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BLOG vom 26.03.2006


Wynenfeld-Bilanz: Landschaft ist, was wir daraus machen
Autor: Heiner Keller
 
Am Samstag, 25. März 2005, wurde im Wynenfeld der 80. Geburtstag von Konrad Pfeiffer gefeiert, der in der Mitte der 1980er-Jahre die Initialzündung für die naturnahe Umgebung im Industriegebiet Wynenfeld gegeben hatte. Dieser festliche Anlass im Migros-Verteilzentrum in Suhr – am Ort des Geschehens – wurde mit der Vernissage des Buchs „Konsumwelt mit Naturanschluss“ (Untertitel: „Impulse gegeben und gehandelt: Konrad Pfeiffer“) aus dem Verlag Textatelier.com verbunden. Der Ökologe Heiner Keller, CH-5079 Oberzeihen, der mit seinem ANL-Büro (AG Natur und Landschaft in Aarau) für die Aussengestaltung verantwortlich zeichnete und damit eine vorbildliche Pionierleistung umsetzte, gab bei dieser Gelegenheit einen Einblick in die damalige Gestaltung, und er erzählte davon, was seither geschehen ist. Damit ergänzte Heiner Keller das  Zeitdokument in Buchform bis zur Gegenwart. Wir geben seine Ausführungen hier wieder, da sie von allgemeinem Interesse sind.
Das Blogatelier
 
Wynenfeld: Der Anfang
Am Anfang war die Idee. Die Idee, auf die Maisäcker des Wynenfelds ein Verteilzentrum der Migros Aargau/Solothurn zu bauen. 1981. Man kann sich jene Zeit im letzten Jahrtausend heute gar nicht mehr vorstellen. Das Waldsterben überrollte Europa. Und wir, die ANL, durften den „Bericht über Möglichkeiten einer naturnahen Umgebungsgestaltung“ erarbeiten. Schauen Sie sich jenen Bericht an: Titelbild mit Schreibschablone und Handskizze, Text mit elektrischer Schreibmaschine, Fotos von Hand eingeklebt. Wir waren damals ein sehr jung-modernes Ökobüro, denn noch lange nicht alle Schreiberlinge und Berater schrieben ihre Berichte elektrisch.
 
Die Umgebungsflächen im Wynenfeld (rund ums Einkaufs- und Verteilzentrum) sollten so schön, so natürlich und so günstig wie möglich sein. Etwas für die Natur tun. Nichts einfacher als das: Welche Natur gibt es im Umkreis von 10 Kilometern, und wo blühen Pflanzen ohne Pflege? Jedermann und jede Frau, die mit offenen Augen wandert, kann diese Frage selbst beantworten: An sonnigen Waldrändern und Wegböschungen, an trockenen Orten, in Kiesgruben, auf Felsen und teilweise in Wäldern wachsen rund 500 verschiedene Pflanzenarten in der Umgebung des Wynenfelds.
 
Für die Realisierung der naturnahen Umgebung mussten die entscheidenden Kriterien nur noch umgesetzt werden: Keine Nährstoffe, grosse Flächen, lange Zeiträume, dann macht die Natur den Rest fast allein. Die Migros AG/SO hat dank Konrad Pfeiffer, nach nur sehr kurzem Zögern wegen der immensen Menge an überschüssigem Humus, konsequent und mit vorbehaltlosem Vertrauen in die Richtigkeit die Behauptungen der jungen Biologen umgesetzt.
 
In einer mehrjährigen Bauzeit entstanden ein komplexes Gebäudesystem und eine Kieslandschaft. Beide füllten sich mit Leben, mit Kommen, Gehen und Verteilen, so wie es der Eisenplastiker Erwin Rehmann künstlerisch beim Empfangsgebäude dargestellt hat. Auch die Pflanzen und Tiere eroberten die neuen Flächen. In grossen Pflanztagen wurden 20 000 Sträucher und unzählige Wildblumen in Töpfen ausgepflanzt, nachdem schon während der Bauzeit regelmässig selber gesammelte Samen ausgestreut wurden. Und trotzdem: 1986, bei der Einweihung, präsentierte sich das Wynenfeld, gelinde ausgedrückt, eher karg. Viele meinten, die Gärtner wären noch nicht hier gewesen. Die Gärtner ihrerseits behaupteten: Hier, in dieser Kieswüste, wachse ohne Pflege ewig nichts.
 
Wynenfeld: Der Zweiklang
Marketingleute haben den Begriff des Zweiklangs im Wynenfeld erfunden: Tue Gutes und sprich davon. Und so durfte die aufkeimende Natur die volle Aufmerksamkeit der Direktion, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich an Pflanztagen abgemüht hatten, der Medien und der Forscher geniessen. In jener glücklichen Zeit des Feel Good und der Genossenschaft Migros AG/SO konnten wir mit Exkursionen, Flugblättern, Tonbildschau und Jahresberichten den meisten Pflanzen die notwendige Zeit verschaffen, die sie für ihre Entwicklung brauchten.
 
Die Befürchtung, hier wachse ewig nichts, wurde von der Natur einfach weggewischt. Manch ein Angestellter oder Besucher hat offen oder heimlich Samen und Pflanzen mitgenommen und in seinem Garten ausgebracht. Sogar Gemeinden und der Kanton Aargau haben aufgrund des konkreten Beispiels die Idee übernommen und weiterentwickelt. Nachbargrundstücke im Wynenfeld mussten bei der Überbauung ebenfalls mit kiesigen Oberflächen gestaltet werden.
 
Naturfreunde haben auch Pflanzensamen gebracht und selber ausgestreut. In der Regel sind solche Aktionen nicht von Erfolg gekrönt, weil die vielfältigen Lebensbeziehungen und Standortsbedingungen der Wildpflanzen zu wenig bekannt sind.
 
Auch wir durften von der Umgebung lernen. Zum Beispiel wie Pflanzen wandern. Viele haben sich nicht dort vermehrt, wo wir das geplant haben. Schon der Schatten eines Hauses hat einen grossen Einfluss. Ganz erstaunlich: 70 % der rund 400 verschiedenen Pflanzenarten wurden nicht von uns angesät oder eingepflanzt, sondern kamen von selbst. Unter den Pflanzen und den Tieren des Wynenfelds hatte und hat es verschiedene sehr seltene Arten.
 
Viel zu entscheiden gab immer die Pflege: Die Natur wird normalerweise als Pflegefall angesehen. Hier noch ein Schnitt mit der Rebschere, dort noch rasch mit dem Mäher … Die Geduld, das Warten, das Beobachten, das Tolerieren sind Eigenschaften, die in einer naturnahen Umgebung geübt werden müssen. Eingreifen müssen Sie nur dort, wo die Gebüsche den Betrieb überwuchern und stören, oder wo Sie eine Wiese erhalten möchten (z. B. die wunderschöne Wiese mit Aufrechter Trespe und Frühlingsschlüsselblumen beim Empfangsgebäude). Schaffen Sie wenn nötig Platz, und lassen Sie es nachher wieder wachsen.
 
Die günstigen Pflegekosten waren ein angenehmer Nebeneffekt der Anlage. Es hat mich immer erstaunt: Die Idee „naturnahe Umgebungen“ hat sich in der Migros nie durchgesetzt, obwohl die Unterhaltskosten (nach Zahlen der Migros) günstiger waren als bei vergleichbaren Verteilzentren. Wenn sich das Kostenargument nicht einmal bei der Migros durchsetzt, wo denn sonst? Offensichtlich spielen ganz andere Gründe eine Rolle, ob man für die Natur etwas machen will oder nicht.
 
Gegen die Zunahme der Autos war man machtlos. 1981 konnte man sich gar nicht vorstellen, wie rasch und radikal Veränderungen über das Wynenfeld hereinbrechen würden. Alles kann man schliesslich auch nicht wissen.
 
Wynenfeld: Der Dreiklang
Aus dem Zweiklang ist in diesem Jahrtausend ein Dreiklang geworden: Man muss sich ständig steigern. Die menschliche Gesellschaft ist nicht mehr die gleiche wie vor 10 Jahren. Sie hat das Wynenfeld verändert. Stichworte sind: McKinsey, Cumulus, Aldi.
 
Die Genossenschaft Migros AG/SO ist nicht mehr. Das Verteilzentrum AG/SO im Wynenfeld braucht es in dieser Funktion nicht mehr. Jede florierende Unternehmung muss so umgebaut werden, dass ... Ja, wie eigentlich? Umorganisieren, vereinfachen, vergrössern, verändern in einem Tempo, dass Kader und Belegschaft nicht mitgehen können. Heute arbeitet im Wynenfeld niemand mehr, der die Entstehung und das Werden der naturnahen Umgebung miterlebt und mitgeprägt hat.
 
Die Cumulus-Karte verhilft der Unternehmung zum gläsernen Konsumenten. Wenn alle Kunden noch einen persönlichen Erkennungscode, z. B. einen Chip hätten, könnten sie sich wahrscheinlich ihren Warenkorb automatisiert selber füllen. Wenn der Kunde ein Paket Haushaltpapier gekauft hat, rechnet das System die Wahrscheinlichkeit aus, wann dieser wo wieder Papier braucht – und nimmt die Bestellung vor. Nur noch EDV, nur noch automatisch, nur noch das Just in Time. Schauen Sie die Gebäude im Wynenfeld heute an! Sie sehen: Viel grösser. Was sie nicht sehen: Viel mehr EDV auf dem Dach – und innen kein 1986er-Stein mehr auf dem andern. Ich möchte allen einen Blick gönnen in diese Welt von heute. Fertig mit Arbeitsteams und Berufsstolz.
 
Das zum Volkssport mutierte Schreckgespenst „Geiz ist geil“ hat sowohl Migros als auch Coop umgekrempelt. Billig, billiger, am billigsten. Mit der grenzenlosen Mobilität, Verkehr und Autos soweit das Auge reicht, suchen sich Angestellte und Kunden über hunderte von Kilometern die Sonderaktionen aus. Man getraut sich manchmal gar nicht mehr zu kaufen, weil teure Produkte so billig sind: Probieren Sie einmal ein Huhn aufzuziehen und zu schlachten für 6 CHF das Kilo. Sie würden daran verhungern. Jemand muss unter solchen Preisen leiden. Schauen Sie sich z. B. das Wynencenter heute an: Haben Sie vor dem Eingang den 08/15-Rasen, die Rindenschnitzel, den Kirschlorbeer gesehen?
 
Wynenfeld: Fazit nach 25 Jahren
Das Wynenfeld, das Suhrental, der Aargau und die Gesellschaft haben eine dramatische Wandlung erfahren:
-- Nährstoffarme Flächen: Der zunehmende Verkehr liefert Nährstoffe (Stickoxide), Ozon und Feinstaub in Hülle und Fülle.
-- Grosse Flächen: Durch Überbauung verloren gegangene Flächen werden nicht neu an andern Orten wieder ersetzt. Vielmehr werden weitere Kiesflächen durch Rasen ersetzt.
-- Lange Zeiträume: Nur ein Teil der Natur kann die Geschwindigkeit der Veränderungen mitgehen. Die teuren Bäume haben in 20 Jahren erst einmal gelernt, ohne Pfahl zu stehen – soweit sie überhaupt noch stehen.
 
Bisher ist vieles der naturnahen Umgebung im Wynenfeld erhalten geblieben. Die Erfahrungen, die Konsequenzen der Entwicklung und die Folgerungen für weitere Umgebungen wurden bisher, trotz vieler vorhandener Unterlagen, nirgends dargestellt.
 
Die Landschaft ist die Oberfläche der Erde.
Das Wynenfeld ist das, was wir aus ihm machen.
 
Hinweis
Das sorgfältig editierte und typographisch gepflegt gestaltete, 128 Seiten umfassende, illustrierte Werk „Konsumwelt mit Naturanschluss“ ist im Buchhandel oder direkt beim Textatelier.com-Verlag erhältlich.
ISBN-Nummer: 3-9523015-3-1
 
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