Textatelier
BLOG vom: 20.03.2006

Jugendkultur 2006: Kreischen, schreien, saufen und kotzen

Autor: Walter Hess
 
Wenn diese Jugend unsere Zukunft ist, fragt man sich schon, ob man noch mit Zuversicht in jene Zukunft blicken kann. Es gibt schon noch eine andere. Hoffentlich bleibt sie standhaft.
 
Die deutsche Teeny-Band „Tokio Hotel“ sucht nun auch die Schweiz heim. Sie wird von (vor-)pubertierenden weiblichen Fans auftragsgemäss in eine Schrei-Tournée umgemodelt. Die bedauernswerten Mädchen schreien so laut wie möglich, und wahrscheinlich gilt es als höchste Stufe der vorgegebenen Verzückung, wenn sie in Ohnmacht fallen und medizinisch versorgt werden müssen. Die Lärmpegelzone ist jeweils über 100, auf dass selbst das Gehör Schaden nehme. Die Boygroup, welche die Stimmung anheizt, gibt den Tarif an: schrille Frisuren, dicke Kajalbalken unter den Augen, schwarzer Nagellack. Die musikalischen Qualitäten sind bescheiden, das Marketing ist alles, Pop-Kommerzkultur nach US-Muster.
 
Selbstverständlich nahm das Schweizer Fernsehen die Retortenband und das Geschrei in die abendfüllende Werbesendung „Benissmo“ auf, welche die Swisslos-Ziehung mit allerhand Spasskultur am Samstagabend zur besten Sendezeit zelebriert. Manchmal scheint das Programm selbst dem sympathischen, leicht gealterten Präsentator Bernhard Thurnheer peinlich zu sein: Blödissimo. Er tut mir Leid. Ein hoch intelligentes Kamel, das man auf die Bühne zerren wollte, weigerte sich, intellektuelle Überlegenheit demonstrierend.
 
Weil der Auftritt der Teenys und von 50 zugelassenen Schrei-Mädchen gar so wichtig war, wurde in der anschliessenden SF DRS-Tagesschau gleich nochmals darüber berichtet. Das Geschrei wiederholte sich. Sinn fürs Wesentliche müssen die Medienmacher haben. Alles in allem war die (bezahlte?) Reklame für die „Tokio Hotel“-Kinder und ihr Debütalbum „Schrei“ derart prägnant, dass alle Auftritte ausverkauft sein werden und das Schreien und Kollabieren weitergehen können. Rette sich, wer kann!
 
Inzwischen breiten sich in ganz Spanien von Barcelona bis Salamanca die Trinkgelage aus, Marcobetollón genannt; insgesamt waren bisher 20 Städte betroffen. Die Teilnehmer verfolgen nur einen Zweck: sich möglichst intensiv zu besaufen – gut für die Schnapsindustrie. Und eine Mischung aus Coca Cola und Wein („Calimocho“), wie sie die Amerikaner so sehr mögen, wird den Infantilen aus Trichtern über Schläuche in den Mund laufen gelassen.
 
Die gloriose Idee entstand bei einer Freiluftparty von Studenten in Sevilla, bei der sich 5000 Menschen masslos betrunken hatten. Und nun möchten die meisten spanischen Städte alles, was andernorts an Dekadenz im Umfeld von unerträglichem Uringestank und Erbrochenem zu sehen war, noch überbieten. Das sind die heutigen Frühlingsfeste.
 
Die Gesellschaft verblödet.
 
Das alles ist wirklich zum Kotzen. Wir Alten sind nur noch Zuschauer, nicht mehr Akteure. Und das Zuschauen verleidet uns auch. Mehr noch: Es wird unerträglich.
 
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