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BLOG vom 03.11.2005


Raclette und Heida-Wein: Herbstabend bei Taugwalders

Autor: Walter Hess

Der herbstliche Raclette-Abend bei Elsie und Hannes Taugwalder am Geissfluhweg in CH-5000 Aarau hat bereits rituellen Charakter angenommen. Es ist ein jährliches Zeremoniell, das nicht nur in gastroposophischen, sondern auch in lebensphilosophischen Belangen hohe Ansprüche übertrifft.

Damit es nicht zu spät wird, trifft man sich im kleinen Freundeskreis bereits gegen 18 Uhr im Taugwalder-Haus, zu dem ein breiter Zugang über eine kunstvoll arrangierte Mischung aus Steinplatten und Pflästersteinen führt. Die Gäste werden mit überströmender Herzlichkeit empfangen und fühlen sich sofort daheim. Im Stübchen stimmt man sich bei einem Glas Heida-Wein aus Visperterminen auf den Walliser Abend ein – Hannes stammt aus Zermatt. Man tut, einem ehrlichen Bedürfnis nachgebend, kund, wie sehr man sich gefreut habe und stellt fest, wie hervorragend Hannes (94) und Elsie (über 80) nach wie vor aussehen. Zwar hatte mir Hannes bei der telefonischen Einladung gesagt, das könnte das „Abschieds-Raclette“ sein, da er sich manchmal etwas müde fühlt und bereit wäre, den Tod entgegenzunehmen. Doch wenn man ihn bei der vollen geistigen Frische und bei seiner ungebrochenen Vitalität erlebt, nimmt ihm solche Vorahnungen niemand ab.

Hannes Taugwalder hat gerade noch ein neues Buch zu schreiben begonnen, von dem der Titel bereits feststeht: „Sie würfelten mit dem Herzen.“ Solche Herausforderungen halten den unermüdlichen Schreiber frisch. Sein eigener Glendyn Verlag erhält ständig neue Nahrung. Vor wenigen Tagen war mir Hannes’ neuestes Büchlein „Lebewesen wie wir“ zugeschickt worden (ISBN 3-90633738-3). Es sind aus einem grossen Einfühlungsvermögen hervorgegangene Pflanzengeschichten „für Jugendliche und Junggebliebene“, wie auf dem farbigen Umschlag zu lesen steht. Die Texte, in grosser Schrift gesetzt, sind kurz, stimmungsvoll, einprägsam – lebendige Naturkunde und eindrückliche Beiträge zum Naturschutz, herausgewachsen aus tiefer Ehrfurcht vor allem Leben. Entstanden ist ein religiöses Buch in dem Sinne, als hier die Natur verehrt wird: „Ich ziehe vor jeder Stubenfliege, die noch unser Haus besummt, den Hut“, heisst es darin. Hannes hatte mir einmal gesagt, selbst Fliegen seien rar geworden. Und ich habe das selber ebenfalls schon festgestellt.

Elsie Taugwalder, früher eine bekannte und engagierte Konsumentenschützerin, steht ihrem Mann hinsichtlich Aktivitäten in keiner Weise nach. Sie lud zu einer herrlichen Vorspeise: Carpaccio. Das hauchdünn geschnittene Rindsfilet hatte sie mit einer delikaten Sauce (wohl aus Olivenöl, etwas Zitronensaft und Gewürzen) bedeckt, ebenso mit kleinen grünen Spargeln. Und dass sie auch das Dessertgebäck und sogar die Grand-Marnier-Crème selbst zubereitet und flambiert, versteht sich von selbst.

Doch ich greife vor. Das zentrale Ereignis ist selbstverständlich das Raclette. Hannes bestellt jeweils einen halben Käselaib aus der Walliser Gemeinde Turtmann; er weiss, wo der beste Käse zu haben ist, auch wenn keiner wie der andere duftet und schmeckt. Diesmal war der Raclettelaib wahrscheinlich zu jung. Denn unter der Oberhitze des Raclette-Ofens wurde das Halbrund des Käses bald etwas zu weich, was Hannes noch nie erlebt hatte. Doch liess der heisse Käse auf dem Teller keine Wünsche offen: rahmig, käsig, eher mild. Dazu reichte Elsie getrocknete Tomaten, Essiggemüse und Senffrüchte.

Hannes betreut den Racletteofen immer höchstpersönlich, fragt nach den Krustenwünschen, hält das Messer zum Abstreifen der geschmolzenen Schicht in warmem Wasser bereit und gibt eine gekochte Kartoffel dazu. Die Portionen werden im Uhrzeigersinn der Reihe nach um den Tisch verteilt, Energie aufladend. Da ich neben der charmanten Meta Straub oben am Tisch sass, kam ich beim Verteilen des geschmolzenen Käses als Zweiter an die Reihe – ein frühes Glück, das sich noch mehrfach wiederholen sollte.

Das Essen wird immer wieder durch Pausen unterbrochen, vollzieht sich also in Ruhe und Gemütlichkeit. Man spricht über die schönen Seiten des Lebens, bei dem alles seine Folgerichtigkeit hat. Und Franz Straub, ehemaliger Chefredaktor des „Aargauer Tagblatts“ und der nachfolgenden „Aargauer Zeitung“, philosophierte über den Zufall, den es nach seinen Erkenntnissen nicht gibt, sondern alles folgt einer inneren Logik. Er bekräftigte das mit einem Zitat. Gotthold Ephraim Lessing lässt die Gräfin Orsina in „Emilia Galotti“ sprechen: „Das Wort Zufall ist Gotteslästerung.“ Und dieser inneren Logik folgte selbstredend auch die Raclette-Verteilung. Franz Straub, der gerade von einer 85-km-Rundfahrt per Velo rund um den Baldeggersee zurückgekommen war und an dem der Alterungsprozess spurlos vorübergeht, konnte sich bestätigt fühlen. Für ihn ist das Radeln durch stille Landschaften eine Form von erholsamer Meditation.

Ein Hilfsmittel zur mystischen Versenkung ist auch der einzigartige Heida-Wein, dem ich während des ganzen Abends die Treue gehalten habe, währenddem einige andere Gäste zum Dôle überwechselten. Der Heida (Plant Païen) stammt aus den höchstgelegenen Weingärten Europas bis auf 1200 m ü. M. und hat durch seinen Extraktreichtum einen manchmal fast ungehobelten Charakter, wie er allem, was aus den Bergen kommt, zu Eigen ist. Die Savagninrebe fühlt sich in Visperterminen offensichtlich wohl, löst gewissermassen Urwüchsigkeit aus dem Boden und bringt sie an den Geniesser weiter.

Nachdem keine Raclette-Bestellungen mehr vorlagen und der Ofen ausgeschaltet war, holte Hannes sein vor Jahren erschienenes Büchlein „Ringel Ringel Reija mit dum Wii“ (Ringelreihen mit dem Wein), das Hans Weidmann mit beschwingten Strichen trefflich illustriert hat, und las in unverfälschter Walliser Mundart sein Gedicht über den Heidawein vor:

„Als Salvanin

old âlta Tramiiner

– nid appa als Schlawiiner –

isch d Räba vam Heida Wii

frijer imal is Ungari gsii.

Hittu grâggut sch1

der di schtozunschtu2

Halte verimbrüüf3

und verlangt vom Püür

der letschtuscht Schüüf! 

 

Äs ischt de wäärli kei leida,

iischa Heida!

Aber in gfeerliche Purscht

isch z gross diina Durscht! –

Triich nu nid z gschwind4,

blibscht öü niechters im Grind,

ds Gibeits5 fât in du Bei:

Geischt glänggundu6 Hei. 

 

Pass üüf, bim erschtuscht Schtutz

geischt ganz sicher ubertutz7

und äs rierti über ds Bort!

Macht nid, bischt am rächtu Ort

da imbri8 in der Tola9,

zämmunt

mit andru Noola. 

Übersetzungshilfe

1 grâggut sch = kriecht sie, bewegt sich

2 schotzunschtu = steilste

3 verimbrüüf = hinauf 

4 z gschwind = zu rasch

5 Gibeits = Beschwerlichkeit, Ungemach

 

6 glänggendu = schwankend

7 geischt ubertutz = fällst du hin

8 imbri = dort unten

9 Tola = Mulde 

Wenn Hannes liest, stellt sich wie von selbst eine vollkommene Aufmerksamkeit ein, die durch erfrischendes Lachen immer wieder aufgelockert wird. „Äs ischt de wäärli kei leida, / iischa Heida!“ – das heisst in freier Übersetzung: Es ist wirklich kein „leider“ (im Sinne von widerwärtiger), unser Heida(wein). Das ist eine kühle, untertreibende, manchmal ironisierende Art, mit der Hannes Taugwalder Urteile abgibt und seine Erfahrungen beschreibt.

Man fühlt sich bei ihm und seiner Elsie wohl und hofft, der Abend werde nie enden. Doch gegen 22 Uhr kommt die Zeit des Abschiednehmens. War Hannes müde? Man spürte es nicht. 

Hinweis auf ein weiteres Blog über einen Taugwalder-Abend

27. 02. 2005: „Polnische Ente im ‚Chinatown’ im kapitalen Aarau“

 

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