Textatelier
BLOG vom: 30.01.2006

TV-Soaps: Die Seifenopern seifen oft zum Kranksein ein

Autor: Walter Hess
 
Die Presseagentur pte. berichtete am 21. April 2005 aus London unter dem Titel „Zuseher imitieren Krankheiten aus TV-Soaps“ was folgt: „Jeder 3. Patient imitiert die Krankheiten, die er aus seiner Lieblings-Soap kennt. 9 von 10 Ärzten berichten, dass ihre Patienten über Symptome klagen, die sie aus dem Fernsehen, Zeitungen und Magazinen erfahren. Dadurch sei bei den Patienten eine gewisse Paranoia erkennbar, die darin endet, dass die Patienten bereits eine Selbstdiagnose gestellt haben, noch bevor sie überhaupt vom Arzt untersucht wurden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Norwich Union Healthcare Centers. Darüber hinaus suche ein Drittel der Patienten ärztlichen Rat bei Bekannten und Familienmitgliedern.“
 
Die Menschen, die sich von Seifenopern angelsächsischen Zuschnitts, die meistens gestörte Familienidyllen breittreten, einseifen lassen („Dallas“, „Lindenstrasse“, „Traumschiff“, „Schwarzwaldklinik“ und die Schweizer Variante „Lüthi und Blanc“ mit eigenem Fan-Klub) gehören nicht unbedingt zu den anspruchsvollsten Medienkonsumenten.
 
Die Soap-Opern kamen aus den USA zu uns, wie alles Gute. Ihr ursprüngliches Medium war das Radio: Mit dem Einzug dieses Mediums in den amerikanischen Durchschnittshaushalt begann am Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts die gnadenlose Kommerzialisierung des Programms: Firmen kauften im grossen Massstab Sendezeit, um ihre Werbung im Umfeld speziell dafür produzierter Sendungen, unter anderem den Soap-Operas, zu verbreiten. Die Sponsoren waren ursprünglich vor allem Waschmittelkonzerne, worauf der Name „Seife“ anspielt.
 
In diesen Seifenopern wird geliebt, gehasst, gestritten, geboren, gestorben und geerbt; auch Krankheiten werden breitwürfig zelebriert. Und insbesondere wenn von den Drehbuchautoren neue Symptome und Krankheiten erfunden werden, sprechen viele Zuschauer darauf an und beziehen sich auch hier selber ein. Als bezeichnendes Beispiel dafür sei das „Chronische Müdigkeitssyndrom“ (Chronic Fatigue Syndrom oder CFS) erwähnt, das in den ersten 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus England exportiert wurde; die Leitfigur war die junge Engländerin Jo Gerzimbke. Der Londoner Psychiatrie-Historiker Simon Wessely erläuterte die entsprechenden Vorgänge wie folgt: „CFS ist weder der Name eines Virus noch ein psychiatrischer Begriff, sondern er steht für unsere Vorstellung von dem, was eine richtige Krankheit ausmacht und was nicht, und nicht für das, was wir investieren, um aus etwas ‚Echtes’ zu machen.“
 
Auf diese Weise erhalten verschiedene Symptomkomplexe mit der Zeit einen medizinischen Namen, wie zum Beispiel das Acquired Immune Deficiency Syndrome, das heute als HIV-Infektion im Rahmen von AIDS bekannt ist. Die fast allgegenwärtige Sorge um die Gesundheit – der Austausch von Cholesterin- und Blutdruckwerten gehört bald einmal zum üblichen Ritual und Gesprächsthema – kann auch in Massenhysterien eingebunden werden, genauso wie auch der Tod (Beispiele: Prinzessin Diana, Papst Johannes Paul II.). Uniformierung (Nachahmung) und Vermassung sind auffällige Aspekte der sich ständig ausprägenden Einheitswelt mit ihrem synthetischen Disneyland-Charakter.
 
Viele Menschen sind dankbar, wenn sie sich aus einem neuen Angebot an Krankheiten zum Nulltarif etwas Passendes aussuchen können, und aus ihrer Sicht obliegt den Ärzten dann die Aufgabe, die Krankheit zu bestätigen und zu benennen. Hinterher steht die Krankenkasse (die Allgemeinheit) dafür gerade. Dieser Vorgang des Auslösens und Verbreitens pathologischer (Schein-)Ereignisse durch die Medien – insbesondere im Rahmen des verbreiteten Betroffenheitsjournalismus – kann bis zur Hysterie intensiviert werden. Am Ende ist eine medizinische Behandlung nur schon nötig, um das Selbstwertgefühl des Patienten zu schützen. Auch solche Behandlungen können nicht von Nebenwirkungen frei sein und eine endlose Patientenkarriere einleiten.
 
Oft setzt zwar zuerst eine Selbstbehandlung ein, wie die erwähnte Londoner Untersuchung feststellte: „Von den 1000 befragten Personen gab ein Drittel an, dass sie bei Beschwerden ihre Symptome vor allem mit Freunden und der Familie besprechen, in medizinischen Büchern Rat suchen und Informationen über Hotlines und das Internet einholen. Doch vor allem das Fernsehen und die Printmedien tragen wesentlich zur medizinischen ‚Bildung’ bei.“ Es sei gerade die detaillierte Darstellung von Krankheiten in den Medien, welche die Patienten zur Selbstdiagnose ermuntert. „Programmverantwortliche und Journalisten haben dadurch eine immense Verantwortung und sollten eine möglichst realistische, authentische und vor allen Dingen wahre Aufbereitung von medizinischen Themen sicherstellen“, erklärte Studienleiter Doug Wright.
 
Wenn die Medien schon einen grossen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten (und die Entstehung von Krankheiten) haben, liegt der Schluss nahe, dass sie auch die Gesundheit zu beeinflussen vermögen. Theoretisch könnte auch eine Soap produziert werden, welche gesundheitserzieherisch wirkt. Aber wahrscheinlich wäre deren Erfolg nicht durchschlagend. Wie alle bisherigen Erfahrungen lehren, kann eher mit Nonsens als mit Sense Quote gebolzt werden.
 
Und weil der Unsinn auch in Form publizistischer Übertreibungen seinen höheren Stellenwert wahrscheinlich auch in Zukunft behalten wird, bleibt uns der „Risikofaktor Nachahmung“ im Sinne des verhängnisvollen Mitläufertums erhalten.
 
Quellen
Hess, Walter, und Rausser, Fernand: Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann",  Verlag Textatelier.com GmbH, CH-5023 Biberstein 2005.
Pressedienst pte., 21. April 2005: „Zuseher imitieren Krankheiten aus TV-Soaps.“
Showalter, Eliane: „Hystorien. Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien“, Berlin-Verlag, Berlin 1997.
Kepplinger, Hans Mathis: „Die Mechanismen der Skandalierung. Die Macht der Medien und die Möglichkeiten der Betroffenen“, Olzog Verlag, München 2005
 
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