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BLOG vom 23.08.2005


Am Belchen-Fuss: Parasolpilze und Grosse Schirmlinge

Autor: Heinz Scholz

Am 17. August 2005 unternahm ich mit meinem Wanderfreund Anton („Toni“) eine sehr schöne Wanderung von Schönenberg (unweit von Schönau D gelegen) in die Belchen-Region. Wir wählten diesmal die Wegstrecke oberhalb Schönaus, streiften den Philosophenweg und wanderten in der Nähe von Holzinshaus in Richtung Rosenfelsen. Dieser Fels, der sich unterhalb des Belchen-Gipfels befindet, ist eine wunderschöne Aussichtskanzel. Hier genossen wir den Blick auf die sattgrünen Schwarzwaldberge und zu den tief eingeschnittenen Tälern.

Als wir vom Rosenfelsen abwärts stiegen, sahen wir auf den Almwiesen Parasolpilze. Toni, der ein begeisterter Pilzfreund und guter Pilzkenner ist, brach in Jubelstürme aus. Er sammelte die Pilze – es waren 7 Stück an der Zahl – flugs ein und meinte: „Heute Abend werden die Pilze paniert und in die Pfanne gehauen. Das gibt eine wunderbare Mahlzeit.“

Der übrigens als „sehr gut“ eingestufte Speisepilz wird auch Grosser Schirmling (Macrolepiota procera) genannt und wie ein Schnitzel zubereitet. Die Stiele kann man trocknen und für andere Speisen verwenden.

Vor etlichen Jahren kam ich in den Genuss solch eines vegetarischen Schnitzels und war damals selbst begeistert, obschon ich kein Freund von Pilzgerichten bin. Wie es dazu kam, möchte ich hier berichten. In meiner Anekdotensammlung entdeckte ich die folgende Geschichte:

„Wanderfreund Toni ist ein Pilzliebhaber ersten Ranges. Während einer Wanderung fand er einen wunderschönen Parasolpilz, den er natürlich nicht stehen lassen konnte. ‚Den lasse ich in der nächsten Wirtschaft zubereiten’, meinte Toni mit verzücktem Gesichtsausdruck. Frohgemut und voller Stolz präsentierte Toni den Pilz dem Wirt und sagte: ‚Könnten Sie mir den Pilz in die Pfanne hauen, sie bekommen fünf Mark.’ Der Wirt, offenbar ein Pilzunkundiger, lehnte dies ab und antwortete: ‚Ich könnte zwar Geld verdienen, aber Sie machen vielleicht die Mücke.’ So kam es, dass Toni den schmackhaften Pilz wieder einpackte und ihn am heimischen Herd zubereitete.

Bei einer anderen Wanderung fand er nur einen Parasol und einen Wirt, der dann den Schirmling ohne zu zögern panierte. Von dieser Köstlichkeit bekam auch ich ein Stück ab.“

Und noch eine Pilzgeschichte: Nach einer Wanderung im Wiesental erblickte unser Toni ein Prachtexemplar eines Parasolpilzes auf einer alpinen Wiese. Nachdem sich die erste Entzückung gelegt hatte, sprang er über den Weidezaum, erklomm eine Anhöhe und pflückte den Schirmpilz. Als er noch weitere Pilze sah, konnte er sich nicht mehr halten und erbeutete auch diese. Plötzlich ertönte von einem gegenüberliegenden Gehöft ein Gebrüll zu uns herüber. Es war keine Kuh, sondern wahrscheinlich der Pächter, der den ,Pilzdieb’ beobachtete und ihm einen gehörigen Schrecken einjagen wollte. ‚Hole euch doch der Teufel!’, waren seine markigen Worte. Was er sonst noch von sich gab, konnten wir nicht verstehen. Wahrscheinlich wollte der Bauer die Pilze selbst verzehren und wartete geduldig, bis sie zu einer stattlichen Grösse herangewachsen waren. Toni meinte nur, jetzt sei es zu spät. Als alles Schreien umsonst war, hatte der Bauer ein Einsehen und rief herüber: ‚Weiter drüben steht noch einer!’ Aber diesen wollte Toni nicht haben. Schliesslich sollte der inzwischen beruhigte Rufer auch etwas abbekommen.

Wie sieht es mit Verwechslungsmöglichkeiten beim Parasol aus? Immer wieder hört man von Vergiftungen. Erst kürzlich vergiftete sich eine Familie bei einem Campingurlaub im Osten von Deutschland mit Knollenblätterpilzen. Die Pilzunkundigen waren der Ansicht, sie hätten Champignons gesammelt und zubereitet. Zum Glück konnten die Mitglieder der Familie in einer Berliner Klinik gerettet werden.

Wie ich mir sagen liess, gibt es keinen ähnlichen Giftpilz in der Grösse des Parasols. Nur der Spitzschuppige Schirmling ist ungeniessbar. Wer ihn einmal verwechselt, wird dies sofort merken, denn er hat einen widerlichen Geruch und Geschmack.

Vom Rosenfelsen ging es wieder zurück in Richtung Schönenberg. Wir machten Rast in einer Hütte, die sich in der Nähe eines Viehstalles befand. Ich beobachtete die friedlich grasenden Kühe auf einer Weide. Plötzlich hatten es sich die Rindviecher anders überlegt; sie strebten einer Tränke vor dem Viehstall zu. Dabei benutzten sie einen schmalen Pfad und gingen geordnet hintereinander abwärts. Nur zwei „Querköpfe“ (die gibt es ja auch bei den Zweibeinern) verliessen den Trampelpfad und trotteten gemächlich daneben auf der Wiese den Berg hinunter.

Bald darauf ging es weiter. Wir mussten etliche elektrisch gesicherte Zäune an speziellen Durchgängen überwinden. Ein bequemer Wanderweg führte über eine Weide. Mitten auf dem Weg stand ein Bulle, der genüsslich am Rand des Weges graste. Um eine unliebsame Bekanntschaft mit dem „Kampfstier“ zu vermeiden, wählten wir einen Pfad, der entlang der gesicherten Weide verlief. Während der Passage glotzte uns der Bulle mit grossen Augen verdächtig lange nach. Ich habe immer wieder Respekt vor solchen Rindviechern. Gab es doch in der Vergangenheit Angriffe auf Kräutersammler und Wanderer, die die Tiere in ihrer grasenden Ruhe aufstörten. Ich war mir nicht sicher, ob ich einem heranbrausenden Bullen mit meiner jetzigen Schnelligkeit entkommen könnte. Als Schüler war ich ja einer der Schnellsten der Klasse. Heute muss ich aufpassen, dass mein 5-jähriger Enkel Manuele mir nicht davonläuft.

Und Toni hat einen grossen Respekt vor elektrischen Weidezäunen. In der Schweiz kam er einmal mit einem elektrischen Draht in Berührung. Er flog in hohem Bogen auf die Erde und wurde ganz blass. Später musste er sich mit 2 „Kaffee fertig“ (Kaffee mit Schnaps) wieder hochpäppeln. Er beschwerte sich bei dem Landwirt. Dieser hatte aus Versehen tatsächlich eine höhere Spannung eingestellt. Er wollte wohl den stärksten Bullen vor einer Flucht durch den Weidezaun abhalten.

Nun zurück zur Wanderung. Vor lauter Rindviechern, die wir beobachteten, verpassten wir den richtigen Weg und strebten Richtung Oberböllen. Toni meinte, wir könnten durch einen Wald gehen und wieder auf den richtigen Weg kommen. Wir schlugen uns durchs Unterholz, gingen an grossen Felsbrocken vorbei und umrundeten einige umgefallene Bäume. Die nicht beabsichtigten „Sondereinlagen“, sprich gymnastischen Übungen, hatten auch etwas Gutes: Wir entdeckten schön gewachsene Pfifferlinge, die natürlich eingesammelt wurden. Der Pfifferling (Eierschwamm, Gelbschwammerl, Rehling, Recherl) ist übrigens auch ein sehr guter Speisepilz. Nun hatte unser Toni Pilze für eine weitere Mahlzeit im Rucksack.

Bald darauf erreichten wir eine Anhöhe und erblickten von dort aus den ursprünglichen Wanderweg. Von dort ging es zügig bergabwärts zu unserm Ausgangspunkt Schönenberg.

Nach der 5,5-stündigen Wanderung wurden wir vom Hunger übermannt. Wir fuhren dann mit dem Auto nach Hof und vesperten im „Hirtenbrunnen“. In diesem über 400 Jahre alten Schwarzwaldhaus können Köstlichkeiten aus dem Schwarzwald genossen werden. Es gibt herzhaften Speck, Wildspezialitäten, Käsespätzle, Pfannkuchen mit Pfifferlingen, verschiedene Fischgerichte, Schafskäse mit Salaten der Saison und Bauernvesper. Eine Spezialität ist ein altgermanisches Wildsauessen mit Met (nur auf Vorbestellung). Bei schönem Wetter wird immer mittwochs (ab 18 Uhr) ein Grillabend veranstaltet. Toni verspeiste Speck, während ich mir zum ersten Mal in meinem Leben Wildschwein-Rostbratwürste mit Kartoffelsalat gönnte. Es schmeckte einfach köstlich. Da wir im Freien tafelten, hatten wir gratis dazu einen herrlichen Blick auf die Berge des Wiesentals. Gesättigt und zufrieden fuhren wir über einen Panoramaweg in Richtung Schopfheim zurück.

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