Textatelier
BLOG vom: 13.10.2005

Lärm an der Wurzel anpacken: Zurück zu Sense & Co.

Autor: Walter Hess

 

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Aber die meisten Menschen sind Lärmproduzenten.

 

Heute Nachmittag arbeitete ich im Garten, las Baumnüsse auf und sammelte Laub als Abdeckmaterial ein. Es hebstelet. In der Nähe war ein Bauamtsarbeiter mit einem heulenden, jaulenden Graskreiselmäher am Werk. Ich mache dem netten Mann keinen Vorwurf. Ich weiss nicht genau, ob man der technischen Errungenschaft genau so sagt. Unten an der rasenden Nervensäge dreht sich eine Scheibe, die Plastikschnüre rotieren lässt, und diese schlagen das Gras ab. Das Abschlagen statt Abschneiden ist gerade in Mode. Auch Hecken werden nicht mehr geschnitten, sondern brutal abgeschlagen (abgeschlegelt). In seinem Buch „Bözberg West“ hat sich auch Heiner Keller darüber aufgeregt. Es stört sein Landleben. Begreiflicherweise.

 

Früher gab es Sensen, die man mit kühnen Schwüngen durchs Gras führte. Ich oute mich hier als stolzer Besitzer solch einer Sense bester Qualität. Mein seliger Schwiegervater, ein urwüchsiger Bündner Bergbauer, hat mich im Rahmen der Brautschau vor mehreren Jahrzehnten nebenher ins Mähen und Dengeln eingeführt, und weil ich mich gut anstellte und mir alle Mühe gab, überliess er mir eine seiner Töchter zur Frau. Selbstverständlich hatte ich auch andere Bewährungsproben zu bestehen, die aber verhältnismässig einfach waren.

 

Das Mähen im taunassen Gras ist ein reines Vergnügen und eine hervorragende Rückengymnastik. Irgendwo gibt es ein Wohlfühlhaus, welches das Mähen ins Fitnessprogramm aufgenommen hat; ich habe einmal darüber gelesen. Der Stellenwert des Mähens wird erhöht, weil man dafür sogar noch bezahlen darf, das bekannte Fitnesscenter-Syndrom.

 

Neben der Lärmeinsparung hat das Mähen mit der Sense noch einen anderen Vorteil: Man braucht sich nicht wie ein Astronaut vor der Marsmission anzuziehen (Ohrenschutz und Schutz gegen Steine), sondern kann es hemdsärmelig tun. Die Maschinen ihrerseits sind immer gefährlich. Kürzlich hat ein freundlicher Bursche oberhalb unseres Hauses die Wiese des Nachbargrundstücks maschinell abgeschlegelt. Dabei flogen kleine Steine wie Geschosse umher, sogar in meine offene Garage, in der ich gerade tätig war. Wahrscheinlich müssen auch Nachbarn allmählich in Schutzanzüge schlüpfen, wenn sie sich ins Freie wagen.

 

Ja, unsere Maschinenwelt ist lärmig geworden. Die Suva (Schweizerische Unfallversicherungsanstalt) anerkennt jährlich 600 Fälle berufsbedingter Lärmschwerhörigkeit. Diese ist damit noch immer die drittverbreiteste Berufskrankheit. Sie verursacht jährliche Kosten von rund 8 Millionen CHF. Dasselbe Leiden kann man übrigens auch in Diskotheken und dergleichen Lärmhöllen auf einfachere Weise haben.

 

Lärm zertrümmert nicht nur das Gehör, sondern er belästigt auch. Selbst verhältnismässig leise Gespräche, Musik oder Tonfolgen lenken etwa in Grossraumbüros die Mitarbeiter ab. Zwar lässt sich in diesen Intensiv-Bodenhaltungsanlagen wesentlich einfacher mobben, aber rein produktionstechnisch kommt aus diesen lärmigen Kampfzonen nicht viel Gescheites heraus. Wenn man etwas bestellt, geht meistens etwas schief. So empfinde ich es jedenfalls. Ich könnte Beispiele in beliebiger Zahl nennen.

 

Bei einer Lärmtagung, die gerade in Luzern durchgeführt worden ist, war zu vernehmen, Lärm störe insbesondere Arbeiten, bei denen das Kurzzeitgedächtnis gebraucht werde (laut Brigitta Danuser vom Lausanner Institut universitaire romand de Santé au Travail). Man mache mehr Fehler oder sei abgelenkt, ohne dies bewusst wahrzunehmen. Der Arbeitgeber sei dafür verantwortlich, dass alle Massnahmen zum Schutz von Leben, Gesundheit und Integrität seiner Mitarbeitenden getroffen würden, hiess es an der Tagung von anderer Seite. Aber die bauen weiterhin Grossraumbüros.

 

Auch die Maschinenbauer sollten dem Lärmschutz meines Erachtens mehr Gehör schenken und weniger Geräte produzieren, die zugleich Sirenen sind. Motorrasenmäher, Kettensägen, Häcksler machen die Freizeit zur Qual, und wenn dann noch Landwirte mit ihrem immer schwereren Gerät, bei denen der Umweltschutz im weitesten Sinne vergessen worden ist, ihre Runden drehen und sich Flugzeuge im Tiefflug üben, erodiert die Lebensqualität. Dafür gibts mehr Stress. Selbst Kaffee entsteht bei uns unter gewaltigem Getöse.

 

An der Luzerner Tagung hiess es auch, die Lärmprävention sei auch für den Mutterschutz nötig. Eine dauerhafte fatale Belastung einer Schwangeren durch Lärm könne das Hörvermögen des Kindes beeinträchtigen, sagte Sylvie Praplan vom Staatssekretariat für Wirtschaft (seco). Auch hätten einige Studien ergeben, dass das Risiko für Frühgeburten oder Wachstumsstörungen steigen könne. Man kann also das entstehende Leben nicht an diese schreiende, heulende und knallende technische Welt gewöhnen, bei der Knallereien mit Freude gleichgesetzt ist.

 

Man könnte auch noch die Fernseh-Werbung und die organisierten Applaudierkulissen dem Kapitel Lärm zuordnen. Viele Werber meinen, je mehr sie die Menschen anschreien, desto besser sich ihr Produkt verkauft. Das dürfte aber nur auf Hörgeräte zutreffen.

 

Und sie vergessen, dass Leute mit geschädigtem Kurzzeitgedächtnis ihre Werbebotschaften gleich wieder vergessen. Aber das ist dann schon der eher positive Aspekt am Ganzen.

 

Blogs zum Thema Lärm

20. 07. 2005: „Sirenengeheul: Londoner Polizisten rasen gefährlich"

08. 02. 2005: „Baut die Applaudierkulissen bitte endlich ab!“

02. 01. 2005: „Giftgase aus Feuerwerk und Schwelbränden“

 

Ein Gedicht zur Stille

05. 10. 2005: „Herbstzeitlosen lauschen leis’ ...auf des Herbstes Paradeis“

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