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BLOG vom 18.01.2006


Bio-Winzer werden bestraft: Kennzeichnung ist nicht erlaubt
Autor: Heinz Scholz
 
Die Winzer von Auggen (Markgräflerland) sind sauer. Sie dürfen ihren Bio-Wein nicht mehr speziell kennzeichnen. Als Verbraucher frage ich mich, woher diese unsinnigen Bestimmungen kommen und warum dies überhaupt so weit gekommen ist.
 
Zunächst zur Vorgeschichte: 1989 erklärte der damalige Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser, die Winzer sollten ihre 200 Hektar grossen Anbauflächen, die in einem Wasserschutzgebiet liegen, gefälligst umweltschonend bewirtschaften. Die Bedingung war mit dem Pilotprojekt „Umweltschonender Weinbau in Baden-Württemberg“ verbunden. Damals erklärten sich auch die anderen Winzer, deren Flächen ausserhalb der Schutzzonen lagen, bereit, die strengen Auflagen zu erfüllen. Es sollte in dem Dorf keine Zwei-Klassen-Winzergesellschaft geben.
 
Als die Gesichter in den Ministerien wechselten und eine andere Gesinnung eingezogen war, wurden plötzlich die Vereinbarungen als null und nichtig erklärt. Die Winzer sollten ihren Wein gefälligst nach den Richtlinien des Weinbauverbandes produzieren. Die Auggener Winzer blieben jedoch „Hardliner“. Sie wollten keinen Deut von ihrer Position abweichen.
 
Und Recht haben sie, denn der umweltschonende Weinbau, der viel Mehraufwand und viel Handarbeit erfordert, sollte auch entsprechend gewürdigt werden. Dazu erfolgt der Anbau ohne chemische Mittel gegen Insekten, Milben, Gräser, Kräuter sowie Schimmel- und Fäulnispilze. Einige biotechnische Verfahren wie das Pheromonverfahren (in Auggen schon seit 1984 praktiziert) oder das Peronospora-Warngerät runden den umweltschonenden Weinbau ab.
 
Durch diese geschilderte Art der Bewirtschaftung werden die Artenvielfalt gefördert und der Wasserhaushalt reguliert. Aber das wissen die ahnungslosen Beamten in den Ministerien wohl nicht oder werden durch die herkömmlichen Weinbauern unter Druck gesetzt. Wer weiss.
 
1990 erkämpften sich die Auggener Winzer für ihren „Auggener Schäf“ eine spezielle Erlaubnis: Sie durften auf den Etiketten das einzige Herkunfts- und Qualitätszeichen des Landes (HQZ) aufdrucken. Es lautete: „Nach Richtlinien im kontrollierten umweltschonenden Weinbau."
 
Ich kaufte mir noch schnell eine Flasche „Auggener Schäf“ Spätburgunder Rotwein (Jahrgang 2004) und prüfte die Aufschrift nach (die folgenden Angaben sind auf dem rückseitigen Etikett nachzulesen). Unterhalb des gelben Herkunfts- und Qualitätszeichens von Baden-Württemberg las ich „Aus kontrolliertem Weinbau“. Neben dem Zeichen stand Folgendes: „Dieses Zeichen darf für Weine verwendet werden, die nach der Richtlinie des Ministeriums Ländlicher Raum für das ‚Modellprojekt Umweltschonender Weinbau’ des Landes Baden-Württemberg erzeugt wurden.
 
Ab der Weinlese 2005 musste die Bezeichnung wegfallen. Der Badische Weinbauverband erlaubt „Umweltschonend mit Erlaubnisvorbehalt“, das heisst auf gut Deutsch: Chemie darf gelegentlich eingesetzt werden. „Das widerspricht unserer ehrlichen Arbeit, denn die Produktverantwortung ist uns wichtig“, sagte der WG-Vorsitzende Martin Schmidt zu Sigrid Umiger von der „Badischen Zeitung“ (04. Januar 2006).
 
Nach Verhandlungen mit diversen Dienststellen erzielten die hartnäckigen Auggener Winzer einen Kompromiss. Sie dürfen auf dem rückseitigen Etikett in winziger Schrift „Weinbau ohne chemische Mittel gegen Insekten, Milben und Botrytis“ aufdrucken.
 
Ein Schildbürgerstreich der EU?
Der dickste Hammer wird noch kommen. Denn die EU plant Unverständliches: Winzer, die ihr Gras mit chemischen Mitteln abspritzten, erhielten bisher einen Zuschuss von der EU. Ab 2007 bekommen nur die Winzer Geld aus der EU-Kasse, wenn sie nur wenig mit der Spritzkeule herumhantieren. Bio-Winzer schauen in die Röhre. Sie sollen gar nichts mehr bekommen. Ein Brüsseler Schildbürgerstreich ersten Ranges!
 
Man könnte meinen, die verantwortlichen Schreibtischtäter in Brüssel hätten etwas gegen umweltschonend produzierte Biowaren (auch anderweitige Zuschüsse für die Bio-Landwirtschaft sollen gestrichen oder zumindest gekürzt werden). Oder liegt der Grund ganz woanders? Schliesslich sollen die vielfach produzierten Chemikalien an den Mann oder die Frau gebracht werden. Jeder kann sich seine Gedanken darüber machen.
 
Verbraucher und Tester honorieren Bio-Wein
Letzten Endes entscheidet der Verbraucher, welchen Wein er trinken möchte. Er honoriert herausragende Qualität. Auch die Tester wurden auf die umweltschonend hergestellten Weine aufmerksam. So erhielten die Auggener nicht nur den 1. Preis des Bundeslandwirtschaftsministeriums, sondern auch nationale und internationale Prämierungen. So kürte bereits die Wein-Fachzeitschrift „Selection“ einen Auggener Wein als besten Weissburgunder Deutschlands.
 
Infos über die Winzergenossenschaft unter www.auggener-wein.de
 
Französische Bioweine bei uns
Kürzlich besorgte ich mir aus dem Reformhaus einen französischen Bio-Wein der Sorte Merlot. Ich wollte einmal herausbekommen, was auf dem Etikett eines ausländischen Weines draufsteht. Es prangt das Siegel „Bio nach EG-Ökoverordnung“ auf dem rückseitigen Etikett, ausserdem „Abgefüllt für D BW-B3037 DE-001 Öko-Kontrollstelle“. In ganz kleiner Schrift entdecke ich den Zusatz „Vin issu de raisins de l' Agriculture Biologique“. Dann finde ich noch überraschenderweise einen Spruch von Johann Friedrich von Eichendorff auf dem Etikett. Er lautet: 
„Viel Essen macht viel breiter
Und hilft zum Himmel nicht.
Es kracht die Himmelsleiter,
Kommt so ein schwerer Wicht.
Das Trinken ist gescheiter,
Das schmeckt schon nach Idee.
Da braucht man keine Leiter,
Das geht gleich in die Höh’!“
 Da haben sich die französischen Weinproduzenten offensichtlich etwas Originelles einfallen lassen.
 
Bio-Weine aus Österreich
Bio-Weine in Bestform gibt es auch in Österreich. Als Musterbetrieb des österreichischen Bio-Weinbaus suchte ich mir den Nikolaihof (www.nikolaihof.at) aus. Diesen Betrieb, der nach den strengen Richtlinien von Demeter arbeitet, beschrieb ich bereits in meinem Buch „Richtig gut einkaufen“ (Die moderne Lebensmittelkunde für den Alltag) auf den Seiten 201 bis 202 und in einem Blog vom 9. 7. 2005. Der genannte Weinbaubetrieb erhielt übrigens hervorragende Bewertungen seiner Weine.
 
Christine Saahs vom Nikolaihof teilte mir per E-Mail Fakten zur Bewirtschaftung und Kennzeichnung von Bio-Weinen in Österreich mit:
 
Kennzeichnung: „In Österreich ist die Bestimmung zur Kennzeichnung von Bio-Lebensmitteln sehr streng. Nur geprüfte und zertifizierte Betriebe dürfen das jeweilige Produkt als BIO oder BIOdynamisch, DEMETER, kennzeichnen. Es muss bei der Kennzeichnung auch immer die Zertifizierungsnummer des Betriebes dabei sein.“
 
Pheromone: Wie Christine Saahs betonte, verwendet der Nikolaihof keine Pheromonfallen, da dieses Verfahren auf Dauer nicht die Schmetterlinge dezimiert, sondern „die Population von 2 auf 3 erhöht und dadurch mehr Bazillus Thuringensis zur Bekämpfung eingesetzt werden muss. Bis jetzt war im Nikolaihof keinerlei Bekämpfung derartiger Schädlinge notwendig.“
 
Peronospora-Warngerät: Es handelt sich hier um ein Regen- und Temperaturmessgerät. Es zeigt die günstigen Bedingungen für den Ausbruch von Peronospora an und warnt vor diesen Sporen. „Nikolaus Saahs beobachtet die Natur und ist jeden Tag im Weingarten. Er weiss daher auch genau, wann und wie die richtige biologische Behandlung zur Stärkung der Reben und zur vorbeugenden Behandlung gegen Pilzbefall durchgeführt werden muss“, betont Christina Saahs in einer E-Mail.
 
Fördergelder: Zu den Fördergeldern hat Christina Saahs eine interessante Meinung. Sie schrieb mir Folgendes: „Unser Vertrag für Fördergelder läuft 2006 aus, und wir wissen noch nicht, wie es ab 2007 weitergehen soll. Eigentlich sind wir generell gegen Fördergelder. Es sollte in der Landwirtschaft ein gerechter Preis für die Lebensmittel bezahlt werden, dann braucht auch nicht gefördert werden ... Wir sehen in der Demeter-Landwirtschaft den richtigen Weg in die Zukunft, und die Kunden sind meistens auch bereit, den geforderten Preis für ein echtes ‚Lebensmittel’ zu bezahlen.“
 
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