Textatelier
BLOG vom: 31.08.2005

Emanuel Büchel, der malende Bäckermeister, und die Toleranz

Autorin: Lislott Pfaff

Der Basler Bäckermeister und Freizeitmaler Emanuel Büchel (1705−1775) konnte sich im 18. Jahrhundert dank der Unterstützung durch prominente Zeitgenossen zum berühmtesten Topografen der Region Basel entwickeln. Das Baselbiet verdankt ihm zahlreiche Dorf- und Landschafts-Bilder, und es lohnt sich, diese minutiösen Wiedergaben von Ortschaften näher anzusehen, da sie nicht nur die Natur und die darin erbauten Häuser, Kirchen und so weiter illustrieren, sondern auch die Menschen und Tiere, die in der jeweiligen Umgebung lebten.

Mir gefällt besonders eine Gouache von 1735, die im Hintergrund das Dorf Pratteln mit seiner typischen Baselbieter Landschaft und seinen Bauernhäusern und im Vordergrund seinen Kirchhof zeigt. Der Blick fällt von oben, aus dem ersten Stock des Pfarrhauses, direkt in diesen Kirchhof, wo die seinerzeitige Dorfhierarchie versammelt ist: Der Prattler Pfarrer mit weisser Halskrause, der, gefolgt vom Kirchendiener, würdevoll aufs Pfarrhaus zugeht, und ein paar Meter weiter hinten – überproportional ins Gespräch vertieft dargestellt – der Untervogt und weitere Politprominenz von Pratteln. Auch die beiden Dorfwächter mit Speer und Hellebarde, die für Ruhe und Ordnung sorgen mussten, fehlen auf dem Bild nicht.

Obwohl dieser Platz zu jener Zeit auch als Friedhof benutzt wurde, sind keine Gräber zu sehen. Man wickelte die Toten in ein Leintuch und übergab sie so der Erde, ohne mit Kreuzen oder Grabsteinen an sie zu erinnern. Dafür picken und gackern mehrere Hühner auf dem Areal herum, und daneben stolziert gar ein Storch daher. Ferner sieht man eine Rauferei zwischen 2 Hunden, während ein dritter einen Anlauf in Richtung Hühnerschar unternimmt.

Was mir auffällt ist, dass das Federvieh und die Hunde frei herumlaufen, die Hühner ohne Gehege oder gar Batterien, die Hunde ohne Leinenzwang – von Robidog-Säckchen keine Rede. Und das alles spielt sich sozusagen auf den Köpfen der Verstorbenen ab, die dort begraben wurden. Gab es vor 270 Jahren am Ende doch mehr Freiheit und Toleranz als in unserer heutigen Welt?

Quelle

„Oberbaselbieter Zeitung“, 18. 8. 2005

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