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BLOG vom 10.02.2006


Verletzte Gefühle: Karikaturen entzünden ein Pulverfass
Autor: Walter Hess
 
Da veröffentlicht eine auflagestärkste, rechtskonservative dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ am 30. September 2005 ein Dutzend bestellter Karikaturen („Die Gesichter Mohammeds“) von verschiedenen Karikaturisten. Eine der Zeichnungen – sie stammt von Lars Refn – zeigt einen südländisch aussehenden Schüler mit der Unterschrift „Mohammed Valbyskole 7A“. Er steht vor einer Tafel, auf der auf Persisch geschrieben steht: „Die Redaktion von ‚Jyllands-Posten’ ist eine Bande reaktionärer Provokateure.“ Es ging angeblich darum, auszuloten, wie viel Selbstzensur sich Karikaturisten in delikaten Religionsfragen auferlegen, und dabei waren sie nicht zimperlich, auch der auftraggebenden Zeitung gegenüber. Das Resultat war weder künstlerisch noch aussagemässig überzeugend: Mittelmass. Und bald vergessen. Erst als die christliche norwegische Zeitung „Magazinet“ die Karikaturen am 10. Januar 2006 nachgedruckt hatte, kam es zu weltweiten Protesten empörter Muslime gegen die Propheten-Lästerung. Sie empfanden diese Karikaturen als Blasphemie, in der Mehrheit wahrscheinlich, ohne sie gesehen zu haben. Sonst hätten sie ja das Bilderverbot übertreten.
 
Im Internet sind die Zeichnungen problemlos zugänglich und dienen als Diskussionsgrundlage. Das ist gut so. Viele Zeitungen haben sie nachgedruckt, so auch „France Soir“, „weil kein religiöses Dogma die Auffassungen einer demokratischen und säkularen Gesellschaft bestimmen kann“. Ja, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit müssen nebeneinander stehen, haben beide ihren Platz, keine soll die andere einschränken.
 
Die Empörung in grossen Teilen der islamischen Welt, zu der Dänemark allerdings nicht gehört, erklärt sich daraus, dass Abbildungen von Allah, Mohammed und anderen Propheten in menschlicher Gestalt in der islamischen Welt heute als verboten gelten. Möglicherweise geht die Abneigung gegen Bilder eher aufs Alte Testament denn auf Mohammed oder den Koran zurück, oder aber eventuell auf des Propheten Aufzeichnungen über sein Leben, die „Hadithen“. Früher waren Abbildungen erlaubt; das sind offensichtlich Ermessensfragen.
 
Der Verstoss gegen den guten Geschmack und Empfindlichkeiten, die es in allen Religionen gibt, rechtfertigt keineswegs den geschürten, wohl instrumentalisierten Grossflächenbrand, der sich in den vergangenen Tagen eingestellt hat und der sich bis zu mörderischen Attentaten auswuchs. Er wird ständig angeheizt, und die Provokation wird auch umgekehrt: Die grösste iranische Zeitung „Hamschahri“ will nun ihrerseits die vom Westen viel zitierte Meinungsfreiheit ausloten, und sie forderte zu diesem Zwecke Künstler in aller Welt auf, mit Karikaturen zur Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg (Holocaust) die vom Westen geforderte Meinungsfreiheit zu testen und zu nutzen, Geschmacklosigkeiten dem Gipfel zutreibend.
 
Der Islam gibt sich im Kern als friedliche Religion, ein grundsätzlich zutreffendes Bild, das aber immer wieder von Radikalisten beschmiert wird: zerstörte Buddha-Statuen in Afghanistan, gesprengte Kirchen im Irak, in Pakistan und Kosovo, Selbstmordattentate, die beliebige Zivilisten treffen. Offenbar haben viele Religionen gleichermassen friedliche und ausgesprochen kriegerische Seiten. Der christliche Westen war bei seinen Zerstörungsaktionen auch nicht eben zurückhaltend, bis in die jüngste Zeit hinein; allein im Irak hat er unermessliche Verwüstungen angerichtet, Kulturgüterzerstörungen eingeschlossen. Warum bewachten die Amerikaner das Museum in Bagdad nicht? Wer stand hinter den Plünderern?
 
Die meisten Kriege der Vergangenheit waren Religionskriege; heute spielt die Gier nach fossilen Brennstoffen mit. Auch das Kolonialisierungszeitalter war von materiellen Aspekten geprägt; man müsste von Raubzügen sprechen.
 
Karikaturisten-Zurückhaltung in der Schweiz
Ich habe mich soeben mit dem bekannten Zürcher Karikaturisten René Fehr unterhalten, der in seinem Fach zur Schweizer Elite gehört. Er pflegt einen tiefgründigen Stil, zeichnet witzige Situationen mit Sinn fürs Detail, die seiner angenehmen, humorvollen Art entsprechen – eigentliche Aufheller für alle Lebenslagen, die zum Nachdenken auffordern. Auch Fehr hat Mühe zu verstehen, wie in der arabischen Welt nun plötzlich die Emotionen mit dieser Wucht ins Kraut schiessen und offenbar alle Sicherungen durchbrennen – ein paar Zeichnungen wegen.
 
Auf meine Frage, wie es denn die Schweizer Karikaturisten mit religiösen Motiven halten würden, sagte er, diese würden in der Regel umgangen; eine Ausnahme sei der ehemals in Chur, heute in Vaduz FL wirkende konservative Erzbischof Wolfgang Haas; da sei die Toleranzschwelle etwas höher gelegt, weil er in der Volksseele weniger verankert ist. Sonst aber ist die Religion hierzulande ein Karikaturisten-Tabu; selbst das Satireblatt „Nebelspalter“ habe in seiner herkömmlichen Ausgestaltung nie Karikaturen mit Kirchen- oder Religionsbezug veröffentlicht, wahrscheinlich auch, um erbosten Leserbriefen und Abonnementskündigungen aus dem Wege zu gehen.
 
Grosse Schwierigkeiten bereitete René Fehr einmal die Karikatur eines selbstzufriedenen, saturierten Schweizers, der an einem 1. August (Bundesfeiertag) mit einem zwischen die Oberschenkel geklemmten Schweizer Fähnchen wedelte; da wurden sogar Gerichte eingeschaltet. Denn auch die Schweizer Fahne ist ein Heiligtum, wie man sieht, auch wenn das ausbalancierte Schweizer Kreuz an sich nichts mit dem ungleichschenkligen christlichen Kreuz-Symbol zu tun hat.
 
Soweit das Gespräch mit René Fehr. Selbstverständlich muss sich die Medienfreiheit nicht dadurch bestätigen, dass mit religiösen oder auch nationalistischen Gefühlen holzhammerartig umgegangen wird, auch wenn der Begriff Karikatur vom lateinischen Wort carrus = Karren kommt und wahrscheinlich auf die Überladung anspielt: Karikaturen überzeichnen und entfalten dadurch eine besonders intensive Wirkung. Wie man sah.
 
Funke im Pulverfass
Die Mohammed-Karikaturen waren eindeutig nur ein Zünder, der sich ins gefüllte Pulverfass verirrte. Die noch mehr oder weniger christliche westliche Welt hat den islamischen Kulturraum gerade in der letzten Zeit mehrmals schwer gedemütigt. Das dümmliche Verhalten der US-Gewaltigen, die infolge von Bildungsmängeln kein Einfühlungsvermögen in andere Kulturen haben, haben schweren Schaden angerichtet, so etwa George W. Bushs Kreuzzug-Geschwafel, der auf Lügen aufgebaute Angriffskrieg gegen den Irak, an dem sich Dänemark von der ersten Minute an der Seite der USA innerhalb der Koalition der Irakkriegswilligen beteiligte, die jetzige Bedrohung des Iran, ebenfalls ein Erdölland, die Kriminalisierung der Araber wegen der sträflich vereinfachenden Gleichsetzung des Islams mit dem Terrorismus, die Unterstützung von Israel auch bei der widerrechtlichen Okkupation palästinensischen Gebiets und beim geheimen Aufbau von dessen Atomwaffenarsenal usf. Mit solch einer Haltung, die als islamfeindlich empfunden wird, wurden laufend tiefe Wunden aufgerissen und vergrössert. Am Schluss staut sich eine Wut auf, die sich an beliebigen und an sich marginalen Objekten entzünden und schwere Schäden an Leib, Leben und Sachwerten anrichten kann.
 
Zustände im Einheitsdorf
Eberhard Sandschneider, Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), hat den Streit um die Mohammed-Karikaturen als „eine Folge der Globalisierung“ bezeichnet. Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass das, was z. B. in Europa publiziert werde, in anderen Erdteilen Reaktionen nach sich ziehe. Und solche Reaktionen schwappen dann zurück.
 
Das bedeutet also, dass das amerikanisierte und Weltendorf zunehmend labiler wird, weil die Uniformierung (Amerikanisierung) der Kulturen trotz des Hollywood-Schunds und des übrigen amerikanischen Kulturbarbarentums überhaupt nicht gelingt.
 
Die klare Botschaft aus den Folgen des Banalereignisses der Mohammed-Karikaturen-Publikation lautet also, dass die Multikulti-Einheitsgesellschaft keine Chancen hat – das hat sich kürzlich auch in den Pariser Vororten und dann im übrigen Frankreich offenbart. Die Kulturenvielfalt muss ebenso akzeptiert werden wie kulturelle Eigenarten, ob sie nun ins westliche Denkschema passen oder eben nicht. Wer sich in einen anderen Kulturraum begibt, hat die angestammten Bräuche im fremden Lande zu respektieren. Zudem gibt es keine Überkulturen, auch wenn diese mit ihren Verhaltensmustern noch so sehr der Gedankenlosigkeit und Denkfaulheit vieler Zeitgenossen entgegenkommen.
 
Was gehen uns die Kopftücher der Musliminnen und die Dächlikappen der Amerikaner an, was die Iglus der Eskimos, auch wenn diese ja ebenfalls in Kunststoffhäusern wohnen könnten, was die Stammesrituale in Afrika? Und wenn die Vietnamesen gern Hundefleisch essen, soll man sie ebenfalls gewähren lassen wie die Europäer, die lieber Kalbfleisch verzehren, den Kühen die Hörner amputieren und Schalenwild mit Schrot durchsieben. Wer sich ein paar ethische Grundsätze zurechtlegt, wird feststellen, dass es in der eigenen Umgebung noch genug zu tun gäbe. Und es ist auch nicht nötig, dass am Ende alle Bush-Methodisten werden; jedes Individuum hat das Recht, den für es zuständigen Gott anzuhimmeln, wenn es dafür eine Notwendigkeit sieht.
 
Der Clash of Civilizations, wie die Amerikaner nach Samuel Huntington den von ihnen geförderten und sich immer deutlicher abzeichnenden Kulturkampf nennen, ist ein Beweis für den Zivilisationszerfall, eine Folge der Intoleranz, Verirrungen in Anpassungen, Gleichmachungen, Mitläufertum im Zeichen von Gedankenlosigkeit und Verblödung. Die Menschen werden von den Medien bebildert statt informiert.
 
Die Gegenmassnahmen verschärfen die Lage nur: Unter den erwähnten Voraussetzungen gebiert jede Dummheit gleich Zwillinge, mit denen man sie in Schach halten möchte. An Korrekturen denkt kein Knochen. Und niemand sagt: So geht es nicht!
 
Es sieht so aus, als ob im Rauch von brennenden Flaggen, Botschaften und Autos auf allen Seiten keine vernünftigen Gedanken mehr möglich wären. Und die Weitsicht ist bei einem solchen Klima ebenfalls vernebelt – und zwar nicht nur in dem einen Kulturraum.
 
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