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BLOG vom 27.02.2006


Finanzperspektiven 2006: Freut Euch des Anlegens!

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)

Es gehört inzwischen zu den Ritualen der Neuen Aargauer Bank (NAB) in CH-5000 Aarau, dass sie jeweils im Angesichte von Frühlingsvorahnungen zu einem sonnigen „Ausblick auf die Finanzmärkte“ einlädt. Selbstredend kann einem nichts Besseres passieren als über die Zukunft des globalen Finanzgeschehens im Voraus zuverlässig informiert zu werden. Denn wenn man das weiss und sich danach richtet, ist das Reichwerden keine Kunst mehr, sondern bloss noch eine logische Folge und sozusagen unvermeidlich. 

Die Schweizer Banken kennen die entsprechenden Mechanismen selbstverständlich ganz genau, und sonst können sie diese mit ihrer Macht die Märkte schliesslich immer noch in der prophezeiten Richtung beeinflussen. Wie gerade ihre Jahresabschlüsse 2005 einmal mehr bewiesen haben, verstehen sie etwas vom Umgang mit Geld und allem Anverwandten, was sich auch sonst noch vermehren lässt. Und wenn sie Optimismus verbreiten, tut man gut daran, diesen zu teilen, wie das schon vor einem Jahr (Anfang 2005) der Fall war. Folgerichtig wurden umgekehrt die „Pessimisten auf dem falschen Fuss erwischt“, wie sich Heinz Thommen, Mitglied der NAB-Geschäftsleitung, nachsichtig äusserte – ja „es kam 2005 besser heraus als ursprünglich erwartet“ – selbst für die Optimisten.
 
Vorwärts mit Aktien
Und eine zuversichtliche, Finanzanlagen-bejahende Haltung habe ich auch aus dem Referat von Burkhard P. Varnholt am 23. Februar 2006 im Kultur- und Kongresshaus Aarau deutlich herausgespürt. Er ist Chefanalyst und Finanzprodukte- sowie Investitionsleiter bei der Credit Suisse CS, dem Mutterhaus der NAB, und muss es also wissen. Besondere Freude bereitet ihm, Varnholt, das weltweit ausgeglichene Weltwirtschaftswachstum, weil das ein stabilisierender Faktor ist. Deshalb werden laut seiner Vorhersage die „Aktien auch heuer einen Schritt nach vorn“ machen, insbesondere jene der Schwellenländer (wie China, Indien, Korea, Taiwan), der Schweiz, Österreich, Japan und Deutschland. Von den USA sprach Varnholt nicht, sie sind kaum noch der Rede wert, in Zukunft immer weniger. Die Schweiz sei eine Gewinnerin der Globalisierung, fügte Varnholt an – aber selbstverständlich bezogen sich seine Ausführungen, wenn ich sie richtig interpretiere, nur auf das Finanzgeschehen. Die Globalisierungs-Nachteile erlebt man dann in den meisten anderen Bereichen, auch in Bezug auf wahre Lebensqualität: Die Lebensmittel werden angereichert, verstümmelt, genmanipuliert, und die Krankheitsfolgen sind Grundlage für einen blühenden Markt. Die Demokratie zerfällt wie die Gesundheit, Bauernbetriebe und Arbeitsplätze verschwinden. Soweit meine eigenen Gedanken, vielleicht allzu weit über den Finanzhorizont hinaus.
 
Von Arbeit und anderem Energieverbrauch
Varnholt seinerseits berücksichtigte bei seiner globalen Betrachtungsweise das Weltbevölkerungswachstum (in den letzten 50 Jahren von 2,5 auf 6 Milliarden Menschen) und die damit verbundene Migration. Diese Wanderbewegungen verlaufen vor allem vom Land in die Städte, die überall in einem unwahrscheinlichen Wachstum begriffen sind – und dementsprechend gedeihen der Handel, dessen Wachstum etwa 3 Mal schneller als jenes der Wirtschaft ist, wie auch die Infrastruktur und Kommunikation. Doch 3 Viertel der Bevölkerung leben „ausserhalb des wirtschaftlichen Mainstreams“ (Varnholt), so dass also die Arbeit günstig und die Inflation tief bleiben werden. Die Werktätigen können sich ausrechnen, was das für ihr Leben im trostlosen globalen Dorf, das sich zunehmend verstädtert, heisst.
 
Der Energieverbrauch wird weiter zunehmen; wer das voraussagt, macht sicher keinen Fehler. Denn die Schwellenländer (früheres Ranking: 3. Welt) holen auf, auch wenn nicht zu erwarten ist, dass sie die gleiche idiotische Erdöl-Verschwendung wie die USA betreiben werden (Barrel-Verbrauch pro Kopf und Jahr: Indien 0,6, China 2, Schweiz 15 und USA 25). Vor allem China boomt, und auch die Ausbildung wird in jenem Riesenreich vorangetrieben – „in wenigen Jahren wird China die grösste englischsprachige Bevölkerung der Welt haben“. Wie viel Englisch dann die US-Amerikaner noch können, wird sich weisen.
 
Die Abkupferer
Aber auch andere Rohstoffe als Erdöl geraten in den Sog einer sich verstärkenden Nachfrage, zum Beispiel Kupfer (Vorkommen und Gewinnung: insbesondere in Chile). Ein Bekannter hat mir von den Philippinen dieser Tage berichtet, dass dort häufig Kupferleitungen abgeschnitten und gestohlen werden, was dann die örtliche Kommunikation unterbindet. Seit Oktober 2005 sei es allein bei Mactan (Cebu) schätzungsweise 20 × vorgekommen, dass Diebe jeweils 30–50 m des Kabels gestohlen haben, das 300 Telefonlinien verbindet. Es wurden nun Wachen angestellt, die aber im entscheidenden Moment meistens tief schlafen, was dann meinem Bekannten jeweils 2 bis 3 Tage Telefon-Freiheit und damit zu einem noch angenehmeren Pensionistenleben verhilft. Solche Kupferkabel-Diebstähle gibt es in vielen Ländern, z. B. auch in Argentinien, wie über die Google-Suchmaschine (ins Suchfenster eingeben: telephone cable theft copper) festgestellt werden kann. In Moçambique wurden sogar 35 Meilen Kupferkabel gestohlen. In einer Meldung dazu heisst es: „Der Kabeldiebstahl ist durch den ganzen südlichen Teil von Afrika weit verbreitet; er ist so etwas wie ein Drittwelt-Gegenstück zum Diebstahl von Autoradios in der 1. Welt.“ Am empfehlenswertesten wäre es wohl, die Übertragungsanlagen und gerade auch noch die dazugehörigen Radios und dergleichen zu stehlen ... So würden die Armen endlich in die Kommunikations-Wertegemeinschaft eingebunden.
 
Zu den zunehmend gefragten Rohstoffen gehört das Wasser. 1 Tasse Kaffee (7 g Kaffee, 125 ml Wasser) benötigt, wird der Kaffeeanbau einbezogen, etwa 140 Liter Wasser, 1 kg Brot 1000 (eintausend) Liter. Das Wasser, das ein Algemeingut wie die Atemluft sein sollte, wird im GATS-Rahmen zunehmend vermarktet, eine der hässlichen Globalisierungsseiten, wie ich beifügen möchte. Der SAM Sustainable Water Fund ist entsprechend profitabel. Auch der zunehmende rheumafördernde Fleischkonsum bei jenem Bevölkerungsteil, der auf der wirtschaftlichen Sonnenseite steht, hat viel mit Wasserverbrauch zu tun – Nutztiere trinken fleissig. In der Industrie gehört die Halbleiterbranche zu den durstigsten. Und in England versickert etwa die Hälfte des Trinkwassers auf dem Weg zum Verbraucher, weil die Leitungen marode sind (die Schweiz hat diesbezüglich die beste Infrastruktur der Welt).
 
Die Anleger leben gefährlich
„Und wo sind die Risiken?“ fragte einer der rund 600 Zuhörer nach all dem positiven Denken und Vorausschauen. Varnholt, der immer aus dem Vollen schöpfen kann und glänzend formuliert, sprach summarisch die ökologischen Vorgänge an, ohne allerdings die Begrenztheit dieser Erde speziell zu erwähnen. Ich persönlich würde auch auf die Kriegsgefahren hinweisen, die sich aus den Rohstoffverknappungen (siehe Irak) und der sich öffnenden Armut-Reichtums-Schere ergeben, ohne gleich eine Investition in die noch immer günstig bewerteten Rüstungsaktien zu empfehlen, auf die die Amerikaner spezialisiert sind. Die ständige Aufrüstung vor allem in den USA und – oft als Folge davon – in anderen Ländern führen zu einem beachtlichen weiteren Sicherheitsverlust auf dieser ohnehin labilen Erde. Und während ich dies schreibe, kommt gerade eine Meldung von N24 herein: „Nahost-Spannungen belasten US-Märkte“ (24. Februar 2006).
 
Die Weltgeschichte und ihre Finanzgeschichte dauern an, und es gibt tatsächlich Indikatoren, welche die Zukunft einigermassen genau erahnen lassen. Die Einschätzung hat aber dennoch viel mit der persönlichen Veranlagung und Beurteilung zu tun. Und für alle Individuen haben unsere weltberühmten und vertrauenswürdigen Schweizer Banken massgeschneiderte Produkte auf Lager, für die Risikofreudigen bis zu den Sicherheitsbewussten, die eben auf Nummer sicher gehen. Alle ihre Kunden und sie selber können gelegentlich auf dem richtigen oder falschen Fuss erwischt werden, je nachdem, was an Vorher- und Unvorhergesehenem tatsächlich eintritt. Und manchmal zerstört das die schönsten und kühnsten Anlegerträume – oder aber auch nicht.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zu einem NAB-Finanzanlass
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