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BLOG vom 06.05.2006


Gewitter in Biberstein: Der verschwundene Schachtdeckel
Autor: Walter Hess
 
Ich habe etwas gegen offene Schachtdeckel; in der modernen Psychosprache würde man sagen ich sei traumatisiert. Mein diesbezügliches Deckel-Trauma habe ich auf einem Trottoir in der ländlich strukturierten chinesischen Stadt Chongqing (auch Tschungking genannt) im östlichen Teil der Provinz Sichuan aufgelesen. Ich machte im Spätsommer 1998 eine Exkursion an und auf den Hochwasser führenden Yangtse (Jangtse), der langsam aufgestaut wurde. Die Stadt liegt am Zusammenfluss von Yangtse und Jialing und am oberen Ende des Aufstaugebiets. Sie hat etwa 32 Millionen Einwohner, und ihre Fläche ist so gross wie Österreich.
 
Nach dem Stäbchenakrobatik-Training beim Abendessen an einem sich drehenden Tischrund, das ich als Freund der chinesischen Küche nicht in bester Erinnerung habe, machte ich in der Dunkelheit einen kleinen Spaziergang vom staatlichen Hotel aus durch bewohnte Gebiete, der guten Verdauung wegen. Um mich nicht zu verlaufen, trat ich auf dem gleichen Trottoir den Rückweg zum Hotel an. Und plötzlich schien mir der unterhaltsmässig etwas vernachlässigte Gehsteig an einer Stelle dunkler als anderswo zu sein. Ich schaute genau hin: Da war ein kreisrundes schwarzes Loch von etwa 80 cm Durchmesser: Der Schachtdeckel war entfernt worden. Auf dem Hinweg hatte ich das nicht bemerkt. War das eine Touristenfalle? Ich weiss es nicht und möchte die ehrenwerten Chinesen auch nicht etwa verdächtigen. Doch wenn ich nicht zufällig ganz genau hingeschaut hätte, müssten Sie dieses Blog wahrscheinlich nicht lesen. Auch das hätte ja gewisse Vorteile.
 
Nun gut, es hat nicht sollen sein. Ich hatte in meinem Leben immer wieder Glück, wurde meistens geradezu vom Glück verfolgt.
 
Die nette Geschichte kam mir am Freitagnachmittag, 5. Mai 2006, in den Sinn, als ein anhaltendes Gewitter mit teilweise kirschsteingrossen Hagelkörnchen hier im aargauischen Biberstein (Schweiz) niederging. Zuerst waren wir für den einsetzenden Regen dankbar, da alle unsere Regenwassersammelstellen fast leer waren. Doch als dann Regentropfen und Hagelkörnchen wie Geschosse vom Himmel prasselten und die Frühlings-Blütenpracht förmlich zerfetzten, hörte die Gemütlichkeit auf. Gegen 50 Liter Wasser prallten auf jeden Quadratmeter Bodenfläche. Doch da wir am steilen Jurasüdhang wohnen, hat das Regenwasser genügend Gelegenheit zum Ablaufen. In einer Gewitterpause machte ich einen Rundgang ums Haus zur Beurteilung der Schadenlage. Wir sind noch glimpflich davongekommen, abgesehen von den etwas strapazierten Zimmerpflanzen, die wir von der winterlichen Stallpflicht längst entbunden hatten.
 
Am Südende unseres Grundstücks ist eine grosse Betonmauer, und an deren Fuss führt die Unternbergstrasse vorbei, die erfreulich kurvenreiche Ortsverbindung von Biberstein nach Auenstein. Selbstverständlich wurde die ostwärts ansteigende Strasse zum Bach, und man weiss ja, wie sich kanalisierte Bäche zu verhalten pflegen. Auf dieser Strasse war soeben Ueli Senn, ein hilfsbereiter Bibersteiner Einwohner und ehemaliger Feuerwehrmann, mit einer Schaufel auf dem Weg zur Eichgasse unterwegs, wo das Unwetter ebenfalls zu terrestrischen Veränderungen geführt hatte. Und im Schulhaus Biberstein, dessen Untergeschoss ins Grundwassergebiet abgeteuft ist, versammelt sich bei starken Regenfällen die heimische Feuerwehr jeweils zum geselligen Wasserpumpen.
 
Ueli Senn entdeckte auf der Strasse vor unserem Haus, dass der Deckel eines Wasserschachts neben dem Trottoir in der Fahrbahnfläche fehlte, und er machte sich auf, den Deckel in der Umgebung zu suchen. Ohne Erfolg. Ich holte das Pannendreieck aus meinem Auto und weil das Reservedreieck nicht aufzutreiben war, nahm ich noch einem weissen Gartenstuhl im Kaffeehausstil mit, um diesen als auffällige Markierung in die Strasse zu stellen.
 
Der Deckel war weg, unauffindbar. Dass es sich um einen Streich ausflippender Jugendlicher handeln könnte, war wenig wahrscheinlich; zudem ist unsere einheimische Jugend wohlerzogen. Der quadratische Deckel konnte meiner Ansicht nach nur vom aufgestauten Wasser angehoben, etwas abgedreht und in den Schacht hinunter gefallen sein. Mit seiner Schaufel stellte Ueli Senn sogleich fest, dass diese These zutraf. Mit anderen Worten: Quadratische (oder rechteckige) Schachtdeckel sind eine Gefahr, da sie unter Umständen im Schacht versinken können – denn die Diagonale ist länger als eine Seite, wie ich im Geometrie-Unterricht erfahren habe. Bei einem runden Deckel, der einen etwas grösseren Durchmesser als der Schachtrand hat, sind solche Abtaucher unmöglich.
 
Mit einem Seil holte Ueli Senn mit handwerklichem Geschick den Vermissten nach oben.
 
Während der Deckelrettung hatte ich, mit einem Schirm fuchtelnd, den anfahrenden Traktor, zahlreiche Personenwagen und 2 Velofahrer veranlasst, die Schachtöffnung, in die Ueli Senn zeitweise Kopf voran eingetaucht war, grossräumig zu umfahren. Besonders bei den Velofahrern war das eher schwierig, weil sie des Regens wegen mit gesenktem Kopf fuhren, damit ihnen die schweren Tropfen nicht ins Gesicht klatschten. Aber immerhin fanden auch sie im letzten Moment noch den Rank. Ich kann hier leider nicht genau angeben, wie viele Menschenleben ich auf diese Weise gerettet habe; ich würde die Zahl auf 1 bis maximal 3 schätzen, zumal nach dem 1. Unfall schon einsichtig gewesen wäre, dass hier etwas im Gange war, auch wenn bei starkem Regen die Sicht erschwert war und Auffahrunfälle nicht auszuschliessen gewesen wäre. Aber ich möchte ja nicht übertreiben.
 
Während meiner Rettungsaktion hatte ich hinlänglich Zeit, die Reaktionen der Motorisierten und der Radfahrer auf mein Ablenkungsmanöver zu beobachten. Eine nette Frau am Steuer bedankte sich mit einem freundlichen Handzeichen – die restlichen Strassenbenützer schienen ob der Störung eher verärgert gewesen zu sein, und besonders die beiden Velofahrer, die mit dem Leben davon gekommen waren, schüttelten, wahrscheinlich ob der behelfsmässigen Markierung, nur den Kopf.
 
Da kam mir die Schilderung eines Bergretters am Matterhorn in den Sinn, der – unter Einsatz seines persönlichen Lebens – Hunderten von in Not geratenen Menschen bei Sturm und Kälte das Leben gerettet hatte. Gedankt habe ihm fast niemand, sagte der Held.
 
Bei unserer Rettungsaktion war unser eigenes Leben nie in Gefahr. Und deshalb stehen wir auch für spezielle Retter-Preisverleihungen (live-saving awards) ausdrücklich nicht zur Verfügung.
 
Nur eine einzige Bitte möchte ich anbringen: Wenn Sie wieder einmal einen Kaffeehausstuhl auf der Strasse stehen sehen, seien Sie bitte auch mit dem Kopfschütteln etwas vorsichtiger.
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Rettung
02. 01. 2005: „Giftgase aus Feuerwerk und Schwelbränden“
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