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BLOG vom 04.10.2005


Die entfesselte Welt: Die Ordnungsrahmen fehlen überall

Autor: Walter Hess

Bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurden die heranwachsenden Menschen nach strengen Grundsätzen erzogen. Doch eines Tages wurde das nicht mehr als zeitgemäss empfunden. Alle Werte wurden umgewertet, alle Schranken beseitigt. Die antiautoritäre Erziehung begann. Die entsprechenden Impulse kamen vom britischen Pädagogen Alexander Sutherland Neill und seiner Schule Summerhill in Leiston GB. In meinem Buch „Kontrapunkte zur Einheitswelt“ habe ich diesen „Grüssen vom Sommerhügel“ und deren Folgen einige Seiten Raum gegeben. Denn der Zerfall jeder Ordnung ist schliesslich ein offensichtlicher Begleitumstand der Globalisierung.

Zwar war das Sommerhill-Modell noch mit einigen etwas weiter aussen gesteckten Grenzen zur Förderung der Eigenverantwortung versehen, doch wurden diese zunehmend eingerissen. Der aufkommende Begriff „antiautoritär“ war das Synonym für eine schrankenlose Freiheit, und was daraus geworden ist, kann man am Bildungszerfall und der Jugendkriminalität ablesen, woran selbstverständlich die zunehmende soziale Desintegration ihren Anteil hat. Immer mehr Kinder und Jugendliche demonstrieren Gewaltbereitschaft, auch ausserhalb der Schulareale, ein Ausdruck der gesellschaftlichen Erosion, der zusammenbrechenden Familienstrukturen, eine Erscheinung, die mit der Förderung der Tagesschulen noch weiter vorangetrieben wird. Man fördert also nicht etwa die Geborgenheit in einer Art Familienkreis, sondern die Auflösung familiärer Gemeinschaften im Interesse der Zucht einer angepassten Massengesellschaft mit ihrem Einheitsdenken, die sich gut führen und leicht manipulieren lässt. Und die bedauernswerten Kinder müssen diese Situation und ihre Verlorenheitsgefühle durch ein auffälliges Benehmen zu bewältigen versuchen.

Die genau gleichen antiautoritären Erscheinungen sind Merkmale der neoliberalen Weltwirtschaft mit ihren grausamen Folgen. Die WTO (Welthandelsorganisation) als wesentliches Globalisierungs-Instrument hat jeden Ordnungsrahmen zerschlagen. Und daraus entwickelt sich ein Banditentum, das keine Grenzen mehr kennt und gelegentlich ganze Volkswirtschaften zum Einsturz bringt, nach dem Beispiel von Argentinien. Und wer nicht liberalisiert und nicht mitmacht, wird durch Sanktionen in die Knie gezwungen. „Öffnung“ und „Flexibilität“ heissen die modernen Zauberwörter, die bereits einen Befehlscharakter haben. Und wer bei diesen Prämissen den Willen zur Eigenständigkeit kundtut, erhält die Quittung schon. Er wird ausgegrenzt, ist nicht mehr dabei.

Genau wie die Kinder und die Erwachsenen, so würden gerade auch die Wirtschaft und die Staaten einen Ordnungsrahmen brauchen – das wären gewisse Grenzen, die im Interesse der Gesellschaft und ihres Lebensraums nicht überschritten werden dürften. Aber es ist angesichts der Entfesselungen in allen Lebensbereichen schon fast ein kriminelles Unterfangen, zum Beispiel auf den vereinzelt noch vorhandenen Willen zur Erhaltung einer nationalen Souveränität und eines Nationalstaats überhaupt hinzuweisen. Die Schweizer alt Bundesrätin Ruth Dreifuss brachte die moderne Denkweise – die der Ihren entspricht – auf den Punkt: „Es ist eigentlich unwesentlich zu wissen, ob es die Schweiz noch geben wird oder nicht. Ich persönlich hoffe, dass über die Staaten hinweg ein neuer, europäischer Überbau entsteht. Ob die Schweiz innerhalb einer grösseren Einheit überlebt, ist mir selber nicht so wichtig.“ Soweit eine „Landesmutter“, die ihr Land verrät und sich nicht scheut, von diesem lebenslänglich ein hohes Einkommen einzukassieren; man müsste sie beim Abholen ihrer Bezüge eigentlich an die bankrotte internationale „Staatengemeinschaft“ verweisen ...

Auch die Politik ist ausser Kontrolle geraten: Wirtschaft und Staaten sind gleichermassen von Fusionen geprägt (es beginnt schon auf Gemeindeebene) – immer im Interesse eines rationalisierten neuen Ganzen, das sich durch die Gross- und Übermächte unter US-Herrschaft besser führen lassen. Sogar die Armeen fusionieren, unterwerfen sich zunehmend der US-ferngesteuerten Nato.

In seiner Broschüre „Ikarus. Übermut fordert seinen Preis“, herausgegeben von der Aargauischen Stiftung Freiheit und Verantwortung in Politik und Wirtschaft, CH-5001 Aarau (2004), fragt sich der bekannte Finanzwissenschafter, Politiker und ehemalige Ständerat Dr. Hans Letsch, wie es wohl möglich sein könnte, den „Drang unserer Behörden zu internationaler Grösse in massgeschneiderte Grenzen“ zurückzunehmen. Ich zitiere mit freundlicher Erlaubnis des Autors:

„Das Interesse des Bürgers an gemeinschaftlichen Aufgaben, seine Bereitschaft zum politischen Engagement und sein Vertrauen in die Behörden schwinden in der Regel, je weiter weg von ihm Entscheide getroffen werden. Aus staatspolitischen Überlegungen müssen wir deshalb – als erstes Anliegen – den kleinen überschaubaren Raum wieder aufwerten, d. h. unsern föderalistischen Strukturen Sorge tragen, indem wir Kantonen und Gemeinden möglichst viele Aufgaben mit entsprechenden Kompetenzen belassen. Das Subsidiaritätsprinzip (gesellschaftspolitisches Prinzip, nach dem übergeordnete gesellschaftliche Einheiten nur solche Aufgaben übernehmen sollen, zu deren Wahrnehmung untergeordnete Einheiten, besonders die Familie, nicht in der Lage sind) verträgt sich nicht mit der Degradierung von Kantonen und Gemeinden zu reinen ‚Vollzugsanstalten’ des Bundes.“

Hans Letsch weist in diesem Zusammenhang auf einen Aufsatz von Gerhard Schwarz über „Die Verdörflichung als Alternative zur Globalisierung“ hin.

Ich bin in meinem Anti-Globalisierungsbuch (Untertitel: „Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“) zur genau gleichen Feststellung gelangt, ohne den zitierten Artikel in den „Schweizer Monatsheften“ und Letschs im doppelten Sinne wegweisenden „Ikarus“ (im Sturzflug) gekannt zu haben. Die Regionalisierung, die Betonung der nahe liegenden, überblickbaren Werte, ist bekanntlich auch das Leitmotiv der Verlag Textatelier.com GmbH. und ihrer Buchproduktion; soeben ist das Buch „Bözberg West“ von Heiner Keller erschienen.

Letsch warnt in seinem „Ikarus“-Werk zur Vorsicht gegenüber den Bestrebungen zur „Neuorientierung der Regionalpolitik in unserem Land“ (Schweiz). Wörtlich: „Den Promotoren geht es darum, durch verstärkten Einfluss des Bundes eine umfassende Territorialreform einzuleiten, zu deren Eckwerten vor allem politische Grossagglomerationen und so genannte unternehmerische Clusters gehören, d. h. Unternehmen und Unternehmensgruppen, die sich in einem grösseren Wirtschaftsraum gegenseitig unterstützen, und deren Aktivitäten natürlich bald einmal mit Hilfe von Steuergeldern gefördert werden sollen.“ Solch eine neue Regionalpolitik (NRP) greife „an die Wurzeln unseres Föderalismus und Milizsystems“. Und offenbar auch nach unserem Geldbeutel, wie man beizufügen geneigt ist.

Die Globalisierung ihrerseits begünstige „den Drang zu unternehmerischen Zusammenschlüssen und multinationalen Konzernen (...), was sukzessive eine Stärkung der internationalen Organisationen und deren Macht bewirkt“. Sogar der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt hat in seinem Buch über die „Globalisierung“ zu bedenken gegeben: „Kulturell gesehen bedeutet die Globalisierung eine Gefährdung der eigenen Identität ...“ Aber das wird heute locker hingenommen. Dabei ist es laut Letsch „wenig hilfreich und wirkt eher peinlich, wenn Mitglieder der Landesregierung bei festlichen Anlässen das schweizerische Selbstbewusstsein und die Demokratie als Chance rühmen, im politischen Alltag aber genau diese Tugenden mit Füssen treten“.

Die Ordnungsrahmen fehlen in Erziehung und Bildung, in der Wirtschaft und in der Politik gleichermassen. Die ordnenden Gedanken, die sich bei einigen erfahrenen, mahnenden Denkern noch finden, werden von den Medien, die Inhalte zugunsten von Allotria, Bildern und Weissraum zunehmend bewusst und gezielt abschaffen, kaum noch zur Kenntnis genommen. Die grenzenlose Freiheit, die zu Armut, Sozial- und Naturzerfall, Kriminalität, Überwachungsmassnahmen und in ein totales Chaos führt, wird wie ein modernes, naturgegebenes Weltereignis akzeptiert und vorangetrieben. Letsch hat aus einer alten „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ FAZ diesen Satz zitiert: „Die Zukunft ist nicht Staatssache, sondern Bürger-Chance.“

Hinweise auf Blogs zu Themen wie Globalisierung und Regionalisierung

 

01. 10. 2005: „,Crash. Boom. Bang’: Kein Mittel gegen Hollywood-Schund“

26. 09. 2005: „D und CH: Wahlen, Abstimmungen und Kosmopolitismus“

22. 09. 2005: „Röpke: Das masslos überdehnte ‚Mass des Menschlichen’“

16. 09. 2005: „’Crash. Boom. Bang’: Hollywoods Kriegsverherrlichung wirkt“

12. 09. 2005: „Belebende Töne in Dur: Regionalorganisation dreiklang.ch“

09. 09. 2005: „Henry David Thoreau und die Pflicht zur Ungehorsamkeit“

07. 09. 2005: „Die USA schreiben verschlungene Schützenpanzerwege vor“

06. 09. 2005: „Die tödliche Gefahr der zentralistischen Globalisierung“

20. 08. 2005: „Alle Achtung beiseite – bei den fetten Manager-Katzen“

13. 08. 2005: „Die Glokalisierung als Reaktion auf die Globalisierung“

21. 07. 2005: „Übel aus dem Osten, aus dem Westen nichts Neues“

11. 07. 2005: „Wie man den Kindern das Töten und Schlagen beibringt“

04. 07. 2005: „Bush-Rede: Ein Kommafehler im Dienste der Ehrlichkeit“

06. 05. 2005: „Globalisierung, OECD, G10 und die Beruhiger vom Dienst“

02. 04. 2005: „Der Neoliberalismus, ausrangierte Alte und der Papst“

04. 03. 2005: „Hunter S. Thompson und die fiktive Wirklichkeit“

01. 02. 2005: „WEF 2005: Schminke über Globalisierungspleiten“

31. 12. 2004: „Bilanz 2004: Überhaupt nichts im Griff“

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