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BLOG vom 26.11.2005


Peter Kopp: Ein Gemeindeschreiber, der schreiben kann
Autor: Walter Hess
 
Der Bibersteiner Gemeindeschreiber Peter Kopp (60) bat vor ein paar Monaten eine Lehrtochter, ihm einen Stenoblock zu besorgen. Die junge Dame wusste nicht, was das denn sein könnte. Aber sie ging in eine Papeterie und bestellte einen solchen Block: „Führen wir nicht mehr“, hiess es da. Und da wusste Peter Kopp, dass seine Zeit als Gemeindeschreiber abgelaufen war. Er liess sich vorzeitig pensionieren.
 
Ein Stenoblock hat meistens das A5-Format, und die Blätter sind oben mit einer Spirale zusammengehalten. Er besitzt waagrechte Linien und ist mit einem senkrechten Mittelstrich versehen. Die Linien sind nötig, weil gewisse Buchstaben (O, U) durch eine Tieferstellung der Schrift dargestellt werden, andere wie das I aber durch eine Höherstellung beziehungsweise durch eine Verschiebung zur Zeile. Ich selber habe während Jahren im Aargauer Grossen Rat für das „Aargauer Tagblatt“ protokolliert und musste a prima vista, d. h. auf den ersten Blick, im Klartext niederschreiben, was da gesprochen worden war. Die ellenlangen Texte wurden Stück für Stück vom Boten Walter Lehner abgeholt und in die Druckerei gebracht, wo sie kontinuierlich gesetzt wurden. Bei wichtigen Stellungnahmen und Anträgen aber musste ich wortgetreu mitstenografieren und die stenografischen Notizen bei der ersten Gelegenheit in den Klartext übertragen – immer dann, wenn ein Parlamentarier langfädig sprach und dessen Votum in einem Satz zusammengefasst werden konnte. Ich lernte, während des konzentrierten Arbeitens zuzuhören, zusammenzufassen, aufs Wesentliche zu kürzen. Nebenher bediente ich noch die Depeschenagentur, eine weitere Herausforderung zu einem beschleunigten Arbeiten, das ich seither beibehalten habe. Zeit ist zu wertvoll, um vertrödelt zu werden.
 
Neben mir sass der damals schnellste Stenograf der Schweiz, Werner Bosshard aus CH-3073 Gümligen BE, der das offizielle, wörtliche Protokoll schrieb; er leitete auch die Bundesstenografen-Kanzlei in Bern. Er benützte linierte Blätter im längs halbierten A4-Format. Er schrieb mit der rechten Hand und zog mit der linken die sich rasant füllenden Blätter nach oben weg. Und das Wunderbare daran: Er konnte immer alles noch lesen.
 
Ich habe das Stenografieren nach dem 1897 eingeführten norddeutschen System Stolze-Schrey (Autoren: Heinrich August Wilhelm Stolze, 1798–1867, und Ferdinand Schrey, 1850–1938) während meiner Schulzeit in Privatstunden erlernt, die ich durch Heftli-Austragen finanziert habe. Die Zinsen aus dieser Investition ernte ich noch heute fast täglich, zum Beispiel wenn ich während Telefongesprächen Notizen mache – so entgeht mir nichts. Das Stenografieren ist seit dem Aufkommen von Diktier- und anderen Aufnahmegeräten dennoch eine aussterbende Kunst.
 
Es bot viele Möglichkeiten, auf die auch Peter Kopp bei seiner glamourösen Verabschiedung an der Bibersteiner Gemeindeversammlung vom 25. November 2005 hingewiesen hat: Niemand konnte verfolgen, was man bei Gesprächen, Interviews und dergleichen eigentlich aufschrieb. Auch ich habe so immer Beobachtungen festgehalten wie Details aus der Raumeinrichtung, Gerüche, Töne, Bekleidungsdetails usf., die mir dann bei der farbigen Berichterstattung zugute kamen.
 
Peter Kopp, der 36 Jahre lang in Biberstein Gemeindeschreiber war, ist einer der recht wenigen Gemeindeschreiber, die schreiben können. Er pflegt einen normalen, gut lesbaren Stil, kein Amtsdeutsch, und tat während seiner Amtszeit das, was man von einem guten Gemeindeschreiber erwartet: Er muss die Beschlüsse so protokollieren, dass dabei genau das herauskommt, was die Behörde eigentlich hatte beschliessen wollen.
 
Vorteilhafte Kleinräumigkeit
Und dieser Peter Kopp, der sich immer zurückgenommen und sich als Dienstleister an der Bevölkerung verstanden hat, sagte im Rahmen seines Abschiedsvotums noch, die Kleinräumlichkeit habe viele Vorteile, was nicht heisse, dass man sich sinnvollem Zusammenarbeiten verschliesse. Es war ein Bekenntnis zum Lokalen, zur Eigenständigkeit, zur Unabhängigkeit.
 
Diese Philosophie hat aus Biberstein eine bevorzugte Gemeinde gemacht. Früher wurde sie belächelt „Du bisch riif für's  gääle Wägeli – Biberschtei eifach“, gemeint war die Reife für den Einzug in eine Anstalt für geistig Behinderte. Heute wird Biberstein wegen seiner sonnigen Lage, seines niedrigen Steuerfusses (der in den Kopp-Jahren von 150 auf 100 %, bezogen auf die Aargauer Staatssteuer, sank) und wegen der Naturwerte beneidet.
 
Ebenfalls am Freitag, 25. November 2005, haben die Stimmberechtigten einer ökologischen Aufwertung des aarenahen Gebiets „Schachen“ zugestimmt, wo neben Insekten einschliesslich Sommervögeln (Schmetterlingen) Lebensräume für allerhand Tiere gefördert werden, und auch die fleissigen Biber sollen etwas zu nagen erhalten. Gemeindeammann Peter Frei ist bei solchen Aufwertungen jeweils mit Leib und Seele dabei und prüft auch eine Begrünung des undichten Schulhaus-Flachdachs – die ewige Flachdächer-Krankheit ins Positive wendend, wenn die Statik das erlaubt.
 
In Statik-Fragen kennen sich auch die erwähnten Biber aus, und es gelingt ihnen sogar, das Gleichgewicht der Kräfte an ruhenden Körpern zu ihren Gunsten zu verändern. Die Biber legen in Biberstein und Umgebung nicht nur stattliche Silberweiden um, sondern tragen auch ganze Thuja-Sträucher weg und fällen manchmal ein kleines Obstbäumchen. Man mag die Tiere gleichwohl auch ausserhalb des Gemeindewappens und pflanzt gegebenenfalls wieder neu, neue Herausforderungen für unsere fleissig nagenden Bibersteiner Holzfäller schaffend.
 
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