Textatelier
BLOG vom: 26.11.2005

Ein „Romantique défroqué“: Loblied auf Heinrich Heine

Autor: Heinz Scholz
 
Auf mein Loblied ist der Dichter Heinrich Heine (1797–1856) keineswegs angewiesen. Ihm zum Lob gereicht allein schon sein Meisterwerk, das „Buch der Lieder“, 1827 veröffentlicht. Ich erinnere mich an sein Gedicht: „Der arme Peter”. Hier als Kostprobe die 1. Strophe:
 „Der Hans und die Grete tanzen herum,
Und jauchzen vor lauter Freude.
Der Peter steht so still und stumm,
Und ist so blass wie Kreide.”
Ab 1831 bis zum Tod lebte Heine als Journalist in Paris. Er schrieb viele „Blätter“ übers französische kulturelle und politische Geschehen auf Deutsch fürs deutsche Publikum. Auch hat Heine viele „Briefe über Deutschland“ verfasst, später von ihm in seinem Buchtitel „De l’Allemagne“ gesammelt.
 
In einem „Charity Shop“ in Wimbledon bin ich am letzten Samstag auf den 7. bis 9. Band seiner sämtlichen Werke gestossen. In der Vorrede zur 1. Auflage schrieb Heine: „Ich grüsse die Heimat mit dem freundlichsten Grusse. – Geschrieben zu Paris, im Monat Dezember 1834.“ Das hat mich ergriffen, einfach, weil auch ich so eng mit meiner Heimat verbunden bleibe, in die deutsche Sprache verliebt bis auf den heutigen Tag, über die 30 Jahre in London hinweg.
 
Heine ist ein Romantiker durch und durch, wie er selbst bekannte, als er im 8. Band unter „Geständnisse“ im Winter 1853–54 schrieb: „Ein geistreicher Franzose – vor einigen Jahren hätten diese Worte einen Pleonasmus gebildet – nannte mich einst einen ‚Romantique défroqué’ (entfrockter bzw. abtrünniger, entlaufener, verkappter Romantiker, BA). Ich hege eine Schwäche für alles, was Geist ist, und so boshaft die Benennung war, hat sie mich dennoch höchlich ergötzt. Sie ist treffend.“
 
In aller Bescheidenheit bin auch ich so ein „verkappter Romantiker“ – ein 2. triftiger Grund für mein an ihn gerichtetes Loblied. Sein romantisches Gemüt erglüht, wie er den Freiherr de la Motte Fouquet als Dichter preist: „Herr Fouquet hat auch Lieder gedichtet. Sie sind die Lieblichkeit selbst. Sie sind so leicht, so bunt, so glänzend, so heiter dahinflatternd; es sind süsse lyrische Kolibris.“
 
Heine hat die deutsche Sprache beflügelt. Wie eine Elfe tanzt sie Pirouetten auf dem Moorgrund, flockig-leicht. Das Wort „Elfe“ ist gefallen. Wie kein anderer kannte Heine die deutschen „Elementargeister“, 1834 verfasst. Hätte ich dies gewusst, wäre mein Blog „Gute Geister fällig: Zurück zu den Druden, Elfen Gnomen“ ungeschrieben geblieben. Heine war von „Andersens Märchen“ bezirzt, und seine „Elementargeister“ sind beherzigenswert für jeden, der wie ich an Geister glaubt.
 
Heine erschloss sich – und uns – den Weg „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“. Schlicht nannte er diese Überschau wiederum „Blätter“. Diese waren nicht im „Packpapierstil“ (Heines Wortschöpfung) grau und trocken geschrieben, wie er unter Gelehrten bis auf heute noch benutzt wird, sondern frisch aus der Quelle sprudelnd geschöpft.
 
Während des Lesens dieses Bandes habe ich einige seiner fein geschliffenen Ausdrücke notiert: „Ein Diamant schleift den andern“, „Nicht alles ist tot, was begraben ist“, „Zum groben Klotz gehört wohl ein grober Keil“, „Ihr seid kapabel zu sterben, ohne es zu merken“, „Kerkermeister der Gedanken“, „Aber die Künste sind bloss Spiegel des Lebens”.
 
Ich erkenne in Heinrich Heine den Europäer, der seiner Scholle die Treue hielt und durch seine Werke den geistigen Brückenschlag zwischen Deutschland und Frankreich erleichtert und gefestigt hat. Jetzt gälte es, die zerbombten Brücken zum Osten dringend zu erneuern – ohne Besatzungsmächte.
 
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