Textatelier
BLOG vom: 05.01.2006

Der Gemüsehändler und die Gemüsesuppe aus dem Beutel

Autor: Walter Hess
 
Ich habe wenig Talent für depressive Stimmungslagen. Doch ein Fernseh-Spot, der zurzeit von SF DRS periodisch abgespult wird, macht mich schon etwas traurig. Denn er ist ein treffendes Dokument für diese verblödete Zeit.
 
Da wird ein Gemüsestrassenhändler mit einem reich beladenen Wagen gezeigt, auf dem allerhand frisches, farbenfrohes Gemüse zu sehen ist. An diesem schönen Tag laufen die Leute an ihm vorbei, kaufen nichts. Auch Frau Steiner kauft nichts. Er wundert sich. Was ist geschehen?
 
Ein Kollege liefert ihm die Erklärung: Da hat doch der Suppenproduzent Knorr einen neuen Beutel mit Inhalt fabriziert: „Sommergemüsesuppe“ ("Le Jardin"). Wie durch ein Wunder hat der Händler, der seine wirtschaftliche Existenz zu verlieren im Begriffe ist, einen Teller voll von dieser Suppe vor sich. Er löffelt die Gartenfrische genüsslich: „... und guet isch si au no“ (... und gut ist sie auch noch). „80 % Gemüse ... und fettarm!“ Der Rest sind wahrscheinlich Salz und Chemikalien.
 
Genau das ist in den letzten Jahren abgelaufen: Kleinhändler, ob auf der Strasse oder mit kleinem Lädeli, wurden durch vorfabrizierte, geschmacklich aufgepeppte und einfach zuzubereitende Industrieware verdrängt. Gleichzeitig setzten sich Feministinnen für die Zerstörung der Familien ein und suggerierten, dass die Tätigkeit am häuslichen Herd etwas Minderwertiges sei. Mikrowellenöfen unterstützten das Drama aktiv und zerstörten den letzten Rest von allfällig noch hinterbliebenem Naturgeschmack.
 
Wer rüstet und dämpft nach alledem noch frisches, gesundes Gemüse und macht damit herrlich duftende, der Jahreszeit angepasste Suppen, die jedesmal anders schmecken? Normierte, uniformierte, zeitsparende Beutelsuppe muss her. Mmmmmmh... Fein!
 
Meine Frau hat gestern eine Gerstensuppe mit Rüebli vom Bio-Bauernhof Urs Voegeli in CH-5105 Auenstein AG und Lauch aus dem eigenen Garten gemacht und darin ein Rippli mitgekocht. Ein Verstoss gegen die Zeitrechnung. Doch das schmeckte wunderbar, himmlisch. Meine Stimmung hat sich wieder aufgehellt.
 
PS 1: Falls mich jemand fragen sollte, weshalb ich denn TV-Spots anschaue: Sie sind wichtig für mich. Denn dann weiss ich, was ich nicht kaufen darf. Die hohen Werbekosten zahlt man ja über die Produkte.
 
PS 2: Unser Biobauer braucht keine Werbung.
 
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