hess

Diese Anti-Raucher-Kampagnen gehen mir langsam, aber sicher auf die Nerven. Die moderne Industrie- und Bequemlichkeitsgesellschaft darf mit ihren Motoren die Luft verpesten und das Klima zerstören, sie darf tonnenweise chemisch erzeugte Medikamente fressen – diese werden ihr förmlich aufgezwängt –; sie darf ihre Gesundheit mit Billigfleisch und Zucker und Auszugsmehlen ruinieren. Da gibt es keine Kampagnen. Und was alles an Chemiegiften mit amtlichem Segen in die Industriekost gestopft wird, geht auf keine Kuhhaut, auch auf keine solche eine Hochleistungskuh aus dem Turbo-Milchproduktionsbereich. Nur eines soll die heutige Gesellschaft nicht: rauchen. Der Staat verdient zwar enorm daran, aber er warnt trotzdem. Er hat gut warnen, weil es ohnehin nichts nützt.

Sicher ist es für den Organismus eine Katastrophe, wenn ihm täglich der Rauch von 40 Zigaretten zugemutet wird, genauso, wie wenn er mit Autoabgasen vollgepumpt wird. Aber rauchen ist nicht rauchen. Ich wehre mich hier für uns Pfeifenraucher. Das Pfeiferauchen hat sehr viel mit Kultur zu tun. Wir pflegen unsere handgemachten Pfeifen, stopfen sie kunstvoll mit Fingerspitzengefühl mit erlesenen Tabaken, wenn wir einmal eine Stunde der Musse (nötig) haben, zünden den Inhalt des Pfeifenkopfs sorgfältig an, stopfen nach und geniessen den kühlen Rauch nach allen Regeln der Kunst. Wenn der Tabak langsam abgebrannt ist, habe ich das Gefühl, etwas für die Gesundheit getan zu haben. Ich fühle mich entspannt, bin beglückt und geniesse den Rückgeruch.

Und jetzt sind die Wasserpfeifenraucher ins Schussfeld der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) geraten – ausgerechnet sie (wir). Angeblich rauchen weltweit etwa 100 Millionen Menschen die blubbernde Wasserpfeife, auch Hubble-Bubble oder Schischa /Shisha, Nargileh) genannt, vor allem in Nordafrika, Ägypten und im Südwesten Asiens, und jetzt macht sich dieses Übel scheints auch in der Schweiz breit ... Der Umgang mit der Wasserpfeife ist ein Kulturbestandteil dort, wo chemisch vergiftete Industriekost noch wenig bekannt ist.

Ich habe vor Jahrzehnten eine grosse, wunderbar verzierte Wasserpfeife aus Ägypten mitgebracht, und jedes Familienmitglied hat seinen eigenen Schlauch, in den der Name mit Goldfäden eingestickt ist. Das Rauchen ist ein Zeremoniell – und es kommt nicht einmal alle Schaltjahre vor, dass wir uns zum gemeinsamen Schmauchen hinsetzen, weil das eine lange Zeit der Musse braucht. Aber ich habe es schon des Öfteren getan, das Blubbern und den kühlen Rauch genossen – ein Hauch von Orient mit seinen herrlichen Düften, den ich häufig bereist habe. Solche Vergnügen lasse ich mir von irgendwelchen Bundesstellen nicht vermiesen – und wenn diese Warnerei nicht schleunigst unterbunden werden sollte, werde ich die Wasserpfeife in Zukunft häufiger zum Glühen bringen!

Eine Wasserpfeife schleppt man nicht mit sich herum wie ein Zigarettenpaket. Sie ist für zeremonielle Anlässe reserviert, für Stunden der Gemeinsamkeit, des gemeinsamen Philosophierens gedacht. Der Geist wird frei. Will man nach dem Bildungszerfall vielleicht auch noch das Nachdenken unterbinden? Die Wasserpfeife lehrt Geduld und Toleranz. Das allein schon wiegt einige Nebenwirkungen auf.

Man soll die Gefahren der Wasserpfeife untersuchen, so viel man will: Im Wasser bleiben Rauchbestandteile zurück. Man sieht das ja. Und der Rauch wäre kein Rauch mehr, wenn alles von ihm im Wasser ausgewaschen würde. Wieso soll man sich dieses Vergnügen als Entspannungsritual nicht ein Feierabendstündchen lang gönnen?

Das Erschreckende an diesen Anti-Raucher-Kampagnen ist die sträfliche Missachtung kultureller Aspekte und die Wirkungen aufs Gemüt. Da sind reine Chemie-Analytiker am Werk. Ich war in meinen jungen Jahren zugegebenermassen ebenfalls in dieser Branche tätig, habe mich dann aber vom eingeschränkten Labordenken befreit und versucht, mich in etwas höhere Sphären aufzuschwingen. Und dazu gehört ein gelegentliches Bruyère-Pfeifchen mit einem Optimum-Special-Tobacco, den ich mir von „Bonds of Oxford St.“ in London besorge und genüsslich in eine meiner Savinelli-, Stanwell-, Larsen- oder Dunhill-Pfeifen stopfe.

Ist die halboffizielle Warnung vor dem Wasserpfeife-Rauchen vielleicht ein Bestandteil der globalen Kampagne gegen die arabische Kultur, die vom amerikanisierten Einheitsdenken als minderwertig eingestuft wird? Das würde zum überheblichen Stil jener Welt passen, die sich als die 1. empfindet. Sie bietet ihre eigenen Kulturleistungen: Die über alle Kanäle verbreitete Primitiv-US-Gewaltkultur wird nicht nur zugelassen, sondern tatkräftig gefördert. Aber wenn Lebensäusserungen aus dem Orient bei uns Fuss fassen, werden Warnlampen eingeschaltet.

Die SFA, laut Medienberichten: „Der Rauch der Wasserpfeife enthält nicht nur das abhängig machende Nikotin, sondern auch Teer und andere Schadstoffe wie zum Beispiel Arsen, Chrom und Nickel, die zu Krebserkrankungen der Lunge, Mundhöhle und Blase sowie zu Tumoren an den Lippen führen können. Wegen der Verwendung von glühender Kohle enthält der Rauch der Wasserpfeife zudem grosse Mengen Kohlenmonoxyd. Dieses führt zu Sauerstoffmangel im Blut und belastet dadurch Herz und Kreislauf. Wird die Wasserpfeife von mehreren Personen gemeinsam geraucht, besteht die Gefahr, dass Krankheiten wie Herpes, Hepatitis oder in seltenen Fällen auch Tuberkulose übertragen werden. Ist die Wasserpfeife mangelhaft gereinigt, kann das zu Pilzinfektionen führen.“

Die Wasserpfeife raucht man nur gelegentlich, wie gesagt. Das verringert das Schadenspotenzial. Und das, was oben über die Gefahr von Krankheitsübertragungen gesagt wurde, muss doch blühender Quatsch sein: Wenn der Rauch tatsächlich so giftig sein sollte, würden alle Bakterien, Viren und Konsorten darin gleich verenden. Das ist wahrscheinlich der Fall. Bis jetzt habe ich immer gehört, dass der Rauch gewisse desinfizierende Eigenschaften habe, die sogar beim Räuchern genutzt werden.

Aber bei der heutigen Total-Desinformation stimmt wahrscheinlich auch das nicht mehr. Und was aus der arabischen Welt kommt, ist suspekt. Nur die von uns benutzten arabischen Ziffern im Rahmen des neoliberalen Shareholder-Value-Glaubens stehen in unserer Gesellschaft weiterhin sehr hoch im Kurs.

Hinweis auf ein Blog zum Thema

26. 07. 2005: „Weihrauch und Drachenblut: Räuchern beim Hausbezug“

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