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BLOG vom 21.08.2005


Das Rebwegfest 2005: Nachbarschaftliche Feierstunden

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)

Ein Nachbar ist ein Mensch, ein guter Mensch.
Und zuverlässig.
Er bringt die geliehene Schneeschaufel zurück,
wenn er den Rasenmäher ausleiht.
Und er geht zu jedem Rebwegfest.

 

Kein anderes Medium – und zwar weltweit – berichtet über das Rebwegfest 2005, das in den frühen Morgenstunden des heutigen Regensonntags zu Ende ging; das Blogatelier ist exklusiv. Proportionen sind das! Die Gläser und Teller sind abgewaschen, der Gasgrill, den wir von Christian Brunner ausgeliehen hatten, gereinigt und zurückgegeben. Und zum Frühstück genossen wir soeben Vreni Oeschs goldbraunen Butterzopf, eine halbe Stunde von Hand geknetet, den sie mitgebracht hatte, ein reines Sonntagsvergnügen; zum Glück war noch etwas übrig geblieben ... „Ich glaube, es hat allen gefallen“, untertrieb Eva. Ja, uns auch.

 

Das Rebwegfest findet alljährlich in einem anderen der 13 Häuser am Rebweg in Biberstein AG statt. Dieser Rebweg ist eine Sackgasse schräg oberhalb des Schlosses Biberstein. Am Anfang des Wegs, der den Oberen Dorfplatz in dessen oberem Teil (neben dem Eingang in den Hohlen Keller) durch einen Engpass verlässt, stehen 2 behäbige Gehöfte, die reinen Wohnzwecken nutzbar gemacht wurden, Erinnerungen an die bäuerliche Kultur, zu der auch der Rebbau gehörte; zusätzlich verdiente man damals noch etwas Geld in der Industrie von Aarau und Schönenwerd SO (Bally) dazu. Dann folgt als architektonischer Kontrast ein streng geometrisch, würfelförmig gestyltes Haus, lichterfüllt und luftig. Dort wohnen Silvia und Robert Jäger und auch Renate Ort, die aber gerade eine andere Verpflichtung hatte und sich entschuldigen musste. Es schliessen sich 2 Châlets an, die beide wegen des fortgeschrittenen Alters der ehemaligen Besitzer, die ständig gepflegt und Ausbauten vorgenommen hatten, in den letzten Jahren an jüngere Leute verkauft worden sind: an Katja Wilhelm und Stefan Mosimann (das Hermann-Hunn-Haus) und Séverine Sommer und Marcel Wipf (das Paul-Bader-Haus). Oberhalb davon steht seit etwa 3 Jahren ein währschaftes Doppeleinfamilienhaus, das den zupackenden Nachkommen der Wasser-Familie dient (Dieter und Séverine Wasser einerseits und Regula Lehmann-Wasser anderseits), wo auch Platz für eine neue Generation vorhanden ist, die gerade heranwächst. Daneben folgt eine 4er-Gruppe von Einfamilienhäusern, die in den Steilhang eingefügt sind. 3 von ihnen sind vom Rebweg aus erschlossen, das oberste nicht; jenes liegt an der Auensteinerstrasse. Das oberste (bzw. mittlere), zum Rebweg-Einzugsgebiet gehörende Gebäude bewohnt die rund 80-jährige Nelly Knechtli, die Haus und Garten im Griff hat und Salat und Gemüse für den Eigenbedarf produziert – eine liebenswürdige Frau, die den Karren schmeisst und der wir dafür allen Respekt zollen. Unter der erwähnten Häusergruppe befindet sich ein typisches Einfamilienhaus aus den 50er-Jahren, einfach, zweckmässig, das sowohl Liselotte und Bernhard Frey als auch vielen domestizierten Tieren dient, unter anderem einem Schwarm von weissen Brieftauben. Es sind unsere direkten Nachbarn. Zuhinterst wohnen wir in einem 1972/73 erbauten Haus, das auf der Nordseite durch ein bis zum Boden reichendes Steildach verschlossen wirkt (weil dort ursprünglich die Unternbergstrasse vorbeiführen sollte) und sich nach Süden öffnet, damit der Panoramablick übers Aaretal bis zu den Alpen genossen werden kann. Im Parterre befindet sich das Tropengartenbüro des Textateliers.com.

So verschieden wie die Baustile sind die Menschen, welche die Häuser am Rebweg bewohnen. Als die Gäste am Samstagabend nach 18 Uhr mit Kind und Kegel bei uns ankamen – sogar der 4,5 Monate alte Timo Duso war dabei – wurde mir klar, dass da alle Altersgruppen vertreten sind; auch demographisch ist der Rebweg also in schönster Ordnung, ein Vorbild. Eine gewisse Rotation in der Anwohnerschaft ist wegen Wegzügen aus Alters- oder anderen Gründen gelegentlich vorhanden; auch gibt es manchmal eine Trennung, und dann tauchen neue Gesichter auf. So spiegelt sich der Lauf der Zeit als Abfolge von Ereignissen, wie überall. Neben Nelly Knechtli gehören wir heute zu den Fixpunkten, dank jahrzehntelanger Standhaftigkeit, Sesshaftigkeit.

Interessant ist an diesem Rebweg auch die Gartenkultur, welche die unterschiedliche Mentalität der Eingeborenen spiegelt. Den am aufwändigsten und gepflegtesten Garten hat der Innenarchitekt Beat Frey (der nicht in verwandtschaftlicher Beziehung mit der anderen Frey-Familie vom Rebweg steht): Ein geschmackvoll durchgestalteter parkähnlicher Garten im englischen Stil mit Skulpturen und einem grossen Kirschbaum im Zentrum; ein Koi-Teich ist ihm angegliedert. Hier wird jeder Buchsbaum zum Kunstwerk geschnitten. Im Wesentlichen aber beherrschen wildgartenähnliche Zustände das Feld, abgesehen von der Anlage von Silvia und Robert Jäger, wo alles seine strenge Ordnung hat und dem Gesamtbild untergeordnet ist. Aber für Blindschleichen und Mauereidechsen ist dort dennoch Platz. Richtung Osten werden die Zustände dschungelartig (ich nehme die eigene Anlage davon nicht aus); aber das sind auch Lebensräume für Tiere und Pflanzen; hier gibt es noch natürliche Selbstregulationen.

Der Rebweg als solcher ist ein etwa 2,5 m breites Privatsträsschen, und er endet im Osten mit der von mir gebastelten Porphyrstein-Pflästerung mit einem Anklang an die Energieflüsse, wie man sie aus dem Feng Shui kennt. Der Weg ist im Besitztum der Anwohnerschaft, da durch die Ablehnung der Übergabe an die Gemeinde Biberstein in der ehemaligen strasseneuphorischen Zeit verhindert werden konnte, dass er auf die doppelte Breite ausgebaut werden musste. Und wenn sich Autos begegnen, dann fährt einfach eines retour, bis ein Kreuzen an einer Ausweichstelle möglich ist. Das kommt selten vor. Der Weg muss von den Anwohnern unterhalten werden. Und dieser Unterhalt besteht darin, dass einmal eine Schaufel Pflaster in ein Schlagloch gefüllt wird, wenn dieses als zu tief empfunden wird – oder aber man lässt es sein. Dieser Rebweg ist im Moment an einzelnen Stellen dabei, sich zu einem Natursträsschen zurückzuverwandeln, und niemand hat etwas dagegen. Liselotte Frey sorgt jeweils dafür, dass der Schneepflug im Winter sich wenn immer möglich auf Distanz hält, da dieser der dünnen Asphaltdecke sonst noch den Bogen geben könnte. Wir greifen dann nötigenfalls mit Schneeschaufeln ein oder aber warten geduldig auf den nächsten Wärmeeinbruch. Und der kommt jeweils bestimmt.

Es wohnen also genügsame Menschen an diesem Rebweg, Individuen, die sich einmal im Jahr einen gemeinsamen Abend gönnen. Der Brauch „Rebwegfäscht“ will es, dass immer eine Anwohnerschaft einlädt, ohne dass bisher ein genaues System für die Einladungs-Abfolge auszumachen gewesen wäre. Es funktioniert einfach. Diesmal habe ich – ebenfalls einem alten Brauch folgend – auf die Einladung geschrieben: „Es besteht die Möglichkeit, Kochtalente erneut unter Beweis zu stellen.“ Und diese selbstlose Profilierungsmöglichkeit wird denn auch jedes Jahr in reichem Masse wahrgenommen: Was da an hausgemachten Apéritif-Kreationen, an fantasievollen Salaten, Gebäck usf. zusammenkommt, ist erste Klasse, erste Güte, 5-Sterne-Hotel. Das Material zur Fütterung des Grills bringen alle selber mit – dann hat jedermann was er will, und selbstverständlich werden vom Meistergrilleur, als solcher sich diesmal Robert Jäger als Ehemann einer Meisterköchin, hervortat und bewährte, auch Sonderwünsche erfüllt. Er leistete Massarbeit, brachte alles auf den Punkt. Wer seine Bratwurst leicht angeschwärzt wollte, konnte auch das haben.

Und dann wäre noch der musikalische Teil zu erwähnen: „Musikinstrumente sind zugelassen“, hatte ich auf der Einladung vermerkt. Katja Wilhelm antwortete: „ich glaube zwar nicht, dass stefan das klavier zum rebweg 12 schiebt, aber wer weiss :-)).“ Und tatsächlich kam Stefan ohne dieses Möbel an; er war gerade vom Egli-Fischen in Irland heimgekehrt und erzählte, dass auf jener Atlantikinsel der Egli kein Ansehen habe (im Gegensatz zu den braunen Forellen). Selbstverständlich ersetzt das Fischerlatein keine Tafelmusik und auch nicht Schuberts „Forellenquintett“. Deshalb sorgte für den musikalischen Hintergrund zu nächtlicher Stunde der bekannte, talentierte Gitarrenpoet David Wildi, der gerade von einem Konzert in Baden zurückkam. Er bewohnt zusammen mit seiner ebenfalls musikalisch begabten Monika das grosse Bauernhaus (ehemalige Besitzer: Albert und Maria Nadler) am Rebweg-Eingang. Die nachklingenden Klangbilder, die wie aus dem Nichts aufzutauchen schienen, in den Räumen schwebten und verebbten, rundeten die Fülle des festlichen Abends bei Kerzenlicht und regennassen Fensterscheiben harmonisch ab. Gabrielle („Gaby“) Duso, die übrigens bis zum Jahr 2000 eine eigene erfolgreiche Band hatte, geniesst inzwischen wieder Mutterfreuden (als Partnerin von Christian Brunner).

Im Verlaufe des Abend trafen auch noch der wanderfreudige Nachbar Willi Mohler mit der zierlichen, charmanten Iréne ein, der sich nur provisorisch angemeldet hatte. „Lasst Euch überraschen“, hatte er auf der Anmeldung angemerkt. Die angenehme Überraschung traf ein.

Es war ein Kommen und Gehen wie am Rebweg als solchem, an dem gute Nachbarn wohnen, wo man einander mit seinen Eigenheiten leben lässt und sich gegenseitig in freundschaftlicher Wertschätzung begegnet. Eigentlich dauert das Rebwegfäscht unter solchen Umständen 365 Tage, jedes Jahr wieder.

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