Textatelier
BLOG vom: 02.02.2006

Preis „Gesundheitsförderung“: Unmögliches ermöglichen

Autor: Walter Hess
 
Die gegenwärtigen Zustände sind bemerkenswert: Die Menschen werden immer schwächlicher, kränker. Die Kosten für Krankheitsbehandlungen steigen unaufhörlich.
 
Was läuft da ab? Warum werden die Leute schwächer, krankheitsanfälliger. Ist vielleicht der zunehmende medizinische Einsatz eine Ursache für den Gesundheitszerfall? Werden zu viele Medizinen verschrieben, wird zu viel therapiert und operiert? Es ist alles machbar, wenn die entsprechenden Kosten und Nebenwirkungen hingenommen werden. Das Leben kann in Intensivstationen beliebig verlängert werden. Damit werden auch die Statistiken geschönt: Die durchschnittliche Lebensdauer nimmt zu. Die Lebensqualität ist nicht in einer einfachen Zahl zu messen und wird deshalb von den Statistikern, die der Not gehorchen müssen, vernachlässigt.
 
Es ist unüblich, die Ursachen für den allgemeinen Gesundheitszerfall zu ergründen, aus naheliegenden Gründen. Es kann ja auch von der Straubsaugerindustrie nicht erwartet werden, dass sie sich für Innenausbauten einsetzt, welche das Staubsaugern weitgehend überflüssig machen.
 
Vernachlässigte Ethik
Neben rein wirtschaftlichen Überlegungen gibt es auch Aspekte der Moral, die sogar übergeordnet sein sollten. Bei deren Beachtung stünde die Frage im Vordergrund, wie denn die Menschen zu lehren wären, ein Leben zu führen, das nicht zwangsläufig von Zivilisationskrankheiten begleitet würde. Es ginge um Gesundheitsförderung statt der heute üblichen Krankheitsförderung. Ansätze in dieser Richtung sind erkennbar: Die Eidgenössische Gesundheitskasse EGK hat bereits zwölfmal in Solothurn ihre Gesundheitstage durchgeführt, bei denen viel Wissen um gesundheitliche Zusammenhänge verbreitet wurden. Und im Jahr 2005 haben Idee-Suisse, die Schweizerische Gesellschaft für Ideen- und Innovationsmanagement www.idee-suisse.ch, zusammen mit dem Verein ReGeMo Schweiz (Respekt und Gesundheitsförderung statt psychosozialer Stress, Mobbing und Gewalt www.regemo.ch), einen Preis (Award) für neue Lösungen zur Gesundheitsförderung ausgeschrieben.
 
Dieses Unterfangen geschah aus der Erkenntnis heraus, dass immer mehr Menschen Opfer von psychosozialem Stress, Mobbing und Gewalt werden. Der Schweizer Wirtschaft entsteht dadurch – gemäss Stressstudie des Staatssekretariates für Wirtschaft SECO – ein Schaden von über 7,8 Milliarden CHF jährlich (2,3 % des BIP). Zusätzlich expandieren die Kosten des Gesundheitswesens von 50 Milliarden Schweizer Franken jährlich (11,5 % des BIP). Da genügen kleine Retouchen und Umverteilungen der horrenden Kosten nicht mehr, sondern neue Lösungen sind gefragt. Als Folge der Preisausschreibung sollten Unternehmen, Verwaltungen, Nonprofit-Organisationen und Privatpersonen animiert werden, sich in der Gesundheitsförderung verstärkt zu engagieren und nach neuen Lösungen zu suchen. Die Jury bewertete insbesondere Innovation, Kreativität, Wirkung, Einfachheit und Realisierbarkeit der Lösungen.
 
Wertschätzende Führung
Der 1. Preis ging an den in Nottwil LU ansässigen Dr. Thomas Troger-Bumann, Direktor der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung. In seinem Managementbuch „Wertschätzende Führung“ zeigt er mit seinem Konzept eines ganzheitlichen Führungsverständnisses eindrücklich und praktisch auf, wie Unternehmen und Organisationen die Marktleistung und die Gesundheit der Mitarbeitenden gleichzeitig erhöhen können und sich auf einfache (und äusserst kostengünstige) Weise ein grosser Mehrwert für alle Anspruchsgruppen generieren lässt.
 
„Als Herdentiere sind wir Menschen auf die Wertschätzung durch andere angewiesen. Ein respektloser Umgang untereinander sät Stress, Angst, Depressionen und unermessliches Leid“, sagte Jurypräsident Dr. med. Hans Mion. Und Jurymitglied Dr. rer. pol. Olaf J. Böhme ergänzte: „Mit neuen Lösungen im Gesundheitswesen lassen sich rund 4 Milliarden CHF sparen“.
 
Spezielle Anerkennungspreise erhalten für
Innovation: Stefan Häseli in Gossau SG für die Erkennung gesundheitsrelevanter Trends,
Kreativität: Martin Riesen in Zürich für ein gesundheitsrelevantes, lebenslanges Lernkonzept,
Methoden: Christoph Oederlin in Jona SG für sein Einschätzungspotenzial und
Programm: Walter Hess in Biberstein AG für die Informationskampagne gegen Zivilisationskrankheiten.
 
Wissensvermittlung über Gesundheitsaspekte
Den Inhalt der einzelnen Eingaben kenne ich nicht, nur meine eigenen. Diese betrafen insbesondere die Wissensvermittlung über gesundheitliche Zusammenhänge (inkl. Ernährungsaspekte) und die Förderung der Eigenverantwortung. Mittel dazu könnten sein: Kampagnenhafte Hinweise auf die Gefahren schulmedizinischer Behandlungen („Nebenwirkungen“) und wesentlich höhere Selbstbeteiligung an den medizinischen Kosten. Das kritische Denken muss in den breiten Massen angeregt werden: Befreiung aus Abhängigkeiten („mein Arzt“, „mein Psychiater“). Ferner gilt es im Rahmen volksnaher Vorbeugungsmassnahmen, die Qualität eines selbstbestimmten Lebens bei körperlichem Wohlbefinden und Unversehrtheit zu betonen und erstrebenswert zu machen.
 
Mein Vorschlag zielt auf die Initialisierung eines Umdenkens ab – und zwar auf der Seite der Konsumenten von medizinischen und psychiatrischen Leistungen, also beim Grundlegenden. Weil das System „Gesundheitswesen“ vollkommen falsch konzipiert ist – das Patientengut ist ein gefragtes Vermarktungspotenzial –, müssen Veränderungen von der Nachfrageseite kommen. Denn das Krankheitswesen ist in die neoliberale Kommerz-Kultur eingebettet, und hier muss die Macht der geschädigten und ausgebeuteten Konsumenten (Patienten) korrigierend eingreifen. Diese Gedanken bezogen sich vor allem auf die so genannten Zivilisationskrankheiten, also auf Krankheiten, die auf eine falsche Lebensweise, wie sie von der heutigen Zeit gewissermassen vorgegeben wird, zurückzuführen sind. Das Mittel für ihre Umsetzung wäre eine breit angelegte Informationskampagne mit Realitätsbezug, die auch als Lebenshilfe verstanden werden könnte. Die Bevölkerung müsste in die Lage versetzt werden, kommerziell motivierte Verführungen und Fehlinformationen als solche zu erkennen und dagegen standhaft zu bleiben.
 
Auf die Frage der Wirkung meiner Vorschläge antwortete ich: „Mündige Menschen können ein qualitativ besseres Leben führen und sind nicht anfällig für vermeidbare und überflüssige Behandlungen, die ihnen Schaden zufügen. Die Kosten im Krankheitswesen (euphemistisch ‚Gesundheitswesen’ genannt) würden sinken; das Wohlbefinden wäre allseits besser. Allerdings wäre das nur während eines langwierigen Aufklärungsprozesses möglich, der selbstverständlich von vielen kommerziell motivierten Widerständen begleitet wäre.“
 
Ja, wer ist an solchen Aktionen interessiert? Wer bringt die damit verbundenen Kosten auf? Rund um Krankheiten haben sich riesige Märkte entwickelt, die wachsen wollen und gegen Störungen allergisch reagieren.
 
Umso erfreulicher ist, dass es Menschen und Institutionen gibt, die nicht resignieren und das Unmögliche möglich machen wollen, nach Johann Wolfgang von Goethes Faust II, 3 (Helena): „Dem Klugen, Weltumsichtigen zeigt fürwahr sich oft / Unmögliches noch als möglich.“
 
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