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BLOG vom 03.09.2005


New Orleans: Katastrophenbewältigung mit Schiessprügeln

Autor: Walter Hess, Biberstein CH

Die Amerikaner haben es zu einer wahren Meisterschaft im Bombenabwerfen gebracht, Atombomben inklusive (Blog vom 14. 8. 2005: „Atombomben nur für Auserwählte, für die Besten der Guten“). Sie haben das einzigartige Talent, ganze Städte und Länder an beliebigen Stellen der Erde zu verwüsten, zum Beispiel wenn sie einen Potentaten fangen wollen, der auf Erdöl sitzt. Aber es will ihnen einfach nicht gelingen, über einer hungernden, durstenden und vom Untergang bedrohten Stadt im eigenen Land wie New Orleans rechtzeitig Lebensmittelpakete und Tranksame abzuwerfen oder auf dem Land- bzw. Wasserweg zukommen zu lassen. Filmemacher Michael Moore an Bush: „Haben Sie eine Ahnung, wo all unsere Hubschrauber geblieben sind?“ Im Ausland geblieben sind auch über 40 % der Teilzeitsoldaten der Nationalgarden von Louisiana und Mississippi. Wahrscheinlich wäre es für das hilflose Amerika sinnvoll, Fidel Castros freundliches Hilfsangebot anzunehmen. Vorbildliche Nachbarschaftshilfe.

Die spärlichen Nachrichten, die ich in den letzten Stunden den Medien entnommen habe, sind bezeichnend für eine auf Führungsebene vollständig degenerierte Nation. Was sich das Bush-Regime in Bezug auf die verwüsteten Südstaaten bisher leistete beziehungsweise nicht leistete, ist schäbig, schäbig. Die armen, meist schwarzen Menschen, die sich eine Flucht vor dem Hurrikan „Katrina“ und den nachfolgenden Brüchen der längst als marode bekannten Dämme nicht leisten und sich das Überleben nur durch Plünderungen bisher einigermassen sichern konnten, werden statt gefüttert eher erschossen: Louisianas Gouverneurin Kathleen Blanco, offenbar eine typische Amerikanerin mit primitiven Wildwestmanieren, sagte stolz, die unter ihrer Gewalt stehende Nationalgarde habe den „Befehl zum Schiessen und Töten“. Ein Blanco-Scheck gewissermassen. Damit solle die ungezügelte Gewalt in der Stadt durch Plünderer und Randalierer nach der Katastrophe durch den Hurrikan „Katrina“ eingedämmt werden.

In jedem vernünftigen Land würde man versuchen, dieses Ziel durch Hilfsmassnahmen (Linderung der Not) zu erreichen. Die eingetroffenen 300 Mitglieder der Nationalgarde, sagte Blanco, seien erst kürzlich aus dem Irak zurückgekommen und kampferprobt. Sie seien mit M16-Gewehren bewaffnet, „und die sind geladen“. Sie forderte 40 000 Soldaten an, um die Ordnung in ihrem Bundesstaat wieder herzustellen ... mit dem Schiessprügel statt mit Notrationen. Und dies wohl vor allem im Stadtquartier Lower Ninth Ward, das am tiefsten liegt, dementsprechend am stärksten überflutet ist und in dem 98 % der Bevölkerung Schwarze sind. In und durch Amerika wird alles zum Krieg umfunktioniert. Die Schwarzen sind diesmal vor allem die Opfer – das gesamte Verhalten der US-Regierung hat sehr viel mit Rassismus zu tun, wie man daraus schliessen kann. Die Zweiklassengesellschaft ist offensichtlich noch lange nicht überwunden. Wie wärs, wenn die beste Nation der Welt für einmal vor der eigenen Haustür wischen würde?

Da hat also eine militante Beamtin die Folgen einer Naturkatastrophe im Schlepptau der anthropogenen Klimabeschädigung mit einem Kriminalfall verwechselt. Wenn die Leute unter den Einwirkungen der US-Vergnügungsindustrie, die sich der Propagierung von Gewalt und Kriegen auf der Erde sowie im Kosmos gütlich tut und damit ihre Dollars macht, und unter dem Einfluss blanker Not kriminell werden, geht man einmal mehr nicht die Ursachen an. Sondern man nimmt die Maschinengewehre hervor und mäht kaltblütig herunter, was verdächtig ist oder sich in einem überfluteten Supermarkt mit dem Nötigsten eindeckt. Die jahrelangen Schiessübungen im Irak und anderen Ländern zahlen sich aus.

Was ist das denn für eine Supernation, welche die Weltherrschaft anstrebt und keine Dämme sichern kann, von der das Wohlergehen einer ganzen grossen Stadt abhängt? New Orleans ist zudem die einzige Stadt in den USA, die einen kulturhistorischen Wert hat und nicht einfach aus Hochhaus-Trostlosigkeiten mit Leuchtreklamen oder infantilem Disney-Kitsch besteht. Was ist denn das für eine Weltmacht, die nicht einmal einen lebenswichtigen kaputten Damm flicken kann – und nicht einmal auf einen Bruch vorbereitet ist? Was ist denn das für ein Supergebilde, dessen Rettungskorps in überschwemmten Gebieten nicht zu den Ertrinkenden vorzudringen verstehen? Sind dort die Ruder- und Motorboote noch nicht erfunden? Sind alle Helikopter in Irak bereits abgeschossen oder abgestürzt? Diese liederliche Gesellschaft, die es im Erdölverschwenden zur Weltmeisterschaft gebracht hat, versteht sich daneben nur aufs Schiessen in allen Variationen und grösstmauliges Geschwätz.

Bisher kam kaum Hilfe zu den hilflosen armen der Ärmsten in der US-Hauptstadt der Armut, nach New Orleans und Umgebung, die sich mit der wunderschönen Musik ihrer schwarzen Einwohner (Jazz und Blues) seit je über ihr Elend hinwegtrösten musste, angefangen in den Zeiten der Sklaverei, die offensichtlich noch nachwirken. Die öffentlichen Verkehrsmittel am Rande der Stadt wurden durch die eintreffenden schiessfreudigen Soldaten okkupiert. Das nenne ich Hilfe nach USA-Manier.

Weltpräsident George W. Bush, der mit seiner unverantwortlichen Klimapolitik zum Desaster wesentlich beigetragen hat, kreiste am 2. September 2005 endlich im Flugzeug über das Katastrophengebiet, obschon er dasselbe auch im TV sehen könnte, und er zog unten seine billige Medien-Show mit tröstenden Umarmungen und Phrasendreschereien ab. Das verwüstete Biloxi machte (laut Hanno Settele von ORF) auf Window-dressing (Schaufensterdekoration mit US-Flaggen und Aufräumaktionen) dort, wo Bush mit seinem Bewachertross vorbeizog; die Leichenberge mutete man dem empfindsamen Gemüt des Besuchers nicht zu. Man glaubt es kaum. Amerika. Um Leichen mochte man sich ohnehin nicht so richtig kümmern, auch wenn diese Brutstätten für Seuchen werden können. Auch solche Zusammenhänge erkennt man kaum.

Ray Nagin, der Bürgermeister von New Orleans, sprach immerhin emotionalen Klartext an die Adresse von Washington („Kriegt eure Ärsche hoch!“), das sich erst unter dem Druck der Öffentlichkeit zu ein paar Gesten bequemte, eher um gravierenden politischen Konsequenzen zu entgehen, statt aus eigenem Antrieb. Die Bush-Ferienstarre löste sich nur langsam, als es nicht mehr anders ging und die Stimmung im Land zu kippen drohte, viel (um Tage) zu spät. Erst unter öffentlichem Zwang rollte die Hilfe an.

Es scheint, dass sogar die eingebetteten Mainstreammedien der westlichen Welt endlich etwas merken, und einzelne tun ihre Erkenntnisse in abgeschwächter Form bereits auch vorsichtig kund. Das sind eigentlich die einzigen Good-News in diesem Zusammenhang.

Hinweis auf ein Blog zum Thema

31.08.2005: Ein sehr gefährlicher Sturm, ein sehr gefährlicher Präsident

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