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BLOG vom 07.02.2006


Honoré Daumier: Karikaturen – je mehr, desto besser
Autor: Emil Baschnonga
 
Spiessbürger leben in allen Stockwerken unserer hierarchischen Weltordnung. In diesem Essay meine ich damit nicht die schrulligen Käuze und Kleinbürger, wie sie Carl Spitzweg (1808–1885) liebevoll dargestellt hat, auch nicht Honoré Daumiers Zeitgenossen Paul Gavarni (1804–1866), der gern die Dandies und die verwöhnten Luxusweibchen elegant kolportierte und dabei die damalige „High Society“ blossgestellt hatte.
 
Honoré Daumier (1808–1855): Karikaturen als Lanzen gegen das Spiessbürgertum
Daumier hat die Spiessbürger mit seinem spitzen Zeichenstift nicht nur aufgegriffen, sondern teils sehr bissig angegriffen und sie lithographisch in der damaligen Tagespresse (etwa im „Le Charivari“) dem Spott preisgegeben. Daumier ist ein Karikaturist ersten Ranges. In seinem Leben hat er viele Eiterpusteln des Dünkels aufgestochen.
 
Aber diesen Dienstag will ich mir nicht mit Eiterpusteln verderben und begnüge mich daher mit einigen seiner „Mückenstiche“, die er der Bourgeoisie zugefügt hat, oft verbunden mit auf den Staat gemünzten Seitenhieben.
 
In meiner Bibliothek habe ich seinen Sammelband der Karikaturen unter dem Titel „Musée pour rire“ (Museum zum Lachen), um 1839 erschienen, nicht nur aufgestöbert, sondern mit Spass durchgestöbert. (In dieser Sammlung sind auch Gavarni-Lithographien zu finden, welche die Gegensätze zwischen den beiden Karikaturisten veranschaulichen.)
 
Gerald Scarfe
Die Fundgrube für einen hervorragenden Karikaturisten wie Daumier ist heute so reichhaltig wie damals, und sie wird zum Glück von seinen heutigen Kollegen, worunter Gerald Scarfe, wacker ausgebeutet:
 
Scarfe hat soeben, am Sonntag, 5. Februar 2006, in seiner Karikatur die Fahne der Meinungsfreiheit in Brand gesetzt, mit dem Texteintrag: „Offensive Cartoon.“ Der Meinungsaufprall zwischen dem (wiederentdeckten christlichen) Westen und dem Islam hatte viel Staub in der Presse aufgewirbelt, seitdem dänische Karikaturen Mohammeds Turban in eine Terroristenbombe verwandelt haben.
 
Daumier und das Familienglück
Eine Reihe von Daumiers Lithographien ist dem Familienglück gewidmet, ganz besonders dem Vaterstolz. Da spazieren die Eltern stolz hinter ihrem Sohn her, eine Rotznase von 12 Jahren. Dieser lutscht an einem Schleckstängel. Der Begleittext hält fest: „Ist er nicht nett, wie er so schleckt?“ sagt die Mama. „Man sieht ihm förmlich an, dass er das Zeug zum Vernunftmenschen hat! Ich will, dass er ein Advokat wird.“
 
Solche Familienidyllen sind im Aussterben, weil der Staat die Elternrolle übernimmt und bestimmt, wie sich die Eltern und ihre Kinder der Gesellschaft (lies Vormundstaat) gegenüber zu verhalten haben.
 
In einer anderen Familienszene geht es nicht ganz so nett zu und her. Der Vater mit Bettmütze hält ungelenk am frühen Morgen das schreiende Wickelkind, während die aus dem Schlaf gerissene Mutter breit und nachhaltig gähnt: „Schrei doch! Bis du heiser bist und damit aufhörst … Die ganze Nacht kein Auge zugetan – als Senfhändler! Soll der Teufel die Kinder holen! Ich will keine mehr!“
 
Heute geht es weniger darum, das durch Kleinkinder verursachte Schlafmanko wettzumachen. Kinder werden durch Autos der Spitzenklasse ersetzt, durch exotische Ferien und andere Luxusausgaben auf Kredit. Schulden stören die Nachtruhe heute noch viel empfindlicher als Kinder.
 
Daumier und das Geld
Mit Vorliebe nimmt Daumier auch die Spekulanten aufs Korn. Ein Aktionär schneidet eine Grimasse, nachdem sein Einsatz von 500 auf 70 Francs zusammengeschmolzen ist. „Vielleicht handelt es sich um einen Druckfehler und sollte 700 Francs heissen,“ meint sein Bekannter.
 
Inzwischen steigt die Börse noch immer; aber der Pleitegeier beginnt zu kreisen, wie sich die masslos unersättlichen Konsumenten tiefer und tiefer verschulden. Lieber Anleger: Bitte aussteigen, ehe die Talfahrt beginnt!
 
Am liebsten zerpflückt Daumier die Advokaten. Einer von ihnen heisst Maître Barboteau, der seine Plädoyers wie ein Kutscher im Stundentarif verrechnet, 6 Francs für die 1. Stunde, nachher 5 Francs pro Stunde, mit allerlei Zusatzkosten verbunden, je nach Gerichtsverlauf. „Zur Tatsache, Maître Barboteau … zur Tatsache“, ermahnt ihn der Richter, während der Angeklagte auf der Bank döst. „Eh bien! Le fait, c’est que mon client accusé des voies de fait, n’a rien fait.“
 
Die Anwälte brauchen nicht mehr nach Gold zu schürfen – sie schaufeln es auf weniger mühsame Art in ihre Säcke.
 
Lassen wir diese beruflichen Blutsauger auf der Seite. Ums Geld geht es dem Spiesser, allgemein und mit vielen Kniffen versucht er, sich Geld zu borgen. Damals gab es noch keine Kreditkarten. Also klopft ihm einer seiner Bekannten auf die Schultern: „Lieber, mache mir doch das Vergnügen und leihe mir 5 Francs.“ Dieser antwortet: „Noch so gerne, aber ich habe nur 10 Francs, zum Teufel …“ und kriegt zur Antwort: „Das ist mir egal, gib sie mir bloss her. Ich schulde dir dann bloss 5 Francs.“
 
Wer begeht schon Irrtümer auf seine eigenen Kosten?
 
Ein echter Spiesser ist selten grosszügig. Einer lud jemand zum Abendessen bei sich zu Hause ein. „Nun, mein Lieber,“ sagt der Gastgeber, „ich habe Dich zum Essen ohne Zeremonie eingeladen.“ Der zu Tisch Geladene verzieht das Gesicht, denn auf dem Teller ist nichts, und daneben nur eine Wasserkaraffe.
 
Lehre: Nur wichtige Leute werden gut abgespeist.
 
Der Modemaler
An den jährlichen Pariser Salons wurden viele Helgen (Bilder) ausgestellt: eine festliche Gelegenheit zur Lobhudelei. Daumier zeigt, wie ein Modemaler einem anderen beidseitig die Hände schüttelt und ihn lobt: „Mein Lieber, ich beglückwünsche Sie. Ihr Gemälde hat eine ekstatische Wirkung!“ „Ich bin ganz und gar Ihrer Meinung“, entgegnet der Angesprochene.
 
Daran hat sich nichts geändert. In London wurde das Dreckbett der Tracey Emin als Meisterwerk in den Himmel gelobt. Charles Saatchi trifft ebenfalls den Geschmack der Zeit – mit Mist. In seiner Galerie wird das Publikum an der Nase herumgeführt. Es sollte sich selbst die Nase zuhalten.
 
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