Textatelier
BLOG vom: 19.02.2006

Haste noch Worte? – Wenn Computer oder Rücken streiken

Autorin: Rita Lorenzetti
„Haste noch Worte?“, sagte jeweils meine Freundin Annedore aus Berlin, wenn sie überwältigt war von der Schönheit einer Aussicht oder wenn sie eine unglaubliche Geschichte vernahm.
 
„Haste noch Buchstaben?“, fragte ich meinen Computer, als er sich weigerte, auch nur einen einzigen auf dem Bildschirm antreten zu lassen. Streik war angesagt. Keine Worte, keine Texte. Es war wie vor kurzem hier in Zürich, als die Bühnenarbeiter des „Schiffbaus“ für bessere Löhne streikten.
 
Als ich meinem Computer dann eine Stunde Ruhe zugestand, war er wieder bereit, zu arbeiten. Die Buchstaben, die mir seither wie Tänzer erscheinen, begrüsse ich nun freundlich und dankbar. Ich schaue ihrem Auftritt jetzt aufmerksamer zu, viel mehr als vorher. Da war es einfach selbstverständlich und zum System dieses Apparates gehörend, dass sie taten, was meine Finger anschlugen. Der Computer ist schliesslich ein Stromgehirn. So sollen die Chinesen ihn umschreiben, habe ich dieser Tage gelesen. Also sollte er funktionieren, wenn die verschiedenen Kabel korrekt eingesteckt sind.
 
Vieles in unserem Leben basiert auf Selbstverständlichkeiten. Wenn sie aber erlahmen, erschrecken wir. Dasselbe gilt auch für den Körper. Auch er leistet natürlicherweise Enormes, ohne dass wir besonders achtsam sind. Überfordern wir ihn, ächzt und stöhnt er, und wenn diese Signale nichts bewirken, streikt auch er. Aber das wird einem erst im Nachhinein bewusst.
 
Die Hexe, die mir ins Kreuz geschossen ist, ist zwar wieder abgereist, doch hat sie schmerzende Denkzettel hinterlassen. Auch ich muss nun vermehrt „eine Stunde ruhen“, um wieder funktionieren zu können. Zu den heilsamen Denkzetteln gehört auch die Einsicht, dass im Rücken die ganze Lebensgeschichte gespeichert ist. Alle Lasten sind hier eingeschrieben, alle freudigen Bewegungen auch. Zusammen formten sie die Wirbelsäule mit. Unvorstellbar die Fülle ihrer Arbeit, ihr Mitschwingen, ihre Beweglichkeit. Solche Einsicht jagt mir einen Schauer über den Rücken. Da kann ich mit Annedore nur sagen: Haste noch Worte?
 
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