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BLOG vom 17.02.2006


Die globale Förderung der „Träumer des Absoluten“
Autor: Walter Hess
 
Der Terrorismus hat seit den übertriebenen Reaktionen der westlichen Welt auf die noch kaum geklärten Anschläge vom 11. September 2001 und dem Einmarsch der USA und ihren getreuen Willigen in den Irak einen ungeahnten Aufschwung erfahren. Seither gilt nach dem Willen des Bush-Clans das Kriegsrecht, das demnächst unter Vogelgrippe-Vorzeichen noch ausgebaut werden wird. Und der religiöse George W. Bush konnte sich seinen Buben-Traum erfüllen, den 1. Weltkrieg im 21. Jahrhundert anzuzetteln und auf diesem Hintergrund seine Macht zu mehren. Der Welt wären viel Elend und Freiheitsverluste erspart geblieben, wenn er sich weiterhin vollamtlich dem Alkohol zugewandt hätte.
 
Täglich ereignen sich in destabilisierten Ländern Anschläge, und das sich allmählich auch auf den Iran ausdehnende Chaos ist ein idealer Nährboden für weitere Attentate. Bezeichnend dafür war eine am 20. September 2005 verbreitete Medienmeldung, wonach sich laut Uno-Experten die Extremistenorganisation El Kaida den Schatten der Gewalt im Irak zu Nutze mache, um in Afghanistan verloren gegangene Trainingslager zu ersetzen. Im Bericht an den Uno-Sicherheitsrat heisst es, das im Irak nach wie vor herrschende Chaos erhöhe die Gefahr künftiger Anschläge beträchtlich. „Aus allen Teilen der Welt reisen Rekruten an und erwerben Fähigkeiten im Häuserkampf, Bau von Bomben, zur Ausführung von Mord und Selbstmordanschlägen", las man in dem Bericht im Weiteren. Wenn diese Kämpfer in ihre Heimatländer oder Wohnorte zurückkehrten und sich mit denen vor Ort zusammentäten, die selbst gut integriert seien, wachse durch diese Kombination die Gefahr erfolgreicher Anschläge erheblich. Aber Lehren werden daraus nicht gezogen. Noch immer möchten die US-Krieger den Terrorismus mit Bomben gewinnen.
 
Nach der Okkupation der Palästinensergebiete 1967 (wenigstens der Gaza-Streifen wurde von Israel kürzlich geräumt und zurückgegeben) hat Israel bitter erfahren müssen, was es heisst, mit dem Terrorismus zusammenleben zu müssen: Militärische Aufrüstung, verminderte Lebensqualität durch ständige Angst, Tod und Zerstörungen. Und nun ist im benachbarten Palästina noch die Hamas auf jene demokratische Weise an die Macht gekommen, welche die Wertegemeinschaft fordert. Und genau das wollte man auch wieder nicht.
 
Wenn es nicht gelingt, eine andere als die von der neoliberalen Globalisierung geprägte Weltordnung herbeizuführen, werden sich Zustände, wie sie in Israel üblich geworden sind, stark ausdehnen. Überwachungsmassnahmen sind in ständigem Ausbau. In den USA ist dieser Prozess bereits im Gange, und in Grossbritannien und anderen europäischen Ländern sind ebenfalls ähnliche Vorboten vorhanden. Das britische Parlament hat am Mittwoch die Anti-Terrorismus-Gesetzgebung verschärft, die Meinungsfreiheit weiter einschränkend, sobald das Oberhaus ebenfalls zugestimmt hat. Das alles ist erst der Anfang.
 
Was alle wissen, sei hier noch einmal betont: Statt trotz aller Hilflosigkeit die Pose der Unbesiegbarkeit und Stärke einzunehmen, wäre es sinnvoller, die Gründe für den Terrorismus auszuloten und wo immer offensichtliche Missstände und Sünden und Verbrechen aus der Vergangenheit dafür verantwortlich sind, diese zu beseitigen oder wieder gutzumachen. Mit Unrecht, Lug und Trug sowie dem Führen von Kriegen mit einem Maximum an Streubomben und einem Minimum an Wahrheit und der Lizenz zum Foltern und Töten ist dem Terrorismus nicht beizukommen – im Gegenteil. Aus der Geschichte sind keine Lehren gezogen worden.
 
Terror-Geschichte: Zufällig ist mir aus meinem Familienkreis kürzlich das Suhrkamp-Taschenbuch 442 „Politik und Verbrechen“ des zeitkritischen Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger zugespielt worden. Darin findet sich unter dem Titel „Die Träumer des Absoluten“ (wie Karl Marx die Verschwörer nannte) ein Beitrag über „Die schönen Seelen des Terrors“. Dieses Kapitel liest sich wie eine Geschichte des Terrors, ohne an Aktualität eingebüsst zu haben. Es befasst sich zuerst einmal mit dem „individuellen Terror“, der sich gegen die Mächtigen richtet. Dieser basiere „auf der Überzeugung, Geschichte werde von Kaisern, Königen und Präsidenten gemacht; eine Überzeugung, die nur von Kaisern, Königen und Präsidenten geteilt wird. Kein Bombenwerfer kann die grossen und anonymen gesellschaftlichen Kräfte verändern: das technisch und industrielle Potential, den Aggregatzustand der Klassen, die Besitzverhältnisse und den administrativen Apparat.“ Enzensberger bezeichnet die Terroristen als die „Bauern in einem grösseren (Schach-)Spiel“. Aber sie machten schon immer einen „ungeheuren Eindruck“, weil ihnen nicht nur Mächtige und die herrschende bürgerliche Klasse zum Opfer fielen. Enzensberger: „Auch in Theatern, Luxus-Restaurants und Börsensälen, in Klubs und Parlamenten explodierten die Bomben der namenlosen Schreckensmänner, die entschlossen waren, auf eigene Faust auf die Grossmächte ihrer Zeit loszugehen. Allein im Jahre 1892 wurden in Amerika fünfhundert und in Europa mehr als tausend Sprengstoff-Attentate registriert.“
 
Wie dem Enzensberger-Beitrag zu entnehmen ist, hat Terrorismus mit Revolution zu tun. Es geht darum, aus einer Welt der Ungerechtigkeiten und der einseitig verteilten, konzentrierten Macht eine bessere zu machen. Es seien „Akte der Befreiung“ – in England dürfte man das heute wohl nicht mehr sagen, weil das als Terror-Verherrlichung ausgelegt werden könnte.
 
Selbstredend kann es nie eine gerechte Welt geben, in der Güter und Macht gleichmässig verteilt sind. Solche Idealvorstellungen (wie sie etwa dem Kommunismus zugrunde lagen) sind genauso zum Scheitern verurteilt wie der Neoliberalismus (Vorrang der Wirtschaft, der Gewinnmaximierung als intensivierter Kapitalismus) und die Globalisierung (Weltvereinheitlichung unter US-Führung auf der Grundlage eines extremen neoliberalen Gebarens = Amerikanisierung).
 
Der Kommunismus, in dem eigentlich nur die Armut (mit Ausnahme der privilegierten Machthaber) gleichmässig verteilt war, hat sich inzwischen beinahe vollständig selber erledigt. Doch wäre es ein schwerwiegender Fehler, daraus zu schliessen, das sich durchsetzende westliche Globalisierungsmodell sei deshalb die Lösung erster Güte. Wegen des rücksichtslosen, aggressiven Gebarens der selbsternannten und durch Mitläufer verherrlichten Führungsmacht USA hat dieses eine schwere Schlagseite erhalten, und es wird zunehmend selber zum Kriminalfall. Denn wieder ist eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform entstanden, die aus sozialen Gründen unhaltbar ist und die Proteste, Demonstrationen, Streiks, Unruhen und Attentate gebiert – milde und brutale Formen von Terrorismus, wie ihn Enzensberger beschrieben hat. Immer breitere Kreise von Arbeitern, Angestellten und Bauern werden davon erfasst. Selbst ganze Völker fühlen sich verraten, trennen sich von ihren Regierungen, werden zu Protestwählern, wo Wahlen noch zugelassen und nicht manipuliert sind. Dies sind schleichende, sich intensivierende Prozesse, die zumindest auch zu schleichenden Korrekturen führen müssten: Einbezug der Ethik ins politische Handeln, Rücksichtnahme auf Natur und alle Lebewesen, Beachtung, Schonung und Pflege kleiner Einheiten, Ermöglichung einer individuellen Entfaltung innerhalb eines lebenswerten Lebensraums. Eine Einheitswelt ist das Gegenteil davon. Sie kann nur durch Polizei- und Militäraufgebote noch eine Zeitlang im Zaume gehalten werden.
 
Das Primat würde den kleinen Einheiten (auch den wirtschaftlichen) gehören und nicht etwa einem kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg der Grossunternehmen um jeden Preis, die ihre Gewinne für weitere Rationalisierungen nutzen, um die Belegschaft portionenweise loszuwerden.
 
Je mehr die Unzufriedenheit in den breiten Massen geschürt wird, desto mehr „Träumer des Absoluten“ werden geboren. Dabei genügt laut Enzensberger ein einziger solcher Träumer, ein Unbekannter in der Menge, „um alle Machthaber dieser Erde in Schrecken zu versetzen.“
 
Das wurde vor 1964 festgestellt. Man hätte es also wissen können.
 
Hinweis auf ein Buch zum Thema
Hess, Walter, und Rausser, Fernand: „Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“, Verlag Textatelier.com GmbH, CH-5023 Biberstein 2005. ISBN 3-9523015-0-7.
 
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