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BLOG vom 15.03.2006


CH-Landwirtschaftspolitik, zu faul selbst für den Misthaufen

Autor: Walter Hess

Der gewaltige Erfolg der schweizerischen Landwirtschaftspolitik lässt sich an diesen eindrücklichen Zahlen ablesen: Seit den 90er-Jahren ist in der Schweiz die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe von 90 000 auf 65 000 zurückgegangen, und weiterhin verschwinden pro Tag etwa 5 Betriebe, 35 in der Woche, 150 im Monat, eine stolze Leistung. Es wird alles getan, dass die Bauern endlich aufhören, Lebensmittel zu produzieren. Sie sollen Milchseen trockenlegen und die Berge aus Feldfrüchten aller Art zum Verschwinden bringen. Die heutige Nahrung kommt schliesslich aus dem Supermarkt.

 
Im Vorfeld dieser Massnahmen zur Dämpfung der Landwirtschaft war von wissenschaftlicher Seite alles daran gesetzt worden, mit Hilfe von enthornten Hochleistungskühen, deren wesentlichstes Merkmal ein ballonartiges Euter ist, und Hochzuchtsorten, bei denen aufs Gewicht und nicht etwa auf innere Qualitäten geschaut wurde, die Erträge ins Unermessliche zu steigern. Kühe konnten vor lauter Euter kaum noch gehen, und Getreidehalme brachen unter dem Körnergewicht ein. Dann erhielt die amerikanisch gelenkte Welthandelsorganisation (WTO) die Oberhand, welche die Grenzen für (hoch subventionierten) amerikanischen und anderen Massenschund sprengte und Schutzmassnahmen zu Ehren des einheimischen Gewerbes verbot. Und die Schweiz fühlte sich verpflichtet, darauf hereinzufallen. Selbstversorgung und Unabhängigkeit sind heute keine Werte mehr, für die ein gewisser Einsatz sich lohnt. Man müsste wieder einmal in einem Buch über Friedrich Traugott Wahlen (ehemaliger Bundesrat in der Schweiz) nachlesen, zum Beispiel in unserem neuen Verlagswerk „Konsumwelt mit Naturanschluss", der mit dem berühmten „Plan Wahlen" während des 2. Weltkriegs das vom Kriegsgeschehen umgebene, bedrohte Land ernährungsmässig über die Runden brachte. Wenn ich heutzutage jeweils auf einer Teigwarenverpackung nach der Herkunft des Getreides (Hartweizen) fahnde, steht jetzt „USA und Kanada“ drauf. Und dann suche ich nach einem anderen Produkt aus Zutaten, die nicht genmanipuliert sind.
 
Ein Bauer, der seinen Hof weiter betreibt und noch zu produzieren wagt, ist schon fast kriminell. Er sollte doch vielmehr ausländischen Billigprodukten Platz machen und sich als Entertainer beschäftigen, nach der Manier der Prärieindianer Tipis aufstellen, öffentliche Grilladen veranstalten, einen Streichelzoo einrichten und die brachliegenden Äcker für Moto-Cross-Events vermieten. Im Stall kann er gegebenenfalls noch das eine oder andere Tier zu Schauzwecken und als Mittel zum Zweck von Erlebnisferien auf dem Bauernhof halten. Ein Ballen dürres Gras fürs Schlafen im Heu kann zugekauft werden. Das Raumplanungsgesetz ist gerade teilrevidiert worden, damit sich die Spassgesellschaft aufs Land ausbreiten kann. Wer nicht mitmacht, ist selber schuld. Nur produzieren darf der Bauer nicht, selbst wenn sich dieses verwerfliche Tun bestens mit der viel beschworenen Landschaftspflege unter einen Hut bringen liesse. Landschaftspflege bedeutet heute einfach ein grossflächiges Niederhalten von sämtlichen Naturäusserungen, weil sonst Wald entstünde.
 
„Garten Schweiz“
Solche Entwicklungen sind im Buch „Garten Schweiz“ aus dem Wegwarte-Verlag wunderschön dargestellt – als Fotografen wirkten Marcus Gyger, Fernand Rausser, Heini Stucki, Peter Studer und Kurt Wyss mit. Ich durfte den Text zu diesem von Eugen Götz-Gee mit künstlerischem Einfühlungsvermögen gestalteten Bildband schreiben (der hinter dem Schlossportal dieser Webseite vorgestellt wird). Eine Leseprobe: „(...) Ausräumungsprozesse spielen sich nicht von einem Tag auf den anderen ab; es sind schleichende Vorgänge, kaum wahrnehmbar, weil man sich an die einzelnen Eingriffe schnell gewöhnt und bald vergessen hat, wie es vorher gewesen war. Und wer mag hinterher schon den Bauern den Vorwurf machen, sie hätten sich als Landschaftszerstörer schuldig gemacht! Sie waren und sind das Opfer des neoliberalen Grössenwahns, eine Zeiterscheinung, die alles auf primitive Wirtschaftlichkeitskriterien herunter bricht; auch das staatliche Handeln hat sich den gnadenlosen Prämissen anzupassen.“
 
Die Bauern wissen inzwischen, dass sie Opfer dieser unsäglichen Globalisierung mit ihrem alles zerstörenden Effekt sind – die Gewinner sind die multinationalen Grosskonzerne als beherrschende Macht. Die Gentechnik-Giganten mit Monsanto an der Kampffront gehören dazu.
 
„Bauern zum Trotz“
Wie sich die Tragödien auf der untersten Stufe abspielen, wurde mir am späten Montagabend, 13. März 2006, erneut bewusst, als das Schweizer Fernsehen DRS den Dokumentarfilm „Bauern zum Trotz“ des Berner Filmemachers Christian Iseli abspielte. Iseli hatte 1994 einen braven Film „Der Stand der Bauern“ gedreht, ein ordentliches Dokument. 10 Jahre später besuchte er die gleichen Höfe wieder, um zu sehen, was daraus geworden war. Die meisten der Bauern traf er bezeichnenderweise gerade beim Demonstrieren in Bern an.
 
Der Genfer Landwirt Laurent Girardet lege sich 160 amerikanische Büffel (Bisons) zu, wie sie seinerzeit von den USA-Einwanderern zu Hunderttausenden sinnlos niedergemetzelt wurden (aus Schiessfreude und auch um den Indianern eine wichtige Nahrungsquelle zu zerstören). Genau aus jenem Land, aus dem die tapferen (wie auch weniger sympathische) Büffel kommen, stammen auch die WTO-Vorgaben zum Bauernsterben. Ein anderer Bauer, Res Meister in Lützelflüh (Emmental BE), entschloss sich für die Rückkehr zur artgerechten Tierhaltung, die ja im Rahmen der Landwirtschaftsrationalisierung zur Tierquälerei umfunktioniert worden war. Ob er dank dieser auch ethisch motivierten Haltung über die Runden kommen wird, weiss er noch nicht. Die Bergbauernfamilie Berry in Grüsch (Vorderprättigau GR) setzte vor 10 Jahren in der Viehzucht auf die neueste Technologie mit Embryotransfer, ein vorübergehender Erfolg. Dann wurde der Hof vergrössert, sozusagen globalisierungstauglicher gemacht. Und der Seeländer Bauer Urs Schmid sah keine Möglichkeit mehr, seinen Betrieb weiterzuführen. Er versteigerte Habe und Vieh und zog von seinem Heimet weg. Heute arbeitet er im Logistikbereich der Swiss Genetics und ist für die Auslieferung von Stier-Sperma zuständig.
 
Bauernschicksale aus einer Zeit der Vermassung, der falschen Zielsetzungen, des Niedergangs. Mit dem Bauernsterben verschwindet auch das traditionelle Wissen rund um eine naturnahe Produktion von Lebensmitteln. Das Bemerkenswerte dabei ist, dass das nicht einfach als Folge der neoliberalen Globalisierung, dieser umfassendsten bisherigen Geistesverwirrung der Menschheit, hingenommen, sondern durch die Landwirtschaftspolitik sogar aktiv gefördert wird.
 
Es ist, als ob man die einheimischen Bahnen dazu anhalten würde, nur möglichst wenig Güter und Menschen zu transportieren, damit das internationale Autoimportgewerbe ungestört aufblühen kann. Es ist, als ob man Lehrer dazu anhalten würde, den Schülern möglichst keine Kenntnisse zu vermitteln, damit deren Köpfe umso empfänglicher für Hollywood-Machwerke, TV-Unterhaltung, Disney-Schmarren, aggressive Videospiele und Popmusik sind. Es ist, als ob man die Ärzte bitten würde, nicht mehr zu heilen, damit die internationale Pharmaindustrie ihre Gewinne und Arbeitsplätze erhöhen kann. Vielleicht sind solche Fiktionen schon ein bisschen Realität geworden. Ich überlasse das Urteil den Nutzern.
 
Es geht auf keine Kuhhaut, was unter den neoliberalen Vorzeichen allein den Bauern angetan worden ist. Sie wurden (ähnlich wie die Arbeiter) benützt, irregeführt, verschaukelt, und jetzt werden sie vertrieben, entwurzelt. Die Weltpolitik im Allgemeinen und die Landwirtschaftspolitik im Speziellen sind zu faul, als sie noch irgendeinem Miststock zuzumuten wären.
 
Hinweise auf weitere Bücher zum Thema
Hess, Walter (Text); Gyger, Marcus; Rausser, Fernand; Stucki, Heini; Studer, Peter, und Wyss, Kurt (Fotografien): „Garten Schweiz“, Wegwarte Verlag, Bolligen 2005. ISBN 3-9522973-0-5.
Hess, Walter (Text), und Rausser, Fernand (Cartoons): „Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“, Verlag Textatelier.com, Biberstein 2005. ISBN 3-9523015-0-7.
 
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