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BLOG vom 14.04.2006


Darum haben die Rebellen im Tschad meine Sympathien
Autor: Walter Hess
 
Wenn ich im Tschad, einem der ärmsten Länder dieser Erde und Opfer der Sklaverei, geboren worden wäre und leben würde, stünde ich heute eindeutig auf der Seite der Rebellenbewegung FUC (Einheitsfront für den demokratischen Wandel) aus dem Grenzgebiet zum Sudan bei Darfur, die das korrupte, mit der Weltbank, den USA und Frankreich verbandelte Regime von Idriss Déby von der politischen Fläche fegen möchten, damit es am 3. Mai 2006 nicht wiedergewählt wird. Déby ist seit seinem Staatsstreich im Dezember 1990 an der Macht; der französische Geheimdienst hatte ihm das Terrain vorbereitet. Er wird auch von den USA kräftig unterstützt. Frankreich hat dort als ehemalige Kolonialmacht strategische Interessen: Ein Stützpunkt mitten in Afrika. Die Zeit der Kolonisation ist faktisch schon noch nicht ganz beendet. Uno-Generalsekretär Kofi Annan verurteilte den Versuch der Rebellen, die Macht an sich zu reissen. Sie griffen am Donnerstag, 13. April 2006, die Hauptstadt an.
 
Die Ursache der Wirren und Verirrungen ist im Tschad das Erdöl, das unter der Obhut des US-Ölgiganten Exxon-Mobil (Esso, Sitz in Houston, Texas) seit 2003 im Süden des Landes bei Miandoum, Bologo und Koauch auch von Petronas (Malaysia) und Chevron Texaco (USA) ausgebeutet wird. Von dessen finanziellem Milliarden-Segen spürt die Bevölkerung ausser den gravierenden Umweltzerstörungen selbstverständlich nichts. Es gibt im Tschad etwa 300 Bohrstellen und keine Umweltverträglichkeitsprüfungen, und das Ölfieber dauert an. Flora, Fauna, Wasser und Felder wurden vergiftet, zerstört, wo die Öltrupps wüteten. Genau aus jener Region im Südteil des Landes bezieht der Tschad die meisten Lebensmittel. Dort wachsen zum Beispiel Mangobäume, Kaffee und Kakao. Eine 1070 km lange Pipeline führt von dort aus durch den Regenwald von Kamerun zum Atlantik-Hafen Kribi. Als die unterirdisch verlegte Leitung am 10. Oktober 2003 eingeweiht wurde, waren 600 Gäste geladen. Und Menschenrechtsorganisationen riefen zu einem Tag der Trauer auf, aus guten Gründen.
 
Vordergründig wollte die amerikanisch beherrschte Weltbank (ausgerechnet mit Hilfe eines korrupten Regimes) dafür sorgen, dass auch die Bevölkerung etwas von den Petrodollars erhält, was nicht stattfand. Auch der neue Weltbank-Boss Paul Wolfowitz setzt sich vor allem für die strategischen und wirtschaftlichen Interessen der US-Imperialisten in der Erdöl-Region ein. Die Armutsbekämpfungsprojekte machen gerade Dauer-Ferien. Aber auch die Zahlungen an Déby sind angeblich eingefroren.
 
Die französische elektronische Zeitung „Réseau Voltaire“ www.voltairenet.org/fr berichtete am 19. September 2003, Ngarleji Yorongar, einer der angesehenen Oppositionsführer des Tschad, habe bei der Weltbank interveniert; die Weltbank ist eines der wesentlichen Globalisierungsinstrumente der Amerikaner. Es gelang ihm, sie zu bewegen, eine Kommission an Ort und Stelle zu schicken, um sich von den Nachteilen des Pipeline-Baus für Umwelt und Menschen zu überzeugen. Die Weltbank kam seiner Bitte nach. Ein Panel der Weltbank besuchte tatsächlich einige betroffene Dörfer im Tschad. Doch am Flughafen zog der Präsident des Weltbank-Panels Yorongar auf die Seite und schlug ihm vor, seine Wahlkampagne zu finanzieren, wenn er aufhören würde, die Tätigkeit des Ölkonsortiums zu verhindern (Quelle: Vladislav Marjanovic: „Tschads Erdölrutsch“, Page Économique, 23. Februar 2005).
 
Die USA bilden im Tschad, einem Binnenland als Vielvölkerstaat mit künstlichen Grenzen, das über dreimal so gross wie Deutschland ist, Truppen für den Kampf gegen Terroristen aus, was sich ja gut trifft, weil diese Präsenz auch den US-Konsortien, die das Erdöl aus dem Boden holen, den nötigen Schutz gewährleistet. Und Frankreich seinerseits hat eine militärische Basis in der Hauptstadt N’Djamena (Ndjamena, früher: Fort Lamy) und unterstützt Déby nach wie vor offen. Frankreich hat seine Söldnerpräsenz im Tschad von Gabun aus soeben verstärkt; etwa 1350 Krieger sollen es sein. So ist Déby also recht gut geschützt. Die Opposition ist zerstritten – und da bleiben nur noch die Rebellen. Doch die Regierung hat einen Teil der Ölgelder wohl zur Selbstverteidigung in die Rüstung gesteckt. Die Rebellen seien von seiner Armee vollständig aufgerieben worden, verkündete Déby, der offenbar einem Wunschdenken erlag. Vor dem Parlamentsgebäude wurden Leichen von getöteten Rebellen zur Schau gestellt, um Débys Triumph zu feiern. Massaker und Hinrichtungen gehören bei diesem Freund des Westens ohnehin zur Tagesordnung. Der FUC-Sprecher Abdel Maname Mahamat Khattat warf Frankreich vor, Rebellenstellungen bomardiert zu haben; Frankreich dementierte.
 
Die zentralafrikanische Republik Tschad ist ein wunderschönes Globalisierungsbeispiel – Neoliberalismus in Reinkultur. Die Rebellen werden mit vereinten Kräften niedergeschlagen. Auch das gehört dazu. Und die guten Westmächte unterstützen noch immer jene Gewaltherrscher, welche ihnen zu Diensten sind. Diesbezüglich haben sie Stil. Um die mit Füssen und Gewehren getretene Bevölkerung kümmern sie sich nicht. Sie tut nichts zur Sache.
 
Und die Rebellen sind ohnehin alle kriminell. Das war schon bei Nelson Mandela in Südafrika der Fall.
 
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