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BLOG vom 06.02.2006


Von den alten Männern, die noch Bäume pflanzten
Autor: Walter Hess
 
Die Geschichte, die Jean Giono (1895–1970) erzählt hat, ist wunderschön, fast zu schön, um wahr zu sein: „Der Mann mit den Bäumen.“ Sie ist im Anhang kurz wiedergegeben. Ein befreundeter Leser, Silvio Mordasini aus CH-6010 Kriens, hat sie mir freundlicherweise übermittelt und dadurch wieder in Erinnerung gerufen. Dieser Erzählung habe ich 1984 in der Zeitschrift „Natürlich" (Nr. 10) viel Platz gewidmet, damals als Trostbotschaft im Umfeld der verbreiteten Ängste über das Waldsterben. Und als ich jetzt wieder von Taten des naturverbundenen Schäfers Elzéard Bouffier in der Provence las, nahm ich diese Naturschutzaktion unter neuen, veränderten Vorzeichen wahr. Sie zeigt, was möglich ist, wenn ein Mensch alles tut, um auf seinen nahen Lebensraum positiv einzuwirken:
 
Ein einsamer Schäfer pflanzt in einen abgeholzten, verwüsteten Hang Bäume, unermüdlich, Tag für Tag, sein ganzes Leben lang. Am Ende hinterlässt er ein lebenserfülltes und Leben spendendes Geschenk – seinen bewaldeten Bergrücken, der die Gegend auch für Menschen wieder attraktiv macht – wenigstens so lange, bis sie durch die Menschen wieder verunstaltet ist. Das beweist, was ein einzelner, alter Mann mit Konsequenz, Geduld und Sinn für das Nötige bewirken kann.
 
Der Autor Jean Giono war diesem unvergesslichen Hirten selber begegnet, einem Menschen, der tat, was ihm richtig zu sein erschien, ohne sich um Erfolg und Lohn zu kümmern. Elézard Bouffier ist 1947 im Asyl von Banon im Frieden entschlafen.
 
Der Bäume pflanzende Manager
Seit einigen Wochen bin ich am Lektorat und an der verlegerischen Vorbereitung der Festschrift zum 80. Geburtstag von Konrad (Koni) Pfeiffer („Einkaufswelt mit Naturbezug“), der als ehemaliger Direktor der Migros-Genossenschaft Aargau/Solothurn ganz ähnlich wie der provenzalische Schäfer unermüdlich seine Samen setzte: Um ein grosses Einkaufs- und Verteilzentrum im Wynenfeld in Suhr AG liess er keine gärtnerische Sterilanlage errichten, sondern ein Naturrefugium mit Magerwiesen, Sträuchern und einheimischen Bäumen, Insekten, Vögeln und anderen Tieren. Er setzte sich in Naturschutz-Organisationen und als umweltpolitisch aktiver Bürger seiner Wohngemeinde Suhr (bei Aarau) dafür ein, dass einheimische Lebewesen zu ihrem Recht kamen, dass beispielsweise sterile Schulhausumgebungen, die sich verhängnisvoll auf Kinderseelen auswirken, belebt wurden. Er gab den Anstoss zu einem Abwärmeverbund und war massgebend an der Umwandlung des Naturhistorischen Museums in Aarau ins Naturama am Bahnhofplatz beteiligt. Überall geht es um Ansporne zu einer Naturerziehung durch Wissensvermittlung und Ansporne, ums Einbringen einer Saat, die dann wenigstens eine kleine Welt zum Guten verändert.
 
Jeder an seinem Ort
Jean Giono zählt zu den bedeutenden Schriftstellern Frankreichs. Er wollte die Welt mit friedlichen Mitteln und nicht mit Kriegen und Vergeltungsschlägen retten und übte harsche Kritik an der westlichen Zivilisation, die den Pazifismus sogar verachtet und dafür eine hochgerüstete und sich gerade wieder weiter aufrüstende Kriegsnation wie die USA bewundert, die ihr Waffenarsenal auch brauchen will und unter beliebigen, frei erfundenen Vorwänden einsetzt. Giono schrieb Romane, Gedichte sowie Theaterstücke und gilt als „Homer der Provence“. Er erhielt vom ehemaligen englischen Verein „The Man of the Trees“ (Der Mann mit den Bäumen) die Ehrenmitgliedschaft.
 
Konrad Pfeiffer seinerseits zählt zu bedeutendsten im Sinne von vorbildlichsten einheimischen Wirtschaftslenkern, weil er den kommerziellen Erfolg sozial- und umweltverträglich machte und sich obendrein für naturnahe, vollwertige Lebensmittel einsetzte. Er war ins kapitalistische Wirtschaftssystem eingebunden und versuchte, dieses von innen heraus zu verbessern. Er hat ein kleines Denkmal in Buchform, das zur aktiven Unterstützung der natürlichen Naturvorgänge in seinem Sinne anspornt, verdient.
 
Wo noch ein Einflussnehmen möglich ist
Jede Person ist in ein anderes Lebensumfeld eingebunden. Und jede Umgebung bietet die Chance, derart auf sie einzuwirken, dass sie als Lebensraum verbessert wird – auch das Gegenteil ist selbstredend möglich (und die Regel). Die Region, die eigene Gemeinde, der eigene Lebensraum bis hinein in die eigene Wohnung sind Wirkungsbereiche, wo von jedermann Wirkung erzielt werden kann. Die Auflösung in ein undefinierbares Weltendorf lässt solche Einflussnahmen unter dem amerikanisierten Einheitsdenken als nutzlos erscheinen. Doch diese Abläufe haben mit Denken nicht mehr viel zu tun. Auf der denkbar tiefsten Ebene triumphiert die Gedankenlosigkeit. Man fühlt sich hilflos, in eine Statistenrolle gedrängt und degradiert und benimmt sich entsprechend. Neben geistigem und materiellem Zerfall, Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit sowie Gewalt in all ihren Ausprägungen schaut da nichts Erstrebenswertes mehr heraus. Die letzten Jahre haben dies gelehrt.
 
Das einzige Erfolg versprechende Verhalten ist die Zuwendung zum Detail: Der Schäfer in der Provence suchte kräftige Eicheln, befeuchtete sie im Wasser, bevor er sie in den kahlen Boden steckte. Und der Mann in Suhr drückte Freiwilligen einen Spaten in die Hand, damit sie einheimische Sträucher pflanzten und half dabei selber tatkräftig mit.
 
Der Schäfer und der Manager lehrten, dass es möglich ist, die Welt zu verändern. Nicht auf der globalen Bühne, sondern im eigenen Lebensbereich, ob dieser nun klein oder ein bisschen grösser sei.
 
Anhang: Gionos Geschichte
 
Der Mann mit den Bäumen
Ein älterer Mann, im Süden Frankreichs, wohl schon über die 50. Sein einziger Sohn ist gestorben, dann auch noch seine Frau. Wofür soll er noch leben? Er verlässt seinen Bauernhof, unten in einer fruchtbaren Ebene, und zieht sich in die Einsamkeit zurück. Hier lebt er mit seinen 50 Schafen und einem Hund.
 
Die wasserlose Gegend der Cevennen am Südrand der Alpen gleicht einer Wüste. Das nächste Dorf ist mehr als eine Tagesreise entfernt. 4 oder 5 halbverlassene Dörfer mit zerfallenen Häusern gibt es in dieser trostlosen Gegend. Die letzten Bewohner sind Köhler mit ihren Familien, die Holzkohle brennen. Das Klima ist rau, die Menschen sind zerstritten; wer kann, zieht weg, einige werden geistesgestört oder enden in Selbstmord.
 
Der alte Mann erkennt in dieser Einsamkeit, dass diese Landschaft ganz absterben wird, wenn hier keine Bäume wachsen. So beschliesst er, Abhilfe zu schaffen.
 
Immer wieder besorgt er sich einen grossen Sack mit Eicheln. Diese untersucht er mit grosser Sorgfalt und scheidet alle schlechten, kleine und solche mit leichten Rissen, aus. Erst wenn er 100 gute und kräftige Eicheln vor sich hat, hört er auf. Bevor er damit weggeht, legt er sie in einen Eimer Wasser, damit sie sich richtig vollsaugen. Schliesslich nimmt er noch eine Eisenstange mit und zieht los. Die Herde Schafe in einer mit Gras bewachsenen Mulde bleibt so lange in der Obhut seines Hundes.
 
An einer geeigneten Stelle fängt er an, den Eisenstab in die Erde zu stossen. So macht er ein Loch und legt eine Eichel hinein, dann macht er es wieder zu. So pflanzt er Eichen. 100 000 Eichen in 3 Jahren. Er hofft, dass von denen, die getrieben haben, 10 000 übrig bleiben. Bäume in einer Gegend, wo es vorher nichts gegeben hat. Und er hofft, dass Gott ihm noch so lange das Leben schenkt, bis er so viele Eichen gepflanzt hat, dass diese zehntausend nur wie ein Tropfen im Meer sein werden.
 
Er weiss nicht, wem die Gegend gehört. Es stört ihn nicht, unbeirrt verfolgt er seine Idee. Die Veränderung, die geschieht, geht so langsam vor sich, dass niemand das Werk dieses Menschen stört.
 
Es bleibt einfach unbeachtet, eine Laune der Natur, denken die Jäger und Förster. Eine derart beharrliche Selbstlosigkeit kann sich wohl auch niemand vorstellen. Schliesslich wird der Wald unter Schutz gestellt. An 3 Stellen ist ein wunderbarer junger Wald entstanden, 11 Kilometer lang und 3 Kilometer breit.
 
Der alte Mann gibt seine Schafe ab, bis auf 4, betreut stattdessen 100 Bienenstöcke. Unbeirrt widmet er sich seinem Werk. Den Krieg beachtet er nicht. Die friedliche und regelmässige Arbeit in der frischen Höhenluft, seine Genügsamkeit und Einfachheit schenken dem Greis eine Heiterkeit des Herzens und eine stabile Gesundheit. Ohne technische Hilfsmittel, nur mit seiner Hände Arbeit, gelingt es diesem ungebildeten Bauern, ein Werk zu schaffen, das Gottes würdig ist.
 
Zwischen 1910 und 1945 pflanzt dieser einsame Schäfer hunderttausende Eichen, später Buchen, Ahorn, Birken, Erlen und Ebereschen. Als Elzéard Bouffier, so heisst der Greis, 1947 im Alter von 89 Jahren stirbt, hat er einen der schönsten Wälder Frankreichs geschaffen.
 
Aber es ist noch viel mehr geschehen. Unzählige Wurzeln halten den Regen fest, saugen das Wasser an. Die trockenen Bachbette sind wieder gefüllt. Es wachsen wieder Weiden, Wiesen und Blumen. Insekten und Vögel kehren zurück. Sogar die Luft verändert sich, sie führt mit sich den Duft der Blätter und Blumen und das leise Rauschen des Wassers.
 
Selbst in den Dörfern verändert sich alles. Ruinen werden weggeräumt, verfallene Mauern abgebrochen, neue Häuser gebaut. Junge Familien ziehen ein, Kinder spielen am Brunnen, Gemüse und Blumen wachsen in den Gärten. Alle haben wieder Lust am Leben. Die Menschen lachen wieder und haben Freude an den ländlichen Festen. An die 10 000 Menschen leben nun in den Dörfern, und keiner davon weiss, wem das neue Glück zu verdanken ist, wer die ganze Atmosphäre geändert hat.
 
Elzéard Bouffier. Ein einziger Mensch mit seinen schwachen Kräften hat genügt, um aus einer Wüste ein Stück „Gelobtes Land“ zu schaffen.
Jean Giono
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zum Thema Umweltbewusstsein
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