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BLOG vom 15.04.2006


Osterbräuche: Weshalb der Hase das Rennen gemacht hat
Autor: Heinz Scholz
 
An Ostern war früher immer ein lustiges Ostereiersuchen angesagt. Dies war auch dann so bei unseren Kindern und Enkelkindern. Ich erlaubte mir einmal einen besonderen Scherz mit unserer damals vielleicht 4-jährigen Tochter: Immer, wenn sie den Eierkorb mit den gefundenen Eiern und Schokoladenosterhasen fast gefüllt hatte und sie verzweifelt weitersuchte, versteckte ich hinter ihrem Rücken einige Eier aus dem Korb wieder im Garten. Sie war dann immer hocherfreut, doch noch fündig zu werden. Später hat sie wohl meinen Trick durchschaut und nur gegrinst, wenn ich als Verstecker fungierte.
 
Eier waren übrigens im Mittelalter ein beliebtes Tauschobjekt. Bauern bezahlten damit ihren Pachtzins. Das Ei war nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch ein Symbol des Lebens, der Reinheit, der Fruchtbarkeit oder war eine Liebesgabe.
 
Der Eier legende Hase
Den kleinen Kindern wird immer wieder zu Ostern ein gewaltiger Bär (Hase) aufgebunden, indem behauptet wird, der Osterhase bringt die Eier. Auch ich wurde im zarten jugendlichen Alter mit solchen Märchen konfrontiert. Später erfuhr ich die ganze Wahrheit. Auch stellte ich mir die Frage, woher denn dieser Brauch komme.
 
Der Osterhase soll bereits im 16. Jahrhundert in einigen Ländern die Eier gebracht haben. In Sachsen, Schleswig-Holstein, Oberbayern und Österreich war es der Hahn, in der Schweiz der Kuckuck, im Elsass der Storch und in Hessen der Fuchs, der den Kindern die Eier brachte. Der als besonders fruchtbar geltende Hase machte letztlich das Rennen um die Gunst des „Oster-Tiers“.
 
Sabine Janson, Redaktionsmitglied der „Schwetzinger-Zeitung“, beendete ihren Artikel mit dem Titel „Vom liebestollen Hasen zur Symbolfigur“ wie folgt: „Wer das Glück hat, bei einem Spaziergang einen Feldhasen zu sehen, sollte ihn daher friedlich weiterhoppeln lassen – nicht etwa, weil Meister Lampe seine Kraft zum Ausliefern von Ostereiern benötigt, sondern vielmehr, weil er vielleicht gerade einer schönen Hasendame den Hof macht und in seinem Liebestaumel nicht gestört werden möchte.“
 
Eierläufe
In vielen Orten des schwäbisch-alemannischen Sprachraums, insbesondere in der Nordwest-Schweiz und auf dem Dinkelberg (am Eichener See und in Hasel), aber auch in der Eifel und in Reimlingen (Bayern), wird jedes Jahr an Ostermontag das Eierspringen bzw. der Eierlauf durchgeführt. In Schönecken (Eifel) hat dieser Brauch eine 300-jährige Tradition. Hier kurz der Brauch: Unter Aufsicht von Hauptmann und Brudermeister in historischer Kleidung werden 104 rohe Eier in Sägemehl eingebettet und im Rinnstein ausgelegt. Der so genannte Raffer wird nun versuchen, so viel Eier wie möglich aufzusammeln und in einen Korb zu legen. Während dieser Zeit muss sein Mitstreiter, ein Läufer, zu einem nahe gelegenen Ort hin und zurück laufen (Wegstrecke 2 × 3,8 km). Sieger ist, wer als erster seine Aufgabe erfüllt hat.
 
Der Karsauer Eierlauf hat mit dem ursprünglichen Frühlingsbrauch wenig zu tun. Er hat wohl seinen Ursprung in der Vorkriegszeit des 1. Weltkriegs. Damals wettete ein berittener Gast, er würde mit seinem Pferd die 10 km lange Strecke von Karsau nach Eichsel und zurück schneller bewältigen als ein Sammler, der auf einer Strecke von 100 m 100 Stück Eier aufzulesen vermag. Das Eieraufsammeln wurde jedoch erschwert: Zunächst musste der Einsammler das am weitesten entfernte Ei aufnehmen und zurück an den Ausgangspunkt bringen und dort ablegen. Es kamen für den Sammler, der sicherlich ausser Puste geriet, die beachtliche Wegstrecke von 10 100 Meter zusammen. Der Sieger war wohl immer der Reiter, der dann die Siegprämie in Bier erhielt. In der modernen Version, wie J. Räuber aus Karsau berichtet, treten 2 Mannschaften gegeneinander an. Mitglieder sind Läufer, Fänger, schwarze Männer (die Kaminfeger) und ein Schiedsrichter. Es gewinnt die Mannschaft, die die meisten Eier heil ins Ziel gebracht hat. In geselliger Runde wird am Schluss das „Eierbier“ getrunken. Nähere Infos dazu sind unter www.schwarzwaldverein-karsau.de (Stichwort „Karsauer Eierlauf“) zu finden.
 
In Ketsch bei Heidelberg soll ein alter Osterbrauch, das „Eierschucken“, wiederbelebt werden. Kinder müssen die gefärbten hartgekochten Eier senkrecht nach oben werfen (je höher, desto besser!). Dazu die „Schwetzinger Zeitung“ vom 10. April 2006: „Mit Schucken bezeichnet man eine senkrechte Armbewegung von unten nach oben, im Gegensatz zum Werfen, bei dem der Arm kräftig von hinten ausholt. Jedes Ei wird so lange ‚geschuckt’, bis es zu Bruch geht. Jene Eier, die nicht so schnell entzwei gehen, werden ‚Bummerlin’ genannt.“
 
Mit Geschrei auf Eierjagd
Emil Baschnonga, unser Blogger und Aphoristiker aus London, informierte mich über seine Erlebnisse zu Ostern:
 
„Osterbräuche von der Schweiz aufwärts bis nach England gleichen einander wie ein Ei dem anderen. Die Supermärkte sind jetzt vollgestopft mit überverpackten Eiern und Hasen aus Schokolade. Damit wird vertuscht, wie wenig Schokolade zum Vorschein kommt, nachdem der Inhalt endlich aus der Verpackung geschält ist. Ich selbst achte diesbezüglich sehr auf transparente Packung, um nicht auf den Trug hereinzufallen.
 
Ich versteckte viele kleine Schokolade-Eier überall im Garten. Mit viel Geschrei machten sich meine Söhne auf noch wackeligen Beinen auf die Jagd. Von selbst fanden sie nur wenige, und ich musste ihnen mit ‚heiss’ oder ‚kalt’ auf die Spur helfen.
 
Auch färbten wir normale Hühnereier. Eines davon hatte einer meiner Söhne mit einem drolligen Gesicht bemalt. Es stand für Jahre zur Erinnerung an seine künstlerische Leistung auf dem Fenstersims in der Küche.
 
Mehr kann ich zu Ostern nicht sagen, ausser vielleicht, dass ich dieses Jahr versucht bin, meine beiden fest im Berufsleben stehenden Söhne zur Eierjagd im Garten aufzuwiegeln. Ob sie mithalten werden, weiss ich nicht. Wenn nicht, muss ich sie selbst wieder erjagen. Bis dann habe ich wohl vergessen, wo ich sie versteckt habe.“
 
Von Eiern und Feldhasen
Walter Hess, Blogger und Leiter des Verlags Textatelier.com, Biberstein, schrieb mir:
 
„Unsere Osterbräuche im Elternhaus beschränkten sich aufs Verstecken von gefärbten Eiern und Schoggihasen. Manchmal hatten die Eierschalen einen Riss, und dann war das Eiweiss stellenweise auch noch gefärbt. Zum Glück verwendeten meine Eltern keine gekauften Farben, sondern eher Zwiebelschalen, eine Brühe aus Kaffeesatz, färbende Hölzchen und dergleichen und banden Schlüsselblumen und Kleeblätter drum herum. Die schön gefärbten Eier behielt man zu lange, bis sie nicht mehr frisch waren, so dass ich allmählich zur Auffassung kam, dass man Eier eigentlich gar nicht färben müsste. Ihre Form – jedes Ei ist ein Individuum –,die jeder mathematischen Formel Widerstand leistet, ist schön genug, und auch die Farbe variiert leicht von weiss, beige bis braun. Seither haben wir das ganze Jahr Ostern, wenn es ein Frühstücksei gibt. Meines Erachtens ist es ohnehin schwierig, die Natur noch zu verbessern. Aber ich hatte schon immer etwas kuriose, unangepasste Ideen.
 
Zudem hätte ich lieber eine grosse Wertschätzung für lebendige Feldhasen, die von Jägern noch heute gelegentlich abgeschossen werden, falls es sie in der ausgeräumten Landschaft überhaupt noch gibt, als für die lange im Voraus fabrizierten Schokoladentiere. Sie türmen sich in Einkaufszentren zu Bergen auf und vermitteln den Eindruck, es bestehe überhaupt kein Hasenmangel. Etwas Schokolade habe ich allerdings gern, aber sie kann ruhig auch rechteckig daherkommen. Als Kind war ich immer enttäuscht, dass die Schoggihasen inwendig hohl waren. Zur Feier der Ostertage hätte ich da schon eine süsse Füllung erwartet.“
 
Das Zürcher Zwänzgerle
Die Zürcher Bloggerin Rita Lorenzetti machte mich auf einen alten Osterbrauch in Zürich aufmerksam. Der Brauch wird „Zwänzgerle" genannt: Am Ostermontag findet ab 10 Uhr auf dem Rüdenplatz am Limmatquai das nachösterliche Eiertütschen statt. Dabei wechseln Hunderte von Eiern die Hand beziehungsweise die Kinderhändchen, um zum „Zwänzgerle" hingestreckt zu werden. Dabei wird wie folgt verfahren: Die Kinder strecken die Ostereier den Erwachsenen hin, die einen Zwanziger auf das Ei werfen. Bleibt die Münze im Ei stecken, gehört Ei und Münze dem Werfer. Fliegt der Zwanziger daneben, gehört Ei und Geld dem Kind. Ich bin überzeugt, dass hier die Kinder immer als Sieger hervorgehen.
 
Wer hat die Hosen an?
Graf Froben Christoph von Zimmern (1519–1566), der die „Zimmersche Chronik“ verfasste, erwähnte eine amüsante Ostergeschichte, die sich wie folgt ereignete: „Adrian Dornvogel, ehemals Geistlicher zu Messkirch, forderte einst zu Ostern von der Kanzel die Männer, die daheim Meister sind, auf, das ‚Christ ist erstanden’ mit lauter Stimme zu singen. Kein Ton konnte er den schüchternen Männern entlocken. Als der Pfarrer die Frauen aufforderte, ‚erklingt die Kirche laut von ihrem Gesange’."
 
Die Moral von der Geschichte: Viele Frauen hatten damals schon die Hosen an.
 
Früher hatte die Osterpredigt nach der besinnlichen Karwoche das Ziel, die Zuhörer zum Lachen zu bringen („risus paschalis“). Soweit ich mich erinnern kann, mussten wir am Ostersonntag immer in die Kirche gehen, und ich habe nie eine fröhliche Predigt erlebt.
 
Die Pfarrer waren mit viel Ernst bei der Sache. Wir Buben schmunzelten nur, wenn sich der Pfarrer seltsam benahm (so liess sich ein Pfarrer mehrmals den Messwein nachschenken, dann begann er zu schwanken) oder wir Witze erzählten.
 
Und nun noch etwas über den Volks- und Aberglauben rund um die Osterzeit:
 
Die Zähmung eines bösen Ehemanns
Wer am Gründonnerstag Spinat, Salat oder anderes „Grünzeug“ ass, dem ging das ganze Jahr das Geld nicht aus.
 
In bestimmten Gegenden gab es eine Kräutersuppe aus 9 verschiedenen Kräutern. Wer den Gründonnerstag besonders innig als Festtag beging, der war für ein ganzes Jahr vor Zahnweh und Fieber befreit.
 
Abergläubische Menschen tranken an Karfreitag nichts. Wer sich nicht zurückhalten konnte und trank, der war das ganze Jahr durstig.
 
Einen bösen Ehemann konnte man nur zähmen, wenn die Ehefrau ihm eine Suppe aus Karfreitagsregen kochte. Wenn es nicht regnete, hatte die Ehefrau wohl ein ganzes Jahr weiter zu leiden.
 
Ein weiteres Patentrezept aus dem Volksglauben: Wer am Gründonnerstag Kümmelplätzchen isst, der hat das ganze Jahr mit Flöhen nichts am Hut.
 
Wer das „Osterwasser“ in der Nacht auf den Ostersonntag zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang aus einem Bach schöpft und schweigend nach Hause trägt, der wird das ganze Jahr vor Unglücken und Krankheiten wie Augenleiden und Ausschlag geschützt. Kinder, die das Osterwasser trinken, werden besonders intelligent.
*
Nun werde ich mich mit Freude am Ostereier-Suchen mit meinem Enkel beteiligen. Ich werde versuchen, ihm denselben Streich zu spielen wie ihn meine Tochter erfahren hatte. Ob er den Trick mit den erneut versteckten Eiern bemerkt?
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Jahres-Brauchtum
 
Die Hasen hoppeln auch im Netz
Infos über Osterbräuche, Basteltipps, Kochrezepte:
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