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BLOG vom 13.09.2005


Kult des Loslassens: Die Wegwerfmentalität wegwerfen

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)

Um die Wirtschaft zu beleben, wurde das Wegwerfzeitalter erfunden. Dazu ist den Menschen die Kultur des Loslassens indoktriniert worden. Denn wenn sie im loslasserischen Übereifer auch gerade das noch loslassen, was sie später wieder benötigen, müssen sie es dann eben kaufen. Und das tut der Wirtschaft gut.

Der Gottesdienst des Loslassens, von sozusagen allen etablierten Medien brav nachgebetet, wurde damit begründet, wer sich vom alten Gerümpel befreie, mache sich für Neues frei. Nun ist, nach all meinen Erfahrungen, das alte Gerümpel qualitativ ungleich hochwertiger als der neue Plunder, mit dem die Konsumenten belästigt werden. Billig muss heute alles sein, und billig ist es auch tatsächlich. Was aus den handwerklich gefertigten Möbeln von ehedem geworden ist, lehrt ein Besuch in einem Möbelhaus, wobei zuzugeben ist, dass es schon noch einige Spezialgeschäfte für Menschen gibt, die das Spezielle suchen. Ich habe ein Holzgestell gesehen, das nicht einmal verschraubt, sondern mit einer Art Bostich-Klammern zusammengeschustert ist. Gute Qualitäten findet man praktisch nur noch in Antiquitätengeschäften und Brockenhäusern, die von der Loslasserei wunderbar profitiert haben und mit dem Losgelassenen gute Geschäfte machten. Sie gediehen wie die Pilze während eines warmen Herbstregens.

Wer das gute alte Zeug losgelassen und sich dann im Gefühl der Befreiung mit modernem Schund eingedeckt hat, kommt in einen Kreislauf des Loslassens, denn nach kurzer Zeit mag man den seelenlosen, zerfallenden industriell gefertigten Industrie-Sondermüll ohnehin nicht mehr ansehen. Da fällt dann das Loslassen leichter als leicht – ein befreiendes Gefühl, schon wieder.

Die Kulturblüte des Loslassens streute ihre Samen selbstverständlich auch auf partnerschaftliche Beziehungen aus. In diesem allzumenschlichen Bereich spricht man von Trennungen und/oder Scheidungen. Man lässt einander los und gruppiert sich wieder neu. Ob die Anheuerungen von neuen Partnern in qualitativer Hinsicht dem Schema der Industrieprodukte folgt, vermag ich von meinem Standort nicht zu beurteilen. Wahrscheinlich müsste man jeden einzelnen Partnerwechsel gesondert analysieren, und dafür fehlen mir Interesse und Zeit. Auch damit sind gute Geschäfte verbunden, wie man hört. Es gab bei Scheidungsanwälten in den letzten Jahren wenig Konkursfälle; jedenfalls sind mir keine bekannt geworden.

Wenn das Loslassen nicht mehr Hochkonjunktur hat, ist die Krise da, So habe ich kürzlich gelesen, die Automobilindustrie leide schwer darunter, dass die Leute ihre Fahrzeuge nicht mehr so häufig wechseln. Sie sieht sich nun gezwungen, bei der Qualität Abstriche zu machen, damit Lotterkisten das Loslassen mit Hilfe der Motorfahrzeugkontrollen erzwingen. Die neoliberale (auf kurzfristige Gewinne ausgerichtete) Wirtschaft weiss sich immer wieder zu helfen. Sie ist eben innovativ.

Ich kenne ein jüngeres Ehepaar, dessen Name hier nichts zur Sache tut, das als loslasserischer Sicht vollkommen verkehrt in den Schuhen stand: Es stopfte die 3½-Zimmer-Wohnung mit allen möglichen wertvollen, schönen, dauerhaften Gegenständen voll, die ihm irgendwo angelaufen waren. Die jungen Leute trugen mit Kennerschaft ausgesuchte Sachen zusammen, die irgendwo losgelassen worden waren. Die Wohnung schien aus allen Nähten zu platzen, wiewohl es die beiden in der Kunst, möglichst viele Trouvaillen auf kleinstem Raum unterzubringen, zu einer wahren Meisterschaft gebracht haben. Dass im elektronisch hochgerüsteten Büro überhaupt noch ein Stuhl Platz fand, grenzte schon fast an ein Wunder. Aber man hielt durch, sammelte weiter, rüstete weiter auf.

Und dann geschah das Wunder tatsächlich: Die beiden konnten ein grosses, schönes Einfamilienhaus, voll unterkellert, kaufen: Eine Platzorgie. Das Glück der beiden kannte keine Grenzen.

Ich durfte beim Zügeln der schwereren Stücke etwas mithelfen, zumal ich meine kerngesunde Rückenmuskulatur durch harten Gebrauch in Form halte und nicht etwa durch sanfte Übungen in einem Fitnesscenter, sondern durch nützlichen, schonungslosen Gebrauch. Die Stimmung war gehoben. Es war, als ob aus einem Ballon, der kurz vor dem Platzen ist, die Luft langsam entweichen dürfe; daraus ergibt sich eine wohltuende Entspannungssituation. Und in dem voluminösen Haus konnte alles leicht untergebracht werden; alles hatte seinen Platz. Und da musste nichts mehr gekauft werden. Noch selten habe ich so glückliche Menschen gesehen. Ich freute mich mit.

Weil sie die Kunst des Loslassens ins Gegenteil verkehrt haben, ergab sich der Zwang, aus der kleinen Mietwohnung auszubrechen und nach Raum Umschau zu halten. Und wer sucht, der findet. Ein bekannter Uhrensammler sagte mir einmal, wenn man einen Gegenstand oder sonst etwas intensiv suche, komme der Moment, wo das Gesuchte einen zu suchen beginne.

Mir selber ist es immer so ergangen. Sobald ich etwas brauche, fällt es mir praktisch von selbst zu. Das ist sogar bei Informationen, die ich unbedingt benötige, der Fall. Manchmal erreichen sie mich sogar, kurz bevor ich sie brauche. Ich danke in diesem Zusammenhang nicht nur einem gütigen Schicksal, sondern auch den vielen Bekannten und Unbekannten, die mich immer mit wertvollen Unterlagen dokumentieren.

Ich bin, wie man ohne weiteres erkennt, kein Befürworter des Loslasskults. Ich schätze wirkliche Werte, kann mich während Jahren daran freuen, etwa an dem hölzernen, kunstvoll geschnitzten Vogelkäfig, den ich vom Vogelmarkt in Hongkong vor vielen Jahren heimgeschleppt habe. Er ziert meinen zum Büro umgewandelten Tropengarten. In dem Käfig sind keine lebendigen Vögel, weil meiner Ansicht nach die Vögel ins Freie gehören, um nach Lust und Laune fliegen zu können. Dennoch erreichte der Käfig lokale Berühmtheit, weil er bei einer Aufführung der Operette „Der Vogelhändler“ von Carl Zeller in der Bibersteiner Turnhalle eine tragende Rolle spielen durfte. Das filigrane Kunstwerk, in dessen Sockel ganze, dicht bevölkerte Vogelbiotope eingeschnitzt sind, erinnert mich noch heute daran. Und es fällt mir nicht im Traum ein, diesen runden Käfig loszulassen und einem Vogelkäfighändler anzuvertrauen.

Das Verschenken eines Gegenstands an Menschen, die ihn wirklich brauchen und ehrliche Freude daran haben, ist eine andere Sache. Einem lesefreudigen Mädchen habe ich kürzlich einige Kinderbücher geschenkt und angeregt, es solle diese zum Grundstock einer eigenen Bibliothek machen. Eine eigene Bibliothek, auf die persönlichen Bedürfnisse abgestimmt! Das ist eine Welt!

Bevor ich etwas Wertvolles verschenke, kläre ich ganz genau ab, ob es sich beim Empfänger um einen flexibilisierten Loslasser handelt. Man sieht: Loslasser zu sein, ist ein hartes, brutales Schicksal, und mag es noch so sehr spirituell verbrämt sein. Meiner bescheidenen Meinung nach wäre es gescheiter, sich vor Schund zu hüten, das Auge zum Erkennen von Wertvollem zu trainieren und die Wegwerfmentalität wegzuwerfen.

Ich fühle mich nicht dazu berufen, mich in die Schundkreisläufe einbinden zu lassen. Sammler sind mir sympathischer als Loslasser. Die Kulturgeschichte dürfte diese Haltung rechtfertigen.

Und die Züglete eines jungen Sammlerhaushalts – und mag sie noch so mühselig gewesen sein – ist vorerst Bestätigung für meine Haltung genug. Mögen sich in ihrem Heim noch viele Schätze ansammeln!

Hinweise auf Blogs zum Thema

05.04.2005: „Das war also Primos ‚Tag X’ – ohne Lichterlöschen“

04.04.2005: „Der alte Handatlas, der mich nachdenklich macht“

10.02.2005: „Wenn die Gegenwart in Zukunft Vergangenheit sein wird“

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