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BLOG vom 14.09.2005


Schweizerreise „Zum alten Knochen“ mit „Herrgöttchen“

Autor: Emil Baschnonga

„Zum alten Knochen” nennen die Einheimischen die alte Beiz in Allschwil BL, ganz nahe bei der Endschleife der 6er-Tramlinie im Dorfzentrum. Nach rund 10 Haltestellen ist man schon in der Stadtmitte von Basel.

Doch am besten beginne ich diese Skizze über meine kurze, 3-tägige Geschäftsreise in der Schweiz gleich nach der Landung im Basler Flughafen, wo ich ein Auto mietete. Ehe ich den Motor startete, suchte ich nach dem Aschenbecher; denn ich wollte noch eine Zigarette paffen. Der „Ford Focus” hatte keinen. 2 Angestellte des Wagenvermieters stellten nach vergeblicher Suche fest, dass ich ein „Nicht-Raucher-Auto“ erwischt hatte. Beide wussten das erst, nachdem sie im „Bordbuch“ nachgeschlagen hatten. „Was es nicht alles gibt“, meinte ich baff und ergatterte mir einen Aschenbecher.

Mein 1. Halt war in Root LU, wo mir jemand auf die Frage, wo es hier ein Hotel gebe, sagte: „Sie sind eben daran vorbeigefahren.“ Am Ende der Brücke war das Hotel Garni An der Reuss. Dort sass ich also am 1. heissen Abend im Terrassenanbau mit Ausblick auf die noch vom Hochwasser angeschwollene Reuss und verzehrte „Kalbsläberli“ mit Rösti und gemischtem Salat. Das esse ich jedes Mal gern, wenn ich in meiner alten Heimat bin.

Root ist ein an der lärmigen Durchfahrtsstrasse gelegenes Strassendorf, an dessen Flanke obendrein die Schnellzüge von Zürich nach Luzern vorbeisausen. Das Ergebnis war für mich eine stark gestörte Nachtruhe, als die Züge mit Vor- und Nachhall auf dem schnurgeraden Geleisepaar knapp vor meinem Zimmerfenster mich jedes Mal beim Einschlafen störten. Dazwischen konnte man das sanfte Plätschern der Reuss nicht mehr hören − was allein meinen Schlaf beschleunigt hätte −, statt der Pneugeräusche, die von der Hauptstrasse her in meinen Ohrmuscheln sausten und brausten. Nachdem es endlich still geworden war, stand ich in aller Herrgottsfrühe auf und bereitete mich auf den 1. Geschäftsbesuch vor.

An diesem Tag – gegen Abend − erreichte ich Baden, das für mich immer bloss eine Bahnhaltestelle auf der Durchfahrt geblieben ist. Es herrschte reger Autoverkehr. Ich schlängelte mich auf meiner vergeblichen Suche nach einem freien Hotelzimmer ins „Loch“ hinunter, wo die Kurhotels sind – umsonst; sie waren obendrein viel zu teuer. Also wieder zurück Richtung Zürich. Aber hartnäckig, wie ich bin, gab ich nicht auf und fand schliesslich ein Zimmer in einem sauberen Familienhotel in Wettingen, parkierte das Auto und fuhr im Bus nach Baden zurück.

Ein netter Ort, befand ich, als ich die Altstadt durchstreifte, bis sich der Hunger meldete, den ich auf dem Vorplatz der „Hütt im Bistro“ stillte mit der 1. Neuauflage – Sie haben es erraten – von „Kalbsläberli“, denn auf „Penne all arrabiata mit Olive, Chrüüter und Chnobli“ hatte ich ebenso wenig Lust wie auf die „Riesencrevetten uf emene Gmües-Thaycurry mit Frücht und Riis“ (... auf einem Gemüse-Thai-Curry mit Früchten und Reis). Später, im kleinen Garten des Hotels „An der Eck“, nahm ich sicherheitshalber noch ein Schlummerbier.

Neben mir sass würdig eine alte Dame, die allen Gästen, die das Restaurant verliessen, artig eine gute Nacht wünschte. Es war die Besitzerin, die Aufsicht hielt, während ihre Tochter und ihr Mann herumweibelten. Ein Gespräch mit ihr blieb nicht aus. Bald kamen die Politik und der Wirbelsturm “Katrin” in New Orleans und Umgebung aufs Tapet. Sie apostrophierte George W. Bush mit einigen kräftigen Dialektausdrücken. Ich konnte ihr nur beipflichten.

Den Schlaf gewann ich sofort, doch um 2 Uhr morgens wurde er von einem Mädchengekreisch draussen auf der Strasse jäh unterbrochen. Das wird sich legen, dachte ich und drehte mich auf die andere Seite. Aber der Lärm wurde immer lauter, und Männerstimmen kamen hinzu. Verdrossen trat ich ans Fenster: Unten lag ein Mädchen stockbesoffen auf der Strasse, umringt von ihren ebenfalls stark berauschten Freundinnen. Da wurde laut gewerweisst, ob die Polizei oder der Notfalldienst avisiert werden sollte oder nicht. „Sie braucht eine Magenpumpe“, schlug einer der Männer vor. „Ihr Vater ist Arzt, und sie wohnt ganz in der Nähe“, sagte eines der Mädchen. Gemeinsam hissten sie das betrunkene Geschöpf hoch, als ein Auto vorfuhr, worin sie auf den Hintersitz gebettet wurde. Endlich kehrte Ruhe ein. So gibt es also das Binge-Drinking (Saufen bis zum Umfallen) auch in der Schweiz. Da ich schon wach war, bereitete ich mich wiederum frühmorgens auf die 2. Geschäftsbesuche vor.

An diesem Tag erreichte ich über Würenlos AG das „Salatland“ zwischen Baden und Zürich, genauer die kleinen benachbarten Dörfer Dänikon und Dällikon ZH. Viel zu früh hatte ich mein Ziel erreicht, und somit verblieb mir viel Zeit zum Frühstück in der Laube einer umgebauten Scheune. Es sollte eigentlich leicht sein, die Adresse des 1. Besuchsorts in Dänikon zu finden. Merkwürdig, wie wenig die Einheimischen Bescheid wissen, musste ich wieder einmal feststellen. Die Firma hatte 3 Adressen, eine für die Gemüseverarbeitung, eine andere für die Auslieferung mit Büros, und von der 3. wusste niemand Bescheid. Die Hausnummer Sowieso an der Hauptstrasse war unbekannt. So wurde ich im Kakao herumgejagt und erreichte erhitzt und mit 10 Minuten Verspätung die „Holding der Firmengruppe“ (ohne Hausnummer), genau gegenüber der Bushaltestelle in einem Bauernhof.

Mittagszeit! Wie ländlich und friedlich es in dieser Gegend ist! Ein Überbleibsel aus der guten alten Zeit. Hingegen in der Beiz, wiederum in einem alten Bauernhaus untergebracht, diesmal in Dällikon, ging es recht lärmig zu und her. Das störte mich diesmal ganz und gar nicht, als breit im Dialekt getratscht wurde. Hier haben die Leute noch Zeit füreinander. In den Gesprächsfetzen, die ich mitkriegte, herrschte der lokale Klatsch vor. Ich liess mir die Bratwurst mit Rösti schmecken, mein 2. bevorzugtes pièce de résistance, wenn ich in der Schweiz bin.

Jetzt komme ich so langsam zum Zuge, d. h. „Zum alten Knochen“. Wegen einer Messe in Basel musste ich ins Baselbiet ausweichen, nämlich ins Hotel Restaurant Rössli in Allschwil (die Wohnung meiner Mutter wurde vor vielen Jahren aufgegeben). Inzwischen rückte die Zeit zum Abendessen näher. Fürs „Rössli“ war es noch zu früh, und ich wollte nicht unbedingt der 1. Gast sein. Das sollte kein Problem für mich sein, denn ich kenne den Ort gut.

Die „Alte Mühle“, wo man herrlich speist, schlug ich aus, denn dorthin gehe ich nur, wenn ich mit meiner Familie in dieser Umgebung bin. Ich stutzte vor dem Riegelbau: Die ehemals kleine Fressbeiz war zum türkischen Restaurant verwandelt, meiner Meinung nach verschandelt worden. Die Ausweichstätte war knapp 40 Meter weiter in einem Seitengässlein, eine echte Beiz, wo immer viel Betrieb ist. Ich ging durch den grösseren, den Zechern vorbehaltenen Raum ins kleine „Stübli“ nebenan, wo erst ein Tisch von 4 Leuten besetzt war. Allein auf weiter Fahrt begleitet mich immer ein Notizblock. Ehe ich ihn aufschlug, bestellte ich zum 2. Mal eine Bratwurst mit Rösti (also etwas, das man in London nicht kriegt).

Eben trug die Serviertochter die Gerichte zum Tisch nebenan, ordentlich gehäufte Teller, wie ich sah. Wie es sich gehört, wünschte ich „Ä Guete“. „Und Ihnen auch, falls es nach uns noch etwas gibt“, sagte der Glatzköpfige heiter. Ich wollte zurückhaltend bleiben und öffnete meinen Schreibblock.

Wie ich in ein langes Gespräch schlitterte, weiss ich nicht mehr genau. Item, es kam wahrscheinlich dazu, als die Kellnerin abräumte, am Tisch nebenan eine 2. Flasche Rotwein aus Kalifornien bestellt wurde und ich anschliessend „Zum Wohl!“ sagte. Die beiden Herren meines Alters, erfuhr ich, gehörten dem Lehrkörper der Basler Universität an.

Jetzt kommt es mir wieder in den Sinn: Der Gesprächsanstoss ergab sich, als sich der Glatzköpfige als Germanist zu erkennen gab, aber deswegen die lateinischen Sprachen nicht vernachlässige, wie er beifügte. Sein Vater war schliesslich ein gebürtiger Spanier. So wetteiferten wir im Austausch von Sprachbrocken auf Dialekt, Französisch und Spanisch – es war eine Freude. Das Englisch blieb dabei auf der Strecke. Meine Tischnachbarn waren erstaunt, dass ich seit über 30 Jahren ein Auslandschweizer bin, der sein „Baseldytsch“ (Basler Mundart) nicht vergessen hatte. Auch ihre Frauen waren Lehrerinnen, eine ursprünglich vom Wallis, die andere aus dem Luzernischen. Der Glatzköpfige bestand darauf, dass man die Fremdwörter in der deutschen Sprache ausrotten sollte, denn es gebe immer ein geeignetes Ersatzwort auf Deutsch. Prinzipiell, pardon: grundsätzlich, teilte ich seine Meinung, aber wies auf einige Ausnahmen hin, die er beim besten Willen nicht eindeutschen konnte.

Die Plauderei lockerte sich und wurde mit Witz und Spässen lustig untermengt. Zu Viert war der „Kalifornische“ bald geleert. Jetzt brauchen wir nur noch 1 oder 2 „Herrgöttchen“, sagte der Glatzköpfige, der das Wortzügel nicht so leicht fahren liess. „Ich wette, das können Sie nicht auf Englisch sagen.” Ich gab klein bei und wusste nicht einmal, was er mit „Herrgöttchen“ meinte. „Das ist eine kleine Stange Bier.“ So sattelte ich ebenfalls aufs „Herrgöttchen“ um und fand die Beiz ganz toll.

„Diese Beiz“, wurde ich aufgeklärt, „heisst unter uns ‚Der Knochen’“. − „Wie kommt sie zu diesem sonderbaren Namen?“ fragte ich. „Vor Jahrhunderten war hier eine echte Spelunke, wo es viele Schlägereien zwischen den Bauern gab, die mit blutigen Knochen endeten. Jetzt verkehrt hier im Stübli nur noch die Prominenz. Das erfahren nur wenige Auswärtige.“ Ich fühlte mich geehrt. Ich wurde sogar ins 2. „Herrgöttchen“ miteinbezogen. Dafür musste ich mich gebührend revanchieren. Die Damen setzten, wie immer, die Grenzen: „Aber nur ausnahmsweise diesmal!“

Am Samstag musste ich am frühen Nachmittag das Feld räumen, nach meinem Besuch bei meiner Mutter im Pflegeheim. Zuvor konnte ich noch auf dem Petersplatz-Flohmarkt etwas schnuppern. Mit einem „Tête de Moine“, einer Linzertorte, einer Mandeltorte − und was es sonst noch zum Überleben braucht −, erreichte ich ganz zufrieden mit heilen Knochen meine englische Wahlheimat als intakter Schweizer.

Hinweis auf ein Blog zum Thema Gaststättenbesuch                              

30. 01. 2005: „Alkohol und Engländer: Saufen bis zum Umfallen“

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