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BLOG vom 24.04.2006


Wie Abfederer vom SGB den Bauernstand vernichten wollen
Autor: Walter Hess
 
Letzte Woche kaufte ich bei der Biobauern-Familie Voegeli im Bohnacher in CH-5105 Auenstein AG eine Papiertasche voll Kartoffeln aus deren gesunden Böden. Aus dem Hause duftete es nach frisch gebackenem Brot aus dem Holzofen. Wenige Tage vorher hatte Urs Voegeli die Erbsensamen in den Boden gebracht, und ein starker, anhaltender Regen drohte das Saatgut auszuschwemmen. Aber es ging gerade noch einmal gut.
 
Meine Eindrücke auf diesem einfachen Hof im oberen Dorfteil, auf dem auch die Eltern der heute aktiven Bauersleute noch mithelfen, wo immer es nur geht, riefen bei mir das Bewusstsein wach, wie wenig der Mensch eigentlich für seine Versorgung braucht, wenn er einfach seine Grundbedürfnisse stillen will. Ein paar Quadratmeter gutes, fruchtbares Land, pflanzenbauliches Wissen und die Bereitschaft, etwas Arbeit zu leisten, genügen. Nicht jeder hat genügend Land zur Verfügung, und für sie alle sind die Bauern da. Sie haben Erfahrung, machen es gut, zeigen sich beweglich, ja phantasievoll. Die Schweizer Bauern trainieren gerade, ohne die Milchkontingentierung zu überleben.
 
Der Plan Wahlen
Um die Jahreswende 2005/06 führte ich zur Vorbereitung unseres Verlagswerks „Konsumwelt mit Naturanschluss“ in Suhr ein Gespräch mit dem 80-jährigen ehemaligen, naturverbundenen Direktor der Migros-Genossenschaft Aarau-Solothurn, Konrad Pfeiffer. Er erzählte mir, wie in den Kriegsjahren 1939/45 der Kartoffelverzehr in der Schweiz stark zugenommen hatte. Aber die Einfuhr von dieser damaligen Ernährungsgrundlage und auch von Getreide und Gemüse waren stark erschwert. Die so genannte „Anbauschlacht“ im 2. Weltkrieg („Plan Wahlen“, benannt nach dem damaligen weitsichtigen Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen) war eine Überlebensstrategie. Konrad Pfeiffer war ein Schüler von Wahlen, der an der ETH Zürich gelehrt hatte.
 
In den Kriegsjahren wurde versucht, die Anbaufläche überall zu vergrössern, damit es für die vom Hitler-Reich eingekreisten Schweizer genug zu essen gab. Dabei wurden auch Naturwerte geopfert, aber Bundesrat Wahlen wollte anschliessend, nach Kriegsende, der Natur wieder zu ihrem Recht verhelfen. Selbstverständlich kam es nicht mehr dazu; denn das Szepter wurde von weniger einsichtigen, weniger naturverbundenen Menschen übernommen.
 
Weg mit der Eigenständigkeit!
Ich zeichne dies hier nicht allein unter dem Eindruck meiner Kartoffel-Erlebnisse auf, sondern vor allem deshalb, weil ich aus den Kreisen der Blogatelier-Nutzer die Vernehmlassung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) zur Agrarpolitik 2011 vom 17. Januar 2006 zugespielt erhielt, die mir zuerst als makabrer Witz erschienen ist. Denn darin schreiben die Gewerkschaftsführer Paul Rechsteiner (SBG-Präsident) und Serge Gaillard, Leiter des SGB-Zentralsekretariats allen Ernstes:
 
„Einem hohen Selbstversorgungsgrad messen wir angesichts der hohen wirtschaftlichen Integration der Schweiz in die europäische Wirtschaft keine grosse Bedeutung mehr zu. Ebenso scheint der Landwirtschaftspolitik im Zusammenhang mit der Erhaltung der dezentralen Besiedlung gemäss neuesten Studien keine grosse Bedeutung zuzukommen."
 
Mit anderen Worten: Wir müssen doch unsere Lebensmittel nicht mehr selber produzieren, sondern können sie ebenso gut irgendwo in Europa zusammenkaufen. Nationale Interessen und Eigenständigkeit haben sowieso ausgedient. Wir integrieren uns munter weiter ins globale Dorf. Und dort ist für alle gesorgt. Habt nur Vertrauen!
 
Bemerkenswert an dieser von Naivität geprägten Gewerkschaftspolitik ist, dass nicht allein die Bauern als überflüssig betrachtet werden, sondern auch die Arbeiterschaft, wie die SGB-Politik lehrt. Denn angesichts der hohen wirtschaftlichen Integration der Schweiz kommt doch auch den wirtschaftlichen Produktionsstätten in unserem Land keine Bedeutung mehr zu ... Man globalisiere, was zu globalisieren ist! Was wir brauchen, können wir doch ebenso gut und wahrscheinlich sogar billiger im Ausland kaufen. Landwirtschaft und Wirtschaft stehen uns nur im Wege! Kunststoffsilagen und Fabriken verschandeln die Landschaft. Folglich marschiert der SGB zusammen mit der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP) an der Front der EU-Befürworter und der Turbo-Globalisierer in Richtung Globaldorf, noch vor den international tätigen Unternehmern. Aber für eines ist die Arbeiterschaft noch gut: Sie hat ihre Verführer noch mit Gewerkschafts- und Parteibeiträgen zu finanzieren.
 
Von jenen Arbeiterführern wird mit haarsträubenden Argumenten operiert, etwa diesem: Das Bauernsterben habe mit der Flucht vom Land in die Städte überhaupt nichts zu tun. Diese wirklich intelligente Idee geht weit über das logische Denken und das hinaus, was man täglich in der Landschaft beobachten kann. Im eindrücklich illustrierten Wegwarte-Buch „Garten Schweiz“, für das ich den Begleittext schreiben durfte, kam ich zu ganz anderen Schlüssen:
 
„Die Landwirtschaft als Grundlage der Selbstversorgung wird nicht mehr als Lebensversicherung empfunden, im Gegenteil: Das Bauernsterben wird aktiv gefördert. Den schollenverbundenen kleinen und mittleren Bauern, die nicht mehr zur (land-)wirtschaftlichen Wachstumsphilosophie nach GATT-(WTO-) und Globalisierungsmassstäben passen, wird das Aussteigen nahe gelegt und erleichtert. Betroffen sind ausgerechnet jene, die eine kleinräumige, naturnahe und -schonende Wirtschaftsweise gepflegt haben. Im 20. Jahrhundert sind etwa 4 von 5 Schweizer Bauern mit ihren Familien von ihren Höfen vertrieben worden, und der Prozess dauert fort. Ein soziales und ökologisches Drama.“
 
Die ehemaligen Landwirtschaftsböden werden zum Beispiel für Genforschungsbetriebe frei (siehe Galmiz und der Amgen-Neubauplan), wie es CVP-Bundesrat Joseph Deiss wollte; zum Glück wichen die Gen-Manipulatoren ins weit entfernte Irland aus. Am Schluss werden wir Futter nach Monsantos Gnaden zu fressen haben – wer über die Ernährung (und das Wasser) bestimmt, hat die Macht.
 
Bauern schaden der Arbeiterschaft
Die Gewerkschafter erachten die Landwirtschaft nicht allein als überflüssig, sondern sie erkennen darin geradezu eine Bedrohung. Aus ihrer Vernehmlassung: „Die heutige Landwirtschaftspolitik erzeugt viele Nebenwirkungen, die für die Lohnabhängigen und die Wirtschaft äusserst negativ zu bewerten sind. So ist die Landwirtschaftspolitik eine der wesentlichen Ursachen für die Hochpreisinsel Schweiz. Zudem erschwert die schweizerische Landwirtschaftspolitik handelspolitische Verhandlungen und damit den Zugang der schweizerischen Wirtschaft zu den für ein kleines Land wichtigen ausländischen Märkten.“
 
Problemlos könnte man diese wirre, monokausale Argumentation auch auf die Industrieunternehmen ausdehnen: Sie erzeugen viele Nebenwirkungen, verschandeln die Landschaft der Hochpreis- und Hochlohninsel Schweiz. Und sie machen den Zugang zu weltweiten Märkten überflüssig. Also weg damit ...
 
Und dann wird in der SGB-Vernehmlassung voll auf die neoliberale Globalisierung gesetzt, diese wahrhaftig segensreiche weltweite Vereinheitlichung unter der US-Fuchtel, die vor allem die ärmeren Schichten betrifft und noch ärmer macht:
 
„Die nationale Abschottung der Landwirtschaft ist eine der Hauptursachen für die hohen Preise in der Schweiz. Die hohen Lebensmittelpreise wirken wie eine indirekte Steuer und belasten Haushalte mit tiefem Einkommen und Familien besonders, da dort der Ausgabenanteil für Lebensmittel überproportional hoch ist.
 
Die Landwirtschaft ist einer der wesentlichen Gründe für das hohe Preisniveau. Der Anteil von Nahrung beträgt 11,4 % am schweizerischen Warenkorb. Die Preise für Lebensmittel liegen aber rund 40 % über jenen der EU, weshalb alleine schon 4 % des insgesamt höheren Preisniveaus durch die Landwirtschaftspolitik erklärt werden kann. Die der eigentlichen Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Branchen sind zwar mitverantwortlich für die hohen Preise der Lebensmittel im Detailhandel. Die hohen Preise der Verarbeitungsindustrie und des Detailhandels für die Verarbeitung und den Vertrieb der Lebensmittel hängen aber ebenfalls eng mit der Landwirtschaftspolitik zusammen: Sie verhindert eine internationale Arbeitsteilung und Organisation dieser Wirtschaftsbereiche. Wir sind deshalb nicht einverstanden mit der in der Agrarpolitik 2011 geäusserten Meinung, dass die Landwirtschaft nur wenig zur ‚Hochpreisinsel Schweiz’ beitrage.
 
Die erwähnten Wirkungen auf die Organisation der Verarbeitungsindustrie und des Detailhandels sowie die hohen Preise sind im Wesentlichen auf den übertriebenen Grenzschutz zurückzuführen. Dieser schadet nicht nur den schweizerischen Konsumentinnen und Konsumenten, sondern auch der gesamten Wirtschaft (insbesondere dem Gastgewerbe und der Hotellerie) und, indem die Aussenhandelspolitik behindert wird, auch der gesamten Wirtschaft. Der SGB ist deshalb der Meinung, dass mittel- und längerfristig ein Freihandelsabkommen mit der EU für alle landwirtschaftlichen Produkte unausweichlich ist.
 
Grundsätzlich vertritt der SGB (die Auffassung), dass die Landwirtschaftspolitik das Ziel verfolgen sollte, die Preise der Lebensmittel in absehbarer Zeit auf deutsches Niveau zu senken. Dies kann nur über einen Abbau des Grenzschutzes erfolgen. Als Kompensation müssten unter Umständen höhere Direktzahlungen ins Auge gefasst werden.“
 
Soweit der kuriose Bericht aus der Gewerkschaftszentrale in Bern, dessen Gehalt sich doch ganz in der Nähe dessen befindet, was in Bezug auf die Arbeiterschaft befürwortet wird: „Die vom SGB an eine moderne schweizerische Landwirtschaftspolitik gestellten Forderungen sind nicht ohne einen massiven Strukturwandel in diesem Wirtschaftssektor zu erfüllen. Er ist sich bewusst, dass dieser Strukturwandel, der in Ansätzen ja bereits begonnen hat, der sozialen Abfederung für die in der Landwirtschaft Beschäftigten bedarf. Der SGB denkt dabei unter anderem an Beihilfen zum Strukturwandel und zur Ausbildung sowie an soziale Frühpensionierungsmodelle, sofern sie auch für andere Bevölkerungsteile gelten.“
 
Noch einmal mit anderen, meinen eigenen interpretierenden Worten: Reisst bestehende Strukturen ein, speist die überflüssig gewordenen Menschen mit Frühpensionierungen ab, unterstützt die Ausrangierten mit Geldern zum Beispiel aus der Invalidenversicherung und sucht Zuflucht bei den Geistesgrössen in den Gewerkschaftszentralen, diesen Abfederungsspezialisten. Sie verteilen dann Streikuniformen.
 
Mich nimmt wunder, wo die Federn sind, die all dies aushalten.
 
Hinweis auf die erwähnten Bücher
Ammann, Gerhard, et. al. : „Konsumwelt mit Naturanschluss“, Verlag Textatelier.com GmbH, CH-5023 Biberstein. ISBN 3-9523015-3-1.
Hess, Walter: „Garten Schweiz“, mit Fotos von Marcus Gyger, Fernand Rausser, Heini Stucki, Peter Studer und Kurt Wyss, Verlag Wegwarte, CH-3056 Bolligen. ISBN 3-9522973-0-5.
 
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