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BLOG vom 19.04.2006


US-Medien und Pulitzer: Ausgezeichnet sind sie nicht mehr
Autor: Walter Hess
 
Die Jury, welche die seit 1917 alljährlich verliehenen Pulitzer-Preise für die grossartigsten Leistungen US-amerikanischer Journalisten und Schriftsteller vergeben muss, ist beim offensichtlichen Niedergang der Medienkultur in arge Bedrängnis geraten. Ausgezeichnetes, das Auszeichnungen verdienen würde, ist rar geworden. Sie vergab soeben den begehrten Journalistenpreis 2006 „für ihre tapfere und verständliche Berichterstattung über die schlimmste Naturkatastrophe des Landes“ an die Tageszeitungen „Times-Picayune“ und der „Sun Herald“ aus Biloxi. Die Sache sieht nach Verlegenheitslösung aus.
 
Die beiden erwähnten ausgezeichneten Zeitungen hatten meines Erachtens nichts getan, was über das Selbstverständliche hinausging: Sie berichteten schlicht und ergreifend über den Wirbelsturm „Katrina“, der im August 2005 über die südliche US-Küste hinweggefegt war und rund 1600 Menschen das Leben gekostet sowie Hunderttausende obdachlos gemacht hat. In New Orleans wurden, wie rund 80 % der Stadt, auch die Redaktionsräume der „Times-Picayune“ überschwemmt. Die Zeitungs-Angestellten mussten fliehen und richteten eine Ersatzredaktion im rund 80 Meilen entfernten Baton Rouge ein. Da gab es ja wohl keine andere Lösung.
 
Der grösste Vollidiot unter den Journalisten hätte spätestens dann erkannt, dass eine ausführliche Berichterstattung angezeigt ist, wenn das Überschwemmungswasser in die eigenen Redaktionsräume infiltriert ist, die Füsse nass geworden sind und man eine Notunterkunft beziehen muss. Und wenn wegen der unglaublichen Schlamperei bei den (tagelang unterlassenen) amtlichen Hilfsaktionen schon 1600 Menschen, vor allem Schwarze, das Leben lassen mussten und eine charaktervolle, vorwiegend von ehemaligen Sklaven bewohnte Stadt weitgehender zerstört wurde als dies schicksalhaft war, drängt sich eine laufende Berichterstattung für die Lokalpresse nicht nur während Tagen, sondern Wochen, Monaten und Jahren auf. Wenn solches nicht mehr zu den Basisaufgaben der Journalisten gehört und nur noch die grossartigsten unter ihnen auf die Idee kommen, man könnte darüber dranbleibend berichten, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.
 
In Aarau gab es in den 70er-Jahren ein nächtliches Gewitter, das zu einigen überschwemmten Kellern führte. Wir, einige meiner Kollegen und Journalisten aus der Umgebung, brachten das Ereignis sofort ins Blatt. Am anderen Morgen kam ein beschaulicher Mit-Redaktor, der mitten im Geschehen wohnte und eher dem Schöngeistigen zugetan war, im schwarzen Gilet ins Büro und sagte mit verschlafenem Gesichtsausdruck: „Die Nacht häts au no recht gseicht“ (In der vergangenen Nacht hat es stark geregnet). Das war weniger preisverdächtig.
 
Ferner wurden ausgezeichnet ...
Doch zurück zu Pulitzers Hinterlassenschaft: Die meisten Pulitzer-Preise räumte in diesem Jahr die „Washington Post“ ab; sie erhielt 4 Auszeichnungen. Unter anderem wurden Reporter dieser Zeitung für ihre Recherchen im Fall des Lobbyisten Jack Abramoff geehrt, die Korruptionsfälle ans Licht und Reformbestrebungen vorangebracht hatten. Ein weiterer Journalist der Zeitung erhielt den Preis für seine Berichte über den Versuch der US-Regierung, die Demokratie nach Jemen zu bringen. Meines Erachtens sind auch das Themen, die unter „Ferner liefen“ zu rangieren wären. Die Korruption ist in den USA allgegenwärtig, und auf einen US-Demokratie-Export würde ich gern verzichten.
 
Den Pulitzer-Preis für Prosaliteratur gewann heuer Geraldine Brooks für ihren 2. Roman „March“ über den amerikanischen Bürgerkrieg. Der Preis in der Kategorie Drama wurde trotz 3 Nominierungen nicht vergeben. Ich hätte ihn für die Berichterstattung über die dramatische US-Kriegspolitik vergeben. In der Kategorie Musik wurde diesmal das Klavierkonzert „Chiavi in Mano“ von Yehudi Wyner mit dem Preis geehrt. Die Gewinner erhalten einen Geldpreis in der Höhe von 10 000 USD.
 
Der Pulitzer-Preis geht auf den am 10. April 1847 geborenen, aus Ungarn stammenden Journalisten Joseph Pulitzer zurück, der gewissermassen der Erfinder der Boulevardpresse war, auch wenn diese Initialzündung zum publizistischen Niedergang erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Breitenwirkung zu entfalten begann, in Deutschland mit Bild" (1952), in der Schweiz mit Blick" (1959). In der von Pulitzer herausgegebenen Zeitung „New York World“ im Jahr 1895 erschien der erste farbig gedruckte Cartoon „The Yellow Kid“ – ein in ein gelbes Nachthemd gekleidetes Kind mit Segelohren, dessen Äusserungen in einer Slumsprache auf dem Nachthemd nachzulesen waren. Die Sensationspresse wurde in der Folge „Yellow Press“ genannt, gelbe Presse. Die Sache rentierte offensichtlich. Denn in seinem Testament wies Pulitzer 250 000 Dollar dem jährlich zu stiftenden Preis zu.
 
Die Pulitzer-Preise werden seither der Selbstverherrlichung amerikanischen Wirkens dienstbar gemacht. Ihre Verleihung ist alljährlich mit viel publizistischem Getöse garniert, den Film-Oscars zu Ehren des Hollywood-Schaffens ähnlich. Sie haben viel zum Nimbus der US-Medien beigetragen, die ihre einstige Unabhängigkeit und Bedeutung in den letzten Jahren eingebüsst haben. Sie sind weitgehend zu unkritischen, angepassten, eingebetteten (embedded) Posaunen für die von der US-Regierung weltweit verbreiteten Lügengeschichten geworden. Sie lassen sich immer wieder für billige, augenfällige Propagandazwecke einspannen und sind zum mitschuldigen Bestandteil des Bush-Machtapparats geworden. Nur selten raffen sie sich noch zu einer Enthüllungsgrosstat, wie sie für die so genannte 4. Gewalt an sich normal wäre, auf. Lügen, Beweisfälschungen als Kriegsgrund, Skandale und Menschenrechtsverletzungen werden praktisch ignoriert.
 
Der 1917 eingeführte Pulitzer-Preis wird mittlerweile in 21 journalistischen und künstlerischen Kategorien vergeben, hat aber keinen Einfluss auf den offensichtlich unaufhaltbaren publizistischen Zerfall.
 
Als Jury-Mitglied würde ich nächstes Jahr jenen Medien einen Pulitzer-Preis verleihen, die sich noch die Mühe machen, über diesen zur Bedeutungslosigkeit verkommenen Preis gross zu berichten.
 
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