Textatelier
BLOG vom: 15.12.2005

Der Zürcher Hauptbahnhof – pulsierender Ort für Emotionen

Autorin: Rita Lorenzetti
 
Meine Wege führen oft durch unseren Hauptbahnhof Zürich. Am liebsten durchschreite ich die Halle, wenn sie leer ist. Der Raum ist wunderschön und schenkt einem ein gewisses Freiheitsgefühl.
 
Jetzt, zur Vorweihnachtszeit, aber ist er prall gefüllt und wieder Magnet für alle, die den Zauber der Weihnachtszeit auskosten wollen. Der Christkindlimarkt entwickelt sich auch hier mehr und mehr zur unverzichtbaren Tradition. Da sind ein Gedränge und ein Stimmengewirr. Die Angebote vielfältig. Jedes Häuschen mit eigenem Angebot, eine Welt für sich. Düfte regen die Sinne an. Gold und Silber glitzern. Käsespezialitäten und Fleischwaren lassen die Säfte im Mund zusammenfliessen. Und die Swarowski-Kristalle geben der grossen Tanne auch heuer wieder die vornehme Ausstrahlung. Wichtig sind auch der Auftritt von Helvetas, der Organisation für internationale Zusammenarbeit, und die Angebote aus therapeutischen Arbeitszentren. Im Magazin, das zu diesem Markt gehört, erzählen die Stadtpräsidenten von Luzern und Zürich, was ihnen Weihnachten bedeutet. Es sind die liebevoll gehüteten Erfahrungen aus der Kindheit, die auch für sie mit dem Geheimnis dieses Festes verbunden sind. Für mich sind gefühlsmässigen Erfahrungen wichtig, und wenn ich höre, dass Mitmenschen ähnliche ebenfalls als Schätze hüten, fühle ich mich ihnen verbunden.
 
Hier im Bahnhof, wo die Menschenströme zusammenkommen, frage ich mich manchmal: Woher kommt ihr, wohin geht ihr? Oder wenn ich Menschen aus fernen Kontinenten sehe: Wo hast du laufen gelernt? Und: Was sind die Motive, dass du hier durchkommst? Was oder wen suchst du hier? Was ist denn bei uns besonders interessant?
 
Und ich verstehe plötzlich, was Mütter früher meinten, wenn sie auf die quengelnden Forderungen ihrer Kinder nicht eingehen wollten und dann sagten: „Ich höre nur Bahnhof.“ Dies ist wirklich ein pulsierender Ort mit dauernd wechselnden Bildern, Informationen und verführender Reklame. Niemand kann auf alle im Detail eingehen, wie Eltern auch nicht auf alle Wünsche der Kinder.
 
Am letzten Freitag ging ich, von der Bahnhofstrasse herkommend, auf den Bahnhof zu und bemerkte 3 Personen, die eben angekommen sein mussten. 2 Frauen gesetzten Alters und ein Mann an ihrer Seite. Dieser ist mir besonders aufgefallen. Er stand da, staunte über die Menschen, wie sie in Strömen daherkamen, über die vielen Lichter, die Hektik. Offensichtlich unvertraut mit dem Stadtleben, stand er nur da und muss sich gefragt haben: Wo bin ich? Was geht hier vor? Eine Scheu und eine Art Verlorenheit in seinem Blick berührten mich. Und ich dachte dabei: So habe ich auch schon dagestanden. An einem anderen Ort, aber ebenfalls aus meiner gewohnten Alltagswelt herausgetreten ins Unbekannte und Unfassbare. Noch kenne ich diese schüchternen Gefühle und gleichzeitig die Faszination, die selbstvergessen machen. Es sind unvergessliche Momente, die einem in eine andere Ebene katapultieren.
 
Hinweis auf weitere Blogs mit Bahnhof-Bezug
Hinweis auf weitere Blogs von Heinz Scholz
Akrobaten der Lüfte, die im Flug „schlafen“
Schutz und richtige Hilfe für das Wildtier Igel
Eisenhut ist die giftigste Pflanze in Europa
Holzener Wald: Golfplatzblick, Thuja, Naturdenkmal
Erlebte Natur: Tausendguldenkraut und ein Admiral
Mariendistel stärkt und entgiftet die Leber
Blüten und Insekten werden immer weniger
Frank Hiepe: 40 Jahre Kräuterexkursionen
Essbare und schmackhafte Wildpflanzen
Rotkehlchen ist Vogel des Jahres 2021
Vor 25 Jahren: Heilpflanzenbuch, Fernsehsendung
Tipps gegen das große Gähnen
In Corona-Zeiten: Raus an die Luft und wandern
Skisportgeschichte: Sittsame Frauen auf der Piste
Riskante Schlittenfahrt, eisiges Schlafzimmer