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BLOG vom 02.01.2005


Giftgase aus Feuerwerk und Schwelbränden

Autor: Walter Hess

Wenn ich jeweils an grossen Festtagen wie an Silvester oder am schweizerischen Nationalfeiertag 1. August die ganze Feuerwerkerei anhören und ansehen muss, dann verdirbt mir das die ganze Feststimmung. Ich habe vor Jahrzehnten eine solche Atmosphäre jeweils bei den Stosstruppübungen in der Grenadierschule in Losone TI erlebt, den Rauch aus explodierten Handgranaten und aus Flammenwerfern versprühtem Schweröl eingeatmet, gezwungenermassen. Und so erinnert mich die stinkende Knallerei jeweils eher an einen militärischen Einsatz, an einen Krieg. Ich empfinde sie weniger als Freudentaumel – und mögen die farbigen Blitze (teils aus Schwermetallsalzen) noch so imposant sein. Asthmatiker ertragen Feuerwerke wegen der lungengängigen Feinstäube nicht. Aber auch Gesunden fügen sie selbstverständlich Schaden zu; Schwermetallsalze sind nicht auszuschliessen.

Einige wenige Gemeinden und Organisationen der Schweiz und wahrscheinlich viele Private haben diesmal an der Jahreswende 2004/05 auf den ganzen Feuer- und Rauchzauber verzichtet, so St. Moritz GR und die beiden Rheinfelden CH und D. Sie haben beschlossen, das eingesparte Geld an die Millionen vom Seebeben geschädigten Asiaten weiterzuleiten. Hut ab. Dadurch haben sie diesen schwer geprüften Menschen und gleichzeitig auch unserem einheimischen Lebensraum, auch den vielen Tieren mit ihrem feinen Gehör, einen grossen Dienst erwiesen. Aber das Abstoppen der Feuerwerkerei war nicht mehr überall möglich; denn der Feuerwerksunsinn muss meistens von langer Hand vorbereitet werden, und was man einmal gekauft und installiert hat, lässt man besser gleich los. Sonst müsste man noch monatelang mit einer Zeitbombe zusammenleben. Der Zürcher Hotelier-Verein hielt an der Knallerei fest, eine fragwürdige Reklame. Als Hotelier würde ich das überflüssige Geld eher zur Verbesserung der Serviceleistungen ausgeben.

Der Drang zum Feuerwerken ist so gross und unbändig, dass selbst ein Besucher in einem überfüllten Nachtclub in Buenos Aires nicht davor zurückschreckte, einen Feuerwerkskörper abzufeuern. In solchen Räumen, die meist mit Kunststoffen tapeziert und ausstaffiert sind, breiten sich Brände jeweils rasend schnell aus. Und es entwickeln sich hoch giftige Rauchgase, die innert kurzer Zeit töten. In der erwähnten argentinischen Diskothek namens „Republica de la Cromagnon“ (wohl „Republik der Cromagnon-Menschen“, die Neandertaler-Nachfolger vor rund 40 000 Jahren) fing die Kunststoffverkleidung der Hallendecke sofort Feuer. Es breitete sich rasend schnell aus. Das Inferno – die Halle füllte sich sofort mit dichtem Rauch − kostete bisher über 180 Menschen das Leben, und fast 900 Besucher wurden zum Teil schwer verletzt, vergiftet.

In meiner Wohngemeinde Biberstein AG bekamen wir am frühen Mittwochabend, 29. Dezember 2004, den Hauch einer Ahnung, was es heisst, wenn sich in einem Gasthaus tödlicher Rauch ausbreitet. In der Nähe des Aareübergangs nach Rohr AG gibt es, wo früher die bekannte, einfache Fischerbeiz „Aarfähre“ war, seit 35 Jahren „Käpten Jo’s Aarfähre“. Das altehrwürdige Gasthaus wurde südseitig durch einen wuchtigen Vorbau im Schifffahrt-Look ergänzt, dessen Aussenfassade 3 Rettungsboote abschliessen. Jo Schupp, der auch Inhaber der Zürcher „Haifischbar“ ist, hatte hier in einer frühen Phase mit unternehmerischer Weitsicht eine Erlebnis-Gastronomie inszeniert, wie sie heute gang und gäbe ist. Zu dieser gehörte eine Multimediashow unter dem Motto „Inferno“ – die Simulation eines Sturms auf dem Meer. Werbeslogan: „Nichts für schwache Nerven, das Knarren des Schiffsgebälks, das Blitzen und Donnern, die Ratten, das Klappern von Totengerippen!“ Mit diesem Spektakel wurde über Jahre hinweg ein grosses Publikum angezogen. Das Sturmerlebnis in Verbindung mit einem so genannten Piratenfrass ist offenbar etwas, das viele Menschen in Entzücken versetzt, wenn ihre Position sturmsicher ist. Seeräuber-Romantik.

Im Bereich der technischen Showinstallationen im Innern der „Aarfähre“, wo jeweils die Publikumsattraktionen stattfinden, kam es aus noch ungeklärten Gründen zu einem Schwelbrand, der in der übrigen Anlage (auch im Restaurant) kaum bemerkt wurde. Nachbarn waren es, welche die Feuerwehr alarmierten, nachdem sie dichte Rauchschwaden aus Fenstern austreten gesehen hatten. Wie ich aus einem persönlichen Gespräch mit dem Bibersteiner Feuerwehrkommandanten Markus Zürcher erfuhr, gab es kein eigentliches Feuer, sondern einen Mottbrand (Glimmbrand), der sich auch von Kunststoffteilen wie Isolationsmaterialien, Elektroinstallationen usf. nährte. Das Vergasen ist heimtückischer als eine Verbrennung; technisch wurde es während dem 2. Weltkrieg für die Holzvergaser genutzt. Feuerwehrleute müssen sich mit Atemschutzgeräten vor den tödlichen Gasen schützen, die im Kunststoffzeitalter nötiger denn je sind.

Im Keller, wo ein 53-jähriger Angestellter, Peter Blattner, den Wein für die Silvesterfeier bereitstellte, war plötzlich soviel Rauch, dass der Mann in dem verwinkelten Haus nicht mehr rechtzeitig ins Freie fand. Der Bibersteiner Feuerwehrmann Thomas Wasser sagte mir, der Rauch sei so dicht gewesen, dass man keine 2 cm weit habe sehen können; eine Flucht für den Angestellten sei deshalb unmöglich gewesen. Sobald man innerhalb dieser Giftgase 2 Atemzüge gemacht habe, falle man bewusstlos zusammen.

Der Angestellte starb an seiner Rauchvergiftung im Spital; 2 weitere betroffene Angestellte kamen mit dem Leben davon. Mit dem nunmehr Verstorbenen bin ich vor einigen wenigen Jahren im damaligen BBA-Bus (heute AAR) oft von Aarau Richtung Biberstein gefahren; er stieg unter dem Kirchberg (Gemeinde Küttigen AG) aus, wo er wohnte. Er war ein liebenswürdiger, menschlich zugänglicher, freundlicher Mann. Er hatte eine Zeitlang mit Champagner und dann auch mit Elektronikbestandteilen gehandelt und schliesslich in der „Aarfähre“ einen festen Arbeitsplatz gefunden, mit dem er sehr zufrieden war. Er hielt 4 tibetanische Schäferhunde. Wir haben oft über Wein und die weite Welt gesprochen. Ich bedaure seinen Hinschied aufrichtig.

Die Zerstörung von Sachwerten ist besser zu verkraften als solche menschliche Verluste. Die „Aarfähre“ ist ausschliesslich innen schwer beschädigt; von aussen sieht man ihr kaum etwas an. Ob dieses Haus nach der asiatischen Tsunami-Katastrophe seine Sturmattraktion auf die gleiche Weise wie bisher weiterführen wird, weiss ich nicht. Der „Südsee-Cocktail“, der jeweils vor dem Sturm-und-Wellen-Plausch den Auftakt machte, weckt plötzlich unangenehme Erinnerungen. Die „Aarfähre“ kann nichts dafür. Die äusseren Umstände haben sich geändert.

Manchmal scheint es bloss, als ob uns die Natur etwas aufrütteln wolle, damit wir unsere Wertvorstellungen und das, was wir Unterhaltung nennen, überdenken.
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