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BLOG vom 09.11.2005


Globalisierungsaussicht: Brennt es nach Paris bald überall?
Autor: Walter Hess
„Paris brennt.  Solche Schlagzeilen liest man seit Tagen. „Die Unruhen breiteten sich wie ein Flächenbrand auf hunderte ‚heisse Viertel’ von Lille über Strassburg und Rennes bis Marseilles aus“ (Quelle: http://www.n-tv.de/). Sogar die Pariser Innenstadt und das Provinzstädtchen Evreux in der Normandie kamen an die Reihe. Molotow-Cocktails flogen. Autos, Einkaufszentren und öffentliche Gebäude wie Schulen, Poststellen, Rathäuser und Polizeikommissariate brannten aus.
 
Die vordergründige Ursache war der Unfalltod zweier Jugendlicher, die vor der Polizei in Clichy-sous-Bois in ein Transformatorenhäuschen der Elektrizitätswerke flüchteten. Doch die eigentlichen Ursachen werden wohlweislich verschwiegen, liegen aber auf der Hand: Die Globalisierung fördert überall den Trend hin zur Gettoisierung, zur Marginalisierung von Menschen – sie werden an der Rand gedrängt, nicht nur an den Stadtrand. Menschen finden keine Arbeit mehr, wandern aus, wandern herum, können sich nirgends integrieren, beginnen zu randalieren, um endlich in ihrem Elend wahrgenommen zu werden. Sie haben nichts und nichts mehr zu verlieren. In Paris verhaftete Nordafrikaner erklärten, sie wollten sich am französischen Staat für ihre ethnische und soziale Benachteiligung rächen.
 
Die Gewalt eskalierte bisher Tag für Tag. Das Sicherheitskabinett trat zusammen, demonstriert Härte, leidet an Hilflosigkeit. Premierminister Dominique de Villepin kündigte nach einer Sitzung eine Aufstockung der Sicherheitskräfte an. Sirenen heulen, Helikopter kreisen im giftigen Qualm des brennenden Kunststoffs, aus dem moderne Häuser grossenteils gebaut sind. Der französische Innenminister Nicolas Sarkozy zeigte Härte und will in einem „Krieg ohne Gnade“ (es tönt nach Bush) die Trabantenstädte um Paris „säubern“. Solche martialische Töne kann man allmählich nicht mehr ertragen.
 
Nach der 12. Unruhen-Nacht hat gestern Dienstag, 8. 11. 2005, das Kabinett in Paris ein Notstandsgesetz aus dem Jahr 1955 aus der Mottenkiste ausgegraben und reaktiviert. Es stammt aus der Zeit, als es darum ging, die nicht gleichberechtigten, aufständischen Algerier in den von Frankreich besetzten Gebieten niederzuknüppeln. So wird wieder etwas französische Geschichte in Erinnerung gerufen – und das kann im Lichte der aktuellen Geschehnisse sehr wohl zur Abrundung des Geschichtsbilds beitragen. Wieder einmal eine politische Glanznummer ... Und trotz der Notstandsgesetzgebung gingen am Dienstagabend die Unruhen im Lande weiter; in Marseille wollten Jugendliche einen Supermarkt plündern, und in Toulouse kam es zu Steinwürfen gegen die Polizei. Orléans und Amiens verhängten Ausgehverbote.
 
Was in diesen Tagen gerade in Frankreich abläuft und von jungen Leuten in Kapuzenjacken, Jeans und Baseballkappen angezettelt wird, dürfte nicht als eine Summe von Lokalereignissen wahrgenommen werden, sondern es sind unübersehbare Alarmzeichen für die ganze Welt. Die Brandschatzungen und Zerstörungen, die von der Ile-de-France rund um Paris ausgegangen sind, sind ein Resultat der globalen Konzentrationen, der kommerziell begründeten Zusammenschlüsse, der Vereinfachung (Simplifizierung auf tiefem Niveau), der Abschaffung der menschlichen Arbeit. Die unübersehbaren Folgen: Arbeitslosigkeit, Armut, Kriminalität, Unruhen. Gewalt und Gegengewalt, Terrorismus. Der so entstehende Vandalismus soll hier nicht als berechtigt hingestellt werden; Gewalt hat nur hässliche Seiten. Ich suche ausschliesslich nach Ursachen, nicht nach Rechtfertigungen, und darum ginge es ja.
 
Die Abschaffung der Arbeit
Ein bodenständiges Exempel für die Abschaffung der Arbeit: In der kleinen Schweiz, die solche entwicklungspolitische Fehlleistungen bisher noch einigermassen verkraften konnte, werden beispielsweise täglich im Durchschnitt 6 Bauernhöfe in den Ruin getrieben. Die hinterbliebenen Bauernbetriebe werden zu Landwirtschaftsfabriken, die immer grösser und maschineller, technokratischer werden. Der Schweizer Bundesrat fördert diese ungeheuerliche Entwicklung sogar (nachzulesen in den Landwirtschaftsberichten), obschon dieser Vorgang nicht nur gravierende soziale Probleme heraufbeschwört, sondern auch zur Verwüstung ganzer Landstriche führt, die Nahrungsqualität zerstört und der Gentechnologie Vorschub leistet. Der politischen Verblödung folgt die landschaftliche Verödung auf dem Fusse. Das Essen wird zum gesundheitlichen Risikofaktor.
 
Die privatisierte Post (ehemals PTT) legt Poststellen lahm, baut Leitungen ab. Die privatisierte Eisenbahn (SBB) lässt Nebenlinien sterben, schliesst Bahnhöfe, konzentriert sich auf Städteverbindungen. Leistungsabbau. Stellenabbau. Überall dasselbe, auch bei der Cablecom, die vor wenigen Wochen an ein US-Unternehmen (Liberty Global) verramscht wurde. Die Arbeitsplatzzusicherungen erwiesen sich als Irreführung der Öffentlichkeit nach US-Muster.
 
Ich habe mich in diesen Tagen im Rahmen meiner publizistischen Tätigkeit gerade wieder mit dem unterentwickelten und durch eine Militärjunta unterdrückten Burma (Myanmar) befasst, das ich 1988 bereist habe. Noch heute leben dort etwa 70 % der rund 50 Millionen Menschen von der Landwirtschaft. Sie müssen tätig sein, um sich die Nahrung zu besorgen. Nun, ich möchte dieses Land trotz seiner faszinierenden, hilfsbereiten, ethisch hochstehenden Bevölkerung nicht als Muster hinstellen, aber doch darauf hinweisen, dass kleine Strukturen arbeitsintensiver, energiesparender, umweltschonender und am Ende zweifellos auch für das Individuum befriedigender sind. Dazu gehört nicht unbedingt eine Militärjunta.
 
Umverteilung von unten nach oben
Die Vereinheitlichung, Rationalisierung der Wirtschaft, der Kulturen und des gesamten Lebens haben seine Folgen, die zunehmend zutage treten. Zuerst einmal fallen die ohnehin armen Länder durch die Maschen. Sie haben der Rationalisierung und den Konzentrationen, die von reichen Ländern protektionistisch unterstützt und gefördert werden (vor allem die USA dürfen die Farmer des Landes beliebig subventionieren, und für jede EU-Kuh werden pro Jahr 1000 Euro an Staatsgeldern in die Ställe geworfen), rein gar nichts entgegenzuhalten. Die Neoliberalen sprechen schönfärberisch von einer Liberalisierung der Wirtschaft, wie sie von IWF (Internationaler Währungsfonds) und Weltbank, beides US-beherrschte und -gelenkte Institutionen, exemplarisch gefordert und mit Gewalt durchgesetzt werden. Ausnahmslos alles muss der Marktwirtschaft unterworfen werden, damit sich die US-Konzerne am bitteren Ende an den vorbereiteten, eingeebneten Feldern gütlich tun können.
 
Man konnte alles kommen sehen: Die AG Friedensforschung an der Universität Kassel verbreitete schon 2000 dazu einen Kommentar von Prof. Dr. Ernst Lüdemann, in dem es dazu u. a. heisst: „Die nach diesem Konzept betriebene Umverteilung von unten nach oben läuft darauf hinaus, volkswirtschaftliche Gewinne zu privatisieren, während entstehende Defizite auf die breiten Massen abgewälzt werden. Dies führt zu einer Vergrösserung der Kluft zwischen Reichtum und Armut, jedenfalls als allgemeine Tendenz, mit der sich die auf die Macht des grossen Kapitals gründende ökonomische Entwicklung durchsetzt.“
 
Kolonialgeschichte wirkt nach
Was schon längst an schlimmen Vorahnungen vorhanden war, sie wurden deutlich übertroffen – merkwürdigerweise auch unter tatkräftiger Mithilfe der Sozialdemokratischen Parteien, die, wie andere auch, noch heute die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben und als Euro- beziehungsweise Globalisierungsturbos auftreten; hoffentlich läuft ihnen das Fussvolk bald davon.
 
Eine der Folgen sind die Massenbewegungen vornehmlich junger Menschen, die ihre verarmte Heimat verlassen (müssen), ihr Glück in einem fremden Land suchen und verschlossene Türen finden. Besonders Schwarze und Araber haben es wegen der Förderung des Rassismus durch die mit der Globalisierung verbundenen modernen Eroberungskriege, die auf Lügen und Verdrehungen aufgebaut sind, schwer. Araber gelten infolge der US-Propaganda und -Überreaktionen als verdächtig bis gemeingefährlich, und das durch den Westen ausgebeutete, in den Grundstrukturen zerstörte Afrika, das sich seit der Kolonialisierung nie mehr erholen konnte, wird mit Faulheit, Drogenhandel und anderer Kriminalität in Verbindung gebracht. So einfach sind die Weltbilder, welche die westliche Politik erschaffen hat und sich weiterhin erschafft. Viele Schwarzafrikaner haben sich nach Frankreich gerettet und sind in Gettos gestrandet und fanden verschlossene Türen. Das Sartre-Drama Huis clos wurde Wirklichkeit.
 
Gewisse Zusammenhänge mit der Kolonialisierung liegen auf der Hand, und man tut gut, sich daran zu erinnern. Europa teilte sich einen ganzen rohstoffreichen Kontinent auf. Christliche Missionare hatten die Kulturzerstörung und Ausbeutung eingeleitet. Frankreich beherrschte das riesige Gebiet von Französisch Westafrika bis zum Sudan. Engländer, Italiener, Portugiesen, Belgier und Deutsche teilzen den Rest des riesigen afrikanischen Kontinents unter sich auf. Die Welt ist durch solche Raubzüge in Instabilität, in Unruhe versetzt worden. Und aus der Vergangenheit ist im Westen nichts gelernt worden (siehe auch US-Kolonisierungen im Irak und Umgebung). Der Terrorismus wurde aktiv gefördert.
 
Neue Schwelbrände entstanden in diesen Tagen, weit über Paris hinaus. Republikanische Ideale zerfleddern. Mit Polizei- und Militärmassnahmen wie Massenverhaftungen, Überwachungen und Einschränkungen der persönlichen Freiheit und psychologischer Betreuung ist das Problem nicht zu lösen. Es ist von tiefgreifend struktureller Natur und bedroht den Weltfrieden zunehmend. In Zukunft wird es nicht einmal machtlüsterne, kriegsgeile Politiker vom Format eines George W. Bush, der weder vom Einsatz von Lügen noch von der Folter zurückschreckt, brauchen und wer meint, pseudo-demokratische, US-kompatible Staatsformen herbeibomben zu können: Moderne Kriege werden nicht mehr von ganz oben befohlen und angezettelt werden müssen, sondern sie werden von unten selbsttätig entstehen.
 
Unnütze Menschen
Was ist denn das für eine idiotische Gesellschaft, die ihre Jungen und ihre Alten (ungefähr ab 50) nicht sinnvoll zu beschäftigen versteht, sie nicht in den Arbeitsprozess eingliedert oder sie vorzeitig aus dem Erwerbsleben katapultiert! Darf man unbesehen so weiterwursteln? Natürlich kann man wirtschaftliche Gefüge nicht von einem Tag auf den anderen ändern; sie haben auch ihre Eigendynamik. Kaputte Strukturen lassen sich nicht wie ein tropfender Wasserhahn reparieren.
 
Was mich aber immer wieder schockiert ist der Umstand, dass solche Zusammenhänge kein Diskussionsthema sind, dass viele Parteien und Politiker bloss Postenschacher betreiben, um ihre Geltung und ihre Wiederwahl rangeln und ein paar unbeholfene oberflächliche Flickschustereien veranlassen, aber vollkommen immun gegen jede Form von einem Erkennen der grundlegenden Probleme sind. Nur auf der Basis der Einsicht in politische und soziale Abläufe könnte man die Wunden zu heilen versuchen. Die meisten Medien haben sich ebenfalls vom Wesentlichen verabschiedet, inszenieren allerhand Allotria, fallen auf die Tricks der Grosskonzerne herein und leisten Schützenhilfe, wenn gegen regional angepasste Strukturen und kleine Einheiten geschossen wird.
 
Paris brennt. Die Brände weiten sich aus. Die Politik sagt dem menschlichen „Abschaum“ den erbitterten Kampf an, giesst Öl ins Feuer. Ein paar (Ab-)Schaumlöscher genügen nicht mehr.
 
Man müsste endlich einsehen, dass die blindwütigen Globalisierer die eigentlichen Brandstifter grossen Stils sind.
 
Buchhinweise
In meinem Buch „Kontrapunkte zur Einheitswelt“ sind die wesentlichen Globalisierungsfolgen im Zusammenhang dargestellt. Es wird Ihnen für CHF 37.20 (24.10 Euro) versandkostenfrei ins Haus geliefert (Bestellung an verlag@textatelier.com).
Im taufrischen, festlichen Fotoband „Garten Schweiz“ aus dem Wegwarte Verlag (wegwarte@solnet.ch) habe ich im Begleittext u. a. die Einflüsse der Bauernvertreibung auf die Landschaft dargestellt.
 
Hinweise auf Blogs zum Thema Globalisierung
07. 11. 2005: „Die Integration ist gescheitert: Elendsleben in Gettos“
28. 10. 2005: „Apartheid-Aufarbeitung: Wo Rassismus sein darf und wo nicht“
10. 10. 2005: „Bananenrepubliken, Gen-Diktaturen und WTO-Sklaven“
04. 10. 2004: „Die entfesselte Welt: Ordnungsrahmen fehlen überall“
01. 10. 2005: „’Crash. Boom. Bang’: Kein Mittel gegen Hollywood-Schund“
26. 09. 2005: „D und CH: Wahlen, Abstimmungen und Kosmopolitismus“
22. 09. 2005: „Röpke: Das masslos überdehnte ‚Mass des Menschlichen’“
16. 09. 2005: „’Crash. Boom. Bang’: Hollywoods Kriegsverherrlichung wirkt“
12. 09. 2005: „Belebende Töne in Dur: Regionalorganisation dreiklang.ch“
09. 09. 2005: „Henry David Thoreau und die Pflicht zur Ungehorsamkeit“
07. 09. 2005: „Die USA schreiben verschlungene Schützenpanzerwege vor“
06. 09. 2005: „Die tödliche Gefahr der zentralistischen Globalisierung“
04. 09. 2005: „Das Sprachkopieren als geistige Unterwerfung unter die USA"
03. 09. 2005: „New Orleans: Katastrophenbewältigung mit Schiessprügeln“
20. 08. 2005: „Alle Achtung beiseite – bei den fetten Manager-Katzen“
15. 08. 2005: „US-Kriege der Zukunft: Täuschen, tarnen, effizient töten“
13. 08. 2005: „Die Glokalisierung als Reaktion auf die Globalisierung“
06. 08. 2005: „Und sie sagten kein Wort ...: Beispiel Niger (Nigerien)“
25. 07. 2005: „,Shoot to kill' - oder: Auf dem langen Weg zur Einsicht“
24. 07. 2005: „Warum nicht einmal die Terrorismus-Ursachen ergründen?“
21. 07. 2005: „Übel aus dem Osten, aus dem Westen nichts Neues“
11. 07. 2005: „Wie man den Kindern das Töten und Schlagen beibringt“
07. 07. 2005: „Bomben in London City: Die Olympiade der Gewalt“
07. 07. 2005: „Wieder Terrorismus in dieser besten aller Welten“
04. 07. 2005: „Bush-Rede: Ein Kommafehler im Dienste der Ehrlichkeit“
21. 06. 2005: „SP und Gewerkschaften verschaukeln ihre Genossen“
12. 06. 2005: „Das Lügen wie gedruckt hat eine sehr lange Tradition“
06. 05. 2005: „Globalisierung, OECD, G10 und die Beruhiger vom Dienst“
02. 04. 2005: „Der Neoliberalismus, ausrangierte Alte und der Papst“
04. 03. 2005: „Hunter S. Thompson und die fiktive Wirklichkeit“
01. 02. 2005: „WEF 2005: Schminke über Globalisierungspleiten“
31. 12. 2004: „Bilanz 2004: Überhaupt nichts im Griff“
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