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BLOG vom 13.04.2006


Sind die Indigenen intelligenter? Peru will entglobalisieren
Autor: Walter Hess
 
Vor lauter italienischer Berlusconi-Commedia ist in unseren Breitengraden eine Wahl beinahe übersehen worden: Die Präsidentenwahl in Peru. Nach Venezuela und Bolivien arbeitet sich dort am Westrand von Südamerika ein weiterer Globalisierungsgegner nach vorn. Sein Name ist Ollanta Humala, der knapp 30 % der bisher ausgezählten Stimmen erreichte, gefolgt von der Konservativen Lourdes Flores und dem Mitte-Links-Politiker Alan Garcia, der früher schon einmal Präsident war, mit je rund 25 % der Stimmen. Der definitive Wahlausgang wird erst in Wochen feststehen, wahrscheinlich Anfang Juni 2006.
 
Die Andenländer (Bolivien, Chile, Ecuador, Kolumbien und Peru und am Rande auch Venezuela) entwickeln sich zunehmend als Sorgenkinder des Globalisierungsgeschehens. Sie sind ein eigenständiger, aus dem ehemaligen Inka-Reich (nicht zu verwechseln mit dem Ikea-Reich) geprägter Kulturraum, der sich nicht gern auf die US-amerikanisch geprägte Kommerzkultur hinunterziehen lässt, die nur einer ohnehin bereits reichen Schicht zugute kommt. In Peru reissen die reichsten 10 % der Bevölkerung mehr als einen Drittel des nationalen Einkommens an sich, und auf die ärmste 10 %-Schicht entfällt weniger als 1 %. Wenn sich die Schere zwischen Armen (in den Andenstaaten ist es vor allem die indigene Bevölkerung) und Reichen immer weiter öffnet, bedeutet das im Klartext, dass sich die Reichen auf Kosten der Armen bereichern. Die meisten armen Familien sind in Peru sogar noch von der Trinkwasserversorgung ausgeschlossen. Das Wasser wird unter der GATS-Herrschaft (Handel mit Dienstleistungen) zunehmend zu einer globalisierten Ware, den Reichen vorbehalten. In der peruanischen Hauptstadt Lima zahlen arme Bewohner oft mehr als 3 USD pro Kubikmeter Wasser, falls ihnen das überhaupt möglich ist; Bewohner reicher Stadtviertel hingegen nur 30 Cent pro Kubikmeter für sauberes Trinkwasser. Das muss ins Dossier „Wirtschaftskriminalität“ abgelegt werden.
 
Mehr als die Hälfte der peruanischen Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze von umgerechnet 1 USD und weniger pro Tag. Wie soll sie da noch globalisierte Wasserkonzerne unterstützen? Man kann sich leicht vorstellen, dass dieser ausbeuterische Globalisierungstrend zu Unruhen bis zu Terrorismus führt. Dummerweise nehmen dies die Turbo-Globalisierer noch nicht zur Kenntnis, weil Geld- und Machtgier ihr Denken vernebelt.
 
Damit werden Unruhen und politische Umstürze geradezu programmiert, falls eine Demokratisierung dies zulässt. Mit anderen Worten, die neoliberale Globalisierung kann nur funktionieren, wenn die vielbeschworene demokratische Staatsform gleich wieder ausgehebelt oder ihre Folgen bekämpft werden – wie beispielsweise in Palästina, wo die demokratische Hamas-Wahl von der so genannten Wertegemeinschaft (den Ausdruck finde ich passend) nicht anerkannt und mit finanziellen Erstickungsmassnahmen geplagt wird – als ob man damit friedliche Zustände erreichen könnte.
 
Auch die Finanzmärkte reagieren auf globalisierungskritische Regimes mit Abstrafungen; in Peru haben die Kurse der Assetpreise (Vermögenswerte) bereits zu fallen begonnen – wegen sich „verschlechternder konjunktureller und fiskalpolitischer Rahmenbedingungen“, wie es in der Sprache der Finanzwelt heisst.
 
Der als Populist mit rechtsnationalistischen Ideen geltende Humala steht dem venezolanischen Staatsoberhaupt Hugo Chávez und Evo Morales in Bolivien nahe und plant, die Verträge transnationaler Minengesellschaften zu überprüfen und Privatisierungen rückgängig zu machen, aus Globalisierungssicht ein Schwerverbrechen. Humala erachtet die indianischen Ureinwohner der weissen Oberschicht als „rassisch überlegen“. Man muss da immer vorsichtig sein, dass man sich nicht im Rassismus verhaspelt. Doch glaube ich persönlich, dass Ethik und Moral bei naturverbundenen Menschen im Allgemeinen besser entwickelt sind als bei Geschäftemachern abendländischer Provenienz, die keine Skrupel kennen – wer will, kann das bis in die Zeiten der Kolonialisierung zurückverfolgen. Den Kommentar dazu möge sich jeder Nutzer selber machen. Der Härtetest: Bitte vergleichen Sie die Inka-Kultur mit der heutigen US-Kultur.
 
Unangepasste Politiker werden nach westlichem Strickmuster abgestraft. So vermeldete die FAZ am 12. April 2006: „Humala werden zudem schwere Menschenrechtsverbrechen während seiner Militärzeit im Kampf gegen maoistische Rebellen in den 90er-Jahren vorgeworfen, und im Jahr 2000 hatte er mit einer gescheiterten Militärrebellion für Schlagzeilen gesorgt.“ Das gehört zum Bild, und manches wird verständlich, wenn die Hintergründe aufgezeigt werden. Solche Bemerkungen würden auch zum Bild gehören, wenn man über westliche Globalisierer schreibt, die sogar mit Bombenabwürfen ihre Ziele verfolgen.
 
Ich kann nicht anders und habe aus einem ehrlichen Empfinden heraus Sympathie für Menschen, die für ihre Kultur einstehen und sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung durch westliche Konzerne und Machthaber auflehnen. Und so wünsche ich den Peruanern und auch den Bolivianern sowie allen anderen Andenbewohnern viel Erfolg, wenn sie sich gegen die Ausbeutungen, wozu auch die Bemühungen der USA um einen Freihandelsvertrag im Hinblick auf eine weitere Privatisierung natürlicher Ressourcen gehört, mit letzter Kraft zur Wehr setzen.
 
Vielleicht leben dort halt doch die intelligenteren Menschen.
 
Hinweise auf Blogs zum Thema Globalisierung
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06. 04. 2006: „CIA-Kriminalität wuchert unter dem Deckmantel der Willigen“
04. 04. 2006: „Unheil statt Heilung: Franzosen und Hausärzte auf den Barrikaden“
27. 03. 2006: „Vogelgrippe, SARS, BSE, AIDS: Der Virus-Wahn ist entlarvt“
24. 03. 2006: „Was soll man denn noch tun? Verwirrungen im Arbeitsleben“
20. 02. 2006: „US-Kriminelle, die Drohungen und Maulkörbe verteilen“
17. 02. 2006: „Die globale Förderung der ‚Träumer des Absoluten’“
10. 02. 2006: „Verletzte Gefühle: Karikaturisten entzünden ein Pulverfass“
28. 12. 2005: „Globalisierungsfolge: Gelenkte statt direkte Demokratie“
20. 12. 2005: „Der WTO-Minimal-Kompromiss: Bloss Brosamen für Arme“
02. 12. 2005: „Swisscom und Fusionswahn:’S’isch gnueg Heu dunne’“
05. 12. 2005. „CHance21: Intellektuelle Kämpfer gegen die Einheitswelt“
16. 11. 2005: „Kapitalismus, Neoliberalismus und Neokonservativismus“
09. 11. 2005: „Globalisierungsaussicht: Brennt es nach Paris bald überall?“
07. 11. 2005: „Die Integration ist gescheitert: Elendsleben in Gettos“
28. 10. 2005: „Apartheid-Aufarbeitung: Wo Rassismus sein darf und wo nicht“
10. 10. 2005: „Bananenrepubliken, Gen-Diktaturen und WTO-Sklaven“
04. 10. 2004: „Die entfesselte Welt: Ordnungsrahmen fehlen überall“
01. 10. 2005: „’Crash. Boom. Bang’: Kein Mittel gegen Hollywood-Schund“
26. 09. 2005: „D und CH: Wahlen, Abstimmungen und Kosmopolitismus“
22. 09. 2005: „Röpke: Das masslos überdehnte ‚Mass des Menschlichen’“
12. 09. 2005: „Belebende Töne in Dur: Regionalorganisation dreiklang.ch“
11. 09. 2005: „Reflexionen über religiöse Dimensionen der US-Kriegswut“
09. 09. 2005: „Henry David Thoreau und die Pflicht zur Ungehorsamkeit“
07. 09. 2005: „Die USA schreiben verschlungene Schützenpanzerwege vor“
06. 09. 2005: „Die tödliche Gefahr der zentralistischen Globalisierung“
04. 09. 2005: „Das Sprachkopieren als geistige Unterwerfung unter die USA"
03. 09. 2005: „New Orleans: Katastrophenbewältigung mit Schiessprügeln“
20. 08. 2005: „Alle Achtung beiseite – bei den fetten Manager-Katzen“
15. 08. 2005: „US-Kriege der Zukunft: Täuschen, tarnen, effizient töten“
13. 08. 2005: „Die Glokalisierung als Reaktion auf die Globalisierung“
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25. 07. 2005: „,Shoot to kill' - oder: Auf dem langen Weg zur Einsicht“
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