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BLOG vom 28.04.2006


Der globalisierte Zement und die „Schlacht am Bözberg“

Autor: Walter Hess, Biberstein CH

Flugzeugpiloten, die in den vergangenen etwa 100 Jahren gelegentlich zwischen den Agglomerationen Zürich und Basel unterwegs waren, konnten beobachten, wie diese Städte immer mehr zusammenwuchsen. Bei Nachtflügen haben sie festgestellt, dass das Gebiet immer heller beleuchtet wurde. Ein Band mit spärlichem Licht oder tagsüber in beruhigendem Grün ist noch der halbmondförmige Jura-Hügelzug, der sich von der Lägernkette bei Dielsdorf ZH/Baden AG aus etwa 300 km gegen Westen bis zur Chaîne du Ratz bei Voreppe an der Isère (Frankreich) zieht. Und im Raum Bözberg West (Zeihen, Oberbözberg, Unterbözberg, Linn, Gallenkirch, Effingen) ist es nachts noch ziemlich dunkel und tagsüber grün, im Winter manchmal weiss. Das ist ein Natur- und Landschaftsschutzgebiet von kantonal-aargauischer und nationaler Bedeutung (BLN-Inventar Objekt 1108, Aargauer Tafeljura); das Resultat eines zurückhaltenden Zementeinsatzes und eines weisen Bundesratsbeschlusses.

Die amtliche Beschreibung dieses Naturobjekts 1108 lautet wie folgt: „Repräsentativer Teil des Aargauer Tafeljuras, durch die West-Ost verlaufende Mettauer und Mandacher Störungen gegliedert. Zahlreiche, bemerkenswerte Standorte von vegetationskundlicher und floristischer Bedeutung. Orchideenreiche Buchen-Föhrenwälder auf Effinger Mergeln. Naturnahe Kulturlandschaftsteile, typische aargauische Reblandschaft, teils gut erhaltene Dörfer.“
 
Dabei handelt es sich allerdings um kein Naturschutzgebiet wie der Schweizerische Nationalpark dort oben beim Ofenpass im Kanton Graubünden (wo ohnehin fast nichts mehr wächst), sondern das stark bewaldete Gebiet muss einfach sorgfältig behandelt werden. Neubauten und andere Veränderungen sind zwar möglich, gegebenenfalls aber erst nach einer Umweltverträglichkeitsprüfung nach Artikel 9 Absatz 1 des Umweltschutzgesetzes. Das hohe Ansehen, das mit einer nicht minder hohen Lebensqualität einhergeht, hat das Gebiet behalten, weil dort noch wenig zugepflastert ist, das heisst also mit anderen Worten, dass der Zementverbrauch bisher verhältnismässig gering war.
 
Und demnächst soll ausgerechnet dort ein riesiger Steinbruch entstehen, dem etwa 10 Millionen Kubikmeter Kalk und Mergel zum Zwecke der Zementherstellung entnommen werden sollen, ein Schicksalsschlag für die dortigen Menschen und Jurafreunde. Dadurch würde eine riesige Wunde in die Westflanke des Hombergs (Gemeinden Effingen, Ober- und Unterbözerg) gerissen, die vom Dorf Effingen aus das Umgebungspanorama markant verändern würde. Die Behörden und Einwohner des Gebiets Bözberg-West sind empört und haben eine Art „Schlacht am Bözberg“ bereits eingeleitet, ein Verteidigungskrieg, der aber häppchenweise verloren geht: Die besonders betroffene Gemeinde Effingen mit der charmanten Frau Gemeindeammann Verena Weber hat den Rechtsweg bis zum aargauischen Verwaltungsgericht abgeschritten und verloren – und musste noch Gerichtskosten bezahlen. Den Weitermarsch nach Lausanne zum Bundesgericht mag man nicht mehr unter die Füsse nehmen; man trägt dem Geld in Effingen ebenso Sorge wie zur Natur.
 
Vorerst wollte man im Sinne der bewährten Präventivmottos „Wehret den Anfängen!“ bereits am Planungs-Anfang das Steinbruch-Ende besiegeln. Doch dann wurde den Westbözberglern schmerzhaft bewusst, dass sie sich zwar sehr wohl wehren können und nein sagen dürfen – aber dass das nichts nützt. Die Rechtswirkung bleibt aus, wie es im Amtsjargon heisst. Denn da gibt es die übergeordneten kantonalen Interessen, über denen dann im Bedarfsfalle noch die Landes- oder Staatsinteressen stehen und ganz oben ist noch der Globalisierungs-Himmel mit den US-amerikanischen Interessen. Auf der gleichen Stufe ist der liebe Gott anzutreffen, der ohnehin eng mit George W. Bush und seiner Clique zusammenarbeitet.
 
Die Hierarchie der Interessen
Der Vorsteher des aargauischen Departements Bau, Verkehr, Umwelt (BVU), Regierungsrat Peter C. Beyeler, erläuterte diese Interessen-Hierarchie (ohne Globalisierungs-Hinweise, diese stammen aus meiner Tastatur) bei einer Orientierungsversammlung vom 26. April 2006 in der Turnhalle Effingen am Beispiel eines Farbbilds von einem Jumbo im Himmelblau über dem Thermalbad Zurzach AG: Niemand wolle den Fluglärm, aber wenn alle (auch zu Strassen- und Bahnbauten) nein sagen könnten und damit gerade auch noch durch kämen, würde das bedeuten, dass nicht mehr geflogen (oder gereist) werden könnte. Der Flughafen Kloten, wie er einst hiess, wäre so ziemlich leer, und die prosperierende Schweizer Wirtschaft könnte nicht mehr prosperieren. Solche Interessenkonflikte werden deshalb durch eine übergeordnete Interessenabwägung wenn nicht aus der Welt geschafft, sondern irgendwie gelöst, auch wenn da eine gewisse Subjektivität immer im Spiele sei, wie Beyeler zugab. Man wusste das ohnehin.
 
Es war ein demokratisches Lehrstück mit Erinnerungswert, das offen zu Tage treten liess, dass man im Prinzip schützen, verbieten, regulieren und bestimmen kann, was immer beliebt; doch im Ernstfall kommt die Interessenabwägung, die dann alle verbarrikadierten Möglichkeiten wieder freilegt, wie man es grade als nötig erachtet. Und sonst ginge eben nichts mehr, und niemand will schliesslich, dass nichts mehr geht. Punkt.
 
Ein bemerkenswertes Beispiel eines Resultats von Interessen-Gewichtungen war Beyelers Bekanntgabe, nach Ansicht der Aargauer Regierung stehe das Recht am Eigentum über dem Interesse des Steinabbaus zur Zementproduktion, das heisst, man werde also keine Grundeigentümer, die ihren Boden nicht zu Abbauzwecken verkaufen möchten, enteignen, so dass diese Leute bei der Verhinderung der Landschaftsverschandelung einen starken Trumpf in der Hand hätten. Nebenbei wurde allerdings noch erwähnt, dass die Jura-Cement-Fabriken AG (JCF) bereits beim aargauischen Verwaltungsgericht überprüfen lassen, ob das so sein darf oder ob halt nicht doch enteignet werden darf.
 
Das Beispiel wirft allerdings die Frage auf, wieso denn das Eigentumsrecht über dem Landschafts- und Naturschutz steht, also ein höheres Gewicht hat. Dieser wird ja, wie man sah, dem Kalkabbau untergeordnet. Hätte sozusagen das Recht der Natur Bedeutung, müsste man die Übung Steinbruch Homberg gleich als beendet erklären. Aber da steht die Welt auf dem Kopf: Im vorliegenden Kalkbedarfsfall scheint die Lage so zu sein, dass wunderschöne Naturlandschaften geradezu bevorzugt werden. Es sind nämlich noch 2 weitere (von ursprünglich 28) Abbau-Standorte(n) in Diskussion, die beide ebenfalls im heiklen BLN-Gebiet angesiedelt sind: „Hard“ in Thalheim und „Grund“ in Schinznach-Dorf. Aber diese haben wohl weniger Chancen. Man hat sich schon früher davon verabschiedet. Jetzt wird aufgewärmt.
 
So viel einfach zu Zementverbrauch, Zementbedarf und Landschaftsschutz; denn ich möchte hier nicht die ganze Effinger Versammlung rekapitulieren; man kann darüber auf der Webseite www.pro-boezberg.ch nähere Angaben finden. Pro Bözberg zählt etwa1500 Mitglieder und ist ein „Verein zur Erhaltung von Landschaft, Natur und Erholungsraum Bözberg/Oberes Fricktal“, gewissermassen eine Ergänzung zur Regionalorganisation www.dreiklang.ch (Aare, Jura, Rhein).
 
Der Staat organisiert den Bohrer
Wie viele andere Auswärtige auch, so habe ich an der erwähnten Informationsveranstaltung, zu der das BVU eigentlich nur die Eingeborenen eingeladen hatte, teilgenommen, um meinen demokratischen Wissensstand zu aktualisieren. Und der Abend hat meine dramatischsten Erkenntnisse über die Unterwerfung der Politik unter Wirtschaftsinteressen in dieser globalisierten Welt noch übertroffen. Ich habe ja schon ein paar Mal von mir gegeben, dass heute die multinationalen Grosskonzerne den Ton angeben würden und Politik (Verwaltung) ihr einfach die roten Teppiche auszubreiten und günstige Bedingungen zu verschaffen hätten, auch in meinem Buch „Kontrapunkte zur „Einheitswelt“. Diese Aussage ist von der Praxis bereits übertroffen: Nachdem die JCF ihre 3 Abbaugesuche definiert hatte, ereiferte sich der aargauische Regierungsrat, gleich selber Probebohrungen zu veranlassen, angeblich um die Gesuche kompetent genug beurteilen zu können. Ich erlaube mir dazu ein anschauliches, wenn auch frei erfundenes Beispiel: Ich möchte gern auf meinem Grundstück Erdwärme nutzen und reiche beim BVU ein entsprechendes Gesuch ein. Dieses lässt gleich schweres Bohrgerät auffahren, damit es zu beurteilen in der Lage ist, ob es bei mir in vernünftiger Tiefe hinreichend Erdwärme hat und ob das Gesuch bewilligt werden kann. Das sind für die Betroffenen ja traumhafte Situationen.
 
Die neue Welt der CRH-Gruppe
Das Traditionsunternehmen JCF, das immerhin den Jakobsberg bei Auenstein/Veltheim teilweise abgetragen hat, auf dass beliebige Betonorgien veranstaltet werden konnten, wurde im Jahr 2000 von der irischen CRH-Gruppe übernommen. Was eine rechte Globalisierung sein will, erfasst auch die Zementindustrie und den Baustoffhandel. Denn weil die Menschen unter solchen neoliberalen Vorzeichen vom Land aktiv vertrieben werden (z. B. durch die Abschaffung der bäuerlichen Landwirtschaft), müssen eben städtische Wolkenkratzereien im Eiltempo veranstaltet werden.
 
Der 1970 entstandene CRH-Konzern (Cement Roadstone Holdings, Stammsitz: Dublin) beschäftigt weltweit etwa 60 000 Mitarbeiter; er ist einer der grössten Unternehmen im Bereich Baumaterialien und -produkte – im Zementgeschäft ist er weltweit etwa an 5. Stelle. Er ist ein Vielfrass, der gar nicht genug Unternehmen schlucken kann und eigentlich bereits heute reif für die Übernahme durch eine US-Investorengruppe wäre, was die Grösse anbelangt – die Iren sind schon immer gern nach den USA ausgewandert. Der CRH-Konzern ist an 2100 Standorten global präsent, ein Meisterstück der Globalisierungskunst, und an der Börse fast so viel wert wie der Holcim-Konkurrent. In der Schweiz ist die CRH-Gruppe an 80 Standorten (total 1500 Mitarbeiter) vertreten; dazu gehören die Jura-Holding Aarau mit Jura-Cement (und dem Zementwerk Wildegg), Baubedarf Richner und eine grosse Anzahl Kies- und Betonwerken wie Aarebeton Aarau, Rudolf Gysi in Rohr, KJR in Däniken und beispielsweise die HASTAG-Gruppe, und das grosse Fressen geht weiter. Die geschluckten Firmen dürfen ihren Namen behalten, ähnlich wie beim Nahrungsmulti Nestlé.
 
Irgendwann wird die Schweiz zubetoniert oder zuasphaltiert und die Neat (Neue Alpentransversale) gebaut sein; man tut sein Bestes. Der Zementbedarf beträgt in der Schweiz etwa 4,5 Millionen Jahrestonnen. Und so wird also das Zementgewerbe irgendwann an seine Absatzgrenzen stossen. Werkschliessungen gab es bereits, so in Roche VD, Olten SO und Rekingen AG, und dort gibt es noch Rohstoffreserven.
 
Zement aus Mergel und Kalk, die geschützten Landschaften entnommen wurden, hat die gleichen Eigenschaften wie solcher aus ohnehin lädierten Landschaften. Es wäre also kein Biozement. Im Gegenteil.
 
Hinweis auf Bücher zum Thema
Hess, Walter, und Rausser, Fernand: „Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“, Verlag Textatelier.com GmbH, Biberstein 2005.ISBN 3-9523015-0-7, Preis: CHF 37.20; € 24.10
Keller, Heiner: „Bözberg West. Landleben zwischen Basel und Zürich“, Verlag Textatelier.com GmbH, Biberstein 2005. ISBN 3-9523015-2-3, Preis: CHF 29.50; € 19.50.
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Fricktal
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zur Pulverisierung
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