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BLOG vom 06.01.2005


Betroffenheit: Vom Umgang mit dem Umgang

Autor: Walter Hess

Wie gehen Sie mit dem Umgang um, liebe Leserin, lieber Leser?

Es ist gerade wieder die hohe Zeit des psychiatrisierten Betroffenheitsjournalismus. Diese verbreitete Form publizistischen Mühens und Mitfühlens nahm ihren Anfang wahrscheinlich in den rührseligen Fernseh-Talkshows, in denen Geprüfte vor laufenden Kameras ihr ganzes Leid ausschütten und der Fernsehnation darlegen können, was menschliche Schicksalsschläge bedeuten konnten, etwa bei „Volle Kanne, Susanne“. Es war zum Heulen. Zum Mitheulen.

Der in England (Universität Kent) tätige Soziologe Frank Furedi führte über diese zum Leben erweckten Mitgefühle als medial verkleistertes Dogma einmal das Folgende aus: „Mitzufühlen ist inzwischen kein spontaner Ausdruck von Emotionen mehr, sondern vielmehr ein Dogma, das uns moralische Teilhabe gebietet − man könnte es ‚emotionale Korrektheit’ nennen. Verhaltensweisen, die von diesem gefühligen Konsens abweichen, werden inzwischen als bösartig angegriffen und abgestraft."

Die Betroffenheitskultur blüht nach wie vor lebhaft, auch die Talkshows gibt es noch. An Leuten, die ein Bedürfnis haben, ihr Innerstes nach aussen zu kehren und damit eine gewisse Bekannt- und Berühmtheit erlangen wollen, besteht keinerlei Mangel: Nach jedem Schicksalsschlag, jedem Unfall und insbesondere Katastrophe fragen insbesondere Radio- und Fernsehinterviewer: „Wie gehen Sie damit um?“ Mögliche Antwort, am Radio gehört: „Ich denke, ich rede darüber, schreibe darüber. Man sollte etwas machen, aber man kann nichts tun.“ Hilflosigkeit verbreitet sich. Frage: Wie gehen Sie mit Hilflosigkeit um?

Für mich stellt sich auch diese Frage: Wie gehe ich mit all den sinnlosen, stereotypen Fragen der Moderatoren nach dem Umgang um? Ich habe mich entschlossen, darüber ein Blog zu schreiben. Hier ist es.

So kann ich an dieser Stelle meinen Unmut über die Floskeln psychisch verarbeiten, die sich plötzlich verbreiten und wie ein Heuschreckenschwarm über die hilflose Zuhörerschaft hereinbrechen. Seit längerer Zeit wird bald einmal jedem Satz „Ich denke…“ (I think?) vorangestellt. Besonders von Menschen, die gerade eine Denkblockade hatten und Zeit gewinnen müssen. Und jetzt ist der Umgang mit Schicksalsschlägen, die sich massenweise eingestellt haben, an der Reihe: „Wie gehen Sie damit um?" Es ist schon richtig und nötig, dass man Anteil nimmt, sich intensiv um Menschen in Not kümmert und ihnen mit Zuwendung begegnet. Dafür besteht gerade jetzt, in den Tagen nach der Tsunami-Katastrophe in Asien, zweifellos ein grosses Bedürfnis. Die Anteilnahme ist eine ethische Pflicht. Am 5. Januar 2005 war in der Schweiz ein nationaler Trauer- und Sammeltag; am Mittag läuteten landesweit die Kirchenglocken. Bis jetzt wird von der Uno von 160 000 bis 200 000 Opfern gesprochen, darunter gegen 200 Schweizer.

Meine Aufforderung zur Anteilnahme geht sogar soweit, dass man sich (gerade) auch um jene Menschen kümmern sollte, die anderswo, vor allem in Afrika, an Hunger leiden und sterben, etwa 150 000 Menschen pro Woche im Durchschnitt. Jede Woche so viele Tote. Eine permanente Katastrophe. Diese Zahl nannte der Koordinator der Schweizer Glückskette, Roland Jeanneret, in einem Radiogespräch am 4. Januar 2005. Er ist nicht auf ein einzelnes Ereignis fokussiert und kennt die Nöte auf der Welt. Die riesige Spendenbereitschaft der Schweizer hat ein wenig auch mit seiner Integrität zu tun; bis am Dienstag, 5. Januar 2005, Mitternacht, wurden 114 Mio. CHF gesammelt.

Die kaum beachteten Folgen von Hunger, Seuchen, Krankheiten und weiterem Elend sind in der Uno-Sprache verwaiste Katastrophen (orphaned disasters) in „nicht prominenten Elendsregionen der Welt“. Die Medien sind nicht dort, weil sich das Unglück dezentralisiert einstellt; man müsste 100 000 Kameraleute einsetzen, um das Drama zu erfassen. Es ist wahrscheinlich, dass das übrige Elend wegen der Tsunami-Katastrophe noch weiter in den Hintergrund abgedrängt wird. Auch dieses:

„Im Osten Kongos kommen nach jüngsten Erhebungen jeden Tag rund 1000 Menschen an vermeidbaren Krankheiten und wegen der Vernachlässigung der humanitären Hilfe ums Leben",sagte UN-Nothilfekoordinator Jan Egeland Reportern im New Yorker Uno-Hauptquartier. "Das summiert sich alle 4 Monate zu einer Tsunami-Katastrophe − und das schon seit Jahren."

Die Schriftstellerin Lislott Pfaff hat mir Dienstagmittag, 5. Januar 2005, unter dem Eindruck der Geschehnisse per E-Mail geschrieben:

„Die Kirchenglocken läuten. Schweigeminuten. Alle gedenken der über 150 000 Todesopfer infolge des Seebebens im Indischen Ozean und der dadurch ausgelösten Flutkatastrophe vom 26. Dezember 2004, für einmal kein von Menschen, sondern von der Natur hervorgerufenes unvorstellbares Leid, für das die Worte fehlen.

Ebenso fehlen mir die Worte für das unvorstellbare Leiden, das gestern und heute und morgen allen Tieren auf der ganzen Welt ununterbrochen widerfahren ist, immer noch widerfährt und immer wieder widerfahren wird: das Leiden in dunklen Intensivställen, in kalten Forschungslaboratorien, hinter Käfigstangen, in Wäldern, durch welche die Jäger schleichen, in der Luft, durch welche die Kugeln der Vogelmörder sausen, im Wasser, das von tödlichen Fangnetzen durchkämmt wird.

Erst wenn auch für dieses unermessliche Leid die Kirchenglocken läuten, werden die Tiere und all jene Menschen aufatmen können, die nicht nur für ihre Mit-Menschen, sondern ebenso für ihre Mit-Tiere ein glückliches, qualfreies Leben herbeiwünschen.“

Soweit der eindrückliche Brief aus Liestal.

Wie gehen wir mit alledem um? Wir ignorieren das permanente Leiden auf dieser Welt, weil wir es sonst kaum ertragen würden.

Wie gehen Sie mit dem Ignorieren und Verdrängen um?
Ihre Meinung dazu?

 
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