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BLOG vom 19.08.2005


Böllen: Dorf der starken Männer, die am gleichen Tau ziehen

Autor: Heinz Scholz

Württembergs. Die Gemeinde heisst Böllen und besteht aus den Ortsteilen Oberböllen, Niederböllen und Haidflüh. Böllen hat einige Besonderheiten zu bieten, auf die ich in diesem Blog hinweisen möchte.

Böllen hat 101 Einwohner, etwa 30 Häuser, keine Kirche, keine Kriminalität und keine Arbeitslosigkeit. Welch paradiesische Zustände in einer Welt der Brutalität, Kriegslüsternheit und hohen Arbeitslosigkeit! Als ich das in der Zeitung „Der Sonntag“ vom 14. 8. 2005 las, konnte ich das kaum glauben. Eine Welt der Ruhe und des Friedens? Gibt es einen solchen Ort überhaupt oder machte hier eine Zeitungsente die Runde? Eine Einheimische, die „Maien“-Wirtin Martina Kiefer, hatte eine einfache Erklärung, warum es dort so friedlich ist: „Die Böllener sind rechtschaffene Leute, Gauner gibts woanders.“

Vor 5 Jahren kam sogar ein Reporter der „Stuttgarter Zeitung“ nach Böllen. Er wollte nämlich über eine Bürgermeisterwahl berichten, bei der sich kein Kandidat bereit erklärte, die Gemeinde zu regieren. Die Böllener wussten sich zu helfen: Sie wählten irgend jemand, der ihnen gerade einfiel. 67 % der gültigen Stimmen entfielen auf Bruno Kiefer, der dann die Wahl annahm.

Böllen kenne ich von Wandertouren rund um den Belchen. Auch vom Gipfel des wohl schönsten Schwarzwaldberges konnte ich kürzlich den Ort der starken Männer sehen.

Warum ein Ort der Herkulesse? Nun, Böllen ist die Hochburg des deutschen Tauzieherwesens. 20 Mal wurden die starken Böllener schon Deutsche Meister. Teilnehmer aus dem Ort nehmen regelmässig an Welt- und Europameisterschaften teil. Sogar die „professionellen“ Schweizer Tauzieher wollten herausfinden, warum die Männer aus Böllen so erfolgreich sind. Sie studierten stundenlang Videoaufzeichnungen und analysierten die gleichmässigen, raupenartigen Bewegungen der Böllener am Seil. Ob sie hinter das Geheimnis kamen, ist nicht bekannt.

Der Tauziehervorstand Jörg Raimann verriet dem Reporter René Zipperlen von der erwähnten Sonntagszeitung, warum es hier keine Verbrechen gibt und die Böllener so erfolgreich sind: „Hier haben alle früh gelernt, zu beissen, zu arbeiten und nicht loszulassen. Ausserdem ziehen im Dorf alle an einem Strang.“

Kaum hatte ich diese Zeilen geschrieben, erreichte mich die Nachricht, dass soeben die Mannschaft aus Böllen die 7. Deutsche Meisterschaft in der Klasse bis 640 kg eingefahren bzw. erzogen hat. „Die Tauziehfreunde Böllen hatten alles im Griff“, bemerkte die „Badische Zeitung“ am 15. August 2005 in einer Schlagzeile. Trotz Dauerregens und Sturmböen schlugen die starken Männer aus dem kleinen Ort die Mannschaft Neckarbergstrasse.

Noch einige Infos zum Tauziehen: „Tauziehen oder auch Seilziehen ist eine alte Mannschaftssportart, die dem Kräftemessen zweier Mannschaften dient. Je eine Mannschaft zieht an einem Ende des Taus. Sieger ist, wer die gegnerische Mannschaft über die Mittellinie zieht“, so das Internet-Lexikon Wikipedia. 8 Seilzieher (bei Junioren 6) sind jedes Mal für die jeweilige Mannschaft im Einsatz. Es gibt bei den Frauen (es ziehen also auch starke Frauen; das wusste ich nicht!) 3 Gewichtsklassen (bis 480 kg, bis 520 kg, bis 560 kg) und bei den Männern 7 an der Zahl (bis 560 kg, bis 600 kg, bis 640 kg, bis 680 kg, bis 720 kg, bis 800 kg und über 800 kg). Übrigens ist das Tauziehen aus antiken Zeremonien und Kulthandlungen entstanden. Es wurde sogar zu einer olympischen Sportart bei den Spielen von 1900 bis 1920. Das IOC verordnete dann eine Reduzierung der Teilnehmerzahl. Dies war nur möglich durch Streichung einiger Disziplinen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich aus meiner Anekdotensammlung eine Geschichte erzählen, die sich vor einiger Zeit in Böllen ereignet hat.

30 Jahre war Ludwig Kappeler Bürgermeister von Böllen. 1980 kam der kleine Ort in die Schlagzeilen. Bei der Bundestagswahl wurde zum Wahlboykott aufgerufen. Nur deshalb, weil eine versprochene Strasse nicht gebaut wurde. „Es waren leere Versprechungen“, meinte der rüstige Altbürgermeister. Nach der Wahl rückten die Baumaschinen an. Endlich sollte die heiss ersehnte Strasse gebaut werden. Dann stellten sich die Umweltschützer in die Quere. Sie kamen von weit her und wollten, dass die Strasse um jeden Baum herumgeleitet werden sollte. Aber den Böllenern wurde dies zu bunt. Am nächsten Tag waren die Bäume gefällt. Da hat wohl einer Brennholz gebraucht, wurde gemunkelt. „Naturschutz ist ja an sich eine gute Sache“, meinte Kappeler und schmunzelt. „Aber hier im Schwarzwald gibt es wirklich genügend Bäume.“

Wer also einen friedlichen Ort mit rechtschaffenen Leuten in einer wunderschönen Gegend mit vielen Bäumen kennen lernen möchte und muskelbepackte Männer sehen will (so manche Frauen sind ja ganz aus dem Häuschen, wenn sie starke Männer sehen), der sollte nach Böllen fahren. Böllen liegt unweit von Schönau D im schönen Böllener Tal am Fuss des Belchens eingebettet. Hier kann der Urlauber, der Erholung und Ruhe sucht, einen wunderschönen Urlaub verbringen.

Quellen

„Am Ende der Welt“ von Anika Geisler, „Badische Zeitung“ vom 26. 9. 1998.

 

„Ein Dorf zieht an einem Strang“ von René Zipperlen, in „Der Sonntag“ vom 14. 8. 2005.

 

www.schwarzwald-tourist-info.de

 

www.tzf-boellen.de (Tauziehfreunde Böllen e.V., 1989)

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Tauziehen (u.a. Weblink mit Hintergrundinfos zum Schweizer Seilziehen).

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